Tag-Archiv | Malucci

Lassen sich mich Arzt – ich bin durch…!

„Ich warte im übrigen immer noch auf meine Malucci-liebt-Gloria-Exklusiv-Geschichte – nur, damit du bescheid weisst!“

Gelangweilt lümmel ich auf der Kreißsaal-Aquariums-Couch herum, stilecht im Chirurgenpyjama und allem drum-und-dran, während ich Gloria-Victoria dabei beobachte, wie sich sich gepflegt an ihrem Latte Macchiato  verschluckt.

„Sach ma – SPINNST DU, Josephine? Schau mal wie ich jetzt aussehe!?“

Fluchend wischt sich meine Lieblingshebamme den Kaffeeschaum vom Leibchen, während zartes Rot sich auf den sommersprossigen Bäckchen breit macht.

„Und was kann ICH dafür, dass du deinen Kaffee nur mit Sabberlatz trinken kannst, hm? Hey – HEY! LASS DAS!“

Noch während ich hinter der Couch Schutz vor Glorias Gummibärenbombardement suche, geht mein Handy los. Auf dem Display: Das Bambi!“

Ich: „Bambi? Was gibt´s?“

Bambi *whisper*: „(unverständliches Zeug)“

Ich: „Liebelein – sprich lauter!“

Bambi *WhispertUnwesendlichLauter*: „*******“

Ich: „BAMBI! SPRICH_LAUTER!“

Gloria (leidlich genervt): „Sie ist im Vierer-Kreißsaal. Vorzeitiger Blasensprung, Wehentätigkeit. Nur, falls es irgendjemanden interessiert!“ Sprichts und schmeisst eine weitere Handvoll Gummigedöns nach mir.

Ich: „Okay! Bleib wo du bist – ich komme!“ Und leg auf. Dann, an die Hebamme gewandt: „Sag – was ist da drin los?“

Gloria zuckt ratlos die Schultern: „Ich hab keine Ahnung – ist FrauVonSinnens Patientin. Mehrgebärende. Sind schon ein paar Stunden zu Gange.“

Ich rappel mich also hinter der Couch hervor und stiefel nach Kreißsaal IV (lindgrün). Kaum die Tür herein, bin ich auch schon mittendrin im Geschehen.

„ICH_BIN_ARZT!“

Verblüfft schüttel ich die Hand des Mannes, der sich aus dem Nichts heraus vor mir aufgebaut hat. Ein großer Kerl, Mitte Vierzig vielleicht, gepflegt und adrett gekleidet, mit Goldrandbrille und Charlie-Sheen-Frisur. Für letztere hat er hoffentlich seinen Friseur verklagt – geht gar nicht. Aber das ist gerade ein anderes Problem…

„Ich bin Arzt!“ wiederholt er jetzt erneut, während er ausdauernd meine Hand schüttelt. Ich bin verwirrt – was WILL der bloss von mir?

„Das trifft sich gut,“ antworte ich vage „ich bin nämlich auch Ärztin, wissen sie!“

Beruhigend lächel ich ihn an, was ihn nur veranlasst, stärker zu schütteln. Ich habe jetzt echte Sorge, er könnte mir den Arm auskugeln.

„Herr….- Kollege? Vielleicht könnten sie mich loslassen, dann sag ich ihrer Frau auch mal guten Tag?“

„Oh – ja…äh, sicher! Natürlich!“ Folgsam lässt er die Hand endlich los und tritt einen Schritt beiseite. Dann beugt er sich noch einmal zu mir herüber und flüstert eindringlich „Ich.Bin.Arzt!“

Nee, is´ klar. JETZT hab ich es kapiert. Arzt! Super!

Der Kerl ist durch. Jetzt schon. Alter Schwede – das kann noch lustig werden. Gottlob macht Frau Arzt einen ganz zauberhaft normalen Eindruck. Laut schnaufend und prustend hängt sie gerade in das von der Decke baumelnde Tuch gekrallt, während der Wehenschreiber beeindruckende Berge aufs durchlaufende Papier krakelt.

Ich schaue mich suchend um – und da, in der hintersten Ecke des weitläufigen Raumes, zwischen Kreißbett und Badewanne versteckt, winkt Bambi verschüchtert zu mir herüber. Ich sage „Hallo“ zu Frau Arzt, die mir zwischen zwei Wehen freundlich zunickt und gehe dann zu meiner Baby-Kollegin hinüber.

„Bambi? Was ist los? Wo ist Frau Von Sinnen? Und warum sprichst du nicht ins Telefon, wenn du schon anrufst?“

In Bambis großen Rehaugen herrscht Hochwasser und die Unterlippe zittert verdächtig. Das Rehlein ist offensichtlich am Ende mit den Nerven.

„Es…ist….weil…also, wegen…der Mann…Arzt…ich weiss nicht….!“

Unverständliches Zeug. Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, so viel ist mal klar!

„Bambi – grammatikalisch korrekte Sätze. Ich versteh gerade nur Hauptbahnhof!“

Die kleine Frau holt tief Luft und schluckt trocken. Ein Tränchen verlässt das linke Auge und rollt malerisch die Backe entlang bevor es auf Bambis Kinderdekollete klatscht. Frau Arzt schraubt sich gerade die Tonleiter entlang zum zweigestrichenen ‚C‘ hinauf, während nun auch des Gatten Mantra von der Tür zunehmend lauter herüber schallt: „Ich bin Arzt! Wissen sie! ARZT! Ich bin AAAAHAAARZT“

„Whow – ich wette, der hat ein prätraumatisches Belastungssyndrom. Was ist der Kerl bloss? Dermatologe?“

Bambi schüttelt in atemberaubender Frequenz den Kopf. Wenn ich ehrlich bin, sieht sie gerade nicht weniger traumatisiert aus…

„Er ist…“ flüstert sie kaum hörbar „RECHTSMEDIZINER….!“

……………????……………….

Das Fragezeichen auf meiner Stirn wird sekündlich größer. Wo ist denn die Pointe bei der ganzen Nummer? Versteh nur ich das nicht?

Das Bambi kollabiert jetzt gleich. Oder schaut es nur so grün aus, weil die Farbe der Wand sich im weiss der Gesichtsfarbe spiegelt? Herrjeh – egal! Ich nehm die Kleine bei den Schultern und schüttel ein bisschen:

„DU. BIST. AUCH. ARZT! Comprende? Verstanden? Alles klar?“

In dem Moment zupft mich jemand am Kittel

„Vielleicht kann mal jemand meiner Frau helfen?“

Unbemerkt im Treiben und Geschrei hat sich der Kollege von hinten angeschlichen und hängt mir nun ein wenig verstört am Kittelsaum, während seine Frau frenetisch brüllend von der Decke hängt. Also – irgendwie…

„Wo ist eigentlich Frau Von Sinnen?“ suchend blicke ich mich nach der Hebamme um, die aber leider nirgendwo zu sehen ist.

„Kaffee holen“ flüstert Bambi mir ins Ohr „Ich sollte so lange aufpassen. Aber er ist doch Aaaaarzt….!“

Ein zweites Tränchen kullert über die Backe. Ist aber gerade sowas von egal, denn jetzt steht Frau Arzt auch noch neben mir, packt mich am Arm und sagt – jedes einzelne Wort betonend: „ICH MUSS PRESSEN!“

Supi! Pressen muss sie. Nun denn!

„Bambi – geh Von Sinnen holen! STAT!“

Und zu meiner Patientin gewandt: „Sitzen? Stehen? Liegen?“

„STEEEEEEEEHEEEEEEEEEN!!!!!!“ brüllt sie – und schmeisst sich zurück ans Seil, dass ich befürchte, sie könnte den Karabiner aus der Decke reissen.

Diese Frau ist der OberKracher! Ächt jetzt! Wie ein Sumoringer vor dem entscheidenden Angriff hängt sie in ihr Tuch geklammert, während sie presst, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich liege auf den Knien vor ihr und sehe den dunklen Schopf deutlich tiefer treten, tiefer, TIIIIIEEEEEFER….

„Wo ist die VERDAMMTE Hebamme???“ – denk ich mir und kann mich gerade noch auf den Rücken vor die Frau schmeissen, als mir auch schon mit einem satten Platscher Baby-Arzt auf den Bauch klatscht. DAS nennt man dann wohl Sturzgeburt….

Frau Von Sinnen erscheint – herrlich nach Kaffee duftend – just in dem Moment, als Kollege Arzt die Gesichtsfarbe von dunkelrot nach weiss nach aschgrau wechselt und gepflegt vom Höckerchen fällt, auf das ich ihn kurz zuvor plaziert hatte, um der Frau ein wenig Halt beim Pressen zu geben…

Die Kopfwunde hat ihm Nancy The Fancy anschließend mit süffisantem Grinsen souverän vernäht, während Frau Arzt glücklich ihr FÜNFTES Baby abgenabelt, gewaschen und angezogen hat, um es anschließend – zusammen mit  ihrem lädierten Mann, ins Auto zu packen und nach Hause zu fahren.

Bambi hat sich immer noch nicht von ihrem „Ich-muss-eine-Kollegen-Gattin-entbinden“-Trauma erholt und muss frühzeitig nach Hause geschickt werden.

Und ich – ich muss dann nochmal genau nachfragen, WIE das jetzt ist – mit meiner Lieblingshebamme und dem kleinen Italiener… :)

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Willkommen im Leben, Tscheremy-Marlboro

„Du hättest mich ruhig mal einweihen können! Ich hab geschaut wie Hein Blöd als Schwester Bildzeitung dich geoutet hat!“
Wütend funkel ich zu Gloria hinüber, die verschämt ihr Goldköpfchen senkt.
„ich habe keine Ahnung, woher sie das weiß! Wir waren immer so vorsichtig!“ murmelt es undeutlich zurück.
Immer?!
„Wie jetzt – immer? Seit wann geht das denn schon mit dir und Mr. Lover-Lover?“
Ich bin entsetzt. Die Lieblingshebamme enthält mir vorsätzlich wichtige Informationen vor? Das glaub ich ja nicht…!
„Nuschel“
„Ich hätte schwören können, du hast gerade „halbes Jahr“ genuschelt. Aber da habe ich mich ganz sicher verhört! Stimmt doch, Gloria? Ich muss mich verhört haben?!“
„Ich muss dann jetzt mal pressen.!“
Frau Schmidt auf dem Kreissbett zwischen uns wartet das Ende unserer Diskussion erst gar nicht ab, sondern presst gleich mal ordentlich durch. Interessiert und einträchtig senken die Hebamme und ich den Kopf um den Effekt des Pressversuches zu beurteilen. Gloria hebt anerkennend die Linke Augenbraue.
„Nicht schlecht, Frau Schmidt – ich kann schon Haare sehen!“
Frau Schmidt ist ein echtes Phänomen – neunte Schwangerschaft, achtmal völlig unproblatisch spontan geboren. Und das, obwohl sie klein und dürr wie ein Geierjunges ist. Und locker fünfzehn Jahre vorgealtert, was sie wohl den zwei Päckchen Zigaretten pro Tag zu verdanken hat, die sie während der Schwangerschaften immerhin auf zwanzig Fluppen täglich reduzieren konnte.
Frau Schmidt ist obendrein ein recht seltenes Phänomen: gleichwohl mit der Figur eines präpupertären Teenager gesegnet ist sie eindeutig Vollprofi im Fachbereich Kinder gebären. Drei ihrer bisherigen acht Geburten hatte ich schon persönlich miterlebt und alle liefen immer nach demselben Schema F ab: im Raucherhof eine Zigarette nach der anderen – „Die Aufregung, Frau Dokta, is‘ klar, nä?“ – dann, pünktlich zu Muttermund vollständig ab in den Kreissaal und rauf aufs Bett, zweimal gepresst, Kind da. So einfach geht das! Und alles ohne Geschrei und Gejammer, selbstverständlich ohne PDA, denn mit der darf man nicht zum Rauchen in den Hof, und kaum ist die Plazenta draußen, zieht sie mit ihren Marlboro schon wieder weiter.
„Nächste Wehe!“
Völlig konzentriert presst Frau Schmidt ihr neuntes, winzigkleines Raucherbaby an schlaffen Beckenbodenmuskeln vorbei in die Welt und mit einem böse grollenden, nikotininduziertem Husten folgt auch gleich die noch winzigere, völlig verkalkte Plazenta nach.
„Junge? Heißt Tscheremy-Marlboro. Tscheremy mit T-S-C-H. Marlboro wie die hier!“ sprichts und hält mir die Zigarettenpackung unter die Nase. Dann schlurft sie breitbeinig zur Tür hinaus, das OP-Hemdchen mit einer Hand über dem dünnen Hintern zusammen haltend.
„Na, du armer Wurm!“ murmel ich besänftigend den schreienden Säugling an, dessen Nikotinentzug bereits in vollem Gange ist „Dann mal herzlich Willkommen im Leben!“
Gerade will ich mich nach Gloria umschauen um unser Gespräch über sie und Malucci und überhaupt zu beenden, als Ludmilla, kleine, dicke Russenhebamme den Kopf zur Tür herein steckt: „Josephine – komm! Frau Blume- Sonne tut schreien!“
Wer?
„Frau Hühner-Wanne!“
HÄH?!
„Blümel-Wonne“ hilft Gloria jetzt aus.
„Und was schreit sie, bitte?“
„Kaiserschnitt!“
Isses wahr…!