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Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Damage is done

“Waaaaaah. Jaaaaaah. Hallooooooo!”

Unter lautem Geschrei öffnet sich die Tür zum Untersuchungszimmer und klatscht ungebremst gegen den Hartgummistopfen im Boden, der gerade eben verhindern kann, dass die Türklinke durch die Wand ins Nebenzimmer bricht. Doch wer sich ein wenig in angewandter Physik auskennt, weiss – Energie verliert sich nicht einfach im Universum, sie wird zu einem guten Teil zurück gegeben. Und aus diesem Grund knallt das schwere Holzteil nun auch mit voller Wucht in Tschässie-Tschäims, trifft ihn am Kopf und lässt ihn zu Boden gehen. Schnaubend stürze ich zur Tür, sicher, dass es Tschässie mindestens den Schädel zertrümmert hat. Oder schlimmeres. Doch weit gefehlt. Zugegebenermassen ein wenig benommen liegt er rittlings auf dem Boden, und reibt sich verwundert die Stirn, dort, wo gerade ein wunderschönes Ei zu wachsen beginnt. Dann, als er meiner ansichtig wird, weicht die Verwunderung schierer Freude.

“DAAAAAAAAAAAAAA” schreit er höchst erfreut und tippt sich mit dem verdreckten Kleinkindfinger an die Beule auf seiner Stirn “DAAAAAAAAAA – WEEH!” und jauchzt, als hätte er gerade die Freikarte ins Kinderparadies gezogen.

Ich hebe ihn hoch und betrachte die malträtierte Haut misstrauisch – nein, keine Platzwunde. Gott-sei-dank. Derweil klatscht mir Tschässie unter anhaltendem Jubelgeschrei die klebrigen Patschhände ins Gesicht und freut sich offensichtlich wie ein Schnitzel, mich zu sehen. “DAAAAAAAAAAA” brüllt er bekräftigend und haut fester. “DA” ist so ziemlich der größte Liebesbeweis, den Klein-Tschässie-Tschäims kennt – und er kennt viele, denn Tschässie ist das wahrscheinlich netteste Nicht-Chaos-Kind, das ich kenne.

“Tschässie – lass dass! Mensch, du Doofian, du machst die Tür kaputt, wie oft soll ich dir das noch sagen, he? Spinner? Wie oft?”

Mein Gesicht weiter zärtlich in beiden Händen haltend wandert sein Blick zu der Frau, die gerade schimpfend und fluchend ihren überdimensionalen Bauch zur Tür herein quält. Dann schiebt sich die kleine, feuchte Unterlippe traurig nach vorne, unten und beginnt verdächtig zu zittern. Doch Tschässie ist kein Kind von Traurigkeit. Kurz schaut er mich aus alten Augen müde an, dann zieht die Trauer auch schon weiter und weicht seiner unverwüstlichen Frohnatur. “Da!” kommentiert er sachte und klopft mir zärtlich die Wange. Ich denke kurz darüber nach, mit ihm auf den Arm das Zimmer zu verlassen und nach Hause zu fahren. Wo vier Mäuler satt werden, bekommen wir ein fünftes auch noch gestopft.

“HEEEY, Stinker! Lass die Frau Dokter in Ruhe und komm hierher. Setzt dich. Halt die Klappe, hör auf zu zappeln, wisch dir die Nase ab – NICHT am Ärmel, du Dödel, Mensch, du bist SO DOOF!” Tschässies Mutter muss eine Ausbildung im Boot Camp hinter sich haben, anders kann ich mir Tonfall und Wortwahl wahrhaftig nicht erklären.

Behutsam setze ich das Kind auf den Boden und sehe zu, wie er folgsam zum Stuhl tippelt, hoch klettert, hin setzt und mit dem ausgestreckten Fingerchen der linken Hand unbeholfen den Rotz über Oberlippe und Wange verteilt. Hilfesuchend blickt er erst mich und dann seine wutschnaubende Mutter an.

“Samenta, ich weiss nicht, ob es viel Sinn macht, Tschässie so anzuschreien. Er ist ja fast selbst noch ein Baby” gebe ich zu bedenken und wische mit einem Taschentuch über das verschmierte Gesicht, aus dem es mir schon wieder froh entgegen grinst. Unfassbar, dieser kleiner Kerl ist ein Fass Glückseligkeit ohne Boden in einer Familie voller Sozialkrüppel. Seufzend strubbel ich das lockige Blondhaar.

