Tag-Archiv | Hebamme

Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

OH_MEIN_GOTT! Oder: man lernt doch niemals aus…

…frau auch nicht!

Gestern bin ich über DIESEN LINK *KLICK* gestolpert: ACHTUNG!!! Hier werden Bilder einer Wassergeburt gezeigt. Nicht, dass jemand jetzt versehentlich auf meiner Homepage gelandet ist und vielleicht kein Wasser sehen kann oder so… ;)

Aber zurück zum Link und oben genannter Seite – ich gebe zu, ich war ein bisschen baff. Und habe beim anschauen der Bilder gemerkt, wie sich mir in wohligem Grusel die Nackenhaare stellen. Nicht, weil ich das Gesehene nicht gut finde – DAS weiss ich noch gar nicht genau, wie ich es finde. Nein – weil ich mir vorstelle, wie es ist, bei solch einer Zwillings-Beckenendlagen-Geburt der verantwortliche Arzt zu sein. Verzeihung: Zwillings-Beckenendlagen-HAUSgeburt! Also zwei Babys, beide falsch herum, mit dem Po zuerst, und in der heimischen Badewanne.

OKAY – ich HABE es mir überlegt. Ich hätte Angst. Was sage ich da – Panik hätte ich! Panik in Großbuchstaben. Denn mir würden permanent Horrorfilme vor meinem inneren Auge herunterlaufen – Kopf von Baby 1 bleibt stecken. Kopf von Baby 2 bleibt stecken. Babys verhaken sich ineinander und keines wird geboren. Frau blutet. Nicht nur ein bisschen – Frau blutet viel. Uaaaaaaaah…. *InPanikWegrenn*

Versteht mich nicht falsch – ich finde es TOLL, die Bilder und wie sanft und schön alles aussieht. Und die gute Frau sitzt da ja jetzt auch nicht allein herum – eine Hebamme war dabei, eine Hebammen-Assistentin, eine Hebammenschülerin, eine Doula UND ein Arzt. In der Badewanne dann noch der Mann und hinter der Linse der Fotograf.

Aber wenn ich jetzt NOCH mal drüber nachdenke… *UAAAAAAAAH* – ich renn dann lieber. Solche Sachen sind nichts für konservativ erzogene, deutsche Gynäkologen-Schisshasen. Die meisten Chefs bekommen hierzulande ja schon Schnappatmung bei ganz normalen Einlings-Beckenendlagen-Entbindungen IM Krankenhaus. Aber zwei! daheim! in der Badewanne!!!…

Whatever. Was ich Euch damit sagen wollte?

Mein Name ist Josephine und ICH bin ein Schisshase :)

P.S.: Die Familie ist übrigens extra von Florida nach North Carolina gezogen, um diese Geburt so durchziehen zu können. Hat man auch selten, dass eine Schwangere so 1000% weiss, was sie will…!

Safety first…?! Oder: wo bekomme ich mein Kind?

Meine Lieblings-Blog-Pädiatrie-KollegIN (=weiblich – damit der KinderDoc sich nicht zurückgesetzt fühlt… *ggg*) Sophie veröffentlichte gestern einen sehr interessanten Post über den “richtigen” Entbindungsort. Sprich: WO sollte Frau nach fachfrauischer Ansicht am besten entbinden? Uniklinik mit angeschlossener, maximalversorgender Kinderklinik? Kleinkrankenhaus mit-ohne Kinderklinik, dafür inklusive heimeliger Atmosphäre? Oder gar Geburtshaus, bzw. gleich ganz im trauten Heim?

