Tag-Archiv | Wehen

Männer mit nachgemachten Wehen…- ein Experiment

Leute, eigentlich wollte ich heute die Geschichte „Josephine gegen Chaos“ fertig erzählen, doch jetzt MUSS ich Euch erst dieses YouTube-Video zeigen (vielen Dank an M., die es im Kommentar auf mein letztes Post verlinkt hatte!).

Für alle nicht-holländischen Muttersprachler (mich zum Beispiel… ;)) – das Video kommt mit englischen Untertiteln. Für alle, die weder der englischen NOCH der holländischen Sprache mächtig sind, hier ein kurzer Abriss des Geschehens: zwei Kollegen des niederländischen Fernsehens haben sich wohl bereit erklärt, sich mithilfe eines muskelstimulierenden Gerätes wehenartige Schmerzen zufügen zu lassen, und zwar in zunehmender Intensität für die Dauer von 2 Stunden (was – Hand aufs Herz – schon fast einer Sturzgeburt entspricht. Die meisten Frauen haben deutlich länger zu tun, bis ihre Kinder geboren sind!).

Betreut werden die beiden durchaus sympathischen Jungs von zwei durchaus motivierten Hebammen, die das komplette Geburts-Unterstützungsprogramm abspulen (Lagerung, Fokussierung, Lachgas, Massage, Stellungswechsel), bis es nach 2 h endlich für einen der Jungs zur „Geburt“ kommt.

Ich stelle das Video jetzt mal völlig wertfrei hier ein und bin auf Eure Reaktionen gespannt!

P.S.: Männer, die versucht sind, dieses Experiment an sich selbst durchführen zu lassen, sollten ggf. davon Abstand nehmen, sich diesen Film anzusehen… :)

V. Der Anfang vom Ende…

Kreißsaal, Achtzehnhundertzwei und dreißig Sekunden – ein kurzer Blick über den Wehenschreibermonitor, um mich auf den aktuellsten Stand zu bringen:

In Kreißsaal 1 weht Frau Öko – mal mehr mal weniger motiviert – vor sich hin. Wir erinnern uns: Ökologisch abbaubare Erstgebärende mit Wehen irgendwo um den Termin herum. Das genaue Datum wird bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben, denn Öko-1 hat ganz im Einklang mit Natur und Universum auf Arzt- bzw. Hebammengestützte Vorsorge verzichtet, lehnt auch weiterhin alles ab, was medizinisch invasiv daher kommt und dazu zählt nicht nur die Braunüle im Arm sondern auch der Ultraschall und die vaginale Untersuchung.

Das jetzt tatsächlich das Toctoc des Wehenschreibers durchs Klinikzimmer hallt ist alleine Glorias Verdienst – die hat Öko nämlich vor die Wahl gestellt, Entbindung hier in meinem Krankenhaus MIT CTG oder woanders dann ist-mir-egal-wie! Da die Patientin sich aber entbindungstechnisch völlig auf uns eingeschossen hat – warum auch immer, Herr, ich versteh es nicht – hängt sie nun mit bitterbösem Blick aber brav verkabelt von der Decke. Nee, also, nicht sie selbst, sondern das Tuch an dem sie hängt und ausdünstet. Ächt jetzt! Der Kreißsaal ist eigentlich nur mit Atemschutzmaske betretbar, noch nicht einmal Herr Öko hält es länger als 20 Minuten am Stück dort aus und Gloria ist schon ganz grün um die Nase.

In Kreißsaal Nummer 2 dümpelt weiterhin Baby mit fraglicher Wehentätigkeit vor sich hin. Dümpeln im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit halb geöffnetem Mund liegt die Kleine wie abgeschossen rittlings auf dem Kreißsaalbett und schaut gerade Kinderkanal, während ein geschätzt Zwölfjähriger laut schnarchend daneben liegt und offensichtlich tief und fest schläft. Wie es scheint, hat sie Baby-Freundin-Mädchen in den letzten Stunden gegen Baby-Freund-Jungen getauscht. Bin mal gespannt, ob ich im Laufe der zu erwartenden Entbindung auch noch ein paar erwachsene Mitglieder dieser reizenden Familie zu Gesicht bekommen werde. Außerdem beschließe ich, die Auskunft über etwaige Fortschritte der Kreißsaal-2-Bewohner direkt bei der Zuständigen Hebamme einzuholen. Macht irgendwie mehr Sinn! Und so spurte ich weiter nach

