Tag-Archiv | Taptic Engine

Ein Tag mit der Apple Watch

5:50 Uhr morgens – ich werde wach, weil mir das Baby enthusiastisch seine leere Wasserflasche über den Schädel zieht. Erschrocken reibe ich mir die schmerzende Schläfe und entreisse dem johlenden Zwerg die Tatwaffe. Ich greife auf den Nachttisch, wo Apples neuestes Meisterwerk darauf wartet, den Tag mit mir zu verbringen: mein geliebtes, neues Gadget, die Apple Watch 38 mm, Edelstahlgehäuse mit weissem Sport-Armband. Das Anziehen funktioniert mittlerweile ganz gut – nachdem ich mir anfangs fast das Handgelenk gebrochen und das wertvolle Spielzeug sage und schreibe 6 Mal habe fallen lassen, weiss ich jetzt genau, was ich tue. Und wie.

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6:12 Uhr – Ich sitze am Frühstückstisch, Kaffee links, Toastbrot rechts, Füße auf dem Nachbarstuhl, Zeitung auf den Knien und den Knaben an der Brust. Multitasking heisst das Zauberwort. Und ein Kind, das schon ganz früh kapiert hat, wie Mama funktioniert: gar nicht ohne Kaffee! Die Watch kommunziert freundlich zum allerersten Mal an diesem Tag, indem sie mir sachte aufs Handgelenk klopft. Oha – der erste Blogleser hat einen Kommentar hinterlassen. Ihr seid aber auch ganz schön früh dran!

7:26 Uhr – Frisch verföhnt verlassen Frau und Uhr das Haus gen Klinik. Föhnen gilt tatsächlich schon als „Aktivität“ – die Activity-App bestätigt mir 21 von 400 heute zu verbrennenden Kalorien (roter Kreis), eine Minute Training (als ich Baby nur noch durch einen Sprint zur Treppe davon abhalten konnte, sich selbige in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns hinunter zu stürzen), sowie ein von zwölf Mal stehen. Mit letzterer Aktivität kann ich heute noch so oft aufwarten, dass die kleine Watch  um Gnade winseln wird! Ach ja – blauer Kreis fürs Stehen!

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Tatsächlich gefällt mir dieser Teil der Uhr beinahe am besten – ist es nicht toll zu sehen, wie viele Kalorien man damit vernichten kann, den Staubsauger zum einhundertsten Mal an diesem Tag durch die Wohnung zu manövrieren, nur weil das Baby sein Kekse am liebsten auf Hänsel & Gretel Art verteilt (und zwar am allerliebsten im 10-cm-Hochflor-Wohnzimmerteppich?)

Und weil der Hund erst im Feld auf Zeckenfang geht, um sie anschliessend daheim gerecht an Herrchen, Frauchen und Kinderchen zu verteilen! Wer schon einmal mit Anlauf in eine monströs mit Blut vollgesaugte, am Boden liegende Zecke getreten ist, und zwar mit soviel Anlauf, dass eben dieses Blut rechts und links die Flurwände hinaufspritzte und einen vormals unschuldigen Raum in den Tatort einer CSI-LasVegas-Massenmöder-Folge verwandelt hat, zieht fortan freiwillig mit dem Staubsauger durchs Haus. Mehrfach!

10:50 Uhr – meine Uhr tockert mir sachte von hinten auf den Po – was ich nicht etwa als sexuellen Affront, sondern die schiere Dummheit interpretiere. Damit will sie mir nämlich (zum zweiten Mal seit Betreten des OPs vor knapp zwei Stunden) mitteilen, dass ich gefälligst aufstehen und mich bewegen soll. HA! Ich STEHE sehr wohl auf meinen Füssen, eingeklemmt zwischen Dr. Napoli, dem schnaufenden, fluchenden und vor Wut schäumenden Oberarzt der Gynäkologie, dem linkem Oberschenkel von Frau Holleridudö, unserer vaginalen Hysterektomie und steril abgedecktem OP-Gebiet.

Und während ich da stehe – den rechten Arm in irrwitzigem Winkel nach oben gebogen, mit der rechten Hand ein edelstahlblinkendes, vorderes Blatt haltend, während sämtliche Muskeln in diesem Arm brennen wie Maifeuer – tritt mir Apples neues Meisterstück mit seiner „Taptic Engine“ genannten Vibrationsvariante quasi in den Hintern. Recht hat sie. Hätte ich mal etwas anständiges gelernt, könnte ich mein neues Schmuckstück jetzt am dezent-stylischen „Milanaise“-Armband zum Zehn-Uhr-Kaffee mit irgendeinem gut betuchten Kunden ausführen, und müsste nicht life miterleben, wie meine Bandscheibe zwischen 4. und 5. Brustwirbel sich kurz vor dem finalen Kollaps befindet, während ich zeitgleich von einem schlecht gelaunten UND -erzogenen Mini-Italo-Oberarzt angebrüllt werde:

