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Chaos-Geschichten – heute mal anders!

Viele Leser haben sich im Laufe der Zeit immer und immer wieder über zwei Dinge „beschwert“:

a. die Kollegen, Schwestern, Hebammen, etc. bekommen immer nur Fett weg, ich bin nicht nett, lästere zu viel, werte ab, stelle Menschen in schlechtem Licht dar.

b. So perfekt wie Herr Chaos kann ja gar kein Mann sein. Ist klar. Seit dem 60er Jahre-Schlager „Das bisschen Haushalt“ wissen wir, dass Männer immer nur auf ihren Frauen herumhacken, sich die Zeitung und Hausschuhe bringen lassen, daheim keinen Finger rühren und abends im Schiesser-Feinripp und mit der Bierflasche in der Hand auf dem Sofa hocken. Abweichungen von der Norm sind nicht vorgesehen. Das muss ich doch verstehen!

Ja – ich verstehe es. Und damit hier endlich mal jedem, aber auch wirklich JEDEM Leser genüge getan wird, ein Tag aus dem Leben der Josephine Chaos, wie es WIRKLICH passiert sein könnte. Mit Katastrophen-Ehemännern und nur netten Kollegen. Also – habt Spass!

P.S.: Neu-Leser, welche sich dafür interessieren, wie es hier normalerweise zugeht: Einfach die betreffenden Namen anklicken… ;)

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Ich: „Herr Doktor – ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt!“

Kopfschüttelnd blickt Dr. Derek Shepherd von mir zu dem Schädel-MRT in seiner Hand und zurück zu meiner Liege. Seine volles, glänzendes Haar fliegt in perfekter Flugbahn von rechts nach links und seine tiefbraunen Augen glänzen traurig.

Er: „Nein, Dr. Chaos – das ist kein Herzinfarkt. Unser Chefarzt, Dr. Webber, wird sie laparotomieren“

Mir wird ganz heiss – warum denn laparotomieren? Ich habe doch einen Herzinfarkt!

„Dr. Shepherd“ setze ich erneut an und versuche hektisch, mich von der Liege hoch zu stemmen. Dieser Druck auf der Brust. Als hätte mich ein Bus überfahren. Ich bekomme kaum noch Luft…

„Dr. Shepherd“ ächze ich, doch er schüttelt nur stumm weiter die braune Wallemähne, während das Gewicht auf meiner Brust nun auch noch jämmerlich zu weinen beginnt.

MOMENT! Weinen?

Schweissgebadet erwache ich aus meiner nächtlichen Grey´s-Anatomy-Tour, mit einem greinenden, sabbernden Baby auf der Brust, das gerade verzweifelt versuch, mich aus dem Oberteil meines völlig schweissgetränkten Pyjamas zu frickeln. Der Gatte schnarcht derweil selig im Nachbarbett. Toll. Soviel zum Thema Arbeitsteilung.

Nur unter Mobilisierung aller um 5:24 Uhr zur Verfügung stehenden Kräfte gelingt es mir, mich mitsamt Kind aus dem Bett zu wuchten und ins Wohnzimmer zu schleichen. Wozu eigentlich schleichen – wenn der Kerl schläft, dann schläft er. Der dritte Weltkrieg könnte vor unserer Tür losbrechen, es wäre ihm egal.

Der Sohn hat es jetzt tatsächlich geschafft, sich irgendwie an Pyjama-Miniknöpfen vorbei zum Still-BH zu arbeiten, selbigen wütend beiseite zu zerren und dockt endlich mit zufriedenem Seufzen an der Milchbar an. Zumindest ein Kind habe ich jetzt also mit Frühstück versorgt.

