Tag-Archiv | Kaiserschnitt

Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Willkommen im Leben, Tscheremy-Marlboro

“Du hättest mich ruhig mal einweihen können! Ich hab geschaut wie Hein Blöd als Schwester Bildzeitung dich geoutet hat!”
Wütend funkel ich zu Gloria hinüber, die verschämt ihr Goldköpfchen senkt.
“ich habe keine Ahnung, woher sie das weiß! Wir waren immer so vorsichtig!” murmelt es undeutlich zurück.
Immer?!
“Wie jetzt – immer? Seit wann geht das denn schon mit dir und Mr. Lover-Lover?”
Ich bin entsetzt. Die Lieblingshebamme enthält mir vorsätzlich wichtige Informationen vor? Das glaub ich ja nicht…!
“Nuschel”
“Ich hätte schwören können, du hast gerade “halbes Jahr” genuschelt. Aber da habe ich mich ganz sicher verhört! Stimmt doch, Gloria? Ich muss mich verhört haben?!”
“Ich muss dann jetzt mal pressen.!”
Frau Schmidt auf dem Kreissbett zwischen uns wartet das Ende unserer Diskussion erst gar nicht ab, sondern presst gleich mal ordentlich durch. Interessiert und einträchtig senken die Hebamme und ich den Kopf um den Effekt des Pressversuches zu beurteilen. Gloria hebt anerkennend die Linke Augenbraue.
“Nicht schlecht, Frau Schmidt – ich kann schon Haare sehen!”
Frau Schmidt ist ein echtes Phänomen – neunte Schwangerschaft, achtmal völlig unproblatisch spontan geboren. Und das, obwohl sie klein und dürr wie ein Geierjunges ist. Und locker fünfzehn Jahre vorgealtert, was sie wohl den zwei Päckchen Zigaretten pro Tag zu verdanken hat, die sie während der Schwangerschaften immerhin auf zwanzig Fluppen täglich reduzieren konnte.
Frau Schmidt ist obendrein ein recht seltenes Phänomen: gleichwohl mit der Figur eines präpupertären Teenager gesegnet ist sie eindeutig Vollprofi im Fachbereich Kinder gebären. Drei ihrer bisherigen acht Geburten hatte ich schon persönlich miterlebt und alle liefen immer nach demselben Schema F ab: im Raucherhof eine Zigarette nach der anderen – “Die Aufregung, Frau Dokta, is’ klar, nä?” – dann, pünktlich zu Muttermund vollständig ab in den Kreissaal und rauf aufs Bett, zweimal gepresst, Kind da. So einfach geht das! Und alles ohne Geschrei und Gejammer, selbstverständlich ohne PDA, denn mit der darf man nicht zum Rauchen in den Hof, und kaum ist die Plazenta draußen, zieht sie mit ihren Marlboro schon wieder weiter.
“Nächste Wehe!”
Völlig konzentriert presst Frau Schmidt ihr neuntes, winzigkleines Raucherbaby an schlaffen Beckenbodenmuskeln vorbei in die Welt und mit einem böse grollenden, nikotininduziertem Husten folgt auch gleich die noch winzigere, völlig verkalkte Plazenta nach.
“Junge? Heißt Tscheremy-Marlboro. Tscheremy mit T-S-C-H. Marlboro wie die hier!” sprichts und hält mir die Zigarettenpackung unter die Nase. Dann schlurft sie breitbeinig zur Tür hinaus, das OP-Hemdchen mit einer Hand über dem dünnen Hintern zusammen haltend.
“Na, du armer Wurm!” murmel ich besänftigend den schreienden Säugling an, dessen Nikotinentzug bereits in vollem Gange ist “Dann mal herzlich Willkommen im Leben!”
Gerade will ich mich nach Gloria umschauen um unser Gespräch über sie und Malucci und überhaupt zu beenden, als Ludmilla, kleine, dicke Russenhebamme den Kopf zur Tür herein steckt: “Josephine – komm! Frau Blume- Sonne tut schreien!”
Wer?
“Frau Hühner-Wanne!”
HÄH?!
“Blümel-Wonne” hilft Gloria jetzt aus.
“Und was schreit sie, bitte?”
“Kaiserschnitt!”
Isses wahr…!

Menschen treten in unser Leben…

…und bringen uns etwas bei. Und wenn sie es gut getan haben, vergißt man es nie wieder.

Ich hatte einmal einen Oberarzt, der bis zum heutigen Tage nichts geringeres als Kultstatus bei mir innehat. Nicht viel älter als ich kam er just in dem Moment  an “mein” Haus, als ich endlich, endlich in den Kreißsaal routieren sollte, und mischte vom ersten Tag an die stockkonservative, sehr angestaubte Vorkriegsentbindung auf höchst erfrischende Art und Weise auf – und hat ganz nebenbei mich und meine Einstellung zu Geburt und gebären nachhaltig beeinflußt.

Punkt eins: Vor Geburtshilfe muß man auf alle Fälle Respekt haben – aber keinesfalls Angst. Punkt zwei: Ich kann Epis median schneiden – denn ich weiß, wie man den Sphinkter näht. Punkt drei: Immer_schön_ruhig bleiben!!!

K. hat mir meine erste, meine allererste höchsteigene Sectio caesarea assistiert. In einer Klinik, wo dir jeden Tag das Grauen in Form eines überaus explosiven, patriarchisch angehauchten, jähzornigen Chefs im Nacken sitzt, der Frauen in der Medizin generell als lästiges Übel – in einem operativen Fach jedoch als gänzlichst Fehl am Platz betrachtet – unter solch einer Herrschaft darfst du nicht mal eben selbst operieren! Oh nein! Da mußt du betteln. Und warten. Und auf ein Wunder hoffen. Mein Wunder hieß K. und ich konnte mein Glück wochenlang nicht fassen. Nichts desto Trotz hatte ich Angst. Vor dem Chef, den OP-Schwestern (die einen ohne mit der Wimper zu zucken derart auflaufen lassen konnte, daß man sich wünschte, nie wieder einen OP-Saal von innen sehen zu müssen), vor der Verantwortung und der eigenen Courage.

Kleinere Eingriffe hatte ich bereits hinter mir – aber da lagen zumindest die Patientinnen tief anästhesiert und somit schweigend auf dem Tisch, und es war wurscht, wenn es denn mal fünf Minuten länger dauerte oder man einen üblen Anpfiff von irgendwo her kassierte. Bei einer Sectio ist das ganz anders: das Kind soll raus, und dieses Prozedere sollte so wenig Zeit wie möglich in Anspruch nehmen. Die Mutter wartet ungeduldig, der Vater, der Anästhesist und die Hebamme, die Pädiater tippeln unwirsch dreinschauend zwischen Säuglingseinheit und OP-Saal hin und her – und jede Manöverkritik kommt direkt dort an, wo man sie garantiert nicht hören will: bei den Eltern des ungeborenen Kindes. Hat man sich denn schonmal schwitzend an Muskelfaszien, Harnblasen und Darmschlingen vorbei laviert, ohne größeren Schaden anzurichten, kommt die Hauptsache quasi zum Ende: 1. Uterusinzision OHNE das Kind zu verletzen!!! 2. Erweiterung der Inzision ohne durch zu weites Dehnen die Arteria uterina mal eben vom Uterus abzureißen und 3. das Kind packen, Köpfchen aus dem kleinen Becken der Mutter puhlen (von Schräg- oder Beckenendlagen will ich gar nicht erst anfangen…) und tutti completti aus einer ungefähr handtellergroßen Öffnung zerren. Großartig. Wir fassen zusammen: ich hatte UNGLAUBLICHE Panik vor meiner ersten Sectio. Und das sagte ich K. Und er antwortete: Keine Panik, Josephine, du assistierst mir jetzt einfach mal ein paar Schnittchen, und eines schönen Tages stell ich mich einfach LINKS vom Tisch – DANN bist du dran. Und dann schaffst du das auch.

Tja, und so lief er dann auch, unser kleiner Deal. Ich assistierte, bis ich den Ablauf mit links und im Tiefschlaf runteroperieren konnte – und eines schönen morgens stand K. freundlich lächelnd auf Position der ersten Assistenz – und assistierte mir ganz großartig und wunderbar meinen ersten Kaiserschnitt. Ich weiß noch, wie ich an jenem Tag quasi heim geflogen bin – auf einer großen Wolke Glückseligkeit.

Und K. lehrte weiter – wie entbinde ich Gemini? Wie mach ich eine MBU? Wie nähe ich am schönsten eine Epi? Einen Dammriss? Ersten, zweiten, dritten Grades? Kein Problem – er konnte ALLES. Und ich staunte und lernte und war dankbar über all die Ruhe und jede Menge Verständnis – für große und kleine Wunder. Angewandte Medizin eben. Und auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe, so gibt es doch immer wieder Situationen, die ich nur deshalb sicher und ohne groß nachzudenken bewältigen kann – weil ER mir etwas beigebracht hat. Und das hat er gut gemacht :)

HEUTE Nacht im Kreißsaal…

Den kompletten (Dienst-)Tag bin ich – gemeinsam mit der diensthabenden Hebamme – um eine Schwangere herum geschlichen, die im Zustand völliger EntscheidungsUNfähigkeit am Tag 14 über Termin vor der qualvollen Frage: “Sectio oder Einleitung” zu kapitulieren drohte. Frau X. (hoch differenziert, fortgeschrittenen Alters) hatte bereits in den Tagen zuvor mehrmals sämtliche Alternativen erwogen, überdacht und verworfen, war nun, kurz vor “es wird jetzt wirklich ernst” nervlich völlig am Ende und bereit, jeden mit in ihr persönliches, psychologisches Tief zu ziehen, der nicht bei drei auf dem Baum saß.

Bereits am morgen hatte ich, gemeinsam mit A., der Hebamme, eine geschlagene Stunde lang die Vorzüge der oralen Einleitung mittels Medikament XY (Off-Label-Use) gegen die sonstigen Alternativen erörtert und beleuchtet. Auch die zeitnahe Verabreichung einer KPDA, sowie die zügige Entbindung via Sectio beim Versagen aller anderen Möglichkeiten waren in Aussicht gestellt und detailliert erklärt worden. Frau X. erbat sich Bedenkzeit. Gegen 11 Uhr dann setzte sie endlich ihren Karl-Friedricht unter die XY-Aufklärung und wir verabreichten die erste Gabe der Nummer oral. Laßt die Spiele beginnen…

Der Tag schleppte sich zäh von Gabe zu Gabe, vierstündig eine halbe Tablette, bitteschön, brav schlucken. Wunderschöne Kontroll-CTGs waren die Folge – herrliche Wehenhügel auf grün-karierter Dauerblattlandschaft – von denen Frau X. nur leider keine einzige verspürte, der Muttermund weiterhin bombenfest, weit sakral und gerade mal mäusefaustdurchgängig. Das kann ja eine verdammt lange Nacht werden… Um 20 Uhr dann Anruf der Hebamme, Frau X. würde gerne über das weitere Prozedere in Kenntnis gesetzt werden – is´ nich´ wahr – leidet meine Akademikerin unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Ich hatte den weiteren Ablauf der Einleitung, sowie alle Alternativen, Alternativen der Alternative UND Ausweichoptionen so oft an diesem Montag erläutert, daß meine Studentin, die allen Gesprächen beigewohnt hatte, jetzt ihre Doktorarbeit über “Die übertragene Schwangerschaft – Einleitung mittels XY versus herkömmliches Procedere versus Entbindung mittels Sectio caesarea – ein Überblick”  schreiben kann…

Also stehe ich wieder im Wehenzimmer, vor mir die (nicht wirklich unsympathische – aber völlig entscheidungsbefreite) Patientin, die sich mit großen Kuhaugen erneut hingebungsvoll meinen widerwillig fließenden Monolog anhört. Das Schema sieht vor, die Einleitung alle 4 Stunden mit einer 1/2 Tablette bis zum Ablauf von 24 h weiter zu führen, dann – bei weiterhin unreifem Geburtsbefund – entweder 24 h Pause einzulegen, um der Frau ein wenig Verschnaufpause zu gönnen, oder die Geburt anderweitig zu beenden.

Nein, NOCHMAL 24 h kann sie auf gar keinem Fall warten, sie möchte dann doch bitte – danke morgen entbinden, zur Not auch mittels Kaiserschnitt. Okay, ich – größter Anhänger des klassischen Spontanpartus vor dem Herrn – bin jetzt in der Tat weich gekocht und durchaus gewillt, Frau X. stante pede auf den OP-Plan des morgigen Tages zu schreiben. Ich gebe an, noch kurz Rücksprache mit der Oberärztin halten zu wollen – die ist heute meine Hintergrund und möchte immer gerne auf dem Laufenden gehalten werden – und verschwinde zum Telefon. Die Oberärztin (große Anhängerin des ungestörten Nachtschlafes – macht sie mir doch deutlich sympathisch) rät, von der letzten (nächtlichen) Gabe Wehenmittel abzusehen, wenn denn nun schon alle Weichen auf “Sectio” stünden. Okay, seh ich ein. Find ich gut. Zurück zu Frau X., verkünden der frohen Botschaft: JETZT schlafen, MORGEN Baby.

