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Chaos-Geschichten – heute mal anders!

Viele Leser haben sich im Laufe der Zeit immer und immer wieder über zwei Dinge „beschwert“:

a. die Kollegen, Schwestern, Hebammen, etc. bekommen immer nur Fett weg, ich bin nicht nett, lästere zu viel, werte ab, stelle Menschen in schlechtem Licht dar.

b. So perfekt wie Herr Chaos kann ja gar kein Mann sein. Ist klar. Seit dem 60er Jahre-Schlager „Das bisschen Haushalt“ wissen wir, dass Männer immer nur auf ihren Frauen herumhacken, sich die Zeitung und Hausschuhe bringen lassen, daheim keinen Finger rühren und abends im Schiesser-Feinripp und mit der Bierflasche in der Hand auf dem Sofa hocken. Abweichungen von der Norm sind nicht vorgesehen. Das muss ich doch verstehen!

Ja – ich verstehe es. Und damit hier endlich mal jedem, aber auch wirklich JEDEM Leser genüge getan wird, ein Tag aus dem Leben der Josephine Chaos, wie es WIRKLICH passiert sein könnte. Mit Katastrophen-Ehemännern und nur netten Kollegen. Also – habt Spass!

P.S.: Neu-Leser, welche sich dafür interessieren, wie es hier normalerweise zugeht: Einfach die betreffenden Namen anklicken… ;)

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Ich: „Herr Doktor – ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt!“

Kopfschüttelnd blickt Dr. Derek Shepherd von mir zu dem Schädel-MRT in seiner Hand und zurück zu meiner Liege. Seine volles, glänzendes Haar fliegt in perfekter Flugbahn von rechts nach links und seine tiefbraunen Augen glänzen traurig.

Er: „Nein, Dr. Chaos – das ist kein Herzinfarkt. Unser Chefarzt, Dr. Webber, wird sie laparotomieren“

Mir wird ganz heiss – warum denn laparotomieren? Ich habe doch einen Herzinfarkt!

„Dr. Shepherd“ setze ich erneut an und versuche hektisch, mich von der Liege hoch zu stemmen. Dieser Druck auf der Brust. Als hätte mich ein Bus überfahren. Ich bekomme kaum noch Luft…

„Dr. Shepherd“ ächze ich, doch er schüttelt nur stumm weiter die braune Wallemähne, während das Gewicht auf meiner Brust nun auch noch jämmerlich zu weinen beginnt.

MOMENT! Weinen?

Schweissgebadet erwache ich aus meiner nächtlichen Grey´s-Anatomy-Tour, mit einem greinenden, sabbernden Baby auf der Brust, das gerade verzweifelt versuch, mich aus dem Oberteil meines völlig schweissgetränkten Pyjamas zu frickeln. Der Gatte schnarcht derweil selig im Nachbarbett. Toll. Soviel zum Thema Arbeitsteilung.

Nur unter Mobilisierung aller um 5:24 Uhr zur Verfügung stehenden Kräfte gelingt es mir, mich mitsamt Kind aus dem Bett zu wuchten und ins Wohnzimmer zu schleichen. Wozu eigentlich schleichen – wenn der Kerl schläft, dann schläft er. Der dritte Weltkrieg könnte vor unserer Tür losbrechen, es wäre ihm egal.

Der Sohn hat es jetzt tatsächlich geschafft, sich irgendwie an Pyjama-Miniknöpfen vorbei zum Still-BH zu arbeiten, selbigen wütend beiseite zu zerren und dockt endlich mit zufriedenem Seufzen an der Milchbar an. Zumindest ein Kind habe ich jetzt also mit Frühstück versorgt.

Mit dem zufrieden schmatzenden Baby auf dem Arm koche ich mir einen einarmigen Kaffee, schaufel eine Schüssel einarmiger Kellog’s in mich hinein um danach einarmig Zähne zu putzen. Pünktlich zur Dusch-Uhrzeit ist Chaos-klein dann gottlob satt und zufrieden in postprandialen Schlaf gefallen, sonst hätte ich auch das noch einarmig erledigen müssen. Nachdem ich einigermassen zurecht gemacht bin, die restliche Kinderschar geweckt und mit Frühstück versorgt, den Hund Gassi geführt und die Brut anschließend zur Schule verabschiedet habe, lasse ich den Blick über morgendliches Chaos schweifen – wie die Frühstückskrümel sich zum idyllischen Stillleben mit dem Berg ausgefallener Golden-Retriever-Haare arrangieren, auf dem Treppenabsatz drei Pullover und ein Hoodie der Tochter, welche alle noch innerhalb der letzten zwei Minuten vor verlassen des Hauses als nicht tragwürdig aussortiert und dort fallen gelassen wurden, wo Kind gerade stand. Apfelgehäuse und Brotrinden in der Küche als Überbleibsel eines vollwertigen Schulfrühstücks. Welches – Vitamin C hin, Ballaststoffe her – auch heute ganz sicher gegen eine süsse Brezel und zwei Snickers vom Schulkiosk verlieren wird.

NICHT mein Problem! Denn noch während ich sachte die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, höre ich den Wecker des Gatten klingeln. Ich bin dann mal weg – und nach mir die Sintflut!

„JOOOSEEPHIIEENE!“

Ich habe gerade die Pförtnerschranke überwunden, unsichtbare Grenze zwischen Realität und Absurdität, und mich in den Tross menschlicher Weisskittelträger eingereiht, welche wie die Lemminge dem Abgrund entgegen laufen. Nur, dass es sich bei unserem Abgrund nicht um felsige Tiefe sondern die Besprechungszimmer der jeweiligen Fachrichtungen handelt. Zu dramatischen Abstürzen kann es jedoch hier wie da kommen.

„JOOOOOSEEPHIIIENE!“

Auftritt Nancy the Fancy, chirurgische Assistenzärztin, von links. Makellose Haut, flammendes Haupthaar, grüne Katzenaugen.

„NAAANCYYY!“

Nancy ist SO NETT! Und kein bisschen böse. Wir mögen Nancy!

Sie: „Schatz, du siehst heute morgen SO GUT aus! Was machen die Kinder?“

Ich: „Anstrengend wie immer. Was gibt es bei dir neues?“

Sie: „Appendix, Galle, Galle, Varizen, diagnostische Laparoskopie“. Nancy ist Chirurgin. Chirurgen müssen operieren. Nancy wird operieren. Das ist ein guter Tag.