Kreißsaal 4, der schon von weitem durch infernalisches Frauengebrüll problemlos identifizierbar ist. Kaum zur Tür herein wird der Lärm geradezu ohrenbetäubend und es ist mir völlig schleierhaft, wie eine kleine, zarte Frau solche Tonmassen produzieren kann. Ihr augenscheinlich schwer angeschlagener Ehemann sitzt verstört im hintersten Eck des Raumes und zerpflückt gerade eine Taschentuch in seine Atome, während Gloria – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und mit stoischem Gesichtsausdruck der Lärmbelästigung trotzend, in direktem Dezibeleinzugsgebiet steht.

Der Wehenhügel auf dem CTG-Gerät im Hintergrund hat gerade seinen Zenit überschritten und fällt nun sachte gen Tal hinab, das menschliche Getöse wird zunehmend leiser und als wäre dadurch alles Leben in den Raum zurück gekehrt, hebt Gloria nun ruckartig den dunklen Schopf, grinst mich verschwörerisch an und ruft: „Die Herztöne sind ein bisschen unschön!“

Armes Dinge – offensichtlich hat der Lärm eine kleine Schraube im Hebammenhirn locker gedreht. „Bisschen unschön“ ist eigentlich eher FrauVonSinnens Beschreibung für „Nee, watt schaut datt hässlich aus!“ – ja, tatsächlich: das CTG an sich macht mir ein kleines bisschen Kopfschmerz. Doch irgendetwas muss da im Busch sein, Gloria ist eine der besten Hebammen überhaupt – wen SIE solch eine Herzton-Berg-und-Talfahrt nur ein bisschen unschön findet, hat sie noch irgendwo einen Ass im Ärmel.

Und in der Tat: „Wir sind bei NEUN Zentimetern!!!“ Als hätte sie das blöde Ding höchstselbst von nix auf 9 Zentimeter aufgedehnt steht sie – stolz wie Graf Rotz – vor mir und grinst mich spitzbübisch an.

WHOW! Jetzt bin ich ein bisschen sprachlos. Neun Zentimeter sind ein geradezu fantastischer Befund – damit kann man arbeiten. Jetzt müssen wir nur die Herztonkurve ein bisschen frisieren.

„Und wie ist er eingestellt?“ frage ich mit letztem Zweifel im Hinterkopf – Neun Zentimeter sind nicht gleich neun Zentimeter. Wenn das Kind beim geboren werden zum Beispiel lieber die gedimmten Lichter des Kreißsaalhimmels denn den uterusfarbenen Schutzbezug des Bettes betrachten will, sind 9 Zentimeter nichts anderes als 90 Millimeter falscher Hoffnung.

„Nein!“ versichert GV euphorisch – Nein, das Köpfchen sei zwar nicht ganz sauber eingestellt, aber keinesfalls dorsoposterior. Also kein Sternengucker!

„Alles klar – dann hau ein bisschen Wehenhemmung rein, informier den Gasmann zwecks suffizienter Schmerzbekämpfung und dann wird wechselgelagert. Denn wenn Mama Vier noch drei Stunden so weiter brüllen muss, hat sie keine Kraft mehr, wenns Ernst wird!“

Gesagt, getan. Keine Dreiviertelstunde später liegt die kleine Frau entspannt im Bettchen, und nach der vierten Lagerung von rechts nach links hat sich der kleine Baby-Dickschädel so schön im Becken eingestellt, das wir die Bremse rausnehmen und Vollgas geben. Top oder Flop! Wäre doch gelacht, wenn wir das Kind nicht schaukeln würden.