Verdammt gute Frage, würde ich mal sagen…

Bis auf die Hausgeburt habe ich eigentlich alle o.g. Örtlichkeiten schon einmal durchexerziert. Also – nicht selbst, aber in meiner Tätigkeit als Ärztin. Und wie Sophie schon sagt, hat alles seine Vor- und Nachteile, wobei meine Präferenzen durchaus anders gelagert sind, als die der Kinderheilkundler… *ggg*

Fangen wir ganz oben an, auf dem Berg des Olymp, geheiligte, universitäre Hallen mit Perinatalversorung vom Feinsten. Hier steht per Dekret gerne mal eine ganze Armada Pädiater unterschiedlichster Ranghöhe Gewehr bei Fuss, um ein Kind im Empfang zu nehmen, das dann erst einmal in einem Wust aus Instrumentarien quasi “verloren” geht. Nicht böse sein, liebe Kollegen aus der Kinderabteilung, ich weiss ja, dass ihr es auch nur gut meint, aber oft habe ich gedacht, dass wenig manchmal durchaus MEHR sein kann!

Muss man wirklich jedes Kind bis zum Anus absaugen, obwohl das arme Ding noch gar nicht ganz entwickelt ist , nur weil das Fruchtwasser mal grün oder das Köpfchen ein bisschen blau war? Und muss es dann – endlich geboren – wirklich binnen 3 Hundertsteln von der Nabelschnur losgestöpseln sein, danach direktamente – und ganz ohne Umwege über Mamas Bauch – ersteinmal unter die Wärmelampe geworfen, mit dem Stethoskop auf der Brust herumgehört, Sauger in Körperöffnungen versenkt oder gar Pizzateig-gleich durch die Luft geschleudert werden? Mal ehrlich – muss es wirklich nicht! Oder?

Universitätskliniken neigen ja – egal welche Fachrichtung – immer dazu, erst einmal an Zebras zu denken, wenn Hufgetrappel vor dem Fenster laut wird. Man verlässt sich viel mehr auf Maschinen-Gepiepse, Hygiene-Abstriche und das “English-Journal-Of-Medicin”, denn auf Erfahrung und gesunden Menschenverstand.

Beispiel gefällig?

Kommt ein Baby zur Welt, 41+2te SSW, etwas verlängerter Geburtsverlauf, grünes Fruchtwasser, da der kleine Mops zwischendrin ein wenig Stress hatte, zur Geburt dann ein dem CTG und Verlauf entsprechender pH-Wert (7,24, BE -7 – nicht grottenschlecht aber eben auch nicht sauschön…) bei guten Apgar-Werten (8-9-10).

An der Uniklinik wird (bzw. wurde – zu meiner Zeit) das Kind der Mutter umgehend von der Nabelschnur gepflückt, im Nebenzimmer ausführlich untersucht, anschließend eingepackt und “zur engmaschigen Kontrolle” 48h auf der Neugeborenen-Intensiv eingedost. Gerne auch Verbunden mit Blutabnahme, Zugang, Infusion und allem sonstigen Schnick-Schnack. Mama + Papa dürfen ihr Neugeborenes dann später (oder sehr viel später) im Wärmebettchen besuchen kommen. Was ist eigentlich Bonding…?! *hust*

Im Provinzkrankenhaus wird dasselbe Kind der Mama erstmal auf den Bauch gepackt, denn Apgar und pH bescheinigen, dass JETZT, trotz stressiger Geburt, alles gut ist! Anschließend darf es dann mit ins mütterliche Zimmer, wo in den ersten 24h regelmässig die Stationsschwester bzw. eine der Hebammen ein Auge darauf hat. Und nach 3 Tagen werden beide Kinder nach Hause entlassen. Welches ist wohl für alle Beteiligten die bessere Variante…?!

Sicher ist es toll, wenn im Notfall ein Kinderarzt zur Stelle ist. Aber sind wir doch mal ehrlich – ein erfahrener Geburtshelfer (egal ob Arzt oder Hebamme) WEISS in 98% der Fälle im Vorhinein, ob es einem Kind schlecht gehen wird, oder nicht. Oder kann es sich zumindest vorstellen. Und dann wird die Frau entweder schon vor Entbindung an ein entsprechendes Zentrum verwiesen, ODER eben der Kinderarzt vorab informiert. Denn in der Medizin gilt nun einmal der Spruch: seltenes ist selten! Die meisten Babys KOMMEN gesund zur Welt und die Problemkinder (Mütter mit Diabetes oder Bluthochdruck oder vorzeitiger Wehentätigkeit/Blasensprung bzw. sonstigen gesundheitlichen Beschwerden) werden zuvor aussortiert und entsprechend verlegt.

