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Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Pachelbels Kanon

Ich hörte ihn, als ich die Damenumkleide in Richtung des gynäkologischen OP-Saales verliess. Stutzte. Stand und lauschte. Nein, kein Zweifel. Er war es – ganz eindeutig. Ich folgte der Stimme den Flur entlang und zur Schleuse, ein kleiner Vorraum, in dem die zu operierenden Patienten in ihren Krankenbetten hereingeschoben und auf die entsprechenden OP-Tische weiter verteilt werden. Ein menschlicher Umschlagplatz. Und da, in einem gerade hereingefahrenen Bett sass er, so, wie ich ihn immer sofort in Erinnerung habe, wenn irgendwo das Stichwort “Weihnachten” fällt:

Mr. Pawlowski!

Es ist Jahrzehnte her sein, das meine Eltern mich im zarten Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren in das winzige Altbauzimmer geschleift hatten, in welchem Mr. Pawlowskis Musikschule ansässig war, eine halbe Ewigkeit, als ich ihm damals zum ersten Mal ins Gesicht blickte, wofür ich den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, denn Mr. Pawloswski war ein Mann wie ein Baum. Ich blinzelte ein bisschen bockig nach oben, denn keiner hatte mich gefragt, ob ich überhaupt hier sein wollte, aber als mein Blick endlich den weiten Weg über die braune Cordhose, das karierte Hemd und den weissen Vollbart hinauf, bis hin zu den freundlich blinzelnden, wasserblauen Augen geschafft hatte, die mich hinter einer randlosen Nickelbrille heraus betrachteten, stockte mir der Atem. Der Weihnachtsmann! Man hatte mich zum Weihnachtsmann gebracht. Im Juli!

Nur mit Mühe war es meiner Mutter damals gelungen, mich dem gutmütigen Mr. Pawlowski wieder vom Bein zu entfernen, an welches ich mich geklammert hatte, wie Koala an den Eukalyptusbaum. Hier war der Weihnachtsmann und ich glücklich.

Ich lernte also Klavier spielen, und obwohl meine absolute Talentfreiheit die Geduld des gutmütigen Lehrers auf eine schwere Probe gestellt haben mag, endete mein Unterricht erst, als mich das Medizinstudium ans andere Ende des Landes verschlug. Was nichts an der Tatsache änderte, das ich bei jedem Weihnachtsmann, real oder fiktiv, immer sofort das Bild meines alten Musiklehrers vor Augen hatte. Und hier sass er nun also – lag, besser gesagt, in einem unserer Klinikbetten, und sah dabei aus, wie Santa Claus nach acht Wochen Null-Diät und einer immer noch wütenden, schlimmen Magen-Darm-Geschichte: Abgemagert und krank.

“Das geht nicht, Mr. Pawlowski, wirklich, sie können die Geige nicht mit in den OP-Saal nehmen. Sie ist nicht steril

Oberschwester Ottilie versteht absolut keinen Spaß, wenn es um ihren OP und die Sterilität der darin befindlichen Dinge geht. Ganz egal, ob es sich bei “Dinge” um ein chirurgisches Instrument, den Chefoperateur oder eben die Geige eines alten Musiklehrers handelt.

“Aber sie muss mit hinein – ich nehme sie überall mit hin!”

Auch Mr. Pawlowski ist absolut spassbefreit, was die Geige betrifft. Sein tiefer, wohltönender Bass mit dem schönen, weichen Akzent der Südstaatenamerikaner war freundlich aber bestimmt. Ich beschloss, mich an dieser Stelle einzumischen.

“Mr. Pawlowski – was machen sie denn hier?” Erstaunt wandt er den Kopf und ein überraschtes Lächeln glitt über sein ausgemergeltes Weihnachtsmanngesicht. Was für eine saublöde Frage aber auch – was wird man wohl in einer OP-Schleuse machen? Für Hackfleisch anstehen?

“Josephine? Was in aller Welt machst DU hier?”

Wir fielen uns in die Arme und drückten uns fest und lange, wobei mir bewusst wurde, dass ich ihn seit einer wirklichen Ewigkeit nicht mehr gesehen oder auch nur eine Weihnachtskarte geschickt hatte. Das schlechte Gewissen musste mir auf der Stirn geschrieben stehen, als ich mich aufrichtete und den Mundschutz gerade schob. “Ich arbeite hier!” murmelte ich und wurde ein bisschen rot unter Ottilies Blick, die mich von der Seite musterte, als hätte ich tatsächlich Mr. Santa Claus geküsst.

“Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs” grinste er beinahe schelmisch, als ginge es um einen guten Witz und nicht die größte Scheisse der Welt. Der alte Mann war heute hier angetreten, um seine letzte, halbwegs reale Chance wahrzunehmen. Whipple OP. So simpel der Name, so umfangreich die Operation. Am Ende blieben den Patienten meist nur noch Fitzelchen der Organe, die sie vorher zum Verdauen und Produzieren wichtiger Botenstoffe gebraucht hatten. Und auch die Lebenserwartung war im Anschluss an solch einen Monstereingriff nur marginal verlängert. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wie auch immer – Mr. Pawlowski war nicht geneigt, diesen schweren Weg ohne sein geliebtes Instrument zu gehen – er hing an der Geige, wie andere Menschen an ihrem Hund. Oder Kind. Vielleicht mehr, als manch einer an seiner Frau.

“Ottilie” versuchte ich es jetzt im Bettelmodus “kannst du nicht ausnahmsweise mal ein Auge zudrücken?” Und zwinkerte heftig mit den Augen, in dem irrigen Glauben, dass könnte irgendetwas positives bei der kleinen, alten OP-Schwester anstossen.

“Hast du etwas im Auge, Josephine?” kam es knapp zurück. Fehlversuch auf der ganzen Linie. Ottilie stand wie das in Stein gemeißelte Sterilitäts-Manual vor mir und schüttelte nur missbilligend den Kopf. Super, Josephine, du warst auch schon mal besser in Form.

“Vielleicht kann ich sie ja umstimmen – wenn ich ihnen etwa ein kleines Lied vorspiele?”

“Nun” hob Ottilie an und reckte die Brust ein wenig nach vorne, als wolle sich sich wappnen für den anstehenden Kampf “es gibt da tatsächlich etwas…”

Verdammt, Ottie, mach es doch nicht so spannend – sonst können wir uns den Whipple gleich sparen

Pawlowski liess sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Freundlich blinzelnd öffnete er den alten, abgewetzten Violinenkoffer, und zum Vorschein kam “the little Lady”, wie er die Geige liebevoll nannte. Tausende Male hatte ich ihn auf diesem Instrument spielen sehen – die Musik, welche die beiden zusammen hervorbrachte, war absolut geeignet, selbst den Fürsten der Finsternis zum heulen zu bringen. Er wusste das. Und ich wusste es auch.

“My Dear – bitte – haben sie ein Lieblingslied?”

Ottilie schaute verdriesslich. Erst auf die Uhr, dann zur Geige und wieder zur Uhr. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Ja, es war spät – 8.13 Uhr schon, und ein OP-Tag begann immer pünktlich um 8.15 Uhr, Montag bis Freitag, komme was wolle. Die ersten Kollegen der diversen Fachrichtungen, Schwestern, Pfleger und Fahrdienstmenschen hatten sich bereits neugierig versammelt. Einen Geigenkoffer samt Inhalt bekommt man auch im OP nicht alle Tage zu sehen.

“Ich mag diesen Kanon”  murmelte sie nun zögernd und pickte sich in höchster Konzentration zwei imaginäre Fusseln vom OP-Hemd.

“Weiter so, Pawlowski” ich formte die Worte lautlos, meine Hand bildete das Victory-Zeichen hinter Ottilies gesenktem Kopf “gleich hast Du sie!”

“Einen Kanon?” Interessiert beugte Pawlowski sich nach vorne “Welchen Kanon?”

“Pachelbel” Entschlossen hob die alte Schwester den Kopf und blickte den Musiklehrer nun freimütig direkt in die Augen. “Pachelbels Kanon. Den mag ich!”

Na klar doch – wer liebt dieses Stück nicht? ICH liebe Pachelbel. Und alle anwesenden Frauen im stickigen OP-Vorraum nickten einvernehmlich mit den Köpfen. Pachelbel war super. Daumen hoch.

“Ausgezeichnete Wahl” stimmte nun auch Pawlowski zu “aber sie wissen ja – Kanon bedeutet mehr als eine Stimme. Zumindest zwei, besser vier, also…”

Ich kann helfen” meldete sich plötzlich eine bekannte Stimme aus dem OFF “ICH kann den Kanon spielen!”

Verwirrt drehte ich mich in Richtung der chirurgischen OP-Säle, aus der das Rufen kam und tatsächlich, mit in die Höhe gereckten Zeigefinger kam der Kollege Luigi angehopst, als gäbe es Frei-Schokolade.

“DU?” riefen Ottilie und ich verblüfft im Duett. “DU kannst Geige spielen?” Jetzt war ich platt.

