Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Familienausflug zum Gynäkologen

Das Eltern – wie HIER beim Kollegen Kinderdoc beschrieben – zu den U-Untersuchungen (heissen laut Wikipedia wirklich so! Warum eigentlich? Ist doch doppelt gemoppelt… *grübel*) gerne mal im Doppelpack auftreten, verstehe ich gerade noch so. Speziell Jungeltern sind ja noch sehr aufgeregt, und dann will der Papa auch mal wissen, wie das geht, und emanzipiert sein, sich engagieren. Find ich toll, wirklich!

Aber warum man (also: MANN) PLUS drei Kinder, männlich UND weiblich, im Alter von 3 bis geschätzt 10 Jahren mit Mama zur Krebsvorsorge kommen müssen, und Erstgenannter sich dann noch nicht einmal mit der Brut im Wartezimmer verweilen kann, sondern alle vier der Mama verträumt von unten in die … – na, ihr wisst schon – schauen müssen…

KopfkinoOn

“Papa – was MACHT die Frau da? Papa? Was tut die Frau der Mama da in die…”

KopfkinoOff

… DAS, ihr Lieben, versteh ICH NICHT! Wirklich nicht. KEIN bisschen!

Musste mal gesagt werden!

An jedem verdammten Sonntag…

Es gibt Dinge, die machen mich wahnsinnig:

“Der Turnverein Hoppsassa veranstaltet am 3. des nächsten Monats einen Tag der offenen Tür – um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Kuchenspenden bitte rechtzeitig bei Frau Müller-Lüdenscheid abgeben. Und nicht immer Käsekuchen.

Danke, Janina-Caroline Möppel-Wohlfahrt”

Genau genommen sind es gleich eine ganze Armada Dinge, die mir in diesem überschaubaren Vierzeiler gegen den Strich gehen:

Erstens: (Turn)Vereine und ihre Veranstaltungen. Keine Woche vergeht, in der nicht irgendein Turnier des Fußballvereins stattfindet, eine Ballettaufführung im Altersheim, eine Klavierkonzert im Gemeindehaus oder eben Tage der offenen Tür. Und diese “Events” laufen immer gleich ab:

a. wir kommen zu spät, da das Baby um kurz vor knapp noch gestillt werden will, der lecker selbst gemachte (Käse)Kuchen auf dem Weg zum Auto runter gefallen ist, und nun noch rasch in der Konditorei um die Ecke Ersatz geholt werden muss (für 38 Euro fünfzig das Stück Kunst-Torte, denn den Trockenkuchenvorrat haben die vorbildlich zur rechten Zeit kommenden Mamas schon leer gekauft), endlich angekommen alle anderen schon da sind und somit kein Parkplatz mehr frei ist, Kind Nummer drei sich beim Coladosenkicken den Fuss verdreht und hinfällt und der Gatte erst noch ein dringendes Kundengespräch führen muss. Zwanzig Minuten lang. Mit einem sabbernden, greinenden Baby auf dem Arm.

b. die Turnierhalle/das Altersheim/Gemeindehaus/Ort der offenen Tür sind heillos überfüllt mit Müttern, die nach ihren Kindern schreien, Kindern, die nach anderen Kindern schreien, Männern, die genervt für Getränke anstehen und sich insgeheim fragen, warum sie nicht Zuhause auf der Couch liegen und Bundesliga schauen können. Es ist warm, muffig und klaustrophobisch veranlagte Menschen möchten umgehend davon laufen. Ich auch. Dabei ist mit meiner klaustro alles in Ordnung.

c. es gibt nie freie Sitzplätze. D.h. – es gibt schon welche, aber da sitzen bereits Menschen – sehr alte Menschen zumeist – (Ur-)Großmütter und -väter, die aussehen, als gäben sie ihre Romika-Gesundheitsschuhe, sowie Haus und Leben sofort jedem, der sie im Gegenzug ganz weit weg von diesem Turnier/der Aufführung/dem Konzert bringt. Tut aber keiner. Weshalb sie also hier sitzen und Plätze frei halten müssen, für Mütter, die nach ihren Kindern schreien und um Getränke-anstehende Väter, sie wissen schon. Und darum steht Familie Chaos also immer in der letzten Reihe, mit unzufriedenen, sabbernden und Milch koztenden Kleinkindern auf dem Arm, greinenden halbwüchsigen und gelangweilt drein schauenden Teenagern, während Muttern verzweifelt versucht, sechs Stück (Käse)Kuchen auf drei Papp-Tellern zu balancieren.

Soviel zu meiner Veranstaltungsphobie. Was mich weiter nervt an Mails o.g. Art: der Druck dahinter. “Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten” – heisst: raus reden ist nicht. Alle kommen – DU kommst auch! Wir erwarten das. Dein Kind erwartet das. Und bring gefälligst Kuchen mit! Ma´m, yes, Ma´m! Klar, dass Frau Müller-Lüdenscheid und Janina-Caroline Möppel-Wohlfahrt an jedem verdammten Sonntag von Veranstaltung zu Veranstaltung ziehen, um vegane aber dennoch unfassbar leckere Mehrstocktorten aus selbst geschrotetem Vollkornmehl und mit biologisch unbedenklicher Fondant-Verzierung in Form originalgetreu nachempfundener Faberge-Eier zu verteilen. Ehrenamtlich, versteht sich.  Und Nele-Johanna sowie Simeon-Marvin Möppel-Wohlfahrt sind auch weder genervt, noch gelangweilt und spucken schon gar nicht angedaute Muttermilch auf Turnhallen-PVC, Gott bewahre.

