Tag-Archiv | Notsectio

Circus HalliGalli…

„Mom? Mom! MOM!?“

„Hmmmmmm…..?“

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

„Mom!“ wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. „Was tust du?“

„Rückenschwimmen“ murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

„MOM!“

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als „geduldig“ bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

„Was.Ist?“

„Warum schläfst du?“

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

„Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

„Warum schläfst du?“

„Weil ich müde bin?“ Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

„Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?“

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

„Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?“

„Ah. Okay…!“ Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

„Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?“

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

„Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?“

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

„Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!“

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

– Cheerleader – „Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!“ *PomPomsSchwing* ,

– die Mutterflüsterer – „Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?“. Es gibt

– die Schreier – „Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

– die leisen Menschen – „Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.“.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

„Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: „Super! SUPER! Das machen sie SUPER!“

O-Helga *streng*: „Josephine – Klappe!“

Ich *kleinlaut*: „Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?“

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: „Jaaa…….!“

Ich *hibbel*: „Hmpffffff….“

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: „(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?“

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält „Mehr oder weniger“ brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und „schlechtes CTG“ vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

„Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!“ flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

– Brennen in der Scheide.

– Herpes in der Scheide.

– Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

– Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

– Brennen beim Wasser lassen.

– Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

– Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der „mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!“ hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können „Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!“ Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: „Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!“

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

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T Minus 8

„JOSEPHINE – KREISSAAL!“

Ich hab den Hörer noch nicht richtig am Ohr, als am anderen Ende der Leitung schon wieder aufgelegt ist. Trotzdem ist alles ganz klar – glasklar! Ich brauche 4,6 Sekunden bis zum Kreißsaal, aber hören kann ich es schon auf dem Weg dahin. In Sekunde zwei-einhalb:

*TOOOOOOOOOOCK…..TOOOOOOOOOOOOCK……TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCK………….*

Das „O“ des letzten „Tock“ zieht sich so erschreckend in die Länge, dass ich fürchte, es könne den Kreißsaal verlassen haben, bevor ich dort eingetroffen bin. Das ist NICHT die richtige Frequenz für kindliche Herztöne, das ist noch nichtmal die richtige Frequenz für ausgewachsene Menschen…. – beim „ck“ steh ich bereits vorm Kreißbett, wo Soli gerade Partusisten (=Wehenhemmer) in die Frau schiesst.

„Okay – was los?“ Mein Blick wandert zum CTG-Streifen – bäh, unschöne Badewanne das! Von wohltuend normalen 140 (Herz)Schlägen pro Minute haben wir in den letzten 50 Sekunden fast die Hälfte eingebüßt.

Ich: „Wehe?!“

Eine Dauerkontraktion kann schonmal die Herztöne in den Keller schicken. Wehenhemmer hilft da. Meistens. Jetzt nicht.

Soli: „Nee – keine Wehe!“

Ich: „Blut?!“

Eine Vorzeitige Plazentalösung macht schlechte Herztöne…. – Gemeinschaftlich heben wir die Decke über der Schwangeren an – nein, kein Blut…?!

Ich: „Nabelschnur!“

Soli: „Nein – hab schon untersucht. Keine Nabelschnur!“

Gemeinschaftlich schauen wir nochmal wie angenagelt auf die Herzton-Kritzelkratzel-Kurve. 70 SpM – Tendenz eher fallend. Soli hat zwischenzeitlich auch den Rest des Wehenhemmers in die Vene gegeben – ohne nennenswerten Erfolg.

Ich schaue auf die Uhr – es ist T-8

„Frau Not, dem Baby geht es im Moment leider nicht so richtig gut – wir fahren sie jetzt schnell in den OP und holen den Muckel raus. Alles klar?“ – für eine lange Gegenantwort bleibt leider keine Zeit. Während Soli das Bett vorne und ich hinten anpacke, erfolgt der Anruf bei Dr. Klitschko, meinem Hintergrund:

Ich: „Klitschko? Notsectio! Alles klar?“ – Klitschko ist Russe. Und der russische Mann per se ist kein Kerl großer Worte. „Daa! Icch komme!“

Noch während wir über den Flur schlingern, Anruf Nummer zwei – der OP ist da schon eher in Debattierlaune –  ob es denn eine eilige oder eine richtige Notsectio sei?