Um Neunzehnhundertdreißig schick ich Baby1 samt BabyMann wehenfrei zurück nach Hause, werfe einen abschließenden, zufriedenen Blick auf das jetzt sehr schöne CTG von Baby Vier, laufe einen seeeeeeeeehr großen Bogen um Kreißsaal 1, hinaus in die weiten Flure der Klinik, auf der immerwährenden Suche nach Essen…

Eine Familienpizza Speziale später, den Bauch voller Pepsi und nem Snickers als Nachtisch liege ich satt und zufrieden im durchgelegenen Dienstzimmerbett, als mir auch schon die müden Augen zufallen. Und es ist

Null-Dreihundert am nächsten Morgen, als der Show-Down beginnt!!!

————————-Stay tuned!!!——————————-

Logbuch des Traumschiffs „Ganz-in-Weiß“, Captain J.T.Birth, Kreißsaalzeit…

21Punkt100

Während sich ringsherum die Welt im zarten Rosé der untergehenden Sonne färbt, bricht an Bord des Traumschiffes das Wochenendchaos los – Alarmstufe rot auf allen Decks – der Captain verspürt beginnend klopfenden Kopfschmerz im linken Schläfenlappen…

Auf Station 8a verlangt Frau C., 250 Kilo Lebendgewicht, Zustand nach laparoskopisch assistierter vaginaler Hysterektomie, zum wiederholten Male nach Schmerzmedikation. Die Patientin hat bereits den kompletten Medizinschrank einmal durch – Ibuprofen, Novalgin, Dipidolor, Voltaren – nichts aber auch gar nichts verschafft ihr Linderung. Ihre chronischen Bandscheibenbeschwerden therapiert sie Zuhause eigenmächtig mit Ibu800 3×2 Tabletten am Tag – kein Wunder, das die Gamma-GT sich auf zu neuen Ufern gemacht hat – der Wert ist fast den Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde wert! Erst als ich ihr relativ deutlich mitteile, daß ihre Leber sich binnen der nächsten Zeit rasch von all ihren Aufgaben verabschieden wird, wenn sie weiterhin derart schmerzfrei lebertoxisches Zeug einwirft, und ich nicht gewillt bin, an diesem Organmord teilzunehmen, sind die Schmerzen gar nicht mehr sooooo arg – ähm, ja…

Auf dem Flur steht meine Lieblingsschwester T. – zärtlich Schwester Chaos genannt, denn wenn wir beide zusammen Dienst haben, bricht regelmäßig die Welt zusammen – und kämpft mit den Tränen. Während ein chirurgischer Schenkelhals dement und lautstark „Mutter, Mutter“ aus Zimmer 54 brüllt, sitzt eine zarte Dame Ende der Achzig aufrecht in ihrem Bett in Nummer 55 und schlägt mit stoischem Gesichtsausdruck ihre chromblinkende Bettpfanne gegen die Seitengitter. Doch ich muß weiter und so bleibt Schwester Chaos, tränenverschleiert und mit hängenden Schultern, auf dem Flur von Station 8a zurück…

21Punkt10

Der Bordfunk – im Kreißsaal kreis(s)t Hebamme Frau von Sinnen um eine Erstgebärende. Arbeitsdiagnose: vorzeitiger Blasensprung ohne einsetzende Wehentätigkeit, 38+5 SSW, zur Einleitung. Die erste Gabe Prostaglandin, gegeben am frühen Vormittag, hatte genau gar  nichts gebracht, die zweite dagegen streckt Frau L. faustschlagmäßig nieder. Ein Wehensturm wie aus dem Bilderbuch, und bereits nach 10 Minuten verlangt ein sich krümmendes, windendes Häufchen Elend vehement nach einer Sectio. Die Aussicht auf rasche Schmerzstillung mittels PDA rückt die drohende Schnittentbindung erstmal in den Hintergrund – der Anästhesist kommt, sieht, siegt und Frau L. ist wieder glücklich. Der Bordfunk vermeldet Arbeit in der Ambulanz – junge Frau zur Pille danach. Na Prima.

