Tag-Archiv | Napoli

Der Pate III und Ende

„UNVERSCHÄMTHEIT!! UNFASSBAR!! UNGLAUBLICH!! UNGEHEUERLICH!!!…“

Napolis schwarz glänzender Lockenschopf trieft vor Nässe, während er ununterbrochen weiter auf mich einbrüllt – jetzt vorzugsweise in seiner Muttersprache und schier atemberaubendem Tempo. Interessiert beobachte ich sein sekündlich roter werdendes Gesicht und versuche eher vergeblich, den Spucketröpfchen zu entgehen, die mir zahlreich entgegen fliegen. Wie gut, das der kleine Italiener auch mir nur bis knapp ans Kinn reicht. Soll er ruhig den ollen Chirurgenpyjama vollsabbern, da hängt schon genug anderer Mist drin.

„Signore Napoli, sie werden gleich einen Herzstillstand bekommen, wenn sie sich da weiter so hinein steigern. Jetzt kommen sie mal wieder runter!“

Chef Böhnlein ist ein Vermittlertyp. Auch jetzt, um halb acht in der Früh und mit einem Oberarzt im Status Tobsuchtsanfall.

„Erklären sie mir doch einfach mal in Ruhe, was eigentlich das Problem ist?!“

Also ICH weiß sehr genau, was das Problem des kleinen Macho-Italieners ist: Frauen gehören seiner Meinung nach nämlich samt Spaghetti-Topf an den heimischen Herd und keinesfalls in ein Krankenhaus. Höchstens, um dort kleine, italienische Babys zu gebären, aber keinesfalls zum Arbeiten. Und überhaupt gleich gar nicht als Ärztin. Hah! SO ist das nämlich!

Napoli grunzt wie ein angeschossener Pamplona-Stier und ich befürchte ernsthaft, meinen Gedankengang gerade laut zelebriert zu haben – hab ich aber nicht. Das Schnaufen galt dem Chef. Irgendwie…

„Diese Person…“

Genauso gut hätte er auch absolut unfähiges Wesen sagen können…

„…hat mich völlig unnötig mitten in der Nacht aus dem Bett geholt…

Ich muss gleich ein bisschen weinen…

„…und als ich dann da bin – als ich dann endlich DA BIN

Jetzt überschlägt sich das italienische Stimmchen gerade ein bisschen…

„…ist das Kind SCHON DA!!!

Isses wahr! Angedrohter UND durchgeführter Spontanpartus! Man führe sie zum Schaffott,

Ich verdrehe klammheimlich ein kleines bisschen die Augen und sehe überrascht, wie des Chefs Hautkolorit gerade zügig von zartrosé über mittelrot nach dunkelkarmin wechselt. Nanü – was jetzt?!

Chef: „Napoli – sie wollen mir nicht erzählen, dass wir hier zusammen gekommen sind, weil ihr Nachtschlaf unterbrochen wurde?!“

Böhnleins Stimme bekommt einen beinah unmerklichen Unterton, der genau nichts anderes bedeutet, als absolute Gefahr in Verzug. Weiß ich – kenn ich. Napoli offensichtlich nicht, denn der antwortet völlig arglos und immer noch schäumend vor Wut:

„SI! DOCH! GENAU DAS! DIESE PERSON HAT MICH MITTEN IN DER NACHT…“

„Raus hier.“

Es ist nicht mehr als ein leises, unheilvolles Grummeln, aber gerade deshalb hält Napoli jetzt wohl ernsthaft verwirrt in seinem Sermon inne. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben – der kleine Mann versteht gerade nur Bahnhof.