Ich: „Ja, ist klar – aber was gibt es bei DIR neues?“

Gespielt theatralisch patscht die schöne Rothaarige sich vor die Stirn „Bei mir, sicher, was interessiert dich auch mein blöder OP-Plan?“ Nancy lacht, ein glockenreines, warmes Lachen und auch die feuerfarbenen Kringellocken vollführen kleine Freudenhüpfer. „Nichts neues. Keine Männer in Sicht. Das Leben ist öde! Bis später, Josie!“ Spricht es und hüpft beschwingt von dannen.

„Kaffee?“

Fred vom Jupiter, der Abwechslung halber Assistenzarzt der eigenen Fachrichtung, hält mir von rechts einen Kaffee-To-Go-Becher unter die Nase. Fred ist SOOO NETT! Und kein bisschen Sheldon-Cooper-Autistisch unterwegs, ausserdem stets gut gekleidet, frisiert und unglaublich gut riechend. Nach Sonne, Meer und Männlichkeit. Yummie!

„Danke, Fred – wie lieb von dir!“

Gemeinsam ziehen wir im Strom unglaublich netter, unglaublich schöner und stets gut gelaunter Menschen weiter, ins Basislager der Gynäkologen und Geburtshelfer. Mutterschiff. Besprechungszimmer.

„Guten Morgen!“ Froh gelaunt trete ich ein in diesen sonnengefluteten Raum voller unglaublich netter, unglaublich schöner… – ach nein, das hatten wir ja schon. Es gibt also Übergabe mit dem netten Chef, dann nichts wie los zur Visite mit der stets sonnigen, fachlich hoch kompetenten und überaus motivierten Schwester Elvira und anschließend Geburt mit Frau von Sinnen.

Frau von Sinnen: „Gleich ist es da!“

Werdende Mutter: „Ich bin so glücklich!“

Werdender Vater: „Ich auch!“

Ich: „Ich sehe den Kopf schon!“

FvS: „Das hast du SO TOLL erkannt, Josephine! Du bist eine großartige Ärztin!“

Ich *rotwerd*: „Danke!“

FvS *abwinkend*: „Gern geschehen!“

*EineRundeWattebäuscheWerfend*

Fvs: „Nur noch einmal pressen!“

Ich: „Ja, da kommt es auch schon!“

FvS: „In der Tat, Josephine, geflutscht wie Seife in der Dusche“

Alle lachen glücklich. Und die Sonne scheint – was für ein wunderbarer Tag!

FvS – den Eltern das völlig unspektakulär aus der Mutter herausgeflutschte Kind hinhaltend: „Bitte. DA ist sie!“

Mutter: „Sie ist wunderschön!“

Vater: „Ja, wunderschön!“

Ich *tränchenzerdrück*: „Unfassbar schön! Und nett! UND gut gelaunt!“

In der Tat – das kleine Mädchen grinst mich freundlich an und ich warte nur darauf, dass es noch einen Mittags-Kaffee-To-Go aus der Vagina seiner Mutter zieht… – bäh, doch zu viel Kopfkino.

Da die sagenhaft schöne und jetzt unglaublich glückliche Mutter kein Stück blutet, noch nicht einmal ein kleines bisschen gerissen ist und überhaupt aussieht, wie Lena Gerke auf der Fashion Week, mache ich mich froh gelaunt vom Acker. Denn schließlich muss ich schon in Kürze im OP sein. Um dem liebenswürdigen, warmherzigen und niemals aufbrausenden Oberarzt Dr. Napoli eine diagnostische Laparoskopie zu assistieren.

20 Minuten später im Waschraum von OP-Saal 8

OA Napoli *WieWildArmeUndHändeEinseifend*: „Oh mein Gott – Frau Dr. Chaos! Ist heute mein Glückstag? SIE operieren MIT MIR?“

Mit glühenden Bäckchen pumpe ich Seife auf meine Handfläche, und verreibe die glibbrige Masse gleichmässig auf Unterarme und Hände.

Ich *schüchtern*: „Ja, so steht es zumindest auf dem Plan“

OA Napoli: „Das ist TOLL! Sie machen die OP, das wird großartig!“

Ich *FreudigÜberrascht*: „Wirklich? Aber das ist eine ganz schön schwierige Operation. Mit Dingens-Entfernung und richtig scharfen Instrumenten“

„Papperlapapp“ wild tropfend und Seifenschaum durch die Luft wirbelnd winkt der kleine Italiener beidhändig ab. „Sie sind toll. Sie schaffen das!“

Und so ist es dann auch. Unter Napolis behutsamer Anleitung steche ich also diverseste Instrumente in die seelig schlummernde Patientin, entferne Dingens und Bummens und lauter so Zeug.

OA Napoli: „Das machen sie großartig! Sie sind ein Genie, Dr. Chaos. Einzigartig. Ich bin von den Socken!“

Und OP-Oberschwester Ottilie applaudiert mit steril behandschuhten Händen.

Um 16 Uhr neigt sich dieser wunderbare Tag dem Ende entgegen. Müde und glücklich kehre ich heim und stelle fest, das Brotrinde und Apfelgehäuse binnen 8 Stunden dramatisch an Flüssigkeit und frischem Aussehen verlieren, bewundere zwei Knabensocken, welche sich zu einem erweiterten Stillleben mit Hundehaar und Frühstückskrümeln eingefunden haben, führe den Hund Gassi und stille das Baby, während ich irgendwie versuche, einhändig Abendessen zu bereiten. Derweil hockt der Kerl im Rippunterhemd und mit der Bierflasche fussballglotzend auf der Couch.

Und morgen, dass schwör ich, tausche ich DEN wieder gegen den richtigen Herrn Chaos ein!

Lassen sich mich Arzt – ich bin durch…!

„Ich warte im übrigen immer noch auf meine Malucci-liebt-Gloria-Exklusiv-Geschichte – nur, damit du bescheid weisst!“

Gelangweilt lümmel ich auf der Kreißsaal-Aquariums-Couch herum, stilecht im Chirurgenpyjama und allem drum-und-dran, während ich Gloria-Victoria dabei beobachte, wie sich sich gepflegt an ihrem Latte Macchiato  verschluckt.

„Sach ma – SPINNST DU, Josephine? Schau mal wie ich jetzt aussehe!?“

Fluchend wischt sich meine Lieblingshebamme den Kaffeeschaum vom Leibchen, während zartes Rot sich auf den sommersprossigen Bäckchen breit macht.