Der jungen Frau ist der Besuch augenscheinlich extrem peinlich, und da ich ein weiches Mutterherz habe, schluck ich meine Strafpredigt herunter (vor zwei Tagen GV gehabt – da kann man auch zum Niedergelassenen gehen…) und stelle brav das Unofem-Rezept aus. Die Patientin hat kaum den Behandlungsraum verlassen, da……

21Punkt30

…Hypotone Krise der Mutter mit Herztonabfall des Kindes! Ich komme. Nach einer halben Ampulle Akrinor steigen kindliche Frequenz und mütterlicher Blutdruck parallel an – Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Der Bordfunk treibt mich zurück in die Ambulanz – wahrscheinliche Schwangerschaft mit Unterbauchschmerzen. Die fragliche Schwangerschaft sitzt sinnbefreit dreinschauend in meinem Untersuchungszimmer und gibt auf gezieltes Nachfragen bereitwillig zu, schon am vergangenen Wochenende einen ähnlich armen Kollegen belatschert zu haben (Zustand nach positiv ausgefallenem Schwangerschaftstest zuhause…), der im Sono aber nichts außer hoch aufgebauter Schleimhaut gesehen hatte. Klar – in Woche 3+6 *headshot*

Okay – ich hab immer noch ein butterweiches Herz und lass mich zum Vaginalschall breitschlagen. Es kommt zum Vorschein – TATAAAA – die Frau ist schwanger… *augenroll* *Fanfarenstöße* – Ob sie denn ein Bild haben könne? Ich gebe klar zu verstehen, daß ich das Bild nur unter DER Bedingung herausrücke, das sie verspricht, bis zum nächsten Termin beim niedergelassenen Kollegen (am kommenden Dienstag) keinem anderen Ambulanzarzt mehr auf die Nerven zu gehen. Sie schwört hoch und heilig – und bekommt ihr Bild. Ich denk ich kuck nicht richtig – hüpft die Frau vom Stuhl, wetzt zur Tür, reißt selbige Sperrangelweit auf (NEIN – sie hat sich zwischendurch nicht die Unterhose angezogen…) und brüllt: „Schaaaaaaaaaaaaaaaaaaatzi – kommo Bäbie gugge…!“ – Schatzi kommt, debil grinsend, zur Tür herein, einen ca. 5 jährigen Bub an der Hand, der augenblicklich beginnt, das Ambulanzzimmer auseinander zu nehmen, während Mami und Papi laut lamentierend über dem Sono-Bild (4+5 SSW) hängen. Es braucht geschlagene 20 Minuten, ein zertrümmertes Prolift-Modell (der Chef wird mich lynchen) und enorme Willensstärke, Familie Schreckenstein aus meiner Ambulanz zu komplementieren. Ich verwette mein weiß verpacktes Hinterteil, daß die morgen beim nächsten armen Schwein auf der Matte stehen…

22Punkt15

An Bord des Traumschiffs „Ganz-In-Weiss“ kehrt wohl Nacht, aber keine Ruhe ein. Kaum bin ich zwei Minuten im Dienstzimmer verschwunden, als der Kreißsaalfunk erneut SOS meldet: Frau L.´s Blutdruck hat sich jetzt auf 180 zu 110 eingependelt, was der Kopf nun übel nimmt – herrjeh, kann man denn nicht mal in Ruhe entbinden??? Einzig die Herztöne des Kindes bewegen sich vorbildlich über grünkarierte Papierberge – man kann es aber auch nicht jedem Recht machen… Nun gut, das Akrinor hat eine relativ kurze Wirkungszeit, und mit dem sich sichtbar normalisierenden Blutdruck verschwinden auch die Kopfschmerzen. Ich begebe mich zurück auf Station 8a, um zu schauen, ob Schwester Chaos bereits sich (oder einen der Patienten) aus dem Fenster geworfen hat – was Gott-sei-dank nicht der Fall ist – und begegne unglücklicherweise einer weiblichen, privat versicherten Carcinophobie, die mich nun für eine geschlagene halbe Stunde in ein total abgedrehtes Gespräch über ihr malignes Geschehen mit tödlichem Ausgang verwickelt (die Frau hat GAR NICHTS  – außer einem Corpus-Polyp, der mittels HSK-fraktionierter Abrasio entfernt wurde… – Anm. d. Red.). Über ihre Über- (37.2 °C) und Untertemperatur (36.5°C), ob es denn normal ist, das man nach einer Abrasio Fieber entwickelt („Sie haben KEIN Fieber!!!“), ob das Fieber nach Abrasio dann NOCH schneller zu Tod führt („Sie HABEN KEIN Fieber!!!!) und wie lange sie in etwa noch zu leben hätte….?! („SIE_HABEN_KEIN_FIEBER!!!!). Chef hatte mich gewarnt und gesagt: „Wenn sie Frau L. sehen – dann drehen sie sich um und RENNEN SO SCHNELL SIE KÖNNEN!!!“). Hätte ich mal besser gemacht. Zum Glück löst der Kreißsaalfunk mich um …