„Halllooooo? Es ist eine richtig eilige Notsectio!!!“ Vollpfosten!!!

Der Gasmann wiederum kapiert es schneller “ ‚Schbin hier – komm rüber!“ Worauf du sowas von Gift nehmen kannst…

T-4

Anästhesie und Springer packen die Frau vom Bett auf den OP-Tisch, während ich nach der 3-l-Desinfektionsflasche greife und die Hälfte des Inhalts über dem schwangeren Bauch meiner Patientin, der Instrumentenschwester sowie dem dreiviertel Tisch verteile.

„Handschuhe!?“ – Lieblings-OP-Schwester Darling ist bereits zur Stelle, hält auf, routiniert wie immer – Rechte Hand, linke Hand.

Jetzt Auftritt Anästhesist!

Der Betäuber ist ein alter Knochen – eins-zwei-drei-Schnorchel drin. Träumchen! Ein Grunzen, Kopfnicken in meine Richtung – ich kann!

T-1

SCHNITT!

„Nicht zu knapp – langes Wühlen nach dem Kopf kannst du dir nicht leisten, Josephine“. Die Frau ist schlank – dem Herrn sei dank. Mit drei, vier Skalpellstrichen bin ich auf der Muskelfaszie – einschneiden, Skalpell zurück.

Jetzt den Finger in die Ecken und ziehen – die Muskeldeckschicht gibt widerwillig nach und den unter ihr liegenden Bauchmuskel frei.

„Mitte suchen – Mitte suchen – ICH HAB SIE…“ 

Mit den Zeigefingern eingehakt und in entgegengesetzte Richtung auseinandergezogen. Rosig-glänzend schimmert Darmschlinge unter milchigem Bauchfell. Jetzt schnell ein Loch hinein gebohrt und alles manuell ordentlich erweitern – 45 Sekunden nach Schnitt bin ich meinem Ziel ganz nah.

Rot und warm und glänzend liegt er vor mir – der Uterus. Ein vorsichtiger Schnitt, nicht mehr als 2, 3 cm, im unteren Drittel des riesigen Muskelsackes. Dann noch einer. Und tiefer. Noch ein bisschen. Noooch eiiiiiin kleiiiiines… DA! Fruchtblase. GEPLATZT!!! Mit einem satten „Bloppp“ schwappt dickgrünes Fruchtwasser ins OP-Tuch.

Vorsichtig erweitere ich den Schnitt mit den Fingern nach rechts und links, schiebe nun vorsichtig meine rechte Hand in die Tiefe. Spüre ein Ohr, taste das Köpfchen. Noch ein Stück, um den Scheitelpunkt. Das andere Ohr… . Durch leichtes Anwinkeln der gebeugten Hand lupf ich den Babykopf aus dem kleinen Becken und bringe ihn auf Spur.

„JETZT!!!!!“

Darling schmeißt sich von oben auf den Fundus, dort, wo der Po des Babys unter der Uteruskuppel klemmt. Und drückt. Drückt mehr. Und dann – ploppt zuerst ein griesgrämig verzogenes, dunkelgrün verschmiertes, kleines Babygesicht heraus und mit leisem Schmatzen folgt in einem Rutsch – der kleine Frosch.

Bisschen schlappi ist er, der Bengel. Und schreit auch garnicht wirklich. Beim Abnabeln dann plötzlich ganz klar, wer schuld an all dem Chaos ist: Der miese NABELSCHNURKNOTEN! Echt und mittelfeste zugezogen. AuWeia. Ob das mal gut gegangen ist…?!

Hektischer Blick zur Uhr – wie spät war es nochmal gleich, als wir noch drüben standen und ein bisschen wie angenagelt auf die CTG-Badewanne geglotzt hatten. Zuviel Zeit vertan? Zu lange gewaschen? Zu viel gequatscht? Nicht schnell genug operiert?

Mir läuft das Wasser in Strömen den Körper runter – vom Scheitel über Gesicht und Nacken. Vorbei an dem, was Frau so trägt, bis in die Schuhe. ICH BIN KLATSCHNASS geschwitzt, ich schwöre! Und es wär schön, wenn jetzt mal langsam ein Oberarzt käme. Oder meine Oma. Wenigstens ein Stück Schokolade oder so…

Es sind gefühlte T+150 Minuten, als erlösendes Gequäke aus der Schleuse ertönt. Soli streckt nur kurz den Kopf zur Tür herein und den ausgestreckten Hebammendaumen nach oben.