“Der ist so doof, Frau Doktor, dass glauben Sie nicht. Echt. Der ist immer so voll am lachen. Und der kapiert gar nix, wissen sie? Total blöd und so. Immer rennt er wo gegen oder macht was kaputt oder dreckig. Das ist voll anstrengend, wissen sie”

Ich seufze tiefer. Tschässie ist drei Jahre alt, das Baby in Samtnes Bauch wird demnächst zur Welt kommen, und gnade uns Gott, dann ist Schluss mit lustig! … Einmal war Tschässie schon bei Pflegeltern untergebracht. Zwei Monate lang, dann hat man entschieden, dass die leibliche Mutter das Beste für ein Kind sei. Auch eine Mutter wie Samenta. Auch für ein Kind wie Tschässie.

“TSCHÄÄÄSSIE! Du hast schon wieder gekackt, ey, ich riech das voll! Du bist so doof. Kannst Du nicht bescheid sagen? Hä? Kannst Du nicht?”

Unsicher schaut der Kleine zu mir herüber und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. “Kacka!” sagt er leise und schielt zu seiner wütenden Mutter hinüber. “Jetzt isses zu spät, Doofnase!” brüllt sie zurück und schmeisst sich schnaufend auf die Untersuchungsliege.

Leise vor sich hin stinkend hockt Tschässie in seiner vollen Windel und stochert mit dem dreckigen Finger in einem Loch seiner Hose herum. “Kacka” flüstert er.

Kacka! denke ich wütend während ich mittels Ultraschall das zweite Kind im Bauch dieser Frau betrachte. “Kacka!” sagt Tschässie voller Nachdruck und schaut mich dabei so wissend an, als könne er Gedanken lesen…

 

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

In meinem kleinen Ambulanzzimmer riecht es, wie in einer schlecht geführten Bahnhofstoilette – WIE_DER_LICH! Der Grund dafür ist geschätzte 13 Jahre alt, weiblich – und pupst. Also – bläht. Gibt Gas ab. Furzt. Ganz wirklich – und zwar mitten in der Nacht!

Es ist 2.40 Uhr in der Früh (ist es eigentlich nicht IMMER 2.40 morgens…?) und während ich krampfhaft versuche, nicht vom Gestank betäubt mit dem Kopf auf die Tischkante zu schlagen, bin ich umringt von zwei Frauen und dem pupsenden Teenager.

*Pffffffttttttt*

Ich (angestrengt durch die Nase atmend): “Okay, die Damen – WER von ihnen ist schwanger?” So jedenfalls hat Ambulanzschwester Notfall es weiter gegeben, bevor sie mich kopfüber ins Zimmer geschubbst und anschliessend zügig die Tür hinter mir geschlossen hat.

Ich sende ein kurzes Stossgebet zum Himmel, das es nicht das gasende Kind sein möge – ich gestehe, nicht wegen des jugendlichen Alters, nein, um diese Uhrzeit fällt es mir  einfach extrem schwer, meine eigenen Körperfunktionen unter Kontrolle zu halten, wenn mir beim gynäkologischen Untersuchen ins Gesicht gefurzt wird.

*Pffftttttt*

Jesusmaria – noch ein bisschen und ich muss den Katastrophenschutz informieren….

Streng blicke ich die kleine Luftverpesterin an, welche lediglich sinnentleert zurückstarrt und erneut den ihren Musculus sphincter ani lockert

*Pfffffttttt*

Statt dessen antwortet Würtschinia Mompsel – so der Name auf dem roten Notfallschein vor meiner Nase – mit quiekendem Stimmchen: “Des bin isch!” Besagter Notfallschein setzt mich obendrein davon in Kenntnis, das die letzte Periode meiner Patientin gerade mal 4 Wochen her ist, und sie sich somit kaum weiter als in der frühesten Frühschwangerschaft befinden dürfte. Zustand nach gerade  stattgehabter Befruchtung sozusagen. Meine linkes Oberlid zuckt verdächtig, was es immer dann tut, wenn sich ein Sturm am Horizont zusammenbraut.

Ich (mit ein bisschen Tränen in den Augen ob der verpesteten Luft und der gestörten Nachtruhe): “Okay – und was haben sie so für Beschwerden?”

Frau Mompsel ist ein wirklich hübsch anzuschauendes Mädel – 19 Jahre alt, groß, schlank mit gelbgefärbtem Wallhalla-Haar, was jedoch der Tatsache keinerlei Abbruch tut, dass sich unter all dem Gelb ein wunderbar ebenmässiges Gesicht befindet. TopModel-Format sozusagen, wenn auch leider reichlich zugekleistert mit jeder Menge billigem Make-up. Und das allerhellste Licht auf dem Kuchen ist Würtschinnia leider auch nicht…

“Isch hend da so oin Teschd gmachd…!”

Bitte – WAS?

Gesagt habe ich nichts, aber die Fragezeichen über meiner gerunzelten Stirn waren wohl zumindest für die dritte Dame im Bunde gut wahrnehmbar.