„Aber Cheffe…?!“

„Cheffe“ hebt nur drohend die linke Augenbraue, als Napoli schon fluchtartig das Zimmer verlässt. Ich folge in gebührendem Abstand und meine aus den Augenwinkeln kleine Rauchwölkchen aus Böhnleins Nase steigen zu sehen, bevor ich leise die Tür hinter mir schließe…

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Der Pate – Teil II

Nachtschlaf im allgemeinen und Dienstschlaf im speziellen wird generell völlig überbewertet. Und so bin ich selbstredend hellwach und sofort da, als um 3.43 Uhr das olle Diensthandy sein immergleiches Lied anstimmt…

*RIIIIIIIIIIIINNNNNG*

What the f****…

Ich: „Hallo?“

Gloria: „Es sieht NICHT schön aus!“

Reden wird auch überbewertet. Wer sieht nicht schön aus? Und warum? Wollen wir etwas dagegen tun? Ernsthaft – jetzt, mittig in der Nacht? Ich brauche geschätzte 30 Sekunden, bevor die Bedeutung von Glorias Worten das Licht in meiner Großhirnrinde angeknippst und ein wenig hell ins Dunkel gebracht haben: Frau Wanne! Das CTG! Alles klar, ich komme jetzt!“

Als mein Bewusstsein das Wort „jetzt“ formuliert, stehe ich bereits im Kreißsaal, denn wenn du als Arzt erst mal ein paar Jahre heruntergerissen und so um die 500 Dienste durchgemacht hast, läuft der Notfallplan völlig autark. Abgelegt unter „Reflex“ im Hirnstamm oder so. Heisst im Klartext: Dein Körper rennt schon mal los, bevor dein Hirn überhaupt weiss, das es wach ist. Tolle Sache, das.

Frisch erwacht, wie Dornröschen, nachdem der Prinz es eine Runde in die Dornenhecke geschubst hat, stehe ich nun also im CTG-Überwachungsraum vor meine blonden Lieblingshebamme, die ihrerseits mit gerunzelter Stirn und unheilvollem Kopfwiegen die Eskapaden betrachtet, die BabyWanne gerade so produziert.

Gloria: „Es reagiert mit!“

Ich: „Nee, is´klar! Gibt es auch ein paar Neuigkeiten?“

Gloria: „Wir sind vollständig!“

Ich: „Werden wir denn auch spontan entbinden?“

Gloria: „Das ist noch nicht ganz klar!“

Es ist zum in die Tischkante beissen: Da sind wir nun so kurz vor fertig, und dieses vermaledeite CTG sieht aus, wie der Himalaya.

Ich: „Okay – lass uns ein bisschen MBU machen und dann Napoli anrufen.“

Gloria: „Du willst die Exekution noch etwas hinausziehen, hm?“

In der Tat. Napoli – ganz abgesehen von seinem aktuellen Brass auf mich – ist kein Freund von Nachtarbeit. Aber Nachtarbeit UND schlechtes CTG UND Brass auf die diensthabende Assistentin fällt eigentlich direkt in die Rubrik „Naturkatastrophe“. Und der kleine Italiener kann sowas von Tsunami sein, ich sach euch…

Also zapf ich dem Kindelein erstmal ein bisschen Blut am Kopf und stelle fest: datt Baby muss ein Kerl sein, es MARKIERT nämlich! Malt eine Badewanne nach der anderen aufs CTG und dabei geht es ihm SUPER! Alles palletti, wir haben Zeit. Zum schlafen beispielsweise. Und weil der Weg zu meinem Dienstzimmer (4. Stock, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen) so verdammt weit weg ist, schleiche ich mich klammheimlich in Kreißsaal Nummero V (uterusrot), den sowieso nie jemand benutzt, weil die Farbe der Wände einen nach spätestens 10 Minuten hochgradig aggressiv macht. Da hat der Innenarchitekt mal toll mitgedacht.

Mein Kopf hat kaum das Stillkissen berührt, als Graham Bells Erfindung schon wieder nervtötend vor sich hin rappelt. Ein Blick auf das Display verursacht augenblickliches Sodbrennen – Nachtschwester Clementine, eine der 7 Plagen, wünscht ärztliche Unterstützung.