22Punkt50

…aus, Frau von Sinnen erwartet mich stat im Kreißsaal – Muttermund vollständig, Köpfchen Beckenboden, nichts geht mehr. Der Patientin geht es erschreckend gut – die PDA sitzt wie eine eins, sie spürt den Druck, aber nicht den Schmerz, kann die Beine bewegen und ist somit glücklich und willig. Ich MAG eigentlich keine PDA, aber in diesem Fall hat sie uns tatsächlich vor der Sectio gerettet. Jetzt müssen wir nur schauen, das wir das Ding auch sauber nach Hause fahren. Ich lasse Frau L. bei der nächsten Wehe vorsichtig mitschieben – und bekomme ein wenig Magendruck: das kleine Becken ist im dorsalen Anteil komplett frei – da könnte man glatt einen zweiten Kopf reinstopfen – das Hinterhaupt dagegen hängt wie festzementiert hinter der Symphyse. Na Bravo – mal schauen, wo uns das hinbringt…

Der Druck aufs Köpfchen schlägt sich cardiotokographisch in unschönen Dezelerationen nieder – wir versuchen also den Vierfüßlerstand, vielleicht kriegt das Kleine so leichter die Kurve. Parallel ruf ich meine diensthabende Oberärztin zu Hilfe – das kann und möchte ich nicht wirklich allein zu Ende bringen, und siehe an –  Frau O. ist erstaunlich aufgeräumt und bester Laune, verspricht – ganz ohne langes gefeilsche – sofort zu kommen, und legt auf. Kaum geschehen, jodelt der Funk schon wieder – die Aufschneider (=chirurgischer Dienst) am anderen Ende der Leitung, sie möchten jetzt bitte-danke einen Schenkelhals operieren.

Ähm – ist nicht wegen geht nicht! – „Wie jetzt???…“ – ich erkläre ruhig und freundlich, das ich derzeit eine Schwangere unter Entbindung habe, die neben zeitweise schlechter Herztönen alle Zeitbomben bietet, die einen Nachts um halb zwölf gerne mal notsectionierend in den OP rennen lassen. Und da unser Haus lediglich EINEN EINZIGEN Anästhesisten im Dienst hat, können eben keine OPs gefahren werden, solange es im Kreißsaal brennt. Eigentlich ist das klar. Und eigentlich weiß das jeder – auch die Chirurgen. Aber uneigentlich muß man – je nach Diensthabendem – immer wieder das Wieso und Warum erklären. Und das geht mir gerade ganz gehörig auf die Kranzgefäße. Ich erkläre den Kollegen ja schließlich auch nicht, wie sie ihre Knochen zu richten und Bäuche zu laparoskopieren haben. Und schon gar nicht wann. Aber die junge Kollegin am anderen Ende der Leitung meint doch allen Ernstes zu mir, ich solle die Frau dann doch gefälligst gleich sectionieren… – die nächste Dezeleration entbindet mich von der Pflicht, weiterhin geduldig und zurückhaltend zu sein, und ich drücke nach einem freundlichen „Danke für ihr Verständnis“ den roten WEG-MIT-DIR-Knopf. Zeitgleich mit der Erholung der kindlichen Herztöne betritt Dr. O den Kreißsaal, und meine Magenschmerzen werden augenblicklich um Welten besser. Dr. Omeprazol auf zwei Beinen sozusagen… *ggg* – Es ist bereits…

23Punkt40

…als Klein-N doch noch das Licht des Kreißsaales erblickt – nach unendlichen Lagerungen hin und her, bisschen kristellern, bisschen Epi. Alles gut. Der Chirurg darf seinen Schenkelhals doch noch richten und ist auch glücklich – Hurra! Nach Epi-nähen und Geburt eingeben ist es schließlich …

01Punkt100

…als Captain J.T.Birth die Brücke verläßt – to boldly go where no one has gone before… Und so fliegt das Traumschiff „Ganz-In-Weiß“ ruhig und leise durch die Nacht.