Dr. Klitschko erscheint pünktlich zum Begutachten der Hautnaht. Und ich habe es tatsächlich auf EE-T8 gebraucht – Entscheidungs-Entbindungszeit: 8 Minuten. Mama und Baby geht es gut. Und ich brauche jetzt dringend eine gute Tafel Schokolade…

Und täglich grüßt das Murmeltier: NOTSECTIO!!!

Kennt ihr den Film? Mann wird jeden Morgen zur selben Uhrzeit vom selben (Radio-)Weckergeräusch geweckt und es ist IMMER-IMMER-IMMER Murmeltiertag???

So in etwa komme ich mir gerade vor: 5. Wochenende in Folge, immer wieder werde ich neben Gloria-Victoria (der Hebamme) wach, und immer wieder ist irgendwo ganz gehörig der Bär am steppen…

12 Uhr – ich betrete den Kreißsaal zur Übergabe, in Zimmer Nummer 1 Frau Müller-Schmidt, erstes Kind, mittelprächtige Wehen. Muttermund 3-4 cm, kein wirklicher Geburtsfortschritt, allerdings hat es sich auch noch nicht wirklich eingeweht. Die Anordnung lautet Tropf, dann schauen was passiert. Rehlein übergibt mir aufatmend den Funk und verabschiedet sich ins Wochenende – ich wetze auf die Onkologische, wo zwei Frauen am Chemo-Tropf hängen.

Die Eine, Frau Glück, ist eine typische LAD in GAZ (=Liebe Alte Dame in Gutem AllgemeinZustand, Quelle: „House of God“). Geduldig und immer freundlich absolviert sie ihren vorgeschriebenen Chemofahrplan und hat auch unter erschwerten Bedingungen (zwei Carcinome in 5 Jahren) ihren Humor nicht verloren.

Die Andere, Frau Schwarz, ist – umgänglich formuliert – ein bösartiger Drache. Die Sorte Patient, welche man am liebsten von hinten sieht, und selbst dann nur ungern. Gut, sie hat Krebs, gut, die Chemo ist schei**e – aber HALLO!!! Leben ist kein Ponyschlecken und rezidivierend schlechte Laune gepaart mit absolut inkompatiblem Sozialverhalten ändert daran leider genau GAR NICHTS!!! Aber Frau Schwarz ist sich selbst nunmal der Nabel der Welt, und egal wie man etwas macht – es ist niemals gut genug. Die Übelkeit ist nur bei IHR so besonders übel, die Narbe ist nur bei IHR gar nicht schön, die Schmerzen sind nur bei IHR besonders schmerzhaft und überhaupt ist alles ganz furchtbar! Also ist Frau Schwarz schlecht gelaunt – tagein, tagaus – und benimmt sich dabei hochgradig ungerecht zu ihrem stoisch dabei sitzenden Ehemann (was soll der arme Kerl auch anders sein als gnadenlos abgestumpft), dem Chemo-Pfleger, der nett plaudernden Frau Glück – und natürlich mir. Wie gut, daß ich nur noch einmal her und dann ganz dringend woanders hin muß – ich könnte sonst wahrhaftig auch mal unsachlich werden…

Muss ich aber nicht – denn die Ambulanz läuft gerade voll und so gibt es jede Menge, womit ich meinen frisch angestauten Ärger wieder los werden kann. Allen voran ein ausgedehnter Genito-Labial-Abszeß (auf deutsch: riesen Eiterbeule im Schambereich) einer sehr aufgehübschten aber dennoch deutlich vorgealterten Mitt-Vierzigerin. Lecker! Ich parke Frau Obermann-Pick bequem auf meinem Gyn-Stuhl, halte die übliche Vorrede (das Lokalanästhesie in entzündetem Gebiet nicht wirklich greift, daß dafür das Pieksen mit der Nadel (zur Anästhesie) fast genau so schlimm wie das Einschneiden mit dem Skalpell sei und ich deswegen auf Spritzeninfiltration zu verzichten gedenke!). Frau Obermann-Pick ist extrem verständig, obendrein einsichtig und nickt mein Vorhaben ab. Lediglich ihr Teint wird plöztlich eine ganze Schattierung heller…