„Und was kann ICH dafür, dass du deinen Kaffee nur mit Sabberlatz trinken kannst, hm? Hey – HEY! LASS DAS!“

Noch während ich hinter der Couch Schutz vor Glorias Gummibärenbombardement suche, geht mein Handy los. Auf dem Display: Das Bambi!“

Ich: „Bambi? Was gibt´s?“

Bambi *whisper*: „(unverständliches Zeug)“

Ich: „Liebelein – sprich lauter!“

Bambi *WhispertUnwesendlichLauter*: „*******“

Ich: „BAMBI! SPRICH_LAUTER!“

Gloria (leidlich genervt): „Sie ist im Vierer-Kreißsaal. Vorzeitiger Blasensprung, Wehentätigkeit. Nur, falls es irgendjemanden interessiert!“ Sprichts und schmeisst eine weitere Handvoll Gummigedöns nach mir.

Ich: „Okay! Bleib wo du bist – ich komme!“ Und leg auf. Dann, an die Hebamme gewandt: „Sag – was ist da drin los?“

Gloria zuckt ratlos die Schultern: „Ich hab keine Ahnung – ist FrauVonSinnens Patientin. Mehrgebärende. Sind schon ein paar Stunden zu Gange.“

Ich rappel mich also hinter der Couch hervor und stiefel nach Kreißsaal IV (lindgrün). Kaum die Tür herein, bin ich auch schon mittendrin im Geschehen.

„ICH_BIN_ARZT!“

Verblüfft schüttel ich die Hand des Mannes, der sich aus dem Nichts heraus vor mir aufgebaut hat. Ein großer Kerl, Mitte Vierzig vielleicht, gepflegt und adrett gekleidet, mit Goldrandbrille und Charlie-Sheen-Frisur. Für letztere hat er hoffentlich seinen Friseur verklagt – geht gar nicht. Aber das ist gerade ein anderes Problem…

„Ich bin Arzt!“ wiederholt er jetzt erneut, während er ausdauernd meine Hand schüttelt. Ich bin verwirrt – was WILL der bloss von mir?

„Das trifft sich gut,“ antworte ich vage „ich bin nämlich auch Ärztin, wissen sie!“

Beruhigend lächel ich ihn an, was ihn nur veranlasst, stärker zu schütteln. Ich habe jetzt echte Sorge, er könnte mir den Arm auskugeln.

„Herr….- Kollege? Vielleicht könnten sie mich loslassen, dann sag ich ihrer Frau auch mal guten Tag?“

„Oh – ja…äh, sicher! Natürlich!“ Folgsam lässt er die Hand endlich los und tritt einen Schritt beiseite. Dann beugt er sich noch einmal zu mir herüber und flüstert eindringlich „Ich.Bin.Arzt!“

Nee, is´ klar. JETZT hab ich es kapiert. Arzt! Super!

Der Kerl ist durch. Jetzt schon. Alter Schwede – das kann noch lustig werden. Gottlob macht Frau Arzt einen ganz zauberhaft normalen Eindruck. Laut schnaufend und prustend hängt sie gerade in das von der Decke baumelnde Tuch gekrallt, während der Wehenschreiber beeindruckende Berge aufs durchlaufende Papier krakelt.

Ich schaue mich suchend um – und da, in der hintersten Ecke des weitläufigen Raumes, zwischen Kreißbett und Badewanne versteckt, winkt Bambi verschüchtert zu mir herüber. Ich sage „Hallo“ zu Frau Arzt, die mir zwischen zwei Wehen freundlich zunickt und gehe dann zu meiner Baby-Kollegin hinüber.

„Bambi? Was ist los? Wo ist Frau Von Sinnen? Und warum sprichst du nicht ins Telefon, wenn du schon anrufst?“

In Bambis großen Rehaugen herrscht Hochwasser und die Unterlippe zittert verdächtig. Das Rehlein ist offensichtlich am Ende mit den Nerven.

„Es…ist….weil…also, wegen…der Mann…Arzt…ich weiss nicht….!“

Unverständliches Zeug. Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, so viel ist mal klar!

„Bambi – grammatikalisch korrekte Sätze. Ich versteh gerade nur Hauptbahnhof!“

Die kleine Frau holt tief Luft und schluckt trocken. Ein Tränchen verlässt das linke Auge und rollt malerisch die Backe entlang bevor es auf Bambis Kinderdekollete klatscht. Frau Arzt schraubt sich gerade die Tonleiter entlang zum zweigestrichenen ‚C‘ hinauf, während nun auch des Gatten Mantra von der Tür zunehmend lauter herüber schallt: „Ich bin Arzt! Wissen sie! ARZT! Ich bin AAAAHAAARZT“

„Whow – ich wette, der hat ein prätraumatisches Belastungssyndrom. Was ist der Kerl bloss? Dermatologe?“

Bambi schüttelt in atemberaubender Frequenz den Kopf. Wenn ich ehrlich bin, sieht sie gerade nicht weniger traumatisiert aus…

„Er ist…“ flüstert sie kaum hörbar „RECHTSMEDIZINER….!“

……………????……………….

Das Fragezeichen auf meiner Stirn wird sekündlich größer. Wo ist denn die Pointe bei der ganzen Nummer? Versteh nur ich das nicht?

Das Bambi kollabiert jetzt gleich. Oder schaut es nur so grün aus, weil die Farbe der Wand sich im weiss der Gesichtsfarbe spiegelt? Herrjeh – egal! Ich nehm die Kleine bei den Schultern und schüttel ein bisschen:

„DU. BIST. AUCH. ARZT! Comprende? Verstanden? Alles klar?“

In dem Moment zupft mich jemand am Kittel

„Vielleicht kann mal jemand meiner Frau helfen?“

Unbemerkt im Treiben und Geschrei hat sich der Kollege von hinten angeschlichen und hängt mir nun ein wenig verstört am Kittelsaum, während seine Frau frenetisch brüllend von der Decke hängt. Also – irgendwie…

„Wo ist eigentlich Frau Von Sinnen?“ suchend blicke ich mich nach der Hebamme um, die aber leider nirgendwo zu sehen ist.

„Kaffee holen“ flüstert Bambi mir ins Ohr „Ich sollte so lange aufpassen. Aber er ist doch Aaaaarzt….!“

Ein zweites Tränchen kullert über die Backe. Ist aber gerade sowas von egal, denn jetzt steht Frau Arzt auch noch neben mir, packt mich am Arm und sagt – jedes einzelne Wort betonend: „ICH MUSS PRESSEN!“

Supi! Pressen muss sie. Nun denn!

„Bambi – geh Von Sinnen holen! STAT!“

Und zu meiner Patientin gewandt: „Sitzen? Stehen? Liegen?“

„STEEEEEEEEHEEEEEEEEEN!!!!!!“ brüllt sie – und schmeisst sich zurück ans Seil, dass ich befürchte, sie könnte den Karabiner aus der Decke reissen.