Was ist denn nun mit Geburtshäusern und Hausgeburten?

Nun – ich habe schon sehr viele Frauen mit unauffälligem Schwangerschafts- und komplikationslosem Geburtsverlauf entbunden und ich kann mich an keine erinnern, die anschließend notfallmässig einen Kinderarzt gebraucht hätte. Die Geburtshäuser sind in der Regel ja auch nicht wahnsinnig – die wollen AUCH gesunde Kinder bekommen und achten demzufolge schon darauf, dass das Klientel entsprechend “passend” ist. Und selbstverständlich wird jede verantwortungsvolle Hebamme jederzeit die Entbindung vom Geburtshaus in eine Klinik verlegen, wenn es auch nur annähernd nach Katastrophe riecht. Verantwortungsvoll hätte ich gerne dick unterstrichen, denn wie überall im Leben gibt es auch in der Geburtshilfe schwarze Schafe, die sich einfach hemmungslos selbst überschätzen und ohne Rücksicht auf Verluste ihr Ding durchziehen – selbst wenn das dann auf Kosten von Mutter und Kind geht. Und widersinniger Weise gibt es auch immer wieder Eltern, die dieses Risiko aus mir unerfindlichen Gründen in Kauf nehmen. Und Entbindungen in Geburtshäuser hinlegen wollen, die selbst ich, olle Spontan-Gyn, lieber im OP einer Uniklinik sehen würde.

Das einzige, womit ich wirklich ein Problem habe, sind Hausgeburten. Aber nicht, weil ich die für besonders gefährlich halte, sondern weil ich weiss, wieviel Dreck bei solch einer Geburt entstehen kann. Dreck, den ich nicht wirklich in meiner Badewanne, dem Wohnzimmer und hinterher der Mülltonne haben möchte. Weil ich weiss, wie laut es oftmals wird und ich mir nicht vorstellen könnte, ungehemmt herum zu brüllen, während Herr Müller drei Türen weiter sein Feierabendbier schlürft. Andere Menschen sehen das sicher anders :)

In jedem Fall ist ein großes, medizinisch voll ausgestattetes Haus meiner Meinung nach gerne mal “gefährlicher”, als ein kleiner, überschaubarer Laden. Für Mutter UND Kind. Denn hier wird man schon mal reaktiv invasiv: Schneiden, stechen, ziehen, absaugen, ansaugen… Bei der großen Anzahl risikoschwangerer Patienten, sowie bekannt kranken Säuglingen und generell komplizierten Verläufen verliert man doch recht schnell aus den Augen, dass es auch die ganz normalen Frauen gibt, die völlig unkompliziert gesunde Kinder gebären!

Aber das ist nur meine Meinung und darf gerne widerlegt werden… :)

V. Der Anfang vom Ende…

Kreißsaal, Achtzehnhundertzwei und dreißig Sekunden – ein kurzer Blick über den Wehenschreibermonitor, um mich auf den aktuellsten Stand zu bringen:

In Kreißsaal 1 weht Frau Öko – mal mehr mal weniger motiviert – vor sich hin. Wir erinnern uns: Ökologisch abbaubare Erstgebärende mit Wehen irgendwo um den Termin herum. Das genaue Datum wird bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben, denn Öko-1 hat ganz im Einklang mit Natur und Universum auf Arzt- bzw. Hebammengestützte Vorsorge verzichtet, lehnt auch weiterhin alles ab, was medizinisch invasiv daher kommt und dazu zählt nicht nur die Braunüle im Arm sondern auch der Ultraschall und die vaginale Untersuchung.