Ich sezte also mein Skalpell an den gut haselnussgroßen Abszeß, schneide beherzt 0,5 cm ein (wohlweislich begebe ich mich vorher aus der Schußbahn – wer schon mal Flugeiter an der Backe kleben hatte, macht den Fehler kein zweites Mal…) – und merke, wie ich selbst augenblicklich die Farbe wechsel: Ein Atherom!!! Das ist eine Talgzüste – Grützbeutel – Balggeschwulst – WHATEVER!!! Auf alle Fälle EKLISCH!!!!!

Ich kann echt alles – in Eiterbeulen schneiden, versiffte Wunden spülen, 2 Jahre alte Tampons (ich schwöre!!!) und anderes, mieses Zeug aus hinteren Scheidengewölben fischen – alles kein Problem. Ich war auch die einzige Studentin, die im Studium während der Section der Wasserleiche NICHT nach draußen gehen mußte! Aber Atherome… *BÄHBÄHBÄHBÄHBÄH*

Diese Dinger sind Talggefüllte Zysten, und das was raus kommt stinkt so ABARTIG nach Talg und …. *MirWirdÜbel*

Da häng ich nun also mit dem *IchDarfGarNichtDranDenken* und drücke und es quillt und ich würde mich am liebsten vor die Füße der Frau übergeben – macht man aber nicht, SO hat man uns das nicht beigebracht!!! Also quält sich die arme Frau auf dem Stuhl und ich mich davor, und noch während ich überlege, mich einfach einer wunderbaren, lang anhaltenden, tiefschwarzen Ohnmacht hinzugeben – klingelt der olle Bimmelkasten! Und Frau Schwarz ist dran (wir erinnern uns – Frau Chemo vom Mittag!)!

„Die haben das Zeug nicht!!!“ *BrülltInsTelefon*

Ich (vorsichtig durch den Mund atmend): „Frau Schwarz – ist gerade ganz schlecht!“ (MIR ist gerade ganz schlecht, aber das wird sie garantiert am wenigsten interessieren!!!)

Sie (etwas lauter): „Die haben das XYZ-Medikament nicht in der Apotheke!!!“

Ich (schwer durch den Mund atmend): „Frau Schwarz, schreien sie nicht so – ich höre hervorragend! Was bitte soll ICH denn jetzt tun?!“

Sie (immer noch laut): „Ja – BRAUCH ich das denn überhaupt???“

Sicher braucht sie das – es ist ein Antiemetikum (Anti-Brechmittel), gegen die Nebenwirkungen der Chemo. Und wenn sie nicht will, daß es ihr bald genauso schlecht ist, wie mir gerade, dann wäre es schon angebracht, daß Zeug zu schlucken.

Sie (ungebremst in ihrer Lautstärke): „Ja – aber die Chemo halt ich sowieso nicht bis zum Ende durch!!!….“

Nee, Aus, Halt, Stopp!!! An dieser Stelle beenden wir das Thema, denn genau an diesem Punkt landet jede Woche jeder Arzt, der es wagt, Frau Schwarzens inneren Kreis zu betreten. Denn die Patientin ist sich zu 1000% sicher, daß die Chemo lediglich (von uns, an diesem Krankenhaus tätigen Ärzten) erfunden wurde, um SIE zu ärgern. Genau wie wir uns auch garantiert die Sache mit ihrem Krebs ausgedacht und ihr dann irgendwie angehext hatten. Aber ich kann und will jetzt nicht zum wiederholten Mal die Leier vom Chemo-Abbruch bringen (das sie sich die ersten Zyklen dann auch hätte aufs Treppengeländer legen können…) – und beende das Gespräch bestimmt und SEHR BLASS um die Nase an genau dieser Stelle. Und noch während Frau Obermann-Pick (die Frau mit dem Atherom *BrechmittelEinwerf*) glücklich und fast beschwerdefrei meine Ambulanz verlässt, weiß ich nicht, ob das heute nochmal was mit mir wird. WEICHEI!!!