Diese Frau ist der OberKracher! Ächt jetzt! Wie ein Sumoringer vor dem entscheidenden Angriff hängt sie in ihr Tuch geklammert, während sie presst, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich liege auf den Knien vor ihr und sehe den dunklen Schopf deutlich tiefer treten, tiefer, TIIIIIEEEEEFER….

„Wo ist die VERDAMMTE Hebamme???“ – denk ich mir und kann mich gerade noch auf den Rücken vor die Frau schmeissen, als mir auch schon mit einem satten Platscher Baby-Arzt auf den Bauch klatscht. DAS nennt man dann wohl Sturzgeburt….

Frau Von Sinnen erscheint – herrlich nach Kaffee duftend – just in dem Moment, als Kollege Arzt die Gesichtsfarbe von dunkelrot nach weiss nach aschgrau wechselt und gepflegt vom Höckerchen fällt, auf das ich ihn kurz zuvor plaziert hatte, um der Frau ein wenig Halt beim Pressen zu geben…

Die Kopfwunde hat ihm Nancy The Fancy anschließend mit süffisantem Grinsen souverän vernäht, während Frau Arzt glücklich ihr FÜNFTES Baby abgenabelt, gewaschen und angezogen hat, um es anschließend – zusammen mit  ihrem lädierten Mann, ins Auto zu packen und nach Hause zu fahren.

Bambi hat sich immer noch nicht von ihrem „Ich-muss-eine-Kollegen-Gattin-entbinden“-Trauma erholt und muss frühzeitig nach Hause geschickt werden.

Und ich – ich muss dann nochmal genau nachfragen, WIE das jetzt ist – mit meiner Lieblingshebamme und dem kleinen Italiener… :)

Eine Frage Der Ehre

„Ey, nee, Alda, dass ist mal echt krass! Napoli voll auf dich drauf. Und wie weiter?“

Mit Augen, groß wie Untertassen, starrt Luigi mich über die Reste meiner Pizza hinweg atemlos an.

„Luigi!“ ermahne ich automatisch „Man sagt nicht Alda! Schon gar nicht, wenn man selbst locker als ‚Alda‘ durch geht. Capice?“
Ich komm mir vor, wie am heimatlichen Mittagstisch, nur das ich hier statt meiner Jungs diesen italienischen Knaben erziehen muss.

„Aber mein Sohn sagt das auch immer!“ quengelt es postwendend zurück „Und der sagt, ‚Alda‘ ist immer noch voll hipp! Ich schwöre!“

Nur italienische Männer, mit ihren treuen, braunen Augen und Mamas, die sie mehr lieben als alles andere auf der Welt, können so treuherzig drein schauen. Ächt jetzt!

„Luigi – Leonardo ist 7 Jahre alt und geht in die zweite Grundschulklasse. Du willst mir nicht ernsthaft verklickern das er dein Mass für Hipp oder nicht Hipp ist?“

Trotz dieses desaströsen Tages bin ich fast geneigt ein wenig zu grinsen, als ich mir vorstelle, wie Luigi seinen kleinem Sohn heimlich für ein hippes ‚Alda‘ High Five abklatscht.

„Was sagt Nora denn zu eurer Wortwahl?“

„Eh, Nora!“ mit einer lässigen Handbewegung schiebt Luigi die Erinnerung an seine toughe und – typisch Italienerin – bildschöne Frau beiseite.
„Weißt du – Leonardo darf sowieso schon immer alles. Erster Sohn und so weiter. Und mir wirft sie vor, Mama hätte mich total verzogen. Da könne sie jetzt auch nichts mehr machen!“
Glücklich grinst der kleine Chirurg mich an, mit einer Mama, die ihn ewig lieben wird, einer schönen Frau und dem voll hippen Sohn. Dann ist er jedoch augenblicklich wieder total bei mir:
„Also – wie war das jetzt mit Kollege Napoli und all den Oberen?“

Um es kurz zu machen: es war grausam! Katastrophal! Desaströs! Ich hatte jeden nur möglichen Bock geschossen, alle Kompetenzen überschritten und die Hälfte der Obrigkeit vollends gegen mich aufgebracht.

„Es ist mitnichten so, dass ich ihre Beweggründe nicht verstünde, Frau Doktor!“ Mit der seiner Stellung als Klinikdirektor geschuldeten Autorität hielt Justus, der Gerechte, sein Abschlussplädoyer, während PE-Punkt das bösartige Grinsen im Gesicht fest zementiert schien.
„Aber bei allem gebotenen Verständnis für ihre hehren Absichten war es schlicht nicht ihre Aufgabe, Frau Blümel-Wonnes Verlegung ohne oberärztliche Rücksprache in die Wege zu leiten. Vernunft hin und Privatpatientin her, dass ist schlicht der Grund, warum Oberarzt Napoli ein höheres Gehalt bezahlt bekommt: mehr Erfahrung, mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsbefugnis. Er oder am besten noch Dr. Böhnlein selbst hätten diese prikäre Situation lösen müssen. Sie haben sich somit ganz unnötig mächtig viel Ärger eingehandelt!“

Und doch schien es mir, als habe da ein Funke Verständnis in den Augen des Klinikdirektors geblitzt…

„Scheisse – die haben dich gefeuert!“ Atemlos starrt Luigi mich an, während Schokocreme ungerührt von seinem Löffel auf das verwaschene Grün seines OP-Hemdes tropft.

Nein, hatten sie nicht.