„DR. CHAOS! DER GRUND, DASS SICH DIESER UTERUS IMMER NOCH AN ORT UND STELLE BEFINDET, IST EINZIG UND ALLEIN IHRER UNFÄHIGKEIT ZU VERDANKEN. WENN SIE SICH NUR EIN BISSCHEN AUF IHRE ARBEIT KONZENTRIEREN KÖNNTEN, UND MIR EIN WENIG MEHR SICHT VERSCHAFFEN…“

Und immer so weiter…

Gequirlte Kacke! Der Grund, dass wir hier immer noch stehen – revidiere: ICH stehe, ER sitzt! – ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass Frau Holleridudös Riesenuterus einfach nicht durch diese jungfräulich enge und obendrein hormonfrei-trockene Scheide passen will. Man kann auch kein paniertes Schnitzel durch den Strohhalm ziehen. Dr. Napoli jedoch gehört zu der Sorte Mann, die es in jedem Fall probiert. Er würde auch einen Swimmingpool mit der Gabel trocken legen, wenn er mich dafür im Gegenzug zwei Wochen lang anschreien könnte. Kurz bevor die Apple Watch mir an diesem Morgen zum vierten Mal den Hintern haut, sind wir auch schon fertig. Die Uhr hat noch 65% verbleibende Batterie, und ich die Schnauze voll. Gestrichen!

12 Uhr – Highnoon. In der Kantine scharen sich die männlichen Kollegen jetzt höchst interessiert um meine kleine, schwarz-weisse Begleiterin. Um sie zu beeindrucken zeige ich ihnen mit einem eleganten Wisch von unten über das Zifferblatt nach oben, wo wir uns gerade befinden (Achtung – Krankenhaus am Rande des Wahnsinns! Wer hätte das gedacht!), lese den hippesten Tweet vor und meinen Einkaufszettel gleich mit, ich schiesse via Fernbedienung ein Foto mit dem Handy, auf dem nun bis in alle Ewigkeit festgehalten ist, dass Fred vom Jupiter schielt und Malucci Schwester Sabine am Nachbartisch ununterbrochen auf die Möpse glotzt. Hallelujah! Es lebe der Fortschritt!

14:22 Uhr – Kreißsaal II. Frau Bömmelmann ist gerade dabei, ihrem 5. Kind das Leben zu schenken. Es gibt da eine Reihenfolge, die man Pie-Mal-Daumen auf die Mehrheit aller Gebärenden anwenden kann: Kind zwei kommt schneller, als Kind eins, Kind drei noch schneller, Kind vier wiederum macht, was es will (von langsam über Sectio bis hin zur Sturzgeburt), und wer es geschafft hat, vier Mal spontan zu gebären, der schmeisst die fünfte Geburt ganz von allein. Egal ob klassisch Kopf voraus, mit dem Hinterteil voran oder meinetwegen quer. Frau Bömmelmann bildet da keinerlei Ausnahme, und so schaffe ich es beim Betreten des Kreißsaales weder mir die Uhr vom Handgelenk zu reissen und sicher in der Tasche meiner OP-Hose zu verstauen, noch wenigstens ein Paar schützender Handschuhe überzuziehen, denn kaum habe ich das Set betreten, brüllt Frau von Sinnen mich auch schon an:

„JOSEPHINE!“

Herrgott noch eins – bin ich hier im Boot Camp oder was? 

„WAS IST?“ plärre ich zurück. Und schmeisse mich zu Boden. Direkt neben Frau von Sinnen, die unter der breitbeinig am Entbindungsseil hängenden Frau Bömmelmann liegt, wie Harry, mein Kumpel aus Kindertagen, unter den Autos seiner KFZ-Werkstatt.

„Warum schreist du hier so rum?“ maule ich beleidigt und folge ihrem Blick in die Höhe. O-Ha! Und mit einem lauten „PLOPP“, gefolgt von einem Schutt Fruchtwasser hat sich die Frage auch schon selbst beantwortet. Weil Frau Bömmelmann gerade entbindet. Korrigiere: Entbunden HAT!