Doch dann stelle ich zum wiederholten Male fest, daß der Körper eine unglaubliche Geschichte ist: Könnt ihr (Mediziner) euch noch an die Vorlesung über Adrenalin erinnern? Und was es so macht und nicht macht? Ich habe es GEHASST, denn ich konnte mir den ganzen sympathischen und parasympathischen Mist nie merken. Nun – in der Praxisanwendung hat man diese Dinge ganz schnell raus: Adrenalin macht Mundtrockenheit, Herzrasen, Schwitzen – und Gastrointestinal wird mal gepflegt alles auf Eis gelegt. Woher ich das weiß? Nun – mein Telefon bimmelt und GV raunt panisch „Kannst du mal KURZ KOMMEN?????“ Und wer jetzt fleißig die Einträge der Vortage gelesen hat, WEISS, daß dies der interne Hebamme-Arzt-Alarmstufe-Rot-Code ist!!!

Im Kreißsaal dann meine Wehen-Patientin mit-ohne richtige Wehen sowie ohne Blutung und ohne Nabelschnurvorfall – dafüraber mit gar keinem schönen CTG. Auch nach Lagewechsel finde ich nichts, was sich verlässlich nach Kind anhört, nur hin und wieder ein bisschen Gepoche um die 80, 90 Schläge pro Minute – doof nur, daß der mütterliche Puls ungefähr dieselbe Frequenz hat… Bolus-Tokolyse (Wehenhemmung) bringt genau gar nichts – und so komme ich ganz flott zur Ultima-Ratio: NOTSECTIO!!!

Ich informiere den OP, die Anästhesie und noch im Rennen den Chef (der schon Zuhause weilt *schluck*), und während die Frau im Mördertempo in den OP gekarrt wird, sprinte ich weiter in den Waschraum, desinfiziere, ziehe Haube und Mundschutz über – und bete ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel, daß ich da nicht ganz alleine rein muß.

Ja, ich mach den Job schon ein paar Jahre, aber auch wenn ganz, ganz, ganz viele Frauen immer wieder behaupten, sie hätten eine Not-Sectio gehabt (und das auch oft fälschlicherweise vom Fachpersonal so erzählt bekommen) – Fakt ist, das echte Not-Kaiserschnitte extrem selten sind, dafür aber eine ganz klare Vorgabe haben: vom Moment der Entscheidung (zur operativen Entbindung) bis hin zur Entwicklung des Kindes sollten nach Möglichkeit nicht mehr als 10 Minuten vergehen.

Okay – schaut auf die Uhr und zählt mit:

– Telefonieren (Hintergrund, OP, Anästhesie)

– Frau von allen unwichtigen Sachen (Klamotten, CTG, Infusionsständer) befreien, ggf. Braunüle legen

– Frau in den OP fahren

– Frau umlagern

– OP-Sieb vorbereiten, Handschuhe, Desinfektion

– Anästhesie einleiten

– Schneiden

– Kind rausholen

Und wenn möglich sollte zeitgleich der (von auswärts kommende) Hintergrund ins Auto springen, zur Klinik fahren, parken, zum OP laufen, Handschuhe-Kittel überziehen. Auch alles innerhalb von 10 Minuten. Und zwar ohne einen Massenunfall zu verursachen oder selbst am Herzkaschper zu versterben.

Wir haben es in genau 10 Minuten geschafft – danach war ich zwar konditionsmäßig so geschwitzt wie nach 2 Stunden Powersport, aber immerhin war mir nicht mehr übel – Adrenalin sei dank! Dem Kind geht es den Umständen entsprechend – hatte sich die Nabelschnur diverseste Male irgendwo hin gewickelt, und sich damit wohl schlußendlich die Sauerstoffzufuhr selbst abgestellt. Der Chef durfte nach 20 Minuten wieder zurück zu seiner Pizza, und auch die Mutter des kleinen Hudini hat zumindest körperlich alles gut überstanden.

Ich versuche jetzt zum wiederholten Mal, mein mitgebrachtes Essen in die Mikrowelle zu schieben – aber irgendwie hört das Diensthandy heut gar nicht das Klingeln auf – ich seh mir jetzt also noch eine 28. SSW mit fraglicher Wehentätigkeit und eine Postoperative mit Gesprächsbedarf an.