Als alles vorbei war, Napoli wie von der Terantel gestochen und immer noch vor Wut grollend davon gestürmt und selbst PE-Punkt sich süffisant grinsend getrollt hatte, nahm der Chef mich noch kurz beiseite.
Vor der Tür zu Frau Spechts Reich, in einer ruhigen Nische des sonnendurchfluteten weil halbseitig verglasten Flures. Dort setzte er seine Goldrandbrille ab und putzte sie lange und umständlich mit einem Zipfel seiner Krawatte, bevor er sie erneut aufsetzte und tief, sehr tief seufzte, als hätte er gerade eine schwere Arbeit verrichtet. Nachdenklich sah er mich an.
„Es war ihnen schon klar, dass Napoli die Frau baldmöglich auf den Tisch gelegt und sectioniert hätte?“
„Sir, yes, Sir! Glasklar!“
„Glasklar, ja…“ Wiederholte er nachdenklich „Ist das nicht ein Zitat aus – welchem Film doch gleich…?!“
„Eine Frage der Ehre!“
„Aah – Jack Nicholson und Tom Cruise! Großartiger Film! Tolle Schauspieler! So etwas wird heute gar nicht mehr gedreht in Hollywood…!“
Versonnen grinste er vor sich hin und blinzelte durch die jetzt blitzsauberen Gläser in die Ferne des Klinikgartens!
„Professor Zeuss musste diese Sanktionen verhängen…“
„Ich weiß!“
„Napoli hätte informiert werden müssen!“
„Ich weiß!“
„Würden sie es das nächste Mal wieder so machen?“
„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – ja…!“
„Das hatte ich befürchtet.“ der Chef seufzte erneut ein klein wenig, so wie ich immer seufze, wenn ich meinen Kopf gerne ein bisschen gegen die Tischkante schlagen möchte.
„Wann immer sie erneut die Lust verspüren, am Westtor festgenagelt zu werden, schauen sie doch bitte vorher kurz bei mir vorbei. Ich werde dann zusehen, wie sich das Schlimmste verhindern lässt!“
„Danke Chef – das ist aber schon sehr nett von Ihnen!“
Scherzhaft drohend fuchtelte er mir ein bisschen mit dem Zeigefinger vorm Gesicht herum, während seine Augen gutmütig funkelten:
„Reiner Selbstschutz, Frau Doktor! Oberarzt Napoli wird jetzt wegen ihnen wochenlang schlecht gelaunt sein. Das dürfen sie uns nicht noch einmal antuen!“
„Geht klar Chef. Kein weiterer Ärger!“
Ich salutierte ein bisschen, wie Jack Nicholson es mich gelehrt hat.
Formvollendet und mit toternster Miene salutierte der Chef zurück und verschwand dann mit langen Schritten und wehenden Kitteln in Richtung OP.

„Jetzt sag doch endlich – was haben sie dir aufgebrummt?“

Luigis Schokocreme tropft immer noch ungebremst auf sein Oberteil, wo sich schon ein beachtlicher Fleck ausgebreitet hat und ich will ihn gerade darauf aufmerksam machen, als in einer Wolke aus Wohlgeruch und Luxus Nancy The Fancy, wunderschön wie der junge Morgen, auftaucht, ihr Tablett ungefragt neben mich stellt und Platz nimmt.

„Verdammt – hat der Regisseur doch tatsächlich schon wieder verpennt, rechtzeitig Slow-Mo und Wind-Maschine anzuschmeißen!“ murmel ich übellaunig vor mich hin.
Doch schlimmer geht immer:
„Josephine bekommt eine Abmahnung, das nächste Gehalt wird ihr gekürzt – verloren gegangene Leistungen und so – und vier Wochen kein OP! Mahlzeit, Leute!“

Ungerührt beginnt Nancy damit, den Berg Schinkennudeln in sich hinein zu schaufeln, der beinahe über die Ränder ihres Tellers quillt, während Luigi ganz offensichtlich einen imaginären Kampf ficht: Mich ausführlich und uneingeschränkt weiter bedauern oder Nancys Astralkörpe ausgiebig von nahem bewundern? Ihr Prädikatshintern befindet sich zwar aktuell außerhalb seines direkten Blickfeldes, dafür hat die chirurgische Schönheit ihren Prachtbusen heute in sonnigem Mohair angerichtet. Bei Luigi geht auch gerade schon gedanklich die Sonne auf, doch dann – Wunder geschehen immer wieder – siegt das Mitleid über uralten Instinkt:

„SCHEISSE! Kein Geld UND kein OP? Das ist aber echt hart, Alda!“

Nancy hält kurz in der Nahrungsaufnahme inne und zieht irritiert ihre perfekt getrimmte, rechte Augenbraue hoch. „‚Alda‘, Luigi? Ernsthaft jetzt? Das ist ja lächerlich!“
Doch Luigi – liebende, italienische Mama sei dank – hat ein Fell so dick wie Elefantenhaut. Gönnerhaft schickt er der unnahbaren Rothaarigen einen Luftkuss über den Tisch, der geflissentlich ignoriert wird.

„Wo hast du denn die ganze Info her?“ schalte ich mich interessiert ein. Das hat ja mal verdammt schnell die Runde gemacht, selbst für solch einen Gerüchtesumpf wie unsere Klinik es ist.

„Übi. Und der von Napoli. Und Napoli tobt.“ Völlig wertfrei quetscht Nancy diese Info zwischen zwei gehäuften Gabeln Essen heraus und spuckt dabei unbeeindruckt winzige Käsestückchen über den Tisch.
„Diese Frau ist ein Alien!“ denke ich bei mir „So kalt wie eine Seehundschnautze und nicht ein Funke Gefühl im Leib.“

„Nancy – bist du ein Alien?“ interessiert schaue ich zu diesem Mensch gewordenen Traum aller Männer hinüber, mit ihrem perfekten Körper, dem rotgoldglänzenden Haar, das ihre fein geschnittenen Gesichtszüge malerisch umspielt.

Für einen Moment hält Nancy The Fancy inne und starrt mich aus eiskalten Augen undurchschaubar an.
„Sag mal – spinnst du jetzt, Josephine?“

Dann wendet sie sich erneut den Resten ihres Mittagessens zu.

IV. Im Auge des Sturmes…

…herrscht trügerische Stille!

Laut CTG-Überwachungsmonitor weht Frau Vier weiterhin vorbildlich und zunehmend hochfrequent vor sich hin, was das Kindelein im Mega-Bauch anscheinend nur wenig lustig findet und im Gegenzug mit beleidigtem, wiederholtem Herztonabfall quittiert. Als ich einem Blick auf meine kleine Frau mit dem großen Bauch werfe, sitzt diese gerade mit wild entschlossener Miene auf dunkelgrünem Petziball und höppelt Toc-Toc-Toc-Synchron auf und nieder, auf und nieder. Das Gesicht dunkelrot angelaufen und laut prustend veratmet sie so geradezu vorbildlich eine Wehe nach der anderen – wenn ich auch ein wenig in Sorge bin, sie könne jeden Moment hyperventilliert vom Gummiball fallen.