“Nee, doch nicht Geige” grinste Luigi frech und schüttelte Pawlowski die Hand, als träfe er einen alten Bekannte “Moin, lieber Pawlowski. Warum haben sie nicht gleich gesagt, dass sie noch ein kleines Privatkonzert schmeissen wollen – dann hätte ich mein Klavinova eingepackt”

Und zu mir und der OP-Schwester gewandt: “Klavier. Ich spiele Klavier! Mama hat immer gesagt Junge, spiel ein Instrument und du kannst jede Frau haben, die du willst

Gott, was hat unser Italiener für eine kluge Mutter.

“Hervorragend” frohlockte nun auch Pawlowski “Aber wo bekommen wir nur ein Klavier her? Und mehr Geiger?”

“Er hier” schon wieder eine Stimme aus dem Hintergrund. Die Menge reckte die Köpfe. Tatsächlich: Menge. Das Schauspiel hatte sich nämlich – wie in jedem guten Krankenhaus üblich – in Windeseile über alle Abteilungen verbreitet, und so war jeder, der Laufen konnte, in den OP-Bereich gestürmt gekommen, um zu sehen, ob der alte Mann seine Geige mitnehmen durfte oder nicht.

“Er hier kann Geige spielen!” Die Rufe wurden lauter, und dann kam er, die Menge teilend wie Moses einst das rote Meer: Ben Oppenheimer

“DU?” brüllte jetzt die Menge im Chor, denn ganz sicher hätte keiner für möglich gehalten, dass der große, stille Gefässchirurg ein heimlicher Geigenvirtuose sein könnte. Ben war im letzten Jahr der Facharztweiterbildung und wenn ich mich sehr anstrengte, kam ich auf gerade mal eine Handvoll gewechselter Worte zwischen mir und dem langen, schlaksigen Kollegen. Nicht, dass Oppenheimer besonders unsympathisch wäre, ganz im Gegenteil. Wir hatten nur gefühlt so viel Gemeinsamkeiten, wie Froschlaich und Wüstenschlangen.

Ben stand nun ein wenig unschlüssig neben Pawlowskis Bett, während der Alte ihm freudestrahlend die Hand schüttelte. “Großartig, mein Freund, Pawlowski, freut mich sehr. Sie kennen Pachelbel?”

“Sicher” Oppenheimer nickte knapp. Wie ich bereits sagte – kein Mann großer Worte.

“Und wie lange brauchen sie wohl, um an ihre Geige zu gelangen?” Ich konnte förmlich spüren, wie die Menschen gemeinschaftlich den Atem anhielten.

“Liegt in meinem Auto. Habe Probe heute!”

Hallelujah! Gelobt sei der Schutzheilige des guten Timings.

“Gut – dann holt Oppi jetzt seine Möhre aus dem Auto und ich leihe mir das Kapellenklavier aus!” Sprachs und hopste glücklich davon – Luigi, Mann der Tat!

In der Schleuse war derweil der Teufel los – wie in einem aufgescheuchten Bienenstock surrte und summte es, Telefone wurden gezückt und Kollegen informiert, die Türen zur Umkleide öffneten und schlossen sich im Akkord, während Luft und Stehplätze allmählich knapp wurden. Gefühlt das halbe Krankenhaus hatte sich versammelt und harrte geduldig dessen, was da kommen sollte.

Um Schlag 8.30 Uhr war es endlich soweit – die Instrumente herbeigeschafft und angetestet, der letzte Platz besetzt. Es wurde gar die Tür zum OP-Eingang weit geöffnet, um den davor stehenden Menschen zumindest das Vergnügen des Hörens zu bereiten. Mr. Pawlowski hatte sich aus seinem Bett hoch gerappelt und Ottilie persönlich steckte ihn in einen OP-Überzieher, damit er den Kanon nicht im hinten offenen OP-Hemd spielen musste.

 (JETZT Musik anmachen -> YouTubeVideo, siehe unten – DANN weiterlesen!)

Im Vorraum des Saales war es trotz der Masse an Menschen so still, man hätte die berühmte Nadel ohne Probleme zu Boden fallen hören können. Pawlowski und Oppenheimer standen stumm, die Instrumente ans Kinn gehoben, den Bogen im Anschlag, wie zum Salut, während sie darauf warteten, dass Luigi das Intro gab. Der kleine, dicke Italiener wiederum sass glückselig lächelnd an seinem der Kirche entwendeten Stage-Piano, als warte er auf ein Zeichen des Herrn persönlich. Lustigerweise war ich offensichtlich nervöser, als Luigi selbst. Absolut unbegründet, wie sich gleich herausstellen sollte.