Ich (jetzt schon genervt): „JA???“

Ich lausche in den Höhrer und vernehme nichts als schmatzendes Kauen. Dann schlucken. Und schlürfen. Ein Königreich für ein Stück Tischkante – ich bin nur noch nicht sicher, ob ich lieber mein oder doch eher Clementines Hirn dagegen schlagen möchte…

Ich (schwer genervt): „CLEMENTINE?! Ich bin DRAAAAAAAN!!!“

Am entgegengesetzten Ende der Leitung hustet es krümelig – die verfressene Schwester hat sich ganz offensichtlich akut an ihrem Nachtmahl verschluckt. Das wird heute nix mehr mit Nachtschlaf, Josephine, das seh ich jetzt schon kommen…

Clementine (hustend und prustend): „Josephine? Bist du es?“

Nee – es ist der Osterhase. Ich fass es nicht…

Ich: „Wen hast du denn wohl angerufen?“

Clementine: „Na – DICH? Wieso?“

Einatmen, Josephine, und ausatmen. Deine Stirn ist kühl und trocken – alles wird gut!

Ich: „Clementine – WAS LOS???“

Clementine: „Weisst du – Frau Ober-Untermeier wird doch morgen operiert…“

Ich: „Isses wahr…“

Clementine: „Laparoskopie! Weisst du?“

Ich: „Nee, keinen Schimmer. Ist aber auch egal – was WILLST DU?“

Clementine: „Nein, warte – ich war ganz falsch. Frau Ober-Untermeier bekommt gar keine Laparoskopie. Das ist ja Frau Döderlein. Kennst du Frau Döderlein?“

SO müssen sich Hitzewallungen bei beginnender Wechseljahressymptomatik anfühlen. Die Hitze beginnt unterhalb meines Brustbeines als mieses Brennen, breitet sich über Dekolleté und Unterkiefer gleichmässig nach rechts und links bis zu den Ohren aus und findet den finalen Höhepunkt im miesen Ganzkörperschwitzen. Nur das MEINE Hitze nichts anderes ist, als unterdrückte Wut, gepaart mit einem ordentlichen Schuss Schlaf-Entzugs-Verzweifelung.

Ich (verzweifelt): „CLEMENTIIIIIINE!!! Komm zu Potte!!!“

Clementine (schon wieder auf beiden Backen kauend): „Hat sich schon erledigt – Frau Ober-Untermeier ist zur Gebärmutterentfernung aufgeklärt!“

Ich: „Ja – UND???“

Clementine: „Das ist richtig so. Die Laparoskopie bekommt ja Frau Döderlein. Tschüüüs, Josephine, schlaf gut!“

Sprichts und legt den Hörer auf.

Ich bette mein Haupt müde aufs augenkrebsverdächtige Glücksschweinchen-Stillkissen und werfe einen letzten Blick auf die Kreißsaaluhr, welche tausendstelsekundengenau die Zeit ins dämmrige Dunkel von Kreissaal Nummero V (uterusrot) wirft: 4.32 Uhr! Unter idealsten Bedingungen wären das somit noch gute zwei Stunden Schlaf, wenn nicht….

RIIIIIIIIIIIIIIING

Ich schwöre, wäre Mr. Bell nicht schon lange tot, den heutigen Tag hätte er keinesfalls überlebt.

Ich: „JA?“

Gloria: “ Das CTG….!“

Ich: „War klar! Ich bin schon nebenan!“

Zweieinhalb Sekunden später starren wir zum wiederholten Male müde auf die endlos scheinende, grünkarierte CTG-Schlange, die malerisch zu unseren Füssen wallt.

Ich stirnrunzelnd: „Richtig schön ist anders…!“

Gloria: „Richtig schlecht auch…!“

Ich: „Das wird Napoli kaum gelten lassen, wenn wir ihn um diese Uhrzeit aus dem Bett schmeißen!“

Gloria: „Der wird dich sowieso ans Nordtor nageln wollen, selbst wenn du heute Nacht Vierlinge mit einwandfreien Apgar und pHs spontan und ganz allein entbinden würdest!“

Da hat sie Recht….