Ich: „Frau Vier – alles im grünen Bereich? Ich würde gerne mal schauen, ob es ein bisschen voran gegangen ist?!“

Frau Vier: „Ist – hüpf – gut – hüpf – ich – hüpf – muss – hüpf – nur – hüpf – noch – hüpf – diese – hüpf – Wehe – hüpf – veratmen – hüpf!“

Gesagt – getan. Der Befund, den ich kurz darauf erhebe, stimmt mich nur wenig euphorisch – okay, der Muttermund ist minimal weiter geöffnet als vorhin, allerdings führe ich das mehr auf die physikalische Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft zurück (5 kg Kind mal Hüpfbeschleunigung – da gibt auch der stärkste Muttermund mal ein, zwei Zentimeter nach…!) denn auf natürlichen Geburtsfortschritt. Aber wenigstens schaut jetzt – nach 5 Minuten ohne wirres Gehüpfe – das CTG wieder leidlich manierlich aus. Ich lege Familie Vier also nahe, Ball gegen Badewanne zu tauschen und mach mich dann auf den Weg nach Kreißsaal 2, wo mein neuester Zugang in Form einer fraglichen Wehentätigkeit am Termin gelangweilt auf ihrem Handy herum klöppelt, während die ebenfalls schwangere Begleitung gerade am Sauerstoffventil der Babyeinheit herum schraubt. Beide Mädels scheinen nur unwesentlich älter aus als 12 Jahre alt, riechen drei Meilen gegen den Wind nach Zigarettenrauch und ihre kleinen, spitzen Babybäuche sind jeweils nur bis zur Hälfte durch eng anliegende T-Shirt-Fetzen bedeckt. Darunter blitzt eine ganze Batterie dunkelroter Schwangerschaftsstreifen auf Baby-weisser-Haut hervor.

Ich: „Okay, Ladies, wer von euch beiden Hübschen ist die Frau mit den Wehen?“

Es dauert eine ganze Weile, bevor Baby-1 den Blick vom Handy reißen kann und mich mit leicht geöffnetem Mund sinnentleert anstarrt. Ich meine fast, das Echo meiner Frage im Vakuum zwischen den Ohren der kleinen Kröte widerhallen zu hören, bevor sich ihr Mund tatsächlich stückchenweise weiter öffnet. Gebannt starre ich auf die im Zeitlupentempo ablaufende Mundmotorik und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe Babys Großhirn Worte produziert: „Hääääääääääääh?????“

Okay – EIN Wort!

Ich: „Hast DU Wehen, Baby 1? Und wenn ja, seit wann? Geht Fruchtwasser ab? Wann warst du zuletzt beim Frauenarzt?“

Baby 1 glotzt mich stumpf an, wendet dann den Kopf  Baby 2 zu, die gerade begeistert kichernd die Reanimationsmaske vorhält und sich eine Portion Sauerstoff ins Gesicht blasen lässt – und meint nun gedehnt ihn ihre Richtung: „HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH???“

Au weia, das hier kann wohl was länger dauern. Ich mache mich auf die Suche nach einer Hebamme und finde Gloria-Victoria, seelenruhig an einem Riesen Stück Kuchen herumhauend, in der Kreißsaalküche sitzend.

Ich (jammernd): „Gloooria – du musst dich dieser Babies in der Zwei annehme – ich kann mich nicht um alles kümmern! Außerdem bin ich gerade Fancy-Nancy begegnet, die schön wie der junge Morgen mit ihrer logghorhoeischen Omma in meinem Untersuchungszimmer sitzt und mein Selbstwertgefühl komplett zum Teufel gejagt hat! Ich fühl mich hääääässlich….!“

GV: „Doc Josephin, Doc Josephin – DU bist die schönste im ganzen Land!“

Ich: „Jaja, und Fancy-Nancy, hinter den sieben OP-Türen, bei den bösen Chirurgen ist noch tausend Mal schöner als ihr! Ist schon klar! Magst du dich jetzt bitte-danke um meine schwangeren Riesen-Babies kümmern? Ich muss dringend auch so ein Stück fette Sahnetorte essen!“

GV: „Sicher doch, Josephine. Für dich mach ich alles!“

Ich: „Auch Frau Vier in die Badewanne packen?“

GV: „Aber ja doch – auch das!“

Und so sitze ich um – Uhrenvergleich – Elfhundertdreiundvierzig mit meinem Sahnetortenantidepressivum am Kreißsaalküchentisch und alles könnte ein bisschen schön sein, wenn nicht… RING-RING-RING

Ich: „Josephine, beim Essen, wer stört?“

Notfall (flüstert): „Ich bin´s – du musst schnell kommen. Nancy the Fancy hat die Kavallerie gerufen!“

Ich: „Häh??? Wie meinen?“

Notfall (lauter flüsternd): „ÜBERZWERG ist da!!!!“

Ich: „Nee – nä???“

Notfall: „Aber ja – beweg deinen Hintern hierher – stat!“

Zurück im Ambulanzzimmer 1 steht der chirurgische OberarschArzt Dr. Überzwerg, größter lebender Fan von Nancy-The-One-And-Only-Fancy und versucht gerade erfolglos, seinen Blick vom Kashmirverpackten Superbusen seiner Assistenzärztin zu reißen, während Oma Coco die Hintergrundbeschallung übernimmt.

Frau Coco: „…und dann war ich 1956 bei Herrn Prof. Zackig in Großkotzhausen, der hat mir dann die Gebärmutter ausgeschabt. Nein, warten sie, die Gebärmutter war 1963, im Jahr, nachdem meine zweite Tochter zur Welt kam. Die ist im übrigen mit Herrn von und zu Großkotz verheiratet, wissen sie, Herr Doktor Überzwerg? DER Großkotz! Nancy, Liebes, hast du deinem Oberarzt gesagt, dass Onkel Eduard schon mit Frau Merkel zusammen…“

Ich beschliesse, dem Theater an dieser Stelle ein Ende zu machen und schiebe mich zwischen Überzwerg und Nancy hindurch zu Frau Coco-Auf-Der-Liege, woraufhin der OberarschArzt – offensichtlich unverhofft aus schönem Tagtraum gerissen – beleidigt aufmuckt.

Überzwerg: „Frau Josephine – es ist unfassbar, dass die arme Frau nun schon geschlagene zwei Stunden hier herumliegt, ohne das auch nur eine Anamnese durchgeführt wurde. Ich werde mich Montag umgehend bei Ihrem Chefarzt über sie beschweren – nur, damit wir uns verstanden haben!“ Beifallheischend blickt Übi zu seiner Angebeteten hinüber, mit einem Blick, der nichts weniger sagt als „Der hab ich es aber gegeben!“

Doch Überzwergs Cholerikermasche mag ja bei Bambis funktionieren, ich hingegen bin schon längst Teflon was verbal ausfällige Vorgesetzte angeht. Und so hab ich auch nicht mehr als nur ein müdes Schulterzucken für den keifenden Winzling über.