Mit dem zufrieden schmatzenden Baby auf dem Arm koche ich mir einen einarmigen Kaffee, schaufel eine Schüssel einarmiger Kellog’s in mich hinein um danach einarmig Zähne zu putzen. Pünktlich zur Dusch-Uhrzeit ist Chaos-klein dann gottlob satt und zufrieden in postprandialen Schlaf gefallen, sonst hätte ich auch das noch einarmig erledigen müssen. Nachdem ich einigermassen zurecht gemacht bin, die restliche Kinderschar geweckt und mit Frühstück versorgt, den Hund Gassi geführt und die Brut anschließend zur Schule verabschiedet habe, lasse ich den Blick über morgendliches Chaos schweifen – wie die Frühstückskrümel sich zum idyllischen Stillleben mit dem Berg ausgefallener Golden-Retriever-Haare arrangieren, auf dem Treppenabsatz drei Pullover und ein Hoodie der Tochter, welche alle noch innerhalb der letzten zwei Minuten vor verlassen des Hauses als nicht tragwürdig aussortiert und dort fallen gelassen wurden, wo Kind gerade stand. Apfelgehäuse und Brotrinden in der Küche als Überbleibsel eines vollwertigen Schulfrühstücks. Welches – Vitamin C hin, Ballaststoffe her – auch heute ganz sicher gegen eine süsse Brezel und zwei Snickers vom Schulkiosk verlieren wird.

NICHT mein Problem! Denn noch während ich sachte die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, höre ich den Wecker des Gatten klingeln. Ich bin dann mal weg – und nach mir die Sintflut!

„JOOOSEEPHIIEENE!“

Ich habe gerade die Pförtnerschranke überwunden, unsichtbare Grenze zwischen Realität und Absurdität, und mich in den Tross menschlicher Weisskittelträger eingereiht, welche wie die Lemminge dem Abgrund entgegen laufen. Nur, dass es sich bei unserem Abgrund nicht um felsige Tiefe sondern die Besprechungszimmer der jeweiligen Fachrichtungen handelt. Zu dramatischen Abstürzen kann es jedoch hier wie da kommen.

„JOOOOOSEEPHIIIENE!“

Auftritt Nancy the Fancy, chirurgische Assistenzärztin, von links. Makellose Haut, flammendes Haupthaar, grüne Katzenaugen.

„NAAANCYYY!“

Nancy ist SO NETT! Und kein bisschen böse. Wir mögen Nancy!

Sie: „Schatz, du siehst heute morgen SO GUT aus! Was machen die Kinder?“

Ich: „Anstrengend wie immer. Was gibt es bei dir neues?“

Sie: „Appendix, Galle, Galle, Varizen, diagnostische Laparoskopie“. Nancy ist Chirurgin. Chirurgen müssen operieren. Nancy wird operieren. Das ist ein guter Tag.

Ich: „Ja, ist klar – aber was gibt es bei DIR neues?“

Gespielt theatralisch patscht die schöne Rothaarige sich vor die Stirn „Bei mir, sicher, was interessiert dich auch mein blöder OP-Plan?“ Nancy lacht, ein glockenreines, warmes Lachen und auch die feuerfarbenen Kringellocken vollführen kleine Freudenhüpfer. „Nichts neues. Keine Männer in Sicht. Das Leben ist öde! Bis später, Josie!“ Spricht es und hüpft beschwingt von dannen.

„Kaffee?“

Fred vom Jupiter, der Abwechslung halber Assistenzarzt der eigenen Fachrichtung, hält mir von rechts einen Kaffee-To-Go-Becher unter die Nase. Fred ist SOOO NETT! Und kein bisschen Sheldon-Cooper-Autistisch unterwegs, ausserdem stets gut gekleidet, frisiert und unglaublich gut riechend. Nach Sonne, Meer und Männlichkeit. Yummie!

„Danke, Fred – wie lieb von dir!“

Gemeinsam ziehen wir im Strom unglaublich netter, unglaublich schöner und stets gut gelaunter Menschen weiter, ins Basislager der Gynäkologen und Geburtshelfer. Mutterschiff. Besprechungszimmer.

„Guten Morgen!“ Froh gelaunt trete ich ein in diesen sonnengefluteten Raum voller unglaublich netter, unglaublich schöner… – ach nein, das hatten wir ja schon. Es gibt also Übergabe mit dem netten Chef, dann nichts wie los zur Visite mit der stets sonnigen, fachlich hoch kompetenten und überaus motivierten Schwester Elvira und anschließend Geburt mit Frau von Sinnen.