HEUTE Nacht im Kreißsaal…

Den kompletten (Dienst-)Tag bin ich – gemeinsam mit der diensthabenden Hebamme – um eine Schwangere herum geschlichen, die im Zustand völliger EntscheidungsUNfähigkeit am Tag 14 über Termin vor der qualvollen Frage: „Sectio oder Einleitung“ zu kapitulieren drohte. Frau X. (hoch differenziert, fortgeschrittenen Alters) hatte bereits in den Tagen zuvor mehrmals sämtliche Alternativen erwogen, überdacht und verworfen, war nun, kurz vor „es wird jetzt wirklich ernst“ nervlich völlig am Ende und bereit, jeden mit in ihr persönliches, psychologisches Tief zu ziehen, der nicht bei drei auf dem Baum saß.

Bereits am morgen hatte ich, gemeinsam mit A., der Hebamme, eine geschlagene Stunde lang die Vorzüge der oralen Einleitung mittels Medikament XY (Off-Label-Use) gegen die sonstigen Alternativen erörtert und beleuchtet. Auch die zeitnahe Verabreichung einer KPDA, sowie die zügige Entbindung via Sectio beim Versagen aller anderen Möglichkeiten waren in Aussicht gestellt und detailliert erklärt worden. Frau X. erbat sich Bedenkzeit. Gegen 11 Uhr dann setzte sie endlich ihren Karl-Friedricht unter die XY-Aufklärung und wir verabreichten die erste Gabe der Nummer oral. Laßt die Spiele beginnen…

Der Tag schleppte sich zäh von Gabe zu Gabe, vierstündig eine halbe Tablette, bitteschön, brav schlucken. Wunderschöne Kontroll-CTGs waren die Folge – herrliche Wehenhügel auf grün-karierter Dauerblattlandschaft – von denen Frau X. nur leider keine einzige verspürte, der Muttermund weiterhin bombenfest, weit sakral und gerade mal mäusefaustdurchgängig. Das kann ja eine verdammt lange Nacht werden… Um 20 Uhr dann Anruf der Hebamme, Frau X. würde gerne über das weitere Prozedere in Kenntnis gesetzt werden – is´ nich´ wahr – leidet meine Akademikerin unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Ich hatte den weiteren Ablauf der Einleitung, sowie alle Alternativen, Alternativen der Alternative UND Ausweichoptionen so oft an diesem Montag erläutert, daß meine Studentin, die allen Gesprächen beigewohnt hatte, jetzt ihre Doktorarbeit über „Die übertragene Schwangerschaft – Einleitung mittels XY versus herkömmliches Procedere versus Entbindung mittels Sectio caesarea – ein Überblick“  schreiben kann…

Also stehe ich wieder im Wehenzimmer, vor mir die (nicht wirklich unsympathische – aber völlig entscheidungsbefreite) Patientin, die sich mit großen Kuhaugen erneut hingebungsvoll meinen widerwillig fließenden Monolog anhört. Das Schema sieht vor, die Einleitung alle 4 Stunden mit einer 1/2 Tablette bis zum Ablauf von 24 h weiter zu führen, dann – bei weiterhin unreifem Geburtsbefund – entweder 24 h Pause einzulegen, um der Frau ein wenig Verschnaufpause zu gönnen, oder die Geburt anderweitig zu beenden.

Nein, NOCHMAL 24 h kann sie auf gar keinem Fall warten, sie möchte dann doch bitte – danke morgen entbinden, zur Not auch mittels Kaiserschnitt. Okay, ich – größter Anhänger des klassischen Spontanpartus vor dem Herrn – bin jetzt in der Tat weich gekocht und durchaus gewillt, Frau X. stante pede auf den OP-Plan des morgigen Tages zu schreiben. Ich gebe an, noch kurz Rücksprache mit der Oberärztin halten zu wollen – die ist heute meine Hintergrund und möchte immer gerne auf dem Laufenden gehalten werden – und verschwinde zum Telefon. Die Oberärztin (große Anhängerin des ungestörten Nachtschlafes – macht sie mir doch deutlich sympathisch) rät, von der letzten (nächtlichen) Gabe Wehenmittel abzusehen, wenn denn nun schon alle Weichen auf „Sectio“ stünden. Okay, seh ich ein. Find ich gut. Zurück zu Frau X., verkünden der frohen Botschaft: JETZT schlafen, MORGEN Baby.