20.30 Uhr – ich bin geschwitzt, müde, hungrig und werde dennoch das Gefühl nicht los, ich sei gerade eben erst gekommen! Wo ist nur der Tag hin….*seufz*

VollMon(d)Tag…

7.30 Uhr, ich komme schlecht geschlafen und genauso schlecht gelaunt zum Dienst – im Übergabezimmer absolutes Chaos:

Nachdem wir einige Tage lang ein absolutes Baby-Tief hatten, scheint sich die Situation mittlerweile deutlich entspannt zu haben – zumindest, was die rückgängigen Geburtenzahlen angeht: Gleich drei Frauen befinden sich derzeit unter Geburt!

Frau S., 40-jährige erstgebärende Lehrerin (!!!) am Termin mit regelmäßiger Wehentätigkeit ohne Blasensprung in Kreißsaal 1 mit Hebamme GS (=Goldstück), dann

Frau M., 22-jährig Frau mit Wehentätigkeit am Termin, ebenfalls erstes Kind, im Kreißsaal 2 bei meiner Lieblingshebamme *HUST* Von Sinnen und – aller guten Dinge sind drei –

Frau K., 29 Jahre, auch hier erste Schwangerschaft, erste Geburt, mit Wehen seit dem vergangenen Abend und Blasensprung gegen 5 Uhr morgens, grünes Fruchtwasser, kein Geburtsfortschritt. Hebamme: OsoleMia :)

Unsere personelle Decke an diesem Montagmorgen ist so dünn, daß es mich friert – Schnegge im dienstfrei,Wilma im Urlaub, die Kleine mit OÄ Dr. O im OP, Malucci im Krankenschein,  – bleiben ich, Chef, Klitschko und die Studentin für den Rest. Ich krempel die Ärmel hoch und gehe systematisch die Kreißsäle ab, stelle mich vor, checke Geburtsbögen und Mutterpässe, untersuche Cervixlänge und Höhenstand des Kopfes – und frag mich zum wiederholten Male, WARUM Kinder immer nur gleichzeitig kommen, und dann auch nie schön unkompliziert, sondern nur auf die irre Art..

Frau S. in der 1 ist momentan die unauffälligste von allen Frauen – ihre Wehen lassen sich noch gut veratmen, und sie weist mich auch mehrfach darauf hin, daß sie nicht vor 11 Uhr entbinden könne, da ihr Mann Pilot einer nicht kleinen Fluggesellschaft sei und erst gegen 8.30 Uhr in XY lande. Da sie ihn aber unbedingt bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes dabei haben wolle, sei sie gewillt, notfalls auch solange zurück zu halten, bis er da sei. Nee, is´ klar, mach ma, Mädchen…

Bei Frau M. in der 2 wird es schon schwieriger. Der Muttermund ist mittlerweile bei 5 cm angekommen, Köpfchen kommt tiefer, aber die Herztöne sind immer mal wieder nicht so richtig schön. Gedanklich positioniere ich Frau M. an erster Stelle meiner internen Prioritätenliste und gehe fix weiter zu Frau K. in 3. Diese Schwangere ist eine ausgesprochen hübsche Person, außerdem suuuuuper nett, sehr bemüht niemandem auf die Nerven zu fallen oder irgendjemanden zu stören, und ihr Mann, ein kleiner, blonder Knabe, der mit seiner Nickelbrille aussieht wie „Pfeiffer mit drei „f“, gibt das männliche Pendant dazu. Bisschen problematisch: beide sind ungefähr gleich brutal ängstlich!!!

Herr K.s Gesicht hat laut Solis Auskunft schon seit etlichen Stunden die Farbe einer reifen Wassermelone (die Farbe der SCHALE wohlgemerkt…!!!), und seiner Partnerin steht die absolute Panik ins Gesicht geschrieben. Dabei sind wir noch nicht mal im entferntesten beim wirklich kniffligen Teil der Entbindung angekommen….! Ich erkläre beiden, daß ich nochmal gerne untersuchen würde, um dann zu entscheiden, wie wir weiter verfahren wollten. Das Ergebnis zeigt einen gleichbleibenden Befund seit mittlerweile 2 Stunden: Muttermund 5-6 cm, Köpfchen weit über Beckeneingang, kein Eintreten unter Wehentätigkeit. Das CTG ist zwar ganz schön, aber mit jeder Wehe kommt mir ein Schwall grünes Fruchtwassers entgegen – nur eine Frage der Zeit, bis die Frau explodiert.