Ich: „Wann war die letzte MBU?“

Gloria: „Vor dreißig Minuten!“

Ich: „Gut – dann machen wir jetzt eine Kontrolle und DANN rufen wir ihn an. Dann gibt es wenigstens einen aktuellen Zwischenstand!“

Fünfzehn Minuten später….

Gloria (gerade zur Tür herein stürmend): „Was tust du da?“

Verblüfft starrt sie auf das Diensthandy, welches wütend scheppernd auf dem Schreibtisch liegt, während ich – Gummitiere kauend – auf der Couch herumlümmel.

Ich: „Ich brauche Nervennahrung – du auch was?“ einladend halte ich der blonden Hebamme die Tüte vor die Nase, während es weiter blechern aus dem Hörer dröhnt. „FRECHHEIT“ höre ich Napolis verzerrten Bass und „ENTLASSUNG“. Zweimal hat er sich vor lauter Schreierei schon so verschluckt, dass die Stimme nur noch kaum hörbares Quietschen war.

Fassungslos starrt Gloria erst mich, dann das wütende, schreiende Handy und schliesslich wieder mich an, schüttelt den Kopf samt blondem, fluffigen Pony und meint dann: „Und was tut er da drin?“

Ich schüttel achselzuckend den Kopf und schiebe mehr Fruchtgummi nach. „Keine Ahnung. Hat sich erst wach gebrüllt und hält sich nun selbst bei Laune. Er hat mich sogar explizit wissen lassen, welches Kleidungsstück er gerade anziehen muss, nur weil ich zu doof bin, um alleine zu entbinden.

JETZT zieh ich meine Hose an. DANN muss ich meine Schuhe suchen. Und JETZT hab ich meine Kinder geweckt – alles wegen IHNEN!“ – Ächt jetzt, ich schwöre, hat er gesagt!

„Das heisst, er ist jetzt gerade unterwegs hierher und brüllt dich derweil durchs Telefon an?“
„Völlig korrekt! Du hast es verstanden!“
„Und DAS lässt du dir bieten?“
„Mitnichten – deshalb liegt das Telefon ja auf dem Tisch. Eigentlich wollte ich ja gerne auflegen, aber er hat mich nicht zu Wort kommen lassen!“

Ich werfe einen traurigen Blick in meine Tüte – leer! Dann zur Hebamme: „Hast du irgendwo noch mehr Gummizeug?“

„Nein, leider – aber ich habe etwas viel besseres für dich!“ verschwörerisch blinzelt sie mir zu und zieht mich dann euphorisch von der Couch und hinter sich her nach Kreissal IV, hoffnungsgrün, wo wir nur kurze Zeit später Frau Wanne entbinden. Damm intakt, Apgar und pH lehrbuchmässig. Napoli wird mich in meine atomaren Bestandteile zerlegen.

Und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig im Nachbarkreissaal zu verschwinden, als das Unwetter in Form eines kleinen, entfesselten Italieners durch die Kreissaal-Doppel-Schnappschlosstür bricht…

Der Pate – Teil I

Schon mit dem Öffnen der Doppel-Schnappschloss-Tür schlägt mir der wunderbar heimelige Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen.
Ein kurzer Blick ins ‚Aquarium‘, unserem futuristisch anmutenden Zentral-Überwachungsraum, zeigt lediglich ein einziges, lehrbuchgerecht vor sich hin tuckerndes CTG ohne die kleinste Pathologie.

Ich trotte weiter zur Küche, wo Gloria-Victoria gerade, zeitgleich in einem riesigen Pott Kaffee herum rührend, wie festgenagelt auf ihr Handy starrt. Ihre sommersprossigen Bäckchen glühen zart roséfarben und ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen.