„Passeinmalauf“ verkünde ich resolut und keine Spur eingeschüchtert – „Ich werde Frau Coco jetzt Blut abnehmen, dann mach ich ihr gerne einen Ultraschall – und anschließend möchte Kollegin Fancy ihre Großmutter ganz sicher mit auf die Chirurgische nehmen – dort hat sie sie gleich viel besser im Blick und kann alles anordnen, was sie wollen. Und wir kommen die Tage gerne nochmal zur Visite vorbei. Roger, Roger?“

Während Omma Fancy mich – ausnahmsweise wortlos – anstrahlt, schaut Nancy eher, als wolle sie mir gerne ein bisschen an die Gurgel hüpfen. Als Großmutter dann noch nebenbei bemerkt, sie bekäme das Blut viiiiiieeeeel lieber von der Enkelin abgezapft, verlasse ich doch lieber das Zimmer, bevor mich der rothaarigen Zorn gleich nieder streckt.

Dann läuft alles wie am Schnürchen und zwanzig Minuten später verlässt eine gynäkologisch einwandfreie Oma Coco am Arm ihrer immer noch missmutig dreinschauenden Nancy unsere Station – während Überzwerg brav Rollköfferchen und Handtasche hinterher trägt.

Notfall klatsch mich High-Five ab, und kehrt dann zu Pott Nummer sieben zurück, während ich mich erneut auf die Suche nach Essen begebe. Der Nachmittag vergeht mit mehr oder weniger nötigen Ambulanzzwischenfällen und es ist immerhin schon – Uhrenvergleich – Achtzehnhundert, als der Kreißsaalfunk mich zurück zu Frau Vier und dem Riesenbauch beordert…!!!

————–Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein….. ;) ———————————————–

Nancy the Fancy…

Nachdem Bambi den chirurgischen Kollegen vorerst das Turfen ausgetrieben hat, ist direkt der nächste Fachbereichskollege in die Bresche gesprungen – der Urologe! Seltsam – denn eigentlich gibt es so etwas wie einen geheimen Ehrenkodex zwischen uns und den Uros: kein mieses, interdisziplinäres hin- und hergeschiebe, schließlich kämpfen wir ja irgendwie an derselben Front (mit dem kleinen Unterschied, dass die Uros auch Männer dürfen… – wenn man bei denen auch noch gebären könnte, würde ich glatt nochmal über einen Fachrichtungswechsel nachdenken!).

Wie auch immer, es ist schon ziemlich spät an meinem Dienstabend, als der urologische Oberarzt Dr. Harnstau bei mir anklingelt und mich wissen läßt, dass er mir eine konsiliarische Patientin aufs Auge zu drücken gedenkt, die WIR gerade mal GESTERN den Urologen übergeben hatten. Auf Backturfs steh ich ja nun gar nicht. Oder um es mit meinem guten Freund Grönemeyer zu sagen: „Was soll das???“

Dr. Harnstau: „Die Frau hat gar keine Harnsteine! Ich habe ein Ausscheidungsurogramm gemacht (die adäquate Untersuchung, um Steine der ableitenden Harnwege festzustellen) – aber es war nichts zu sehen. Ich hab ihr trotzdem einen Doppel-J gelegt. Aber sie hat immer noch Schmerzen!“

Ich: „Ja, sicher hat sie Schmerzen – sie hat ja jetzt auch eine Schiene im Harnleiter!!!“ Ähm – HALLO? Hört der sich beim reden eigentlich selbst zu? Wenn ein Mini-Klitze-Kleiner Stein in dem gut 15 bis 20 cm langen Harnleiter Schmerzen verursacht, was tut dann erst ein ebenso langer, ca. 3-5mm breiter Doppel-J-Katheter?? HÄH???

Er: „Vielleicht hat sie ja eine stielgedrehte Ovarial(=Eierstocks)Zyste?“

Ich: „Ja, klar. Aber bei dieser Diagnose wäre es enorm hilfreich, wenn sie überhaupt erstmal eine OvarialZYSTE hätte!!!“

Er: „Vielleicht hat sie ja eine?!“

Ich: „Gestern Abend hatte sie noch keine?“

Er: „Vielleicht ist ja eine gewachsen?!“

Ich (matt): „Binnen 24 Stunden???…“ *Kopf->Tischkante*

Er: „Ich kann das Konsil auch gerne mit ihrem Hintergrund besprechen…?“

Whow – JETZT schlägt´s dreizehn! Der Kerl ist eine Petze!!! Auf so etwas stand zu meiner (Schul)Zeit noch Klassenkeile. Tief durchschnaufen, Josephine, Aufregen ist nur schlecht für die Magenschleimhaut. Ich lasse den Urologen also wissen, dass er mir seine Patientin schicken kann, obwohl ich viel lieber mit ihm vor die Tür gehen würde.

Und selbstverständlich dauert es dann auch nur 2 1/2 Stunden, bevor die Frau in meiner Notambulanz aufschlägt. Prima, sind ja auch 2 Stockwerke von da nach hier, das kann schonmal was länger dauern…!

Als mich Ambulanzschwester Notfall von meiner gerade eben erst gelieferten Pizza wegholt, kann ich ihr an der Nasenspitze ablesen, dass der Spaß gerade erst losgeht.

Und in der Tat – meine Patientin liegt zugedröhnt und abgeschossen von mehreren Elefantenportionen Schmerzmitteln lallend und stöhnend in ihrem Bett und ist nicht einmal in der Lage, allein auf der Bettkante zu sitzen. Das ist ja ganz großartig. So läßt sich in der Tat eine suffiziente Untersuchung durchführen.

Mit vereinten Kräften und viel gutem Zureden wuchten Schwester Notfall und ich die komatöse Patientin (85kg Lebendgewicht) nun also auf den Stuhl und ich habe gerade meinen Vaginalschall in die völlig schluffi vor mir hängende Patientin gestöpselt, als die Tür sich öffnet und Nancy the Fancy, Chirurgieassistentin im 2. Jahr der Weiterbildung, die Szene betritt. Die Szene einnimmt. DAS SET ÜBERNIMMT! Oder so.

Bei Scrubs würde der zuständige Regisseur jetzt das Licht dimmen und die Slow-Mo anschmeissen, um Glanz und natürlichen Schwung von Nancys feuerroter Lockenmähne bestmöglich zur Geltung zu bringen. Auf ihrer perfekt geformten, prallen Oberweite, die jeden chirurgischen Patient zwischen 9 und 99 Jahren augenblicklich in den Zustand höchster Erregung versetzt (und mit Erregung meine ich GENAU_DAS…) ruhen die in sich verschlungenen Enden eines feuerroten Littmann-Stethoskops. Bißchen albern das, denn meines Wissens kann ein Chirurg ein Herzgeräusch selbst dann nicht als solches erkennen, wenn dieses sich namentlich bei ihm vorstellt. Ein Gynäkologe übrigens auch nicht – aber keiner von uns käme auch je auf die Idee, mit einem Littmann durch den Krankenhausalltag zu laufen. Okay – geschenkt!