Mein jahrelang trainierter Fluchtreflex bringt es tatsächlich fertig, meinen am Boden liegenden Körper binnen Sekundenbruchteilen so weit aus dem Schussfeld zu befördern, dass die Flüssigkeit nicht mein Gesicht, sondern lediglich Hals und Oberkörper trifft. Ich spüre, wie die warme, mit bröckeliger Käseschmiere vermischte Brühe die Fossa jugularis hinunter und zwischen den Brüsten hindurch weiter Richtung Bauchnabel läuft. Ein Blick auf das linke Handgelenk macht klar, auch die Uhr wurde schwer getroffen. Jetzt wird es sich entscheiden – wasserdicht? Wasserfest? Oder gar gebärfähig? Die Antwort wird warten müssen, denn unter infernalischem Geschrei presst Frau Bömmelmann ihr jüngstes Kind in einem Rutsch von Muttermund vollständig auf Beckenausgang durch, zieht genau zwei Mal Luft, um dann binnen einer einzigen, weiteren Wehe das ganze Kind zu gebären. Auszustossen wäre beinahe plastischer, denn mit sanftem Schmatzen flutscht es aus ihr heraus und in die geöffneten Hände der Hebamme. So geht das also mit der Geburt! Hut ab, Frau Bömmelmann.

Und noch während ich mir ein klein wenig Sorgen um die Konsequenz der Fruchtwassertaufe meines geliebten Spielzeugs mache, folgt mit wenig sanftem Platschen auch schon die Nachgeburt und klatscht – wie sollte es anders sein – auf die kleine, weisse, unschuldige Uhr. Amen!

15:30 Uhr – man möchte es kaum glauben, aber sie hat es überlebt. Ja, Frau Bömmelmann – sicher, die sowieso! Die Uhr, natürlich! Mit zitternden Händen habe ich sie vorsichtig von Blut und Plazentaresten gereinigt und sachte in eine nagelneue Mullwindel eingeschlagen – das arme Ding! War ein bisschen viel für den ersten Tag in der Gynäkologie. Aber was soll ich sagen: läuft tipptopp! Und hat noch nicht mal rote Flecken auf dem strahlend weissen Armband hinterlassen. Froh hüpfe ich mit 52 verbliebenen Batterie-Prozent zur Übergabe und pünktlich um

16:12 Uhr zu meinem nächsten Termin: Fußballtraining des jüngsten Sohnes! Hat mir die Uhr gesagt. Also – nicht, dass ich nicht sowieso wüsste, wann welches Kind welche Veranstaltung am Laufen hat, aber man fühlt sich irgendwie viel wichtiger, wenn diese Termine als bunte Erinnerungen auf dem Bildschirm am Handgelenk auftauchen. Angekündigt durch zartes Klopfen, welches mich schon durch den ganzen Tag begleitet hat.

18.39 Uhr – Die dreifarbige Aktivitätsanzeige meiner Bewegungs-App ist jetzt schon voll – bis auf, und das möchte ich kaum glauben – den blauen Kreis fürs brave Stehen. Tatsächlich scheint die Apple Watch nach mehrstündigem Dauerstehen den Überblick zu verlieren und anzunehmen, man hätte sich irgendwann zwischen 4 Stunden operierens und drei Stunden Ambulanz Stehens heimlich auf ein Podest gehockt. Aber sonst ist alles schön säuberlich vermerkt: Gelaufene Meter, verbrauchte Kalorien, Spass gehabt. Die Batterie hat immer noch 42 % Saft, SPON (SpiegelOnline) teilt mir mit, dass die GDL mal wieder vor hat, sich bei allen Bahnfahrern unbeliebt zu machen und meine bestellten Schuhe sind auch schon unterwegs und werden morgen geliefert. DAS alles sagt mir (m)eine Uhr, die sonst Jahrtausende lang nichts anderes konnte als „TickTack“ und Uhrzeit.

Ja, ich weiss, mehr muss eine Uhr auch gar nicht können, im Zeitalter von iPhones und Androides, und überhaupt ist der kleine Apfel viel zu teuer, morgen schon veraltet und tatsächlich blinkt das Display immer einen Wimpernschlag zu spät auf, wenn ich das Handgelenkt in typischer Handbewegung nach oben bringe. Ja, Drittanbieter-Apps brauchen manchmal sogar deutlich länger als jenen Wimpernschlag zum laden, und wenn das iPhone, an welches die Uhr gekoppelt ist, sich außerhalb eines bestimmten Radius befindet, dann macht auch diese Uhr nichts anderes mehr, als „TickTack“ und Uhrzeit.

Und TROTZDEM habe ich sie gerne! Weil wir eine Beziehung haben, ich und sie. Weil sie mich mit ihrem zärtlichen Klopfen auf den Po nicht nur zum Stehen anhält, sondern zum Durchhalten. Weil sie mit mir durch Blut und Fruchtwasser geht, mich an die wichtigen Dinge erinnert und Neuigkeiten mit mir teilt. Weil sie zurückhaltend und dezent ist, wenn ich das möchte, oder Micky Mouse, wenn ich es brauche.

Schnappschuss (2015-05-18 20.09.34)

Und nein, Apple bezahlt mich noch immer nicht für meine Lobeshymnen. Blöder Verein….