Als sie meiner Ansichtig wird, weiten die seegrünen Augen sich vor Schreck auf doppelte Größe:
„Josephine – um Gottes Willen, du siehst furchtbar aus!“

Dieser Tag fängt ja mal ganz großartig an…

„Oh, ja, danke, liebe Ex-Freundin, ich freu mich auch wie Schnitzel, dich zu sehen!“
Glorias freundliche Hebammenbäckchen stehen nun in flammendem Rot während sie hektisch Kaffee in meine Lieblingstasse schüttet.
„Es tut mir alles so leid!“ jammert sie durchaus glaubhaft beschämt und schiebt mir den liebevoll angerichteten Kaffee zu. „Konntest du ein bisschen schlafen heute Nacht – armes Ding du?“

Jetzt tut sie mir doch wieder leid in ihrer offensichtlichen Not und großmütig entschließe ich mich, sie nicht länger hinzuhalten.
GEORGE ist gestern Abend gestorben!“
„Ach sooooo!“ erleichtert bläst GV sich eine blonde Ponysträhne aus dem Auge „Gekocht oder Chinesisch?“
„Chinesisch!“
„Fussmassage?“
„Jepp!“
„Du Glückliche!“
„Hah – glücklich aber abgemahnt sowie arbeits- und OP-los! Und obendrein muss ich die nächsten Wochen permanent aufpassen, dass mich Napoli nicht doch noch mit einem hübschen Betonklotz an den Füssen im See versenken lässt….!“

„OH MEIN GOTT! Glaubst du wirklich, Napoli hat Kontakte zur Mafia?!“ Mit schneeweißem Gesichtchen, die Kaffeepad-großen, schwarzen Augen im krassen Kontrast dazu, steht mit einem Mal Bambi im Raum, das ‚Mafia‘ nur noch ein zartes, atemloses Hauchen.
Still und unauffällig wie immer hat sie sich in die Szenerie geschlichen und gerade noch die letzten Fetzen der Unterhaltung aufgeschnappt. Eines Tages wird sie mit dieser Nummer noch jemanden zu Tode erschrecken!

„Ja, klar doch. ‚Der Pate‘ wurde nach dem Vorbild von Napolis Großvater gedreht!“
ECHT jetzt?“
Bambi sieht aus als würde es gleich der Schlag treffen. Wie um alles in der Welt ist dieses Baby nur lebensfähig?!“
„Josephine!“ streng pufft Gloria mir in die Seite „Mach ihr keine Angst – sie glaubt doch immer alles!“
„Aber wie geht das, bitte? Glaubt sie etwa auch noch an den Weihnachtsmann? Klapperstorch?“ ich bin ernsthaft kurz vor verzweifelt. Die Frau ist erwachsen! UND hat studiert! Wie kann man da noch alles glauben, was einem erzählt wird? Selbst Chaos-Kind-Klein hätte mir diese Nummer mit dem Paten nicht mehr abgekauft!

Die Diskussion endet so abrupt wie sie begonnen hat mit dem Erscheinen des fraglichen Mafiosi-Sprösslings und Bambi zieht es vor, sich auf den am weitesten entfernten Platz nieder zu lassen. Sicher ist sicher.
Wenn man ehrlich ist – bei dem Riesen-Berg Unwetterwolken, die sich schwarz und bedrohlich über Napolis Kopf türmen, bin selbst ich mir nicht mehr ganz sicher, ob da nicht doch ein Funke Mordlust im Mienenspiel des kleinen Italieners zu sehen war.

Den Rest des Tages verbringe ich fast ausschliesslich mit langweiliger Stationsarbeit und damit, meinem Oberarzt aus dem Weg zu gehen. Was schwierig werden könnte, da wir zusammen Dienst schieben müssen.

