Tag-Archiv | Geburt in der Regentonne

„Bloss kein Kreißsaal“ oder: die Alleingeburt

Der im folgenden verlinkte Artikel enthält weder Gruselgeschichten noch schreckliche Bilder und kann jederzeit auch von schwangeren Frauen gelesen werden!

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Ich glaube – nein: ich WEISS, dass ich für eine Medizinerin ein extrem entspanntes Verhältnis zur Geburtsmedizin habe. Spontane Beckenendlagengeburten beim ersten Kind – nach sorgfältiger Voruntersuchung und mit Hilfe eines erfahrenen Geburtshelferteams (Hebamme UND Arzt), obendrein einer motivierten Mutter – warum nicht? Entbindungen im Vierfüsslerstand, in der Badewanne, im Stehen und meinetwegen auch daheim: Na klar! Frauen gebären seit Jahrtausenden. Und ja, prinzipiell können sie das auch völlig auf sich selbst gestellt. Im Wald, einem Tipi und der Regentonne (ernsthaft? REGENTONNE?) – die Frage allein: MUSS DAS SEIN? Ich meine, warum gibt es Hebammen? Oder Ärzte? Wieso ist Semmelweiss als Retter der Wöchnerinnen in die Geschichte eingegangen, ist die Mütter- und Säuglingssterblichkeit heute – in Deutschland – niedriger denn je? Weil wir es können! Weil es aparative Untersuchungen, Operationssäle und Perinatalzentren gibt. Muss ich das alles in Anspruch nehmen? NEIN! Muss ich mein Kind der Gefahr einer Höhlengeburt aussetzen, um mich und mein inneres Verlangen zu befriedigen? Ich meine AUF GAR KEINEM FALL!

Natürlich ist es eine tolle Geschichte, wenn man eine schöne Frau mit ihren süssen Kindern und dem attraktiven Mann vor geschmackvollem Understatement-Interieur ablichten kann, wie sie da beinah angriffslustig in die Kamera blickt. „Ich habe es Euch gezeigt! Allein geboren, das Kind! Aus Beckenendlage! DAHEIM!“ Ällebätsch!

Und ich ärgere mich. Nicht, weil sie es geschafft hat, oder weil sie schön ist, einen attraktiven Mann und süsse Kinder hat – ich ärger mich ob der Nachricht, die sie transportiert: „Ihr könnt das – wenn Ihr nur an Euch glaubt! Wenn Ihr auf Euren Bauch hört, Euch Eurer mächtigen Urinstinkte und inneren Werte besinnt. Ihr könnt Großartiges erreichen!“

Jede Person, die sich mit solch einer Einstellung, aber sonst völlig unbedarft, an das Steuer einer voll besetzten Boeing 747 setzen würde, mit der Absicht, diese auf dem Frankfurter Flughafen wohlbehalten zu landen, würde man in der Jacke mit den zusammengebundenen Ärmeln in die Zelle mit den gummierten Wänden befördern. Umgehend und ohne wenn und aber. Eine Frau, die ihr Kind gerne im heimischen Planschbecken entbinden möchte, allein und aus Beckenendlage, darf das. Klar – was gehen mich anderer Leute Kinder an? Und landen Katzen, Hunde, Kühe – ja selbst dumme Stallhasen und tröge Faultiere nicht Tag für Tag ihre Boeings und Jumbos auf den Flughäfen dieser Welt? Vielleicht.

Ich frage mich, ob es diesen Artikel so auch gegeben hätte, wenn dieses Kind nicht so locker-fluffig aus seinem Geburtskanal geplumpst, sondern statt dessen in selbigem stecken geblieben wäre? Wie geht man mit der Situation um, eine schwer geschädigtes oder gar totes Kind zur Welt zu bringen, weil man das getan hat, was für einen selbst der vermeintlich beste Weg war? Darf man einem Kind eine gleichberechtigte Ausgangssituation aus egoistischen Wünschen vorenthalten? Oder zumindest streitig machen?

Die immer währenden Berichte über heimlich auf Toiletten oder im stillen Kämmerlein vollzogenen Geburten verzweifelter Frauen lässt sicherlich vermuten, dass eine hoch gebildete Frau so etwas ja wohl ebenfalls schaffen kann. Noch dazu in einem eigens angeschafften Geburts(Plansch)Becken und einem fürsorglichen Ehemann, der auch noch Obstteller für die Geschwisterkinder richten kann. Aber wer spricht darüber, wie es diesen heimlich geborenen Kindern später ergeht? Ich höre jetzt schon die Empörungswellen hochschlagen – IQ-Debatten sind doch nur etwas für arrogante Akademiker, man kann schließlich auch mit weniger als Abitur und Studium glücklich werden. Klar – kann man. Aber muss ich als Eltern nicht alles dafür tun, meinem Kind den bestmöglichen Start zu ermöglichen? Würde ich es denn später einmal, nach der Geburt, mit einem absoluten Fahranfänger im Smart auf die Autobahn schicken? Oder auf der ICE-Trasse Blindekuh spielen lassen? Ich hoffe nicht!

Fazit: Jeder Jeck ist anders. Und auch in der Geburtshilfe läuft – wie überall dort, wo Menschen im Spiel sind – nicht immer alles glatt oder für alle Beteiligten optimal ab. Ich verstehe den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung, Zuwendung und Unterstützung – und bin mir auch heute noch sicher, dass die Mehrheit der Geburtshelfer, egal ob Hebammen oder Ärzte – tagtäglich ihr Bestes geben. Und weil ich glaube, dass alle Eltern im Gegenzug das Beste für IHR KIND geben wollen, finde ich diesen Artikel und die darin transportierte Botschaft mehr als fragwürdig.

In diesem Sinne – ein schönes Wochenende und allzeit frohes Gebären!

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