Da die Wehen eigentlich sehr suffizient und regelmäßig sind, macht es auch wenig Sinn, einen Tropf anzuhängen, um NOCH mehr Druck zu erzeugen – da würde uns nur irgendwann das CTG aussteigen…. Somit ist die Entscheidung zur Sectio gefallen – und ich habe das Gefühl, daß Frau K. nicht wirklich unglücklich mit dieser Entscheidung ist. Ihr Mann hingegen wechselt gerade die Gesichtsfarbe Richtung Iglo-Rahmspinat…

Somit wird Frau K. also zur Sectio vorbereitet, während ich im zweier Kreißsaal noch fix eine MBU (=Mikroblutuntersuchung. Entnahme eines Blutstropfens vom kindlichen Kopf zur Bestimmung der Sauerstoffsättigung) durchführe – Ergebnis: pH 7,38, also alles im grünen Bereich, wir können los.

Ich will gerade Richtung OP verschwinden, als Goldstück aufgeregt japsend hinter mir her gerannt kommt – Frau S., die Lehrerin hätte jetzt stärkere Wehentätigkeit und möchte bitte SOFORT sectioniert werden….!

Also auf dem Absatz kehrt und zurück in Kreißsaal 1, wo sich die Schwangere gerade laut stöhnend über einer Wehe krümmt, während sie dem Häs-schen (unserer kleinen Famula) mit solcher Kraft die Hand quetscht, daß ich Angst habe, wir müssen die Kleine postpartal den Handchirugen vorstellen…

Ich: „Frau S., sie wollten mich sprechen?“

Sie: „$%%$§*?%&!!§ß?“ (=sie will eine Sectio STAT und der Rest ist zensiert!!!)

Ich: „Wir rufen den Anästhesisten, damit er die PDA nochmal hoch spritzt, und sobald wir den Kaiserschnitt der anderen Patientin beendet haben, sind sie dran!“

Sie: „&%$$?ß?§§§5%&$$§“ (=sie geht nicht wirklich konform mit meinem Vorschlag)

Ich verabschiede mich schleunigst und werfe noch einen bedauernden Blick auf mein Goldstück und datt Häs-schen, die ich leider mit der wild tobenden Frau alleine lassen muß.

Kaum hab ich den OP betreten und mich eingewaschen, als Herr L., die OP-Oberschwester auf mich zugerannt kommt und mir ein barsches „Not-Sectio in Saal 3!“ entgegenbrüllt – was ist geschehen? Frau M. (wir erinnern uns – die Patientin in der 2) hat gerade eine Mega-Badewanne hingelegt. Das heißt: die Herztöne des Kindes haben sich von normalen 110-150 Schlägen pro Minute auf gerade mal noch 60 Spm verlangsamt und auch nach Gabe von wehenhemmenden Medikamenten nicht mehr wirklich erholt.

JETZT heißt es rennen, denn offiziell hat man von dem Moment an, in dem die Not-Sectio ausgerufen wird, 10 Minuten Zeit, bis das Kind geboren sein sollte. Realistisch sind in der Regel 20 Minuten, aber heute morgen klappt alles wirklich wie am Schnürchen, und keine drei Minuten später steh ich mit Chef am Tisch und setze das Skalpell an. Die Patientin ist nicht wirklich zierlich gebaut, aber zum Glück ist es ihre erste Entbindung, so können wir (Grüße an Misgav-Ladach, den „sanften“ Kaiserschnitt) flott stumpf bis auf den Uterus präparieren. 1 1/2 Minuten nach Schnitt hab ich einen erstaunlich fitten Knaben aus dem Uterus der Frau gefischt – als Ursache der abfallenden Herztöne zeigt sich dann auch ein echter Nabelschnurknoten! Whow – DAS kann mal so richtig in die Hose gehen… *schluck*

Nach weiteren 20 Minuten ist die Frau vernäht, verpflastert und zum Aufwachen in den Kreißsaal verbracht, ich will gerade meine OP diktieren, als Goldstück mich auf dem Handy anbimmelt – ich soll schnell kommen, ihre Schwangere sei jetzt nicht mehr Frau S. sondern Frau von Sinnen…

Ich hör sie schon im Eingangsbereich des OPs schreien, dabei ist der Kreißsaal nochmal durch zwei Türen von diesem Bereich getrennt. Und kaum habe ich meinen Kopf zur Tür herein gestreckt, fliegt auch schon eine graue Papp-Nierenschale Frisbee-gleich und nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei gegen die Wand. Goldstück und datt Häs-schen stehen fassungslos starrend zu Füßen der tobenden Furie, die dem tasmanischen Teufel aus „Bugs Bunny“ ähnlich auf ihrem Kreißbett herumwütet.