In froher Erwartung einer zufriedenen Patientin trifft mich der geschockte Blick eben jener doppelt heftig – NEIN, DAS finde sie jetzt auch nicht gut! – WIE JETZT???? Nein, jetzt, wo sie sich doch all den Streß mit der Einleiterei gehabt habe, und doch immerhin schon einige Wehenhügel auf dem laaaangen CTG-Streifen zu finden seien, JETZT wolle sie das Ding dann doch mal durchziehen. So. Ätschibätsch. Und ob sie eine Sectio wolle, wüßte sie jetzt grad auch nicht mehr. Nee – is´ klar. Während die Hebamme neben mir heimlich in die Tischkante des CTG-Wägelchens beißt, beschließe ich, daß ich der irregeleiteten, hormonell indizierten Fehlfunktion von Frau X.s Entscheidungsfindung nichts mehr entgegen zu setzen habe und verlasse das Theater an dieser Stelle. In der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen, wandere ich gen Dienstzimmer – und laufe direkt in die nächste Hebamme (FrauVonSinnen)  samt laut schnaufender, offensichtlich hochschwangerer Patientin. Okay, dann eben nur ein bißchen dösen und fernsehen. Man kann nicht immer schlafen…

Gegen 22 Uhr klingelt das Telefon – FvS informiert mich in gewohnt lässiger Art, daß ihre Patientin ein wenig Probleme mit dem Blutdruck hätte und das CTG hin und wieder Dip 1 (aber alle mit guten Zusatzkriterien!!! Nee, is´ klar) bieten würde. Wenn VonSinnen lässig klingt, bekomm ich Kopfschmerzen. Sie ist ein wahres Wunder an Multifunktionalität, kann – mit einer Hand den Damm haltend, gleichzeitig der Frau den Sauerstoff reichend, parallel die Zange auspackend  – bei dir anrufen und fröhlich-lässig ins Telefon singen, das “CTG wäre ein wenig unschön”, ob man nicht mal einen Blick drauf werfen könnte…?!  Spätestens in diesem Moment beginnt mein Adrenalin im Schwall einzuschießen – und ich lege regelmäßig weltrekordverdächtige Kreißsaal-Sprints hin…

Ich verlasse also mein kuscheliges Dienstbett und die Vibrator-Mikrowelle, hetze mit flauem Gefühl im Magen in den Kreißsaal, wo das CTG gerade TIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEFE Dezelerationen malt, während der Blutdruck der werdenden Mutter zwischen 180/100 und knapp 200/120 pendelt. Nachdem ich vorsichtshalber Beißkeil und Valium in Griffweite gelegt habe, telefoniere ich SCHON wieder mit der Oberärztin. Die ist von meiner dringenden Bitte, SOFORT ihr Bett gegen den Platz an meiner Seite zu tauschen nur wenig begeistert, verspricht aber trotzdem recht glaubwürdig, sich auf den Weg zu machen. Das CTG malt immer noch eine negative Spitze neben die andere, das Lehrbuch schreibt in diesen Fällen die MBU vor – ich schreite zur Tat. Der kindliche pH ist erschreckend gut, und mein Puls verläßt zur Abwechslung mal wieder den dreistelligen Bereich. Die Oberärztin trifft pünktlich zur Entbindung mit den Worten “was wollen sie denn – ist doch alles prima” ein, um gleich wieder zu verschwinden, und während ich fluchend die Epi versorge, frage ich mich wiederholt, ob ich nicht endlich zu alt für diesen Zirkus bin.

Meine eingeleitete Patientin ist dann heute doch noch sectioniert worden – nachdem sie sich noch gefühlte 2000 mal hin- und herentschieden hatte… ICH bin heute morgen erst mal ein paar Runden reiten gegangen – entspannt tierisch. Im wahrsten Sinne des Wortes… :)