Doch jetzt zum absoluten i-Tüpfelchen, sozusagen dem Ober-Aufreger dieser eMail-Tirade: Dem MASSENVERTEILER!

Ganz ehrlich – ist es wirklich SO SCHWER, die fünftausend Mail-Adressen sämtlicher Turnhasen, Ballettmäuse, Klavierschätzchen und Fußballkerle in die verdammte Blind-Copy zu klöppeln? MUSS jetzt jeder Hinz und Heinz meine eMail-Adresse in seinem Adressbuch haben (und bei Facebook, WhatsApp, Schlagmichtot)? Ist es so schwer zu verstehen, dass nicht jeder das will? Mal ganz davon abgesehen, dass meine eMail-Adresse auch im Zeitalter globaler Vernetzung ein Stück Privatsphäre ist – MEIN Stück Privatsphäre, wohl gemerkt! Und letztlich gibt es da noch so unbedeutende Kollateralschäden wie eingeschleppte Trojaner, SpamWare und weiss ich was noch alles! Also BITTE – können wir das in Zukunft nicht einfach mal so machen, mit der Blind-Copy? Ja? Danke!

Und jetzt muss ich dringend los – Fußballturnier! Der Käsekuchen steht auch schon bereit…

 

LifeHackList – Eine Frage der Ehr(lichkeit)e….

Neulich habe ich eine Liste im Internet gefunden, welche unter “LifeHacks” lief, also etwa “Lebenshilfen”, die so 1000-prozentig wiedergegeben hat, was ich oft denke, bzw. was mir in meinem täglichen Leben widerfährt, dass ich sie hier gerne mal mit Euch teilen wollte. Unter jeder Nummer gibt es dann eine Mini-Abstimmung “trifft auf mich zu” oder “eben nicht” und ich bin jetzt schon gespannt, ob da zufällig jemand genau MEINE LifeHackListe online gestellt hat, oder ob gar das gros aller Menschen irgendwie dieselben Macken verbindet… ;)

Und los gehts:

#1 – Es gibt kaum etwas blöderes, als der Moment während eines Streitgespräches, wenn Du bemerkst: Du bist völlig im Unrecht!

Egal, worum es sich dreht, prinzipiell wähnt man sich doch immer im Recht. Der aktuelle Papst ist Argentinier, unser Sonnensystem beheimatet 8 Planeten und George Clooney ist immer noch der Sexiest Man Alive. Nach dem Ehemann, versteht sich. Solche Kleinigkeiten sind ja meist ohne belang, man palavert ein bisschen hin und her und spätestens mit Google ist dann eindeutig geklärt, wer sich im Recht befindet und wer nur heiße Luft ausstösst. Problematisch wird es mit all den Dingen, die (im Zeitalter der Totalüberwachung bzw. -dokumentation durch Facebook, Twitter und Instagram eigentlich kaum noch vorstellbar) nicht dokumentiert und im WoldWideWeb eingebrannt abgelaufen sind – WER hat sich nochmal auf Cousine Annas Hochzeit daneben benommen, WO sind die Winterschuhe abgeblieben und WER hat vergessen, den Elternabend in den Kalender einzutragen? Eine zeitlang fliegen die Argumente von rechts nach links, und weil man sich ja hundert – was sage ich da – TAUSEND Prozent sicher ist, absolut im Recht zu sein, kann es hin und wieder ganz schön garstig werden. Bis einem in dem Bruchteil einer Sekunde ein bebilderter Geistesblitz durchs Großhirn schiesst: FALSCH. Du liegst völlig und absolut falsch. Der Gegner hat Recht. VERDAMMT!

 

 

#2 – Es besteht die absolute Notwendigkeit einer “Sarkasmus”-Schrift!

Wer kennt das nicht – wir forsten uns durch Online-Foren, Blogs, Facebook, Twitter, E-mail oder sonst etwas, und lesen himmelschreienden Blödsinn. Passiert. Und dann wollen wir etwas antworten, aber es fehlt die Sarkasmus-Taste. So wie es “Fett”, “Kursiv” oder “Unterstreichen” gibt, sollte da auch “Sarkastisch” als Auswahlmöglichkeit bestehen. Oder zumindest mein All-Time-Favourite: die “HierIstDeinSchild”-Taste! Ich brauche das. Und IHR braucht das doch auch!

 

 

#3 – Wie zum Geier soll man Spannbettücher anständig zusammenlegen?

Ihr kennt diese seltsamen Teile? Mit den Gummizügen in den Ecken und dem Überhang für die Seitenteile? Mal ganz abgesehen davon, dass schon die Aufgabe des bügelns eine Arbeit für jemanden ist, der Vater und Mutter erschlagen hat, ist das Zusammenlegen quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch versuche ich es immer wieder – Ecke auf Ecke geht ja noch, blöd nur, dass die beiden kurzen Seiten, die dann aufeinandergelegt werden müssen, absolut nicht aufeinander passen wollen. Und entgegen den gültigen Gesetzen der Mathematik auch kein gleichseitiges Quadrat, sondern eher ein ungleichseitiges was-auch-immer bