Tag-Archiv | Klage

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: „Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!“ (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil „kein Bock mehr!“.

„Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!“ – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem „Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte“ gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

Aus Liebe zum Spiel

Ich weiß nicht, ob ich es hier jemals irgendwo festgehalten habe, aber: Ich LIEBE Baseball. Nein, ich bin völlig verrückt nach Baseball. Und keiner weiß, warum, War schon immer so. Wenn die Jungs in ihren längsgestreiften, modisch völlig indiskutablen Pyjama-Karottenhosen aufs Spielfeld stapfen, den Schläger zwei, dreimal probeweisen durch die Luft ziehen um dann, mit völlig bewegungsloser Miene, einen Mundvoll Kautabak in den Sand zu rotzen. Wenn der Pitcher seinen einsamen Platz auf dem „Mount“ bezieht, den Ball probeweise drei-, viermal in den ledernen Handschuh drischt, bevor er -mächtig Schwung holend – die Lederkugel mit gewaltigem Bums am Batter vorbei in den „Mitt“ (=Handschuh des Fängers) oder auf den Schläger des Batters wirft, der sich dann wiederum auf seinen Weg über die einzelnen Bases macht – DANN, ja dann wird alles gut…!

Baseball hat etwas mit Ruhe zu tun, mit Konzentration und Können, um einen Ball von der Größe einer Apfelsine über 18m punktgenau in den Handschuh seines Catchers zu platzieren und das auch noch – wenn irgend möglich – auf der Höhe zwischen Knie und Brust des am Boden kauernden Fängers. Oder eben – von der anderen Seite betrachtet – dieses kleine runde Ding mit seinem Schläger so glücklich zu treffen, das es ihn weit hinaus ins FairField trägt, hin und wieder gar bis hinauf in die Ränge der tobenden Zuschauer, um dann in ruhigem Trab und mit stolz geschwellter Brust über die Bases nach Hause zu laufen. Home Run!

Wenn ich je die Möglichkeit gehabt hätte, professionelle Baseballspielerin zu werden, ich hätte ohne eine Sekunde zu zögern der Medizin den Rücken gekehrt, um mein Leben fortan – in modisch indiskutable Klamotten gepfercht – mit dem batten und pitchen kleiner Bälle zu verbringen, während mein Kiefer stundenlang monoton auf pinkfarbenem Kaugummi herummahlte.

Geburtshilfe ist ein bisschen wie Baseball: Während das Publikum um dich herum HotDogs und Bier auspackt und auf ein gutes Ende hofft, bist du auf dem Mount allein. Mit deiner Angst und einem wechselnden Schatz an Erfahrung. Deine Team sitzt wohl in greifbarer Nähe und schaut dem Treiben zu, aber wenn du da auf dem Feld einen Ball verhaust und das Spiel damit vergeigst, dann ist das einzig und allein deine Schuld, dann bekommst DU dafür die Hucke voll. Und obwohl du den Ball schon gefühlte eine Million Male geschlagen hast, kannst du dennoch nie mit letzter Sicherheit voraussagen, wo er hingehen wird und ob er dich am Ende auch tatsächlich nach Hause bringt…

Heißt im Klartext: eine Geburt ist immer Spiel auf Risiko. Denn egal, wie gut du vorbereitet bist, ob du viel trainiert hast, oder nicht – mal gewinnst du, mal verlieren die anderen. Was aussieht wie ein gemütliches Tächtemächtel zum Wochenanfang kann sich binnen Sekunden zum größten Debakel aller Zeiten entwickeln, und dabei hast du vielleicht nur ein wenig zu weit links gehalten, oder der Batter ist heute einfach nicht in Bestform. Du kommst in den Kreißsaal, und alles ist super: die PDA sitzt gut, das CTG vorbildlich, die Mutter kompatibel und ausgeruht, die Hebamme ruhig und erfahren. Punkt für Punkt zieht das Spiel an dir vorüber – Wehenbeginn, Eröffungsphase, Muttermund vollständig, Pressen, Kind kommt, Plazenta folgt – Apgar und pH o.B., alle Beteiligten super glücklich.

DAS ist das perfekte Spiel. Schicksal, Können und äußere Umstände haben dafür gesorgt, daß kein einziger Mann des gegnerischen Teams auch nur einen Fuß auf die Bases bekommen hat. Einen nach dem anderen hast du sie Out geworfen, das Publikum tobt, der Trainer ist zufrieden und alle gehen euphorisch nach Hause.

Aber wenn es eben NICHT perfekt läuft, das CTG schon schlecht ist, bevor die Nummer richtig begonnen hat, die Mutter erschöpft, Nabelschnurumschlingung, Blutung, Lösung, – WHATEVER! Dann stehst du da, auf dem Pitcher´s Mount, mutterseelenallein und machst dir die Hosen voll. Das Gefühl, wenn dir der Angstschweiß aus allen Poren tritt, den Rücken hinunter läuft, während du krampfhaft versuchst das Frühstück in deinem revoltierenden Magen unter Kontrolle zu halten… – das sind die Momente, in denen du dich zum tausendsten Mal fragst, wie zum Teufel du in dieser besch***enen Situation gelandet bist und warum du nicht einfach irgendetwas risikofreies, völlig entspanntes gelernt hast. Und wenn du ganz genau darüber nachdenkst, kann es am Ende nur eine einzige Antwort auf diese Frage geben:

Aus Liebe zum Spiel…!

Fucked by Statistics*…

*Copyright by „Es wird mal kurz hell im Hals…“

Die Tage bin ich über diesen Artikel meines Auswandererkollegen Patrick gestolpert: bei einer alten Dame war es nach Spinalanästhesie zu einer folgenschweren Komplikation gekommen.

Jeder medizinisch invasive Eingriff erfordert im Vorfeld eine gründliche Aufklärung des zu behandelnden Patienten – sei es nun eine Sectio, die Vollnarkose vor OP, die radiologische Untersuchung mittels CT oder das schlichte Verabreichen einer Blutkonserve – für jedes Mätzchen gibt es einen zwei bis mehrseitigen Aufklärungsbogen, bebildert und reichlich betextet, welcher dem Patienten vorgelegt und ausführlich dargelegt werden muß.

Wer regelmäßig rechtsmedizinische Klagefälle verfolgt („Der Gynäkologe“ zum Beispiel hat einen sehr kompetent aussehenden Rechtsverdreher mit eigener „Kolumne“, in der quartalsmäßig ein kurzweiliger Anklagefall dargestellt wird…) weiß, daß das Ausfüllen dieser Bögen Stunden in Anspruch nimmt, will man im Falle einer tatsächlich aufgetretenen Komplikation auch tatsächlich rechtlich abgesichert sein. Heißt im Klartext, man/frau muß im Falle eines Falles (anhand handschriftlich angefügter Notizen, bzw. Zeichnungen) nachweisen können, daß er den Patienten über alle möglichen und unmöglichen Komplikationen suffizient aufgeklärt hat. Das geht so weit, daß ich z.B. jede Sectio über die Möglichkeit ihres Ablebens aufklären muß – das kommt natürlich genau in den Momenten sehr gut, wo die Frauen – ohnehin schon gebeutelt, ängstlich und verunsichert – aus der „normalen“ Geburt in den OP gezwungen werden *ironieoff*

Zur Beruhigung der Patientin (und ich gebe es zu: auch des eigenen Seelenheils) betont man nun also, daß dieser oder jener Eingriff so und so oft durchgeführt wird und die ganz drastischen Spätfolgen nur in sehr seltenen Fällen auftreten. Was dann sowohl die Patientin als auch den behandelnden Arzt in der Regel beruhigt. Denn mal ehrlich: irgendwie wiegen wir uns doch alle in dem altbewährten Glauben, daß das „nur anderen passiert“, aber niemals nicht uns. Und dann, nach der 25.000sten Aufklärung passiert es doch: Die Verletzung eines nicht betroffenen Organs während einer OP, der anaphylaktische Schock bei Gabe von Blutkonserven – oder eben die Lähmung nach Spinalanästhesie.

Und selbst wenn die Komplikation NICHT auf dem eigenen Mist gewachsen ist, sondern höhere Macht oder was auch immer seine Finger im Spiel hat, und wenn ich auch noch so schön aufgeklärt habe und die Patientin alles verstanden hat und sich des Risikos durchaus bewußt war – es ändert nichts an der Tatsache, daß man sich als Arzt schlecht fühlt, mit sich und dem Schicksal hadert und vielleicht sogar fragt, warum um alles in der Welt man keinen anständigen Beruf erlernt hat. Ich kenne sogar Kollegen, die nach einer ausgeprägten Komplikation das Handtuch geworfen haben und – keine Ahnung: Lehrer? Steuerberater? Jedenfalls-Irgendetwas-Anderes geworden sind.

In etlichen Büchern, Filmen und medizinisch gelagerten Fernsehserien taucht immer wieder der Spruch „Man ist erst dann ein richtiger Arzt, wenn man seinen ersten Patienten auf dem Gewissen hat“ auf. ÄCHT JETZT??? Dann möchte ich lieber kein richtiger Arzt werden. Ich möchte weiterhin frohen Mutes versichern können, daß ich diese oder jene schwerwiegende Komplikation in den Jahren meiner Ausbildung noch nie am eigenen Leib erfahren mußte. Und doch machen mir gerade solche Geschichten, wie die von Patrick und der alten Dame, immer wieder aufs Neue bewußt, das es jeden von uns jeden Tag treffen kann. Und das wir dann – Aufklärung hin oder her – schauen müssen, wie wir mit der Situation klar kommen…

Patrick – Hut ab für den Mut zu zeigen, wie es nun einmal in unserem Job läuft. Wir sind alles nur Menschen, und ja: Shit happens!

Der Mörder war immer der Gynäkologe…

Im Gefolge meines letzten Posts (I. Teil) entspann sich ein reger Schlagabtausch zum Thema „Einleitung vs. Abwarten“ und alles, was zur selbstbestimmten Schwangerschaft gehört.