Das jetzt tatsächlich das Toctoc des Wehenschreibers durchs Klinikzimmer hallt ist alleine Glorias Verdienst – die hat Öko nämlich vor die Wahl gestellt, Entbindung hier in meinem Krankenhaus MIT CTG oder woanders dann ist-mir-egal-wie! Da die Patientin sich aber entbindungstechnisch völlig auf uns eingeschossen hat – warum auch immer, Herr, ich versteh es nicht – hängt sie nun mit bitterbösem Blick aber brav verkabelt von der Decke. Nee, also, nicht sie selbst, sondern das Tuch an dem sie hängt und ausdünstet. Ächt jetzt! Der Kreißsaal ist eigentlich nur mit Atemschutzmaske betretbar, noch nicht einmal Herr Öko hält es länger als 20 Minuten am Stück dort aus und Gloria ist schon ganz grün um die Nase.

In Kreißsaal Nummer 2 dümpelt weiterhin Baby mit fraglicher Wehentätigkeit vor sich hin. Dümpeln im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit halb geöffnetem Mund liegt die Kleine wie abgeschossen rittlings auf dem Kreißsaalbett und schaut gerade Kinderkanal, während ein geschätzt Zwölfjähriger laut schnarchend daneben liegt und offensichtlich tief und fest schläft. Wie es scheint, hat sie Baby-Freundin-Mädchen in den letzten Stunden gegen Baby-Freund-Jungen getauscht. Bin mal gespannt, ob ich im Laufe der zu erwartenden Entbindung auch noch ein paar erwachsene Mitglieder dieser reizenden Familie zu Gesicht bekommen werde. Außerdem beschließe ich, die Auskunft über etwaige Fortschritte der Kreißsaal-2-Bewohner direkt bei der Zuständigen Hebamme einzuholen. Macht irgendwie mehr Sinn! Und so spurte ich weiter nach

Kreißsaal 4, der schon von weitem durch infernalisches Frauengebrüll problemlos identifizierbar ist. Kaum zur Tür herein wird der Lärm geradezu ohrenbetäubend und es ist mir völlig schleierhaft, wie eine kleine, zarte Frau solche Tonmassen produzieren kann. Ihr augenscheinlich schwer angeschlagener Ehemann sitzt verstört im hintersten Eck des Raumes und zerpflückt gerade eine Taschentuch in seine Atome, während Gloria – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und mit stoischem Gesichtsausdruck der Lärmbelästigung trotzend, in direktem Dezibeleinzugsgebiet steht.

Der Wehenhügel auf dem CTG-Gerät im Hintergrund hat gerade seinen Zenit überschritten und fällt nun sachte gen Tal hinab, das menschliche Getöse wird zunehmend leiser und als wäre dadurch alles Leben in den Raum zurück gekehrt, hebt Gloria nun ruckartig den dunklen Schopf, grinst mich verschwörerisch an und ruft: “Die Herztöne sind ein bisschen unschön!”

Armes Dinge – offensichtlich hat der Lärm eine kleine Schraube im Hebammenhirn locker gedreht. “Bisschen unschön” ist eigentlich eher FrauVonSinnens Beschreibung für “Nee, watt schaut datt hässlich aus!” – ja, tatsächlich: das CTG an sich macht mir ein kleines bisschen Kopfschmerz. Doch irgendetwas muss da im Busch sein, Gloria ist eine der besten Hebammen überhaupt – wen SIE solch eine Herzton-Berg-und-Talfahrt nur ein bisschen unschön findet, hat sie noch irgendwo einen Ass im Ärmel.

Und in der Tat: “Wir sind bei NEUN Zentimetern!!!” Als hätte sie das blöde Ding höchstselbst von nix auf 9 Zentimeter aufgedehnt steht sie – stolz wie Graf Rotz – vor mir und grinst mich spitzbübisch an.

WHOW! Jetzt bin ich ein bisschen sprachlos. Neun Zentimeter sind ein geradezu fantastischer Befund – damit kann man arbeiten. Jetzt müssen wir nur die Herztonkurve ein bisschen frisieren.