Doch erst einmal funktioniert alles ganz prima. Ich nehme Patienten auf, gehe mit Bambi, Luigi und dem Sandmann gemütlich Mittag essen, und absolviere drei Kurzsprints zum Kreissaal: 33jährige Erstgebärende, Einleitung bei Terminüberschreitung. Schätzgewicht 3300 g, gut eingestellter Schwangerschaftsdiabetes.
Der Anruf zum ersten Sprint erfolgt 20 Minuten nach Einleitung – riiiiiiiieeeesen Badewanne auf dem CTG. Als ich keuchend und schnaufend im Kreissaal eintreffe, befinden wir uns Herztonmässig immer noch weit unterhalb von ’schön‘
„Bolus ist drin“ nickt Gloria mit kurz zu. ‚Bolus‘ bedeutet umgangssprachlich Wehenhemmer direkt in die Vene. Und tatsächlich – der Bauch der Schwangeren tastet sich bretthart. Den sogenannten „Wehensturm“ gibt es bei Einleitungen immer mal wieder. Meist bekommt man das Drama mit einer ordentlichen Portion Wehenhemmer zügig wieder in den Griff. Manchmal nicht.

„Mehr Bolus?“ Gloria schaut mich an, die Spritze im Ansatz

„Ja, hau rein!“ Die Herztonkurve wackelt immer noch bedenklich tief übers Grünkariert, mir deucht jedoch, ich hätte da gerade einen minikleinen Anstieg ausgemacht.

„Ist drin!“

Die Hände auf dem brettharten Bauch meiner Patientin stiere ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den CTG-Streifen, während mir das „TockTock“ des Wehenschreibers dumpf in den Ohren tönt. Ich muss da eigentlich gar nicht drauf schauen – anhand des Rhythmus ist völlig klar, dass wir uns immer noch weit entfernt von schön und gut befinden.

„Wie lange?“

„5 Minuten!“

„Wieviel Bolus?“

„6ml“

Okay – der Worte sind genug gewechselt, jetzt machen wir mal ein bisschen hinne…

„Frau Wanne – das ist leider ein bisschen viel Wehe für das Baby, wir gehen jetzt mal eben in den OP und holen den Knirps raus, okay? Alles wird gut!“

Frau Wanne sieht eher nach „mir wird schlecht“ aus, was ich super nachempfinden kann, während Herr Wanne wiederum, ebenfalls kaninchengleich, auf den länger werdenden CTG-Streifen starrt. Dann, von jetzt auf gleich…

Tock…….Tock……Tock…..Tock….Tock…Tock..TockTockTockTockTockTock

Whow – sofortige CTG-normalisierung unter angedrohter Notsectio! Was für ein unglaublich kooperatives Kind! Und so clever!

„Yeah – Baby hat scheinbar keine Lust auf Kaiserschnitt!“ Gloria strahlt euphorisch. Mit angehaltenem Atem schauen wir alle dabei zu, wie der Herzschlag sich auf gesunde und rhythmisch wohltönende 140 Schläge pro Minute einpendelt. Der Bauch unter meinen Händen tastet sich jetzt wieder prall und elastisch und ein Hauch Wangenrot kehrt ins Gesicht meiner Patientin zurück.

„Okay – dann hau mal ein bisschen die Bremse rein. So eine Nummer möchte ich heute nicht noch einmal haben! Ich schau dann später wieder vorbei!“

Mit „später“ meine ich irgendwann gegen Abend und am allerliebsten mit solch hübschen Begleitkriterien wie „Muttermund vollständig“ und Kopf auf Beckenausgang. Das wäre toll! Tatsächlich sind beim nächsten Notruf aus dem Kreißsaal gerade mal 40 Minuten vergangen, wobei die Badewanne freundlicherweise schon wieder am abklingen ist, als ich schwer keuchend und heftig transpirierend vorm Kreißbett stehe. Ich bin offensichtlich ein wenig aus dem Training – was sich schleunigst ändern muss, sonst bekomme ich nächstens vom Spurt zum Patientenbett noch einen Herzinfarkt.