Ich wiederhole es gerne immer und immer wieder, ich gehöre unbedingt zur Anhängerschaft natürlicher Spontanentbindung, gerne homöopathisch/alternativmedizinisch unterstützt, von mir aus auch im Geburtshaus oder ganz daheim. Ich bin der Überzeugung, daß 30% aller PDAs und mindestens 50% aller Sectiones völlig unnötig sind, außerdem wird bei mir weder routinemäßig geschnitten noch kristellert, noch via Zange oder Glocke entbunden.

Schwangerschaft ist ein Zustand und keine Krankheit, meine Frauen dürfen – solange alles in Ordnung ist – arbeiten, Sport treiben, ihre „großen“ Kinder heben und auch sonst machen, was sie möchten. Die Tendenz in Deutschland (und bei vielen Frauen), Schwangere am besten ab Woche 5 nach Empfängnis in Watte, bzw. ins Bett zu packen ist mir extrem fremd, aber gut, so wird es hier nun einmal gehandhabt.

Ich hatte kürzlich eine Frau, die im Rahmen ihrer Schwangerschaft fast alles abgelehnt hat – keine Ultraschalluntersuchungen, Vorsorge bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich über die Hebamme, keine Routine-Antibiose bei ß-hämolysierenden Streptokokken der Mutter und auf gar keinem Fall PDA oder DauerRoutineCTG-Überwachung unter der Geburt. Die Gute war tough, super informiert und stand einfach hinter dem, was sie wollte. Das war keine „ich mach das abba wie ich will“-Einstellung, sondern Überzeugung. Und von vorne herein war klar, wenn irgendetwas schädlich fürs Kind sein würde, hätte sie interveniert.

Alle Hebammen, Schwestern und Kollegen sind Amok gelaufen und ich hab mir wirklich heftig Gegenwind abgeholt, aber ich fand, die Frau hatte ein Recht auf ihr Vorgehen.

Aaaaaaaaaaaaber es geht auch anders – da gab es z.B. diese fanatische 6.-Gebärende, die per se zu GAR KEINER Vorsorge ging, alles ablehnte, was nur annähernd medizinisch angehaucht war und sich noch nicht einmal von der Hebamme irgendwo reinreden ließ. Ihr Totschlagargument: „Ich hab schon 5 Kinder bekommen, ich kann das und brauch euch nicht!“

Am 18. Tag nach errechnetem Entbindungstermin kam sie – widerwillig und in höchster Abwehrhaltung – dennoch bei uns an, denn die Hebamme hatte ihr eine Woche zuvor erklärt, sie lehnte alle weitere Verantwortung ab, wenn die Frau sich nicht umgehend in der Klinik vorzustellen gedächte. Als die Gute sich nach einer Woche ohne Wehentätigkeit dann doch dazu durchringen konnte, bei uns aufzulaufen war das Kind – man ahnt es schon – TOT! Und DANN war das Geschrei plötzlich groß! KEINER hatte ihr gesagt, daß das gefährlich sei mit der Terminüberschreitung und WENN sie das gewußt hätte WÄRE sie auf alle Fälle – Rhabarber, blabla. Bringt dem Kind im Nachhinein leider auch nichts mehr.

Oder wie viele Frauen erzählen „die wollten unbedingt, daß ich einen Kaiserschnitt machen lasse, weil mein Kind so groß ist – und dann kam es doch so, ätschibätschi!“

Das ist ja toll, wenn es so kommt, aber rein rechtlich sind wir ab 4500g-Schätzungen VERPFLICHTET, die Frau über die Möglichkeit der Schulterdystokie (=Schulter bleibt im Geburtskanal stecken) aufzuklären. UND ich muß ihr sagen, daß die Entbindung durch Kaiserschnitt in solch einem Fall durchaus angebracht sein kann. Ja, etliche Kinder kommen zur Welt und sind deutlich kleiner (manchmal auch größer) als geschätzt – aber viele Mütter hören auch gar nicht zu, wenn wir ihnen sagen „Das Ultraschallgerät ist keine Waage – wir können das Gewicht ihres Kindes nur SCHÄTZEN, und den Messungen sind nunmal Grenzen gesetzt – gerade in der Endphase der Schwangerschaft!“

Ich kann nicht 4500 g messen und dann denken „wird schon nicht so schwer sein“ – also NICHT aufklären. Steckt die Schulter, bin ich dran!

Wenn eine Frau ihre Vorstellungen hat, WIE eine Geburt ablaufen soll, das sie so und so entbinden möchte, außerdem 15 Tage nach Termin und am Ende geht alles gut, DANN kann sie schön erzählen „ICH hab gleich gewußt, daß alles gut geht und ICH hab die richtige Wahl getroffen“

Geht es schief, heißt es „Der Gyn hat Mist gebaut, DER ist doch der Fachmann, DER hätte es besser wissen müssen!!!“

Geburtshilfe ist Risikogeschäft, unberechenbarer als Roulette und nervenaufreibender als Bomben entschärfen. Denn wenn es EINMAL schief geht, hast du ein Kind auf dem Gewissen. Und das Schicksal einer ganzen Familie. Glaubt ihr wirklich, wir tun uns leicht damit??? NICHT_WIRKLICH!!!