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Erdanziehungskraft

16 Uhr, Dienstbeginn.

Im Kreißsaal ist OsoleMia aktuell mit einem Häs_Schen zu Gange, welches in Kürze vom ersten Kind entbunden werden soll. Die Kleine ist gerade mal süße 16 Jahre alt, gebaut wie Twiggy und vor lauter Angst jetzt schon völlig dekompensiert – während ihr Macker, Typ Extra-Cool-Und-Extra-Doof, Gameboy spielend auf dem Kreißbett rumlümmelt. Ich stelle mich vor, schüttel beiden die Hand, und nachdem Sunnyboy keinerlei Anstalten macht, seine Position zu wechseln und das Bett für die Mutter seines zu erwartenden Kindes frei zu machen, streif ich mir ein paar Handschuhe über und bau mich in voller Größe und Autorität vor ihm auf:

„So – dann mal Hosen runter!!!!“

Er: „…????????????????????…“

Ich: „Sie liegen auf dem Kreißbett, also sind sie schwanger, also werde ich sie jetzt vaginal untersuchen!“

DAS hat er verstanden, und keine 30 Sekunden später liegt Häs-Schen, statt seiner, schlotternd und bleichgesichtig vor mir, während ich meine üblichen Befunde erhebe. Und die sind für so ein kleines Persönchen gar nicht mal übel: 3 Zentimeter Muttermund, Cervix fast verstrichen, Kopf tief auf Beckeneingang, Fruchtblase steht. Das die Kleine dünn wie eine Zaunlatte ist, beunruhigt mich nur wenig, denn nach dem bisschen Bauch zu urteilen, den sie da vor sich her trägt, ist das Baby ähnlich zierlich geraten. Das passt schon…

Allerdings muß ich zusehen, das Schnucki ein bisschen ruhiger wird, sonst endet das Ganze früher oder später in einem Hysterie-bedingten Inkompatibilitäts-Kaiserschnitt. Und das will keiner. Deshalb tu ich, was ich sonst eher seltener mache: ich empfehle eine PDA. Aber sieh an – Rechnung ohne den Wirt gemacht, datt Häs-Schen hat ANGST vor der PDA. Das sie danach gelähmt sein könnte – oder so!

„Eye, datt is´ ächt voll Scheiße, du, wenn man nisch mehr laufen kann, eye! Da hat die Frau voll Schiss vor, eye!“ Sunnyboy tätschelt seiner „Frau“ beruhigend den Arm, zieht geräuschvoll die Nase hoch, und widmet sich wieder seinem Gameboy-Baller-Spiel. Danke auch, Kleiner, haste voll toll gemacht…

Ich erkläre lang und breit, daß die Risiken und Nebenwirkungen einer PDA wirklich verschwindend gering sind, ich in den Jahren meiner Tätigkeit noch nie einen Zwischenfall mit anhaltender Lähmung gesehen hätte, und mich noch nicht mal daran erinnern könnte, davon GEHÖRT zu haben. Häs-schen schaut weiterhin wie ein angeschossenes Kalb, während sich Sunny zwischen Grunz- und Stöhnlauten rezidivierend kommentierend einschaltet:

Die will datt nisch mit der Rücken-Dings-Bums. Datt geht abba auch so, sacht meine Olle…!“

Sehr schön, Schnucki, wenn du nicht gleich die Klappe hälst, führ ich dir datt Gameboy-Dingens anal ein, datt schwör ick dir…. *schnauf*

Wir kommen überein, Häs-Schen ein bisschen durch die Flure hoppeln zu lassen, und in ein bis zwei Stunden erneut beratend zusammen zu kommen. Ich brauch jetzt erst mal Abendessen – und ein wenig Abstand zu Sunny-Bunny.

21.45 Uhr

Soli ganz kleinlaut am Diensthandy, ob ich denn mal schnell kommen könnte? Ich spurte los, denn im Hintergrund hat man zweifellos ein völlig hysterisches Häs-Schen schreien hören. Was zum Geier ist denn nur passiert? Keine 30 Sekunden später steh ich schwer schnaufend und beinah reanimationspflichtig vor einem Häufchen PDA-Elend: Unser Anästhesie-Spezialist *HUST* hat wie immer alles gegeben und den unteren Körperteil des Mädels für die nächsten Stunden komplett Out-Of-Order gesetzt. Ich würd ihn gern ein wenig mit seinem Katheter-Set foltern, denn ganz davon abgesehen, daß die Lähmungs-Phobikerin gerade nicht mehr ansprechbar ist, macht es wenig bis gar keinen Spaß, zum Pressen anzuleiten, wenn die Schwangere unterhalb der Gürtellinie überhaupt GAR KEIN Gefühl mehr hat.

Aber damit nicht genug – zwei Stunden später erneutes Handy-Gebimmel, selbe Hebamme – ob ich nochmal schnell kommen könnte?

Im Kreißsaal erwartet mich eine rotgetränkte Vorlage – Soli hat gerade die Vorblase geöffnet, um dem Köpfchen die Möglichkeit zum Tiefertreten zu geben – und entgegen kamen ihr geschätzte zwei Liter blutiges Fruchtwasser. AAaaaaaaah – ich war doch immer ganz brav, was SOLL das denn alles heute??? Ein Blick zur völlig unauffälligen Herztonkurve auf grünkariertem CTG-Papier zeigt, daß wir es momentan (noch?) nicht mit einem akuten Notfall zu tun haben, trotzdem hätte ich gerne eine MBU um ganz sicher zu gehen, daß mit dem Baby alles in Ordnung ist. 20 Minuten später dann Gewissheit – egal woher es blutet, Mutter und Kind sind derzeit nicht gefährdet, wahrscheinlich ist nur ein Blutgefäß am Muttermund aufgegangen – daran läßt sich gerade mal nichts ändern und es sieht auch schlimmer aus, als es ist.

Sonst alles prima, Köpfchen kommt tiefer, Häs-Schen hat sich ein wenig beruhigt und jammert nur noch hin und wieder ein klein wenig, und Sunny hat es sogar geschafft, sich längerfristig von seinem Spielzeug los zu reißen!

0.30 Uhr – Im Kreißsaal nebenan ist Gloria-Victoria (= Lieblingshebamme! :)) mit einer Viertgebärenden eingezogen und das CTG des Häs-Schens vermeldet Pressphase. Schade, daß Häs-Schen selbst überhaupt gar nichts davon mitkriegt, die PDA sitzt immer noch bombenfest – ich würd gerne den Anästhesist aus dem Bett schütteln und an den Haaren zum Kreißbett schleifen, dort festbinden und nach jeder Wehe, die ich von oben mit kristellern muß, ein bisschen verhauen, nur damit er weiß, was er beim nächsten Mal auf GAR KEINEN FALL mehr machen darf! Im dritten Anlauf haben wir es dann aber doch geschafft und mit vereinten Kräften einen kleine, dürren Jungen auf die Welt gepresst. Es ist

1.30 Uhr als ich nach Dammriss-Nähen müde ins Bett falle und

2.15 Uhr als Goldstück mich zur nächsten Geburt telefoniert. Nein, ich jammer ja gar nicht. Ich liebe meinen Job…. *gäääääääähn*

Frau Klein-Mittermann, Anfang 30, Lehrerin ohne Chefarzt-Ambition und mit unglaublichem Organ, ist bereits im Treppenhaus deutlich zu hören – im Kreißsaal angekommen überlege ich kurz, mir irgendwo ein paar Ohrenstöpsel zu organisieren, denn in unmittelbarer Nähe zur Patientin scheint durchaus akute Schädigungsgefahr für die Sinneszellen des Innenohres zu bestehen! Weil: Frau Klein-Mittermann ist laut. Was sag ich – Die Frau ist eine Urgewalt im Luciano-Pavarotti-Ausmaß! Und in jeder Wehe, so scheint es, steigt das Crescendo ihres Wehklagens noch eine Oktave höher – während ein leicht verstört dreinblickendes Goldstück erfolglos versucht, gegen die stimmgewaltige Paukerin anzuschreien. Herr Klein – oder Mittermann, frau weiss es nicht – ein farbloser, unscheinbarer Kerl, Typ Finanzberater ,sitzt derweil irgendwie geistesabwesend daneben und tätschelt seiner Frau, nur monoton unverständliches Zeug brummend, die schweißnasse Stirn.

Nach der dritten durchgebrüllten Wehe wird es mir dann doch zu bunt, und da ich mit drei eigenen, redefreudigen und ebenfalls lautstark veranlagten Kindern in einer ganz anderen Liga spiele als die alleinstehende G-V, kann ich vom Lautstärkepegel her locker mit der Patientin mithalten:

Ich: „FRAU Klein-Mittermann – SCHLUSS JETZT MIT BRÜLLEN – PRESSSSSSSSSEN!!!!!! SOFORT!!!!!!!“

Siehe da – das Überraschungsmoment ist mein! Erschrocken und offensichtlich beeindruckt hält Frau K-M kurzfristig inne, um direkt anschließend – nur noch leise knurrend – all ihre Kraft von den Stimmbändern in die Bauchmuskeln zu verlagern. Und keine zwei Wehen später flutscht ein kleines, dickes Baby völlig komplikationslos in vorgewärmte Tücher. Meine Patientin schreit schon wieder ein bisschen – dieses Mal jedoch das hochfrequente Begrüßungskreischen, und ich frag mich noch, ob ihr Mann jetzt einfach komplett die Nerven verloren hat, oder weint, oder einfach nur keine Lust mehr auf Schreien hat und deshalb den Kopf auf die auf dem Kreißbett verschränkt liegenden Arme legt – als er auch schon mit einem tiefen Seufzer rittlings vom Hocker fällt und, weiß wie die Wand, hart auf dem Boden aufschlägt.

WHOW! DAS hatte ich auch schon ewig nicht mehr! Vater mit erhöhter Erdanziehungskraft! Glück, das es ihn erst jetzt überman(n)t (*harhar*) hat, denn kollabierte Männer in der Pressphase müssen leider unbeachtet liegen bleiben, bis das Kindelein draußen ist. So kann ich mich jedoch fast augenblicklich um ihn kümmern, und es dauert geschlagene 5 Minuten und OsoleMias zusätzliche Kräfte, den Kerl wieder einigermaßen auf die Füße zu bringen. Arme Socke, sobald sein Verstand wieder halbwegs zu funktionieren scheint, ist klar, daß ihm die Geschichte end-peinlich ist. Und daran ändert auch nichts, daß wir – nach kurzem Check, ob auch wirklich alles in Ordnung ist – gemeinschaftlich so tun, als wäre das gerade gar nicht passiert. Ist aber immer so – Männer fallen nunmal nicht so gern in Ohnmacht. Schon gar nicht allein unter lauter Frauen. Armer Kerl – ich hoffe, er hat keine bleibenden Schäden davon getragen… ;)

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