„GLORIA! Was SOLL das? Ich sagte doch SPÄTER!“

„Ich WEISS!“

„Hast du die Wehenhemmung drin?“

„Klar!“ Gloria blitzt mich beleidigt an. „Ich mache IMMER, was du mir sagst!“

„Naja – bis auf die Nummer mit Malucci…!“

Gloria zieht Luft durch die Nase – böse Retourkutsche! Aber die Diskussion über den italienischen Loverboy muss jetzt erst einmal warten, bis wir die Badewannen-Nummer im Griff haben.

„Frau Wanne, sie sollten mal ein ernstes Wörtchen mit ihrem Nachwuchs reden – das hier ist kein schöner Zug von ihm! Das muss es unbedingt abstellen, sonst landen wir heute wirklich noch irgendwann im OP. Ächt jetzt!“

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….To Be Continued…</em

Over And Out

„Eh, Josephine, Bellissima – wie schön, dass du haste überlebt die Klingeln von die Handy in deine Brust! Wolle habe lecker Pizza Quattrostagioni?“
Flink wie ein professioneller italienischer Kellner serviert Luigi mir die Hauspizza, dazu eine große Coke auf Eis und schüttelt zuletzt sogar galant die Stoffserviette auf, bevor er sie mir 3-Sterne-Like über die Oberschenkel breitet. Erst dann lässt er sich ächzend vor seinem eigenen Essen nieder und prostet mir aufmunternd mit seinem Eimer Fanta über den Tisch hinweg zu.

Und??? erzähl doch mal! Was hast du angestellt und zu wieviel Jahren Wochenend- und Feiertagsdienst haben sie dich verknackt?!
Angewidert schiebe ich das labbrige Stück Mensa-Pizza von mir und versuche zumindest ein gequältes Grinsen, was gründlich misslingt.
„Danke, Luigi, bist wirklich ein feiner Kerl. Aber mir ist gerade so gar nicht nach Essen…!“
„Eh, Principessa – ich kann denen allen die Mafia auf den Hals schicken. Dann landen sie Eins-Zwei-Drei mit einem hübschen Stück Beton an den Füssen im See. Und Terribly-Going-On-My-Nerves-Pe-Punkt wollen doch sowieso alle los werden. Für dessen fachgerechte Entsorgung bekommst du sogar noch das Bundesverdienstkreuz!“

Mafia ist ein verdammt gutes Stichwort. Schlimmer kann es bei denen auch nicht zugehen…

Zeitsprung

Nachdem Chefarzt Böhnlein doch noch glücklich aufgetaucht war, wurden zunächst der Rangordnung gemäß die Sitzplätze verteilt. Zeuss und Müllermann auf die Chefseite des Schreibtisches, Böhnlein zu meiner Linken. Frau Specht schmiss noch schnell Kaffee in die Runde und dann ging es auch schon los . Pe-Punkt übernahm eloquent das Intro:

„Frau Dr. Chaos.“

Es folgte eine rhetorisch ansprechende Pause, in der Müllermann sich hinter Zeuss gewaltigem Schreibtisch noch einmal ordentlich aufplusterte, bevor er mit pathetischem Tremolo in der Unterstimme getragen fortfuhr:
„Ich habe heute den unerfreulichen Anruf eines aufgebrachten Patienten erhalten.“

Erneute Pause

„Eines enorm aufgebrachten Privat-Patienten, namens – wait a Second…“ geschäftig klopfte er nun auf sein unschuldiges, weißes iPhone ein „Herr Blümel-Wonne…“

„Fred, ich wusste gar nicht, dass ihr jetzt auch Männer behandelt?“ Toternst blickte der Zeuss zu Chefarzt Böhnlein herrüber, welcher – ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken – an seinem Espresso nippte und lapidar antwortete:
„Das Zauberwort heißt Privat-Patient, Justus. Ich muss ja auch irgendwie meine Familie ernähren!“
„Da hast du wohl recht. Sechs Kinder wollen in jedem Fall etwas zu beißen haben. Wie geht es Berritt?“
„Danke, blendend! Komm doch mit Esther mal wieder zum Essen vorbei!“

Während Pe-Punkt gerade die Fassung aus dem Gesicht zu fallen schien, sass ich mit vor Staunen geöffnetem Mund in meinem bulligen Echtledersessel,und lauschte irritiert dem seichten Geplauder der beiden Chefärzte. Wollten die mich verschaukeln? Ich machte mir hier gleich in den Kittel und die redeten über Einladungen zum Essen?!

Zwei Sekunden später hatte zumindest Müllermann seine Fassung zurückgewonnen und ergriff erneut das Wort – wenn auch mit deutlich verhaltener Euphorie als noch kurz zuvor – dieses Chefgeplänkel schien selbst ihm nicht ganz geheuer zu sein.

„Selbstverständlich heißt die Patientin Blümel-Wonne und es war der Ehemann der Frau, der sich über Frau Dr. Chaos beschwert hat, you see?“
Erwartungsvoll blickte er ins Rund, nur um ganz sicher zu gehen, dass ihn jetzt auch wirklich jeder richtig verstanden hatte. Um des Chefs Mundwinkel zuckte es verdächtig, während Zeuss nun entschlossen die leer getrunkene Kaffeetasse von sich schob und mit unheilvollem Unterton in der Stimme grollte: „Verdammt, Müllermann, kommen sie endlich auf den Punkt. Wir wollen heute alle noch ein paar Leben retten!“

Pe-Punkts sorgfältig aufbereitete Fassade begann langsam zu bröckeln und dicke Schweißtropfen bildeten sich unter seinem schütter werdenden Stirnhaar. Er zog ein blütenweißes Taschentuch in Handtuchgrösse aus der Tasche seines Maßanzuges und wischte sich damit einmal quer übers Gesicht, was irgendwie verdammt nach Zeit schinden aussah.
Da diese Nummer nun wohl doch nicht mit meiner sofortigen Hinrichtung enden würde, wollte ich gerade ein wenig erleichtert durchatmen, als erneutes, lauter werdendes Gemurmel aus dem Vorzimmer durch die Tür herein drang. Äußerst wütendes, lautes Gemurmel und das hörte sich verdammt nach…

„Professor Zeuss? Oberarzt Napoli!“

Noch bevor Frau Specht den Kopf gänzlich zur Tür herein gesteckt hatte, war er auch schon an ihr vorbei ins Zimmer gewischt, so schnell seine kleinen, dicken Beine ihn trugen und stand nun – in all seiner italienischen Pracht – drohend vor mir, während sein wurstiger Zeigefinger hektisch vor meiner Nase herumfuchtelte.

SIE!!!“ Brüllte er mich ohne Vorwarnung an „SIE haben sich einfach so über meine Anweisungen hinweg gesetzt! Über meine Anweisungen!“

Dieser offensichtliche Ungehorsam kam dem kleinen Egomanen eindeutig einer Kriegserklärung gleich. Nichts und niemand widersetzte sich jemals der Ordo eines Francesco Napoli. Außer vielleicht der Heilige Vater, aber selbst dem hätte er die Untergrabung seiner Gott gegebenen Autorität sehr, sehr übel genommen.

Das werden sie bereuen, dass verspreche ich ihnen, sowahr ich Francesco Napoli heiße!“

Die Stimme des Oberarztes wahr jetzt nur mehr dumpfes, drohendes Grollen und automatisch nahm ich den Kopf schützend zwischen die Schultern.

Müllermann indes faltete sein Handtuch genüsslich zurück auf Taschentuchgrösse, während ein befriedigendes Grinsen über sein blasses, haarloses Gesicht zog.
Er wusste, das mein Kopf bereits in der Schlinge lag und er jetzt nur noch einmal fest am Strick ziehen musste, um mich anschliessend genüsslich zum Westtor schleifen zu können.

Hilflos blickte Böhnlein nun zu mir herüber und schüttelte kaum merklich mit dem Kopf.

Das war es dann wohl, Josephine! Over and Out…