“Und wie ist er eingestellt?” frage ich mit letztem Zweifel im Hinterkopf – Neun Zentimeter sind nicht gleich neun Zentimeter. Wenn das Kind beim geboren werden zum Beispiel lieber die gedimmten Lichter des Kreißsaalhimmels denn den uterusfarbenen Schutzbezug des Bettes betrachten will, sind 9 Zentimeter nichts anderes als 90 Millimeter falscher Hoffnung.

“Nein!” versichert GV euphorisch – Nein, das Köpfchen sei zwar nicht ganz sauber eingestellt, aber keinesfalls dorsoposterior. Also kein Sternengucker!

“Alles klar – dann hau ein bisschen Wehenhemmung rein, informier den Gasmann zwecks suffizienter Schmerzbekämpfung und dann wird wechselgelagert. Denn wenn Mama Vier noch drei Stunden so weiter brüllen muss, hat sie keine Kraft mehr, wenns Ernst wird!”

Gesagt, getan. Keine Dreiviertelstunde später liegt die kleine Frau entspannt im Bettchen, und nach der vierten Lagerung von rechts nach links hat sich der kleine Baby-Dickschädel so schön im Becken eingestellt, das wir die Bremse rausnehmen und Vollgas geben. Top oder Flop! Wäre doch gelacht, wenn wir das Kind nicht schaukeln würden.

Um Neunzehnhundertdreißig schick ich Baby1 samt BabyMann wehenfrei zurück nach Hause, werfe einen abschließenden, zufriedenen Blick auf das jetzt sehr schöne CTG von Baby Vier, laufe einen seeeeeeeeehr großen Bogen um Kreißsaal 1, hinaus in die weiten Flure der Klinik, auf der immerwährenden Suche nach Essen…

Eine Familienpizza Speziale später, den Bauch voller Pepsi und nem Snickers als Nachtisch liege ich satt und zufrieden im durchgelegenen Dienstzimmerbett, als mir auch schon die müden Augen zufallen. Und es ist

Null-Dreihundert am nächsten Morgen, als der Show-Down beginnt!!!

————————-Stay tuned!!!——————————-

Wie schreibt man eigentlich “Hierarchie”?…

Ich arbeite an einem sehr großen Haus in einer Stadt irgendwo in Deutschland. Früher konnte man als Frau mit Teilzeitstelle höchstens an drittklassigen Provinzklitschen anheuern, wurde vom Chef und den Kollegen mehr recht als schlecht durch die Jahre der Ausbildung geschleift, um dann nach Erreichen des Facharztstatus umgehend in die nächste (Provinz)Praxis abgeschoben zu werden. Dort tümpelte man dann bis zur Rente zwischen Vorsorgeuntersuchungen, Scheidenpilz und Harnwegsinfekten herum. Fertig -Aus- Ende! Karriere machen? Neeeeiiiin! Operieren? Auf gar keinem Fall! Chefarzt werden? Never-Ever!

Viele Professoren meiner Universitätszeit zum Beispiel waren der festen Überzeugung, Frauen könnten gar nicht operieren, weswegen uns immer und immer wieder empfohlen wurde, frauenadäquate Fachbereiche, wie Augenheilkunde oder Dermatologie zu wählen. Oder besser noch: einen Kollegen heiraten, Kinder bekommen und dem Gatten die Praxis schmeißen. Quasi als approbierte, gerne auch promovierte Arzthelferin. Damit man keinem männlichen Kollegen die Broterwerbsstelle wegnimmt. Echt jetzt! 21. Jahrhundert!

Mittlerweile herrscht jedoch europaweit eine ausgeprägte Mediziner-Flaute, die selbst die antiquiertesten Professoren zum Umdenken gezwungen hat. Und mit dem Status der vom Aussterben bedrohten Rasse finden sich mittlerweile selbst für Leute wie mich – Klinik-begeisterte Teilzeitstelle mit aktiver Beteiligung an der Kindererziehung – Jobs an mittelgroßen bis großen Häusern.

Aber wie immer im Leben – wo viel Schatten, da viel Licht: Zu Zeiten schlecht(est)er Bezahlung waren 24-Stunden-Dienste für viele Kollegen die einzige Möglichkeit, ihr mageres Budget ein wenig aufzustocken. Und nein, ich möchte jetzt nicht zum millionsten Mal das Klischee vom Porsche fahrenden Upper-Class-Doc widerlegen  – wer will bekommt gerne meine letzte Lohnabrechnung zugeschickt! Während also in den goldenen Zeiten gerne mal alle Wochenenden und ein Großteil der übrigen Dienste an Familienväter und geldgeile Jung-Assistenten ging, geht es heutzutage eher um die Frage, was tun, wenn am Ende der Bereitschaft noch soviel Dienst übrig ist?

Freizeit wird groß geschrieben, seit man seine Kohle online auch nach 18 Uhr und unter Umgehung der regulären Banköffnungszeiten unters Volk bringen kann. Während mein Ex-Kollege Axel Streber vor 10 Jahren noch 5 Dienste pro Woche runterriss – und das ganz ohne Freizeitausgleich am nächsten Tag – möchte Bambi heute gerne Montags zum Yoga, Mittwochs ins Kino und hat außerdem jeden zweiten Donnerstag Zumba-Kurs. Blondie hingegen kann ihren wöchentlich frisch manikürten Fingernägeln keinesfalls mehr als 3 Dienste pro Monat zumuten und die neue Kollegin ist gleich in ihrer ersten Woche bei uns schwanger geworden.

In Zeiten von steigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Bruttosozialprodukt wohl immer noch jammern auf hohem Niveau, aber mal ehrlich – ich bin einfach zu alt für so viele Dienste. Klar hat man früher 350 Stunden pro Woche geschuftet und dann nachts, statt zu schlafen, noch Vorträge für seine Chefs und Doktorväter gebastelt. Dafür gab es aber nach Erreichen des Facharztstatus auch eine Praxis mit integriertem Goldesel, Respektive bei klinischer Karriere die Aussicht auf ein 6-stelliges Chefarztgehalt. Diese Zeiten sind leider schon lange, lange vorbei…

Immer noch up-to-date und kein bisschen fortschrittlich ist das hierarchische System einer jeden großen und vieler kleiner Kliniken: Ganz oben steht da, wie sollte es auch anders sein, der Chefarzt. Chefarztstellen in Deutschland werden auch heute noch überwiegend durch Männer bedient. Hypertrophe Männer meist, nicht selten bösartig und mit einer gesunden Portion Selbstliebe ausgestattet. Der italienische Typ „Mamas Liebling“ in etwa. Immer schön cholerisch rumbrüllen, immer schön die Ellenbogen ausfahren, den Pool nicht teilen und dafür von Mutti abends noch die Backe getätschelt bekommen. Das die Jungs heute, wie oben schon beschrieben, oftmals wesentlich schlechter verdienen, als Generationen von Chefärzten vor ihnen, macht die Sache auch nicht wirklich besser.

Dem Chef direkt nach- aber nur selten untergeordnet, ist der Oberarzt. Hier gibt es klassisch eigentlich nur zwei Gruppen zu unterteilen – die netten Jungs steigen irgendwann aus der Mühle aus und suchen sich eine schöne, immer noch profitable Praxis, die bösen werden – ihr könnt es euch denken: Chef!!!

Dann kommt die gemeine OP- bzw. Intensivschwester und im gynäkologischen Bereich: Die Hebamme! An meiner ersten Klinik z.B., wo dieser Hierarchieaufbau bis zum Exzess betrieben wurde, hatte man während der ersten Dienste als unwissender, verängstigter Jung-Arzt mehr Angst vor diesen OP-Schwestern und Hebammen, als vor Patienten und Umweltkatastrophen. Ich fand z.B. einmal eine junge Kollegin heulend und triefend in der Damen-OP-Umkleide vor, die sich hartnäckig weigerte, den Saal nochmals zu betreten, da sie von der diensthabenden Schwester geschlagene 10 Minuten lang angeschrien worden war. Der Grund? Nun, das arme Ding hatte vergessen, die OP-Tafel für den nächsten Tag sachgemäß zu beschriften…

So, jetzt aber zurück zu unserer Hierarchie-Pyramide: den Schwestern und Hebammen folgt der Arzt mit abgeschlossener Facharztausbildung, aber (noch) ohne Oberarzt-Status. Ein wirklich blöder Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Zustand, denn aus der verschworenen Riege der Assistenzärzte wurde er schon raus geschmissen (traue keinem, der mehr verdient, als du selbst!), darf aber noch nicht bei den Oberärzten mitspielen. Und da dümpelt er also im Niemandsland herum, bis der Chef sich erbarmt, ihn doch noch zum OA zu erheben – oder er packt seine sieben Sachen und geht.

Dem Facharzt direkt auf dem Fuß folgt die Chefsekretärin, wobei diese, je nach Dichte der Haare auf den Zähnen, durchaus auch mal VOR dem Oberarzt rangiert. Lustig zu wissen: eine anständige Chefsekretärin ist immer fortgeschrittenen Alters, kann problemlos selbst einen Tsunami daran hindern, zu ihrem Arbeitgeber vorzudringen, frisst Assistenten zum Frühstück und Oberärzte als Nachschlag, hat NIE Urlaub, NIE Feierabend und versteht NIE und unter gar keinen Umständen Spaß! In meinem tiefsten Inneren bin ich davon überzeugt, dass alle Chefperlen eine Ausbildung bei den US Marines durchlaufen haben und dir im Ernstfall ohne mit der Wimper zu zucken die Birne wegblasen können.

Okay, Josephine, ruhig, alles wird gut!

Die nachfolgenden Mitglieder der Liste sind jetzt nicht mehr ganz so spektakulär: es kommen die „gewöhnlichen“ Schwestern und Pfleger (in der Regel um ein vielfaches pflegeleichter als ihre komplizierten Fachkollegen), gefolgt von allem was „Medizinisch“ vorne und „Angestellte“ hinten stehen hat, dann die Techniker, die Reinigungskräfte, der Pförtner, Küchenangestellte und der Botendienst. Mal kurz nachdenken – noch irgendjemanden vergessen?

Klar – den Assistenzarzt!!!

Dieser belegt auch heute noch in vielen Häusern den untersten Rang der Hackordnung und wenn man bedenkt, dass man immerhin 13 Jahre zur Schule gegangen sein und anschließend Minimum 6 Jahre studiert haben muß, nur um sich in der Folge über 5 Jahre zum Affen zu machen – fragt man sich doch hin und wieder, warum man sein Wissen nicht cleverer angelegt hat. In einem Anwaltsjob für 150 Euro die Stunde, zum Beispiel.

Bevor ich jetzt jedoch vom heranziehenden Entrüstungssturm aller unterbezahlten Juristen hinweg gefegt werde, ziehe ich für heute den Vorhang und mich zurück :)

The Return Of Chaos…

Ich schäm mich ja fast ein bisschen, dass ich wieder hier bin. Bzw. schäm ich mich, zum ZWEITEN MAL wieder hier zu sein, denn man könnte ja meinen, ich schließe dieses Blog alle paar Monate mal, nur um hinterher lesen zu können, WER mich alles vermisst hat…

Ächt jetzt: ICH FREU MICH wie Schokokuchen euch alle wieder zu haben und muß gestehen, dass es mich im vergangenen Jahr doch das ein oder andere Mal gejuckt hat, neues über all die HäsChen, Blümeleins und OsoleMias dieser Welt zu schreiben! Und ihr werdet nicht glauben, in wieviele Tischkanten ich gebissen habe, respektive wie oft mein Kopf auf eben selbiger gelandet ist *headshot*

Okay, genug der warmen Worte gewechselt und direkt hinein ins Klinikgetümmel, es gibt nämlich zwei neue Kollegen, die ihr UNBEDINGT kennen lernen müßt:

Da ist zum einen Rehlein. Klein, zart, lieb und keinen Tag älter als 12! Maximal 13. Rehlein kommt frisch von der Uni und ist HÖCHST motiviert. Doch – ganz ehrlich. Es gibt nur EIN Problem – sie will, das JEDER sie lieb hat. So geht das aber nicht nicht, denn Kliniken sind keine Wellness-Farmen, hier wird per se keiner lieb gehabt. Hier geht es eher zu wie auf Guantanamo – ihr erinnerte euch? Das Gefangenenlager mit Jack Nicholson vor der Tür? Aber Rehlein versteht das nicht und schaut z.B. mit großen, verständnislosen Augen dem wütenden Anästhesisten hinterher, der nicht wirklich einsehen will, warum er mitten in der Nacht aus dem Schlaf heraus in den Kreißsaal gerufen wurde, nur weil dieser Gyn-Zwerg meint, es könne “vielleicht demnächst eine Sectio” anstehen…

Ich: “Rehlein, du darfst den Sandmann erst anrufen, wenn du auch wirklich sectionieren WILLST!!!”

Rehlein (fast weinend): “Aber – aber ich dachte, dann kann er sich schonmal mental drauf einstellen und muß nicht so Hals-über-Kopf aus dem Bett fallen…?”

Ich: “Keiner will sich nachts im Dienst auf irgendetwas EINSTELLEN. Und schon gar nicht mental. Da will man schlafen und fertig!”

Rehlein: “Also ich fänd es schon sehr schön, wenn man mich nachts mental vorwarnen…!”

Rehlein findet ganz viele Sachen sehr schön – wenn man “ganz doll viel auf die Gebärende eingeht” z.B. Was ja prinzipiell tatsächlich gut und löblich ist. Kommt aber auch immer irgendwie auf die Situation an:

——- Kreißsaal, Erstgebärende in der Pressphase, Muttermund vollständig, Kopf auf Beckeneingang. CTG – na, geht so ———

Die Frau auf dem Bett kreischt und wütet, schreit nach Mama, Papa und dem Papst (Italienerin – die sind mit dem Mann in Rom irgendwie soooo dick….) und hat vor lauter Schreierei leider keine Zeit, ein bisschen zum Kind hin zu atmen. Während FrauVonSinnen verzweifelt versucht, stimmlich gegen diese italienische Fortissima anzukommen und ich schon die Kiwi (Hand-Saugglocke) aufs Bett geschmissen habe, macht Rehlein erstmal einen Balint-Real-Versuch: sie REDET mit der Frau! Wie das Kind den heißen soll??? – “Maaaaammmmaaaaaaaa!!!!!” – ob es wohl auch so schöne Haare wie die Mama hat, dass gebären irgendwie voll wild und anstrengend und das Wetter gerade so toll ist.

FvS schaut mich ein wenig spärlich an – ich kanns verstehen, denn bei all dem Gesabbel kommt in der Tat nichts mehr von dem bei der Patientin an, was ihr die Hebamme eigentlich dringend verklickern möchte.

Ich: “Rehlein – sei jetzt einfach mal still!”

Verdutzt unterbricht diese ihren Sermon, starrt mich erschrocken an – und fängt an zu weinen. Och nöööööö jetzt, Mensch, so GEHT DAS NICHT! So KANN ich nicht arbeiten!!! Während Rehlein mit rotgeränderten Augen tapfer schluckend in der Ecke steht, setze ich dann doch vorsichtig den Pümpel am Köpfchen des kleinen Verweigerers an und ziehe vorsichtig mit der Wehe am Plastikgriff. Ganz leicht und ohne Kraftanstrengung folgt mir der kleine Italiener nach draußen ins Licht der Kreißsaallampe, wo er sofort klar stellt, WER in Zukunft die Schreierei nach Mama, Papa und dem Papst übernehmen wird.

Mit Rehlein bin ich heute Nachmittag noch verabredet – wir wollen ihr einen dickeres Fell besorgen – bei Ebay oder so.

Und demnächst erzähl ich euch dann etwas über Fred vom Jupiter – meinen anderen, neuen Kollegen. Der im besten Fall ganz schön seltsam ist… :)