“SIE HEDD DA SO OIN TESCHD GEMACHT!” brüllt sie mir freundlich ins Gesicht, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend. Der Teenie pupst bestätigend.

Ich (jetzt ziemlich wach): “Gut – und weiter?”

Verständnislos glotz Würtschie erst mich, und dann ihre persönliche Dolmetscherin an, die aber nur ratlos mit den Schultern zuckend zu mir blickt.

“Was moin sie?” fragt sie mich freundlich, dann, sich meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu verstehen erinnernd “WAS MOIN…!”

“Ist schon gut” winke ich ab “DAS habe ich verstanden. Also – was ist denn das Problem, dass sie mitten in der Nacht – zu DRITT – hierher treibt? Schmerzen? Blutungen? Irgendwas?”

Frau Mompsel schüttelt bei jeder Frage energisch den Kopf während die Dometscherin mich anschaut, als hätte sie erst gar nicht verstanden, was ich von ihr will. Die Kleine auf dem Stühlchen neben mir rülpst jetzt zur Abwechslung ein bisschen.

Ich bin ein klein wenig verzweifelt – so kommen wir weder weiter noch irgendwann zurück in unsere Betten – hilflos blicke ich mich nach meiner Ambulanzschwester um, doch die hat sich ja schon vor gefühlten Stunden klammheimlich aus dem Staub gemacht und sitzt jetzt garantiert irgendwo gemütlich Kaffee trinkend in der Ecke.

“Was kann ich für sie tun?” Versuche ich es jetzt mal mit einem neuen Ansazt. Wieder fragende Blicke zwischen den Frauen, dann taucht so etwas wie Erleuchtung in Frau Mompsel ebenmässigem Modelgesicht auf.

“Weisch du – ich wollde mol schaue lasse, ob s oi Jung odr oi mädle wird!”

“JUNG ODR MÄDLE…!” schallt es echogleich aus der Dolmetscherin Mund und sogar der kleine Pupser nickt jetzt eifrig mit dem Köpfchen. Da sind die drei Frauen sich jetzt mal tatsächlich einig.

Ich hole ein bisschen Luft. Nein – ich hole ganz viel Luft. Dann…

“Sie haben also KEINE Schmerzen?…”

*DreifachesKopfgeschüttel*

“…keine Blutung?…”

*Schüttel*

“…die letzte Periode war sicher vor 4 Wochen…”

*WildesNicken*

“…und sie wollen jetzt nur wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat?”

“Abr noi – i will wisse, was s wird!”

Gut – das wir darüber geredet haben….

Energisch kritzel ich fünf Dinge auf meinen Notfallschein, stopfe den Durchschlag in einen hübschen Umschlag, den ich sorgfältig zuklebe, schreibe ordentlich leserlich den Namen von Frau Mompsels Gynäkologen drauf und überreiche ihn der überrascht dreinblickenden Frau feierlich.

“Hier bitte – gehen sie damit nächste Woche zum Frauenarzt, der kann dann alles weitere mit ihnen besprechen!

“Abr…!” protestiert das Würtschinia und reisst die babyblauen Augen ganz weit auf “was isch noh mid moim Uldraschall?”

“JA – ULDRA_SCHALL…!” echot es hinterher

“Tut mir leid! Aber der muss heute ausfallen. Und im übrigen – das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

– Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

– die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

– die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

– die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

– Brennen in der Scheide.

– Herpes in der Scheide.

– Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

– Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

– Brennen beim Wasser lassen.

– Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

– Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Chaos gegen Notfall: Und nun, das Ende naht…!

Gott im Himmel – ist das hier eigentlich die Muppet-Show?

Ich: “Juliane – die Frau ist gynäkologisch einwandfrei. Gecheckt, geschallt und für gut befunden. Nimm sie auf, lass sie gehen, turf sie weiter – ich hab zu tun!”

Und noch bevor weitere Einwürfe von der wahrscheinlich nervigsten internistischen Assistenzärztin südöstlich des Äquators kommen können, habe ich auch schon – RUMMS – aufgelegt. Ällebätsch – ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern!

Romeo: “UUND – was isch jetzt?”

Ich: “Tja, Romeo – was soll sein? Ihr seid schwanger, DAS ist!”

Julia (jämmerlich): “Aber das geht doch gar nicht!”

Ich: “Offensichtlich geht das sehr gut! Wann war denn die letzte Periode?”

Klein Julia blickt bedröppelt zu ihrem Romeo hinüber, der wiederum stirnrunzelnd mit den Schultern zuckt. Na, das ist ja ganz super. Ungeplante Frühschwangerschaft ohne richtigen Termin ist das Sahnehäubchen auf einer jeden Freitag-Abend-Ambulanz-Untersuchung.

Ich (wenig hoffnungsfroh): “Und – hattet ihr die übrigen Male denn wenigstens verhüteten Geschlechtsverkehr?”

Romeo: “Ver-WATT?”

Nee, is´ klar – zu kompliziert, Josephine…

Ich: “Habt ihr beim Poppen Kondome benutzt. Diaphragma? Die Pille vielleicht…?!”

Verächtlich winkt Romeo ab und schnaubt dabei wie ein Walross auf Landgang “Pfffft – Kondome isch nur für Waschlappen, gell!”

Zu schade, dass meine Krankenkasse mir das Beissen in Tischkanten unlängst untersagt hat – das wäre jetzt mal wieder ein wirklich geeigneter Anlass dafür gewesen!

Ich: “Okay – dann machen ich mal einen Ultraschall und wir schauen, ob es schon etwas zu sehen gibt, okay?”

Klein-Julia greint jetzt ein bisschen, während Romeo offensichtlich angestrengt überlegt, welches Verhalten in der aktuellen Situation wohl das vermeintlich coolste sein könnte. Als ich das schnupfende Julchen aufmunternd auf den gynäkologischen Stuhl komplimentiert habe, entscheidet sich mein postpubertärer Jungvater spontan für ungeordneten Angriff: “Weischt du, Doc – das müssen wir nicht behalten. Das isch noch so früh, da kannscht du uns doch ebent die Pille geben und gudd isch!”

*SehrTiefSeufz*

Ich:Weischt du, Romeo. SO einfach ist es dann doch nicht. Aber jetzt schauen wir erst mal!”

Romeo kratzt sich irritiert den Schritt. Das jemand so gar nicht auf sein Genöhle eingeht, scheint ihn leidlich aus dem Konzept zu bringen.

Kaum habe ich den Vaginalschall vorschriftsmässig positioniert, blinkt es auf dem Bildschirm auch schon in großen, grellfarbenen Lettern:

!!!!!!!!SCHWANGER!!!!!!!

Nee, natürlich macht es das nicht. Aber diese Schwangerschaft ist schon derart weit fortgeschritten, dass es ein Blinder mit dem Krückstock sieht. Ein Romeo auch.

“Da bewegt sich watt!” Mit hängendem Unterkiefer glotzt Mr. Überzwerg geschockt auf den strampelnden Embryo. Bei Julia hingegen hat irgendjemand die Schleusen geöffnet.

“Daaaaas….heul…..will…..schluchz….ich…..heul….nicht….!”

Romeo tätschelt abwesend ihren Ellenbogen, ohne jedoch den Blick vom Monitor reissen zu können: “Datt isch SO abgefahren…” haucht er ehrfurchtsvoll. Julia greint derweil eine Oktave höher “DAAAAS WILL ICH NICHT!!!!!…..” *JammerRotzHeul*

Das Klingeln des Diensttelefons fügt sich melodisch ins Gesamtgetöse ein – ein Blick aufs Display macht klar – schlimmer geht immer…

Ich (gewollt heiter): “Das Chaos am Apparat!”

“WAS SOLL DAS?!”

Ich: “Ich bin nicht sicher, was sie meinen, Dr. Napoli?!”

Napoli: “Herold hat mich angerufen. MITTEN IN DER NACHT!”

Dr. Hildegard Herold, auch genannt die Wilde Hilde, ist O-WEs oberärztlicher Hintergrund und – gleich nach ihrer Assistenzärztin – die größte Nervensäge vor dem Herrn. Warum zum Teufel darf die denn heute Abend auch mitspielen?

Napoli (zeternd und wütend): “Sie sagt, SIE verweigern die Aufnahme einer gynäkologischen Patientin!” Die Stimme des kleinen Italieners beginnt schon wieder, sich zu überschlagen, was generell kein gutes Zeichen ist…

Ich: “Aber die Patientin…”

Romeo (euphorisch auf den Ultraschall-Bildschirm tatschend): “Isch das ein Junge? Sach mal, Doc – das ISCH doch ein Junge, gell? Doc? GELL?”

Das Handy mit dem sich überschlagenden Oberarzt unterm Kinn und den Vaginalschall mit Rechts IN Klein-Julia klemmend versuche ich gleichzeitig mit der linken Hand den überschwenglich Jungvater vom Monitor weg zu bekommen.

Ksssch – Romeo” zische ich böse “das ist KEIN Touchscreen, hörst du?! LASS DAS!”

Napoli (auf dem drei gestrichenen C johlend): “Ich soll WAS? Das verbitte ich mir, das SIE sich MIR verbitten!!”

Ich: “MICH!”

Romeo: “Was?”

Ich: “NICHT DU!”

Julia: *HEUL*

Napoli: *BRÜLL*

ICH KANN SO NICHT ARBEITEN!!! Aber wen interessiert das schon….?!