Frau von Sinnen: „Gleich ist es da!“

Werdende Mutter: „Ich bin so glücklich!“

Werdender Vater: „Ich auch!“

Ich: „Ich sehe den Kopf schon!“

FvS: „Das hast du SO TOLL erkannt, Josephine! Du bist eine großartige Ärztin!“

Ich *rotwerd*: „Danke!“

FvS *abwinkend*: „Gern geschehen!“

*EineRundeWattebäuscheWerfend*

Fvs: „Nur noch einmal pressen!“

Ich: „Ja, da kommt es auch schon!“

FvS: „In der Tat, Josephine, geflutscht wie Seife in der Dusche“

Alle lachen glücklich. Und die Sonne scheint – was für ein wunderbarer Tag!

FvS – den Eltern das völlig unspektakulär aus der Mutter herausgeflutschte Kind hinhaltend: „Bitte. DA ist sie!“

Mutter: „Sie ist wunderschön!“

Vater: „Ja, wunderschön!“

Ich *tränchenzerdrück*: „Unfassbar schön! Und nett! UND gut gelaunt!“

In der Tat – das kleine Mädchen grinst mich freundlich an und ich warte nur darauf, dass es noch einen Mittags-Kaffee-To-Go aus der Vagina seiner Mutter zieht… – bäh, doch zu viel Kopfkino.

Da die sagenhaft schöne und jetzt unglaublich glückliche Mutter kein Stück blutet, noch nicht einmal ein kleines bisschen gerissen ist und überhaupt aussieht, wie Lena Gerke auf der Fashion Week, mache ich mich froh gelaunt vom Acker. Denn schließlich muss ich schon in Kürze im OP sein. Um dem liebenswürdigen, warmherzigen und niemals aufbrausenden Oberarzt Dr. Napoli eine diagnostische Laparoskopie zu assistieren.

20 Minuten später im Waschraum von OP-Saal 8

OA Napoli *WieWildArmeUndHändeEinseifend*: „Oh mein Gott – Frau Dr. Chaos! Ist heute mein Glückstag? SIE operieren MIT MIR?“

Mit glühenden Bäckchen pumpe ich Seife auf meine Handfläche, und verreibe die glibbrige Masse gleichmässig auf Unterarme und Hände.

Ich *schüchtern*: „Ja, so steht es zumindest auf dem Plan“

OA Napoli: „Das ist TOLL! Sie machen die OP, das wird großartig!“

Ich *FreudigÜberrascht*: „Wirklich? Aber das ist eine ganz schön schwierige Operation. Mit Dingens-Entfernung und richtig scharfen Instrumenten“

„Papperlapapp“ wild tropfend und Seifenschaum durch die Luft wirbelnd winkt der kleine Italiener beidhändig ab. „Sie sind toll. Sie schaffen das!“

Und so ist es dann auch. Unter Napolis behutsamer Anleitung steche ich also diverseste Instrumente in die seelig schlummernde Patientin, entferne Dingens und Bummens und lauter so Zeug.

OA Napoli: „Das machen sie großartig! Sie sind ein Genie, Dr. Chaos. Einzigartig. Ich bin von den Socken!“

Und OP-Oberschwester Ottilie applaudiert mit steril behandschuhten Händen.

Um 16 Uhr neigt sich dieser wunderbare Tag dem Ende entgegen. Müde und glücklich kehre ich heim und stelle fest, das Brotrinde und Apfelgehäuse binnen 8 Stunden dramatisch an Flüssigkeit und frischem Aussehen verlieren, bewundere zwei Knabensocken, welche sich zu einem erweiterten Stillleben mit Hundehaar und Frühstückskrümeln eingefunden haben, führe den Hund Gassi und stille das Baby, während ich irgendwie versuche, einhändig Abendessen zu bereiten. Derweil hockt der Kerl im Rippunterhemd und mit der Bierflasche fussballglotzend auf der Couch.

Und morgen, dass schwör ich, tausche ich DEN wieder gegen den richtigen Herrn Chaos ein!