In froher Erwartung einer zufriedenen Patientin trifft mich der geschockte Blick eben jener doppelt heftig – NEIN, DAS finde sie jetzt auch nicht gut! – WIE JETZT???? Nein, jetzt, wo sie sich doch all den Streß mit der Einleiterei gehabt habe, und doch immerhin schon einige Wehenhügel auf dem laaaangen CTG-Streifen zu finden seien, JETZT wolle sie das Ding dann doch mal durchziehen. So. Ätschibätsch. Und ob sie eine Sectio wolle, wüßte sie jetzt grad auch nicht mehr. Nee – is´ klar. Während die Hebamme neben mir heimlich in die Tischkante des CTG-Wägelchens beißt, beschließe ich, daß ich der irregeleiteten, hormonell indizierten Fehlfunktion von Frau X.s Entscheidungsfindung nichts mehr entgegen zu setzen habe und verlasse das Theater an dieser Stelle. In der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen, wandere ich gen Dienstzimmer – und laufe direkt in die nächste Hebamme (FrauVonSinnen)  samt laut schnaufender, offensichtlich hochschwangerer Patientin. Okay, dann eben nur ein bißchen dösen und fernsehen. Man kann nicht immer schlafen…

Gegen 22 Uhr klingelt das Telefon – FvS informiert mich in gewohnt lässiger Art, daß ihre Patientin ein wenig Probleme mit dem Blutdruck hätte und das CTG hin und wieder Dip 1 (aber alle mit guten Zusatzkriterien!!! Nee, is´ klar) bieten würde. Wenn VonSinnen lässig klingt, bekomm ich Kopfschmerzen. Sie ist ein wahres Wunder an Multifunktionalität, kann – mit einer Hand den Damm haltend, gleichzeitig der Frau den Sauerstoff reichend, parallel die Zange auspackend  – bei dir anrufen und fröhlich-lässig ins Telefon singen, das „CTG wäre ein wenig unschön“, ob man nicht mal einen Blick drauf werfen könnte…?!  Spätestens in diesem Moment beginnt mein Adrenalin im Schwall einzuschießen – und ich lege regelmäßig weltrekordverdächtige Kreißsaal-Sprints hin…

Ich verlasse also mein kuscheliges Dienstbett und die Vibrator-Mikrowelle, hetze mit flauem Gefühl im Magen in den Kreißsaal, wo das CTG gerade TIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEFE Dezelerationen malt, während der Blutdruck der werdenden Mutter zwischen 180/100 und knapp 200/120 pendelt. Nachdem ich vorsichtshalber Beißkeil und Valium in Griffweite gelegt habe, telefoniere ich SCHON wieder mit der Oberärztin. Die ist von meiner dringenden Bitte, SOFORT ihr Bett gegen den Platz an meiner Seite zu tauschen nur wenig begeistert, verspricht aber trotzdem recht glaubwürdig, sich auf den Weg zu machen. Das CTG malt immer noch eine negative Spitze neben die andere, das Lehrbuch schreibt in diesen Fällen die MBU vor – ich schreite zur Tat. Der kindliche pH ist erschreckend gut, und mein Puls verläßt zur Abwechslung mal wieder den dreistelligen Bereich. Die Oberärztin trifft pünktlich zur Entbindung mit den Worten „was wollen sie denn – ist doch alles prima“ ein, um gleich wieder zu verschwinden, und während ich fluchend die Epi versorge, frage ich mich wiederholt, ob ich nicht endlich zu alt für diesen Zirkus bin.

Meine eingeleitete Patientin ist dann heute doch noch sectioniert worden – nachdem sie sich noch gefühlte 2000 mal hin- und herentschieden hatte… ICH bin heute morgen erst mal ein paar Runden reiten gegangen – entspannt tierisch. Im wahrsten Sinne des Wortes… :)