Nancy indes trägt ihr Stethoskop mit solch akademischem Selbstbewusstsein, dass selbst dem letzten Hansel von vorne herein klar ist – diese Frau kann allein durch Auflegen des Arbeitsgerätes Leben retten. Ächt jetzt!

Aber Nancy hat noch mehr überzeugende Eigenschaften zu bieten:

Ihre exakt proportionierten Musculi glutei maximi (große A….Po-Muskel – hört sich aber nicht so toll an) trägt sie stets in nichts geringerem als massgeschneiderten, blütenweißen Jeans, welche ihrerseits von ebensolch strahlendweissem und 100 Prozent auch massgeschneidertem Kittel verdeckt werden. Letzteres geschieht jedoch nicht allzu oft, denn warum sollte Nancy ihren Prachthintern viermal die Woche im „GYM“ stählen, nur um ihn dann unter wallenden Lagen weißen Polyester-Leinen-Gemischs zu verdecken. Nein, dass will sie nicht! Und all die Männer in ihrem Dunstkreis wollen das ganz sicher auch nicht. So!

Oben herum wird dieser unglaublich reizende Anblick dann durch tiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeef ausgeschnittenes, eeeeeeeeeeeng anliegendes Mohair-Zeugs im Gegenwert meines Monatsgehalts vervollständigt. Ja, für Nancy the Fancy ist nur das Beste gerade gut genug.

Und das Ergebnis dieses materialistisch und physisch betriebenen Aufwands? Nun – Alle Kerle lieben dieses Prachtweib!!! Der Chef der Chirurgie! UND der Chef der Anästhesie. Selbst der internistische Chef, auch wenn er es immer nicht zeigen will. Wirklich alle männlichen Kollegen lieben Nancy und selbstverständlich ALLE männlichen Patienten zwischen 9 und 99. Äh, ja. Siehe oben!

Keine Frage, dass sie im Gegenzug aus tiefstem Herzen verabscheut wird – und zwar von allen Frauen im Haus. Ach, was sage ich da – von allen Frauen dieser Welt! Des Universums!!! Von allen Frauen ever!!! Mich eingeschlossen.

Das alles interessiert Nancy aber einen feuchten Kehricht. Ihr Ego ist so groß wie die Vereinigten Staaten und Kanada zusammen und was andere Menschen über sie denken hinterlässt keinerlei Spuren. Sie ist nicht nur groß, schön, talentiert und intelligent, sie ist außerdem Mrs. Teflon: einfach alles prallt an ihr ab! Lob, Kritik, Neid, Anschleimen, Anfreunden wollen – Nancy ist völlig autark. Ich hasse diese Frau! Ächt jetzt.

Aber zurück zu meiner – Entschuldiung: unserer Patientin, welche immer noch total breit auf dem Untersuchungsstuhl hängt, den Vaginalschall hübsch drapiert zwischen den Beinen schlängelnd, während Nancy sich mit einem flüchtigen „darf ich mal“ an mir vorbei und zu der Frau drängt.

„Guten Abend, ich bin die Chirurgin!“ Spricht es, reißt mit der rechten Hand Frau Breits Nachthemd bis zum Hals hoch, und drückt zackig mit links die Bauchdecke bis zur Liegefläche des Gynstuhls durch. Frau Breit röchelt ein wenig, was ich auch tun würde, wenn man mir gerade die Bauchdecke auf die Wirbelsäule presst.

Während „The Fancy“ den Bauch systematisch weiter mit ihrer 1A-manikürten, linken Hand durchknetet und das nun doch anschwellende Gestöhne der Patientin konsequent ignoriert, angelt sie mit rechts ein – wie könnte es auch anders sein – niegelnagelneues Funktelefon (das normalerweise nur Chefärzte bekommen oder höchstens noch Menschen, die mindestens einen OP-Saal gespendet haben…) aus ihrer Brusttasche, tippt eine 5-Stellige Zahl hinein und hält es dann – gelangweilt durch mich hindurch stierend, an ihr perfekt geformtes Ohr.

„Übi – ich bin´s!“

„ÜBI“, by the way, ist Bambis real gewordener ChirurgenOberArschArzt-Alptraum und Nancys größter Fan. Weshalb Fancy-Nancy auch immer mit Dr. Überzwerg in den OP darf um dort dann alles zu operieren, was der Plan so hergibt. DAS wiederum macht sie für die übrigen Männer ihrer Abteilung NOCH interessanter (Kerls stehen nunmal auf Frauen, die ordentlich metzeln können), läßt im Gegenzug jedoch auch die letzte Frau gegen sie Amok laufen.

„Ich hab mir die Frau angeschaut. Butterweicher Bauch! BUTTERWEICH!“ …..lauscht….. „Labor? Warte!“ Ungeduldig blickt Nancy-Baby mir erstmalig in die Augen, schnalzt ungeduldig mit den Fingern in meine Richtung und raunzt: „NA? Labor?!“

Schwester Notfall schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue Schwester Notfall durchdringend an. Und Schwestern N. hat verstanden. Aber sowas von. Und so drehen wir uns wortlos herum und verlassen Arm in Arm den Ort des Geschehens.

Nancy brüllt noch eine Weile hinter uns her. Und in ihr Telefon. Während sie mit links die nun laut schnarchende Patientin auf dem Stuhl fixiert.

Vom AmbulanzStützpunkt aus verfolgen wir dann gemütlich den Ausgang der Show:

„Und – hat sie eine Zyste“ fragt Schwester N. und schiebt sich ein zweites Snickers rein.

„Nee – weit und breit nix zu sehen!“ antworte ich und kippe noch ein bisschen Cola hinterher.

„Ist da gerade Überzwerg vorbeigestürmt?“ nuschelt Notfall und spuckt winzige Nusstückchen über den Tisch.

„Jepp! Der ist bestimmt froh, Fancy-Nancy ein wenig zur Hand gehen zu können!“

Frau Breit wurde im übrigen zwei Tage später bei völligem Wohlbefinden und ohne das kleinste bißchen Zyste nach Hause entlassen. Und der Urologe fand es toll, das Rotlöckchen ihm die Frau an jenem Abend noch höchstselbst vorbei gebracht hat…!