Tag-Archiv | Medizin

Chaos-Umfrage: Wünsch Dir was von Josephine Chaos!

Immer wieder bekomme ich Mails, in denen Blogleser fragen, wann es hier weiter geht. Und wie. Oder warum nicht. Und wer regelmässig selbst bloggt (bloggd? blogged?), der kennt die Antwort vielleicht selbst: Keine Zeit, keine Ideen, keine Lust, kein Internet… – in meinem Fall ist es wahrscheinlich etwas von allem, und weil das so ist, habe ich mir gedacht, vielleicht könnt Ihr mir einfach mal erzählen, WAS IHR gerne einmal lesen würdet. Oder über welche meiner ProtagonistInnen. Oder etwas ganz anderes. Wünscht Ihr Euch mehr medizinische Fakten, Einblicke in den Mediziner-Alltag, mehr Love-Stories, traurige Geschichten, lustige oder nichts davon?

Ich bin jeden Tag aufs Neue erstaunt, wie viel hier immer noch los ist, obwohl ich das Blog zugegebenermassen herbe vernachlässigt habe. Insofern versuche ich jetzt mal, Euch wieder ein bisschen Unterhaltung zu bieten. Man möge es mir jedoch nachsehen, wenn es nicht mehr ganz so hoch frequentiert wie in der Anfangszeit sein wird, dafür bräuchte mein Tag deutlich mehr Stunden als die läppischen 48, aus denen er jetzt schon besteht… ;)

Also – an die Tasten, ich bin gespannt!

Eure Josephine

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Gottes Geschenk an die Menschheit: der MANN!

Ganz im Ernst – ich mag Männer! Noch nie, solange ich denken kann, habe ich versucht, sie in irgendwelche Schubladen zu packen. Nicht in die „Macho“-Schublade, nicht unter „Selbstherrlich“ und gleich gar nicht unter „borniert und eingebildet“. Nein, Zeit meines Lebens bin ich mit der anderen Spezies Mensch hervorragend klar gekommen, ganz im Gegenteil würde ich an manchen Tagen noch heute gerne alle gerade greifbaren Frauen gegen einen Mann eintauschen. IRGENDEINEN!

Aber je älter ich werde, desto mehr nervt mich eine ganz besondere, typisch männliche Angewohnheit: „Sehet her – ich habe den größten-dicksten-schönsten-stärksten“.

Mein Haus, mein Schiff, die Frau und das Pferd. Mein Studienabschluss, meine Gehaltsabrechnung, das Golfzertifikat. Man kann Frauen ja wirklich viel nachsagen, aber dieser Zug geht uns dann doch gänzlich ab. Oder wir fröhnen ihm einfach im Stillen, wer weiss.

Unlängst zum Beispiel, da sass ich auf einer lustigen Fortbildung, während derer ein referierender Kollege aus dem niedergelassenen Bereich nicht müde wurde, uns über die Vorzüge seiner Praxis auf dem Laufenden zu halten. Und das Gehalt seines Innenarchitekten, welcher sonst nur die Reichen und ganz schön Reichen auszustatten bereit wäre. Und während er seine goldenen Manschettenknöpfe am 5.000 Euro-Zwirn blitzen liess, bleckte er die blütenweiss-gebleichten Zähne.

Klar kaufen auch Frauen sich schweineteure Klamotten, sitzen wochenlang beim Friseur, fahren gerne schicke Autos und wohnen in tollen Häusern. Aber in all den Jahren in der wundersamen Welt der Medizin habe ich es noch nie erlebt, dass eine Kollegin ihren Konsumwahn zwischen Hormon-Updates und onkologische Therapieansätze packt. Männer machen das. Und finden es völlig okay.

Und Männer finden dieses Verhalten auch bei anderen Männern kein bisschen albern – ganz im Gegenteil, am Ende der Veranstaltung klopft man sich gönnerhaft die Schulter, vergleicht sein Boot, das Haus und den Gaul, bevor man weiter zieht. Zu einem anderen Menschen, dem man die Bildchen hinlegen oder vom tollen Abschlusszeugnis erzählen kann…

 

ISCH KOMM NISCH MEHR HINTERHER…

Okay, aufgepaßt  – akutes, absolut medizinfremdes Herumgejammere (wer diesen Teil gerne überspringen möchte, steige ein paar Absätze weiter unten wieder ein… :)): ich komm gerade zu gar nichts mehr! Ernsthaft!

Die Kinder hatten zwei Wochen Ferien, und ich eine davon mit ihnen. Will heißen: wir tauschen die Schulzeitfahrerei (Klavier, Karate, Ballett, Schwimmen, Tennis, Reiten…) gegen die Freizeitfahrerei (Freunde besuchen, Schwimmbad, Reithof, immer noch Tennis) sowie diverseste andere „Kleinigkeiten“ (Fenster putzen, Garten sommerfein machen, Terrasse schrubben, Gartenmöbel schrubben, Liste-beliebig-erweiterbar) und ein bißchen Freizeitstress. Die gesamte letzte Woche ging eigentlich für Zeit am und ums Pferd herum drauf (was ja super ist, weil ich es gerne mache und gerne dort bin) – aber es zwackt halt empfindlich viel zusätzliche Zeit meiner sonst schon so kostbaren 15 Stunden Tagesablauf ab. Und das nervt.

Chef meinte am Montag: „Sie sehen irgendwie erholt aber gehetzt aus…?!“ Und so fühl ich mich gerade auch. Gehetzt. Verfolgt. Pistole auf der Brust.

Sommer ist toll, es gibt nichts schöneres, als nach Monaten tristem Einheitsgrau das Leben plötzlich aus jedem Strauch explodieren zu sehen, wenn der Kaffee plötzlich wieder am allerbesten in der Morgensonne schmeckt und das Bier in der lauen Abendluft. Aber wer bitteschön erledigt all den zeitraubenden, ungeliebten aber absolut notwendigen Mist drumherum? Wer mäht mein Gras, jätet mein Unkraut, räumt Winterklamotten aus und Sommerklamotten in die Schränke? Wer besorgt Rasendünger und Rasennachsaat und düngt und sät mir dann auch? Und warum muß so ein Frühjahrseinbruch eigentlich so brutal TEUER sein? Nehmen wir die Kinder: ich war letzte Woche Kinderschuhe kaufen – 6 Paar Sommerschlappen für läppische (haltet euch fest): 300 Öcken. Und das war mitnichten weder Gucci noch Chanel, noch nicht mal Naturino (für die Eltern unter den Mitlesern ;)) – aber die Brut wächst stetig weiter, und zwar in rasender Geschwindigkeit, was bei den Jungs jeweils eine, beim Mädel sogar zwei Nummern pro Fuß ausmacht :-0. Da kannste die Schuhe vom Vorjahr komplett in die Tonne kloppen. So. Und von kurzen Hosen, Shirts und haste-nicht-gesehen will ich erst gar nicht anfangen – da ist leider auch schon wieder alles viel zu klein…

Und damit nun die Überleitung zum eigentlichen Blogthema: MEDIZIN!!! (hier kann nun gerne jeder einsteigen, der mit Haus, Hof und Nachfahren nicht allzuviel am Hut hat… ):

Um den familiären Wahnsinn zumindest in Ansätzen mitzufinanzieren, geh ich ja nun nebenbei noch arbeiten (mein ehemaliger Oberarzt hat mich immer „Hobby-Gynäkologin“ genannt – auch sehr charmant… *grmpf*). Und da Dienste ja bekanntermaßen das Budget zumindest ein bißchen anheben, verbringe ich diese Woche quasi komplett in der Klinik: den ersten Dienst hab ich bereits hinter mir, zwei weitere folgen Freitag und Sonntag (erwähnte ich es bereits – ich HASSE Wochenenddienste…). Und gestern morgen haben wir es doch tatsächlich fertig gebracht, LANGE, LANGE  vor dem nächsten Ersten des Monats den Dienstplan auf die Beine zu stellen (also – zumindest für unsere Verhältnisse lange – normalerweise zimmern wir das Teil am morgen vorher notdürftig zusammen, um es dann bis zur Monatsmitte noch drölfzig Mal willenlos zu revidieren). Und es war gestern SO einfach, daß es schon fast unheimlich war: Ruck-Zuck hatten wir die 30 Tage unter Dach und Fach, und das, obwohl sich die zweite neue Kollegin irgendwie alle Wochenenden und Feiertage unter den Nagel gerissen hat…

Nächstes Stichwort: neue Kollegin. Nach Dr. Multisozialversagens Weggang (ich berichtete mehrfach *ggg*) hat Cheffe in wahrhaftiger Rekordzeit einen neuen Mann und eine Frau eingestellt – beide mit längerer bis langjähriger Berufserfahrung, beide somit schon was älter *hust* und mit Kindern mittleren Alters wahrscheinlich auch außerhalb der Fortpflanzungsphase. So weit, so gut. Kollege eins ist fleißig, seeeeeehr gesprächig, ein wenig sehr von sich überzeugt, aber erträglich. Und macht Dienste.

Die Kollegin – heimlich „Schnegge“ getauft – hat bereits nach einer Woche gezeigt, wo ihre ganz große Stärke liegt: im Arbeit-aus-dem-Weg gehen. Sieht aus wie folgt: 4-6 Dienste pro Monat (mehr geht nicht, wegen der (15 und 17 jährigen) Kinder), keine Feiertagsarbeit (Ostern – jaja, die Kinder halt, Christi Himmelfahrt wegen ihres Mannes, weil der ja schließlich Vater ist, Pfingsten sowieso nicht, da ist das Wetter immer so toll) – und überhaupt hat sie für Juli/August drei Wochen Urlaub eingetragen, ungeachtet der Tatsache, daß dort bereits drei (von sieben) Kollegen im Urlaub sind. Wir hatten uns vor Schnegges Eintritt ein wenig gewundert, warum sie in 2 Jahren insgesamt 6 Mal das Haus gewechselt hat – jetzt wundern wir uns nicht mehr.

Nun denn – diesen Monat hat sie noch Schonfrist, ab dem nächsten Dienstplan wird dann aber zurück geschossen :)

Ich genieße jetzt noch ein wenig das schöne Wetter – bevor morgen wieder die Kaltfront zuschlägt. Freitag dann mehr – aus dem hoffentlich ruhigen Dienst…!

Des Nächtens im Kreißsaal…

Es gibt 1000 und eins gute Gründe, Medizin zu studieren und Arzt zu werden (nun gut – heute vielleicht nur noch 996, aber immerhin). „Menschen helfen“, „Gutes Tun“, „Leben retten“ – alles gern genommen. Ich dagegen hab wahrscheinlich nur einen einzigen, wenig heroischen aber sehr persönlichen Grund dafür: Ich LIEBE Kreißsäle bei Nacht! Echt jetzt.

Unser erstes (mein und meines Mannes ;)) Kind wurde nach unendlich erscheinenden Stunden in einer lauen Sommernacht geboren. In einem dämmrigen Kreißsaal mit Blick ins Grüne, während eine freundliche Grille sich vor dem geöffneten Fenster den Wolf zierpte… ;)  Seit diesem Zeitpunkt bin ich dem Flair eines Kreißsaales bei Nacht vollkommen verfallen.

Es gibt die ruhigen Nächte, in denen man lediglich hin und wieder ein leises Jammern und seichtes Stöhnen aus einem gedimmt leuchtenden Spalt der großen Schiebetür sickern hört. Wo Hebammen gemächlich von Saal zu Saal wandern, Gelassenheit verströmen und Pathogramme füllen, wo man zum gleichmäßigen „Toctoc“ des CTG-Gerätes ein wenig vor sich hin dämmern oder vielleicht sogar auf einem freien Kreißbett ein wenig Schlaf finden kann. Die Nächte, in denen man es mit einem roten Kopfkissenabdruck auf der Backe gerade noch zum finalen Pressen schafft, wo die Hebamme das schreiende Bündel Mensch schon auf dem Bauch der glücklichen Neu-Mutter legt, während man sich den letzten Schlaf aus den Augen reibt.

Und dann gibt es Nächte, wo man beim Betreten des Kreißsaaltraktes bereits bis zu den Knien im Adrenalin steht – fremdes und körpereigenes Adrenalin – das einen so sicher und augenblicklich ins Wach befördert, wie ein Eisbad im Winter. Wenn selbst erfahrenen Hebammen die Hektik ins Gesicht geschrieben steht, wenn man schon im Eingangsbereich über einen Betäuber  im wehenden Kittel nebst schwer bepacktem Anästhesie-Pfleger fällt. Blutende Frauen, bradykarde Kinder, Notfall-Tokolyse, Vakuum, Forceps, Not-Sectio.

In meinem allerersten Dienst, damals, vor gefühlten 100 Jahren, klingelte nachts um halb Zwei das Telefon neben meinem Bett, und mein erfahrener Kollege entschuldigte sich höflich und teilte mir mit, das wir eine Frau Not-sectionieren müßten, ob ich wohl kommen könnte. Und ob  ich konnte!!! Der Weg war unglaublich weit: einen langen Gang hinunter und über drei Stockwerke bis zum Kreißsaal – dort lief ich, keuchend und schwitzend, fast ungebremst in einen ganzen Wust von Menschen hinein: Hebammen, Hebammenschülerinnen, OP-Schwestern, Kinderärzte, Anästhesisten, Angehörige – sie alle schwirrten wie ein wild gewordener Bienenschwarm durch die Räumlichkeiten. Im OP selbst herrschte dann eine beinah unheimliche Stille – und während der Oberarzt gerade erst aus ihrer Privatkleidung in die OP-Tracht stürzte, befanden wir uns quasi schon mit beiden Händen im Uterus der Frau. Danach – als das Kind wohlbehalten und mit „gutem Apgar und pH“ an die Pädiater übergeben war – schlug die Stimmung – trotz der späten Stunde – in eine heitere, gelassene Ruhe um, es wurde gescherzt (ich stand bis zu den Knien im grünen Fruchtwasser und man wollte mich noch während wir den Bauch wieder  zu machten, von meinem glitschigen, kalten Leid befreien – also krabbelte eine Schülerin unter dem OP-Tisch herum und versucht, mir die alten Socken aus- und neue anzuziehen) und gelacht. Und ich wunderte mich, wie viele Ärzte wohl in ihrem ersten Dienst tatsächlich mit solch einem Notfall konfrontiert würden…?!

2 Stunden später – immer noch mitten in der Nacht, ich hatte gerade wieder in den Schlaf zurück gefunden –  klingelte das Telefon erneut, und mein immer noch freundlich sich entschuldigender Kollege bat mich zur zweiten Notsectio. Ich stutzte kurz – C. war bekannt für sein überaus akurates, jederzeit völlig korrektes Verhalten – im Leben niemals wäre er auf die Idee gekommen, „Feuer“ zur rufen, wenn nicht mindestens die Stadt brannte. Und so nahm ich auch dieses Mal sofort die Beine in die Hand und sprintete erneut über die langen Flure hinunter in den Kreißsaal und hinein ins Chaos. Und Gott-sei-dank – auch dieses Kind erblickte das Licht der OP-Röhre bei Wohlbefinden, auch hier wich die angespannte Routine einer erleichterten Gelassenheit, und ich fiel gegen morgen, trotz des immer noch in Pulswellen durch meinen Körper fließenden Adrenalins in einen komaähnlichen Kurzschlaf aus dem heraus ich beinahe meinen ersten Dienstrapport verschlafen hätte!

Hätte das Telefon erneut geklingelt, in jener Nacht , ich wäre wahrscheinlich losgerannt, OHNE vorher noch einmal den Hörer abgenommen zu haben…