Sie wolle JETZT sofort einen Kaiserschnitt, und es sei ihr VÖLLIG egal, wer oder was sonst noch alles im OP sei, und ihr Mann hätte UNGLAUBLICH viel Einfluss und kenne GANZ VIELE berühmte Menschen und sie würde uns AUGENBLICKLICH alle verklagen und es würde uns GANZ FURCHTBAR leid tun und außerdem wolle sie DIREKTAMENTE einen Krankenwagen in eine andere Klinik denn hier würde sie AUF GAR KEINEM FALL weiterhin entbinden wollen!!!!!!!

Ich bin sprachlos! Wir fassen zusammen: die Frau hat ein CTG wie aus dem Lehrbuch, der Muttermund war vor einer halben Stunde bei 8 cm, die PDA ist vor 10 Minuten aufgespritzt worden, es gibt überhaupt keinen GRUND, jetzt eilig einen Kaiserschnitt zu machen – und sie tobt hier wie der wilde Willie auf dem Bett herum….?! Ich versuche lautstark, mir Gehör zu verschaffen, was nur zur Folge hat, daß sie mich anbrüllt, ich solle gefälligst die Klappe halten, ich sei ja sowieso total unfähig und ob ich überhaupt Medizin studiert hätte…?! Äh – ja!

Frau K. wartet im OP auf ihren Kaiserschnitt und ich trete fix den Rückzug an – soll sich doch der Chef mit seiner privaten Lehrerin herum schlagen – wofür ist man schließlich privat versichert?

Die nächste Sectio geht nicht ganz so flott, aber genauso komplikationslos über die Bühne. Nach angemessener Zeit hole ich einen kleinen, weiblichen Sternengucker auf die Welt – kein Wunder, das das 3,8kg-Kind seinen Weg nicht durchs Becken seiner zierlichen Mutter gefunden hat! Highlight dieser OP war aber eindeutig HERR K! Nachdem seine Gesichtsfarbe nun chamäleongleich den Farbton der OP-Wand (=weiß) angenommen hatte, liefen die Wetten schon präoperativ auf Hochtouren, ob und wenn ja wie lange es dauern würde, bis er kollabiert. Der Anästhesist kennt seine Schäfchen in der Regel am besten und gewann mit 2 geschätzten Minuten souverän vor der Instrumentenschwester (5 Minuten) und mir (gar nicht kollabieren).

Gegen 10.30 Uhr verlasse ich den OP Richtung Kreißsaal und bin schwer erstaunt, gar kein Gebrüll mehr zu hören…?! Tatsächlich: Frau S. hat all ihre Wut und ihren hormoninduzierten Wahnsinn zusammen genommen, und mit nicht einmal zwei Presswehen ihr 2800g Kind von Beckeneingang auf Beckenausgang durchgepresst. Damm intakt – Mutter und Kind wohlauf.

Als ich kurz darauf vorsichtig meinen Kopf durch die Kreißsaaltür stecke (wer weiß, womit sie als nächstes wirft?!) liegt da eine völlig andere Person: strahlend nimmt sich mich in den Arm, drückt mich dann reanimationspflichtig eine halbe Stunde lang laut schluchzend an sich, um mir danach in nicht enden wollendem Sermon dafür zu danken, daß ich sie zur spontanen Entbindung geführt hätte… (hab ich?????). Außerdem entschuldigt sich sich reumütig für Nierenschale und Schimpforgie, während dat Häs-schen immer noch schwer traumatisiert mit erschrockenem Karnickelblick in der Kreißsaalecke steht, und „Geburtshilfe“ gerade gedanklich von ihrer Berufswunschliste streicht…