Der kleine Chirug schien sein Zeichen erhalten zu haben, denn mit einem Mal bewegten sich die Finger mit einer Zartheit über die schwarz-weiss glänzende Tastatur, als wolle er Blumen streicheln. Oder Babyvögel. Und wie in einem besonders schönen Traum begannen er und das Instrument unter seinen Händen das Ostinato zu formen. Erst leise, beinahe schüchtern, dann selbstbewusster, und noch während sich die Folge des Basslaufes wie ein Band tropfender Töne durch den Raum zog, erwachten die Geigen aus hölzernem Schlaf, schienen sich zu strecken und räkeln, bevor sie sich, an Lautstärke gewinnend, ihren Weg durch die Partitur bahnten.

Es war wie der Tanz zweier Liebender, die sich – zurückhaltend erst – umkreisen, wiegen, im völligen Gleichklang der Melodie. Wie sie einander zart berühren, nur um gleich wieder voneinander zu lassen, sich weiter drehen, immer gehalten und getragen vom endlosen “dummdummdumm” des Ostinatos. Und dann, mit einem Mal, löst sich Pawloskis erste Geige aus dem Gefüge der Einheit, bahnt sich tirilierend den Weg die Tonleiter hinauf, rastet ein wenig, bevor es in neuem Tempo weiter geht, schneller jetzt, fordernder, höher hinauf. Und die zweite Geige folgt, springt in ihrer Tonfolge der ersten hinterher, als wolle sie sie einholen, erreicht sie wirklich, und beide drehen nun in neu gewonnener Einheit eine Runde auf dieser Harmonie, berühren einander sachte erneut, bevor sie in perfektem Dreiklang zerspringen.

Auf Mr. Pawlowskis Gesicht war die Sonne aufgegangen. Vollständig verpackt in diese wunderbar süsse Harmonie, dem auf und ab der Bassfolge, wog sein armer, ausgemergelter Körper sich sachte hin und her, und es schien, als bewege der Bogen die Hand des alten Meisters, nicht die Hand den Bogen.

Im dann folgenden Solo des kleinen Italieners waren die beiden Geigen nur als sachte, flatternde Tonabfolge im Hintergrund zu erahnen, während Luigi alles gab, was das kleine Piano zu geben bereit war. Leicht und mühelos flogen seine Finger über die Tastatur, fanden sicher immer den richtigen Ton, immer die richtige Stärke. Sein dunkelgelockter Schopf gab den Takt vor, brachte das kleine Italienerkinn zum vibrieren und das goldene Kreuz im Ausschnitt seines OP-Hemdes zum blitzen. Ehrfürchtig hielt ich die Luft an, während mir die Tränen, dicke Schlieren im Morgen-MakeUp hinterlassend, übers Gesicht rollten.

Nach der Reprise, in der jedes Instrument noch einmal alleine zeigen durfte, was es konnte, in der Luigi die Tasten liebkoste, und die Geigenbögen ihren Weg über die Seiten zogen, machten sich schließlich alle gemeinsam bereit für die Coda, das große Finale. Aufrecht standen die Geiger nun im Raum, wogen sich im Takt der Töne hin und her, während Luigi dem Piano weiter liebevoll das Ostinato-dummdummm entlockte, und ein letztes Mal zauberten ihre Bögen diese sehr hohen Töne, klar und rein wie Gletscherwasser.

Und dann, als versinke die Sonne hinter den Bergen, ein letzter Gruß majestätischen Goldes, dann feuriges Rot – und mit dem warmen Blau der heraufziehenden Nacht verklang der letzte Ton in den Weiten des OPs, so unwirklich und wunderbar, wie er gekommen war.

Der Applaus, der kurze Zeit später aufbrandete war ohrenbetäubend. Feierlich verneigt sich das Trio nach allen Seiten und selbst dem spröden Ben zuckte ein Lächeln über die Lippen. Dann schüttelten sich die Männer gegenseitig die Hände und klopften sich die Schultern wie alte Freunde, während das Publikum sich klammheimlich die Nasen putzte und die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Acht Stunden später kam Luigi müde aus Saal V, Chirurgie geschlichen, mit dem Geigenkasten im Arm und Tränenflecken auf dem OP-Hemd.

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Hypnose-Kröte! Oder: Das “Who is who” chirurgischer Operationssäle…

So – nachdem jetzt von mehreren Seiten Bedenken bezüglich des Urheberrechts kamen, habe ich diese wunderbaren Text – der, wie ich gerne erneut und ausdrücklich wiederholen NICHT von mir, sondern dem Kollegen Hypnose-Kröte stammt, dessen Blog leider nicht mehr existent ist – wieder heraus genommen. *EwigerSchachtelsatzOff*

Hypnosekröte – komm wieder! Ich glaube, Du bist super :)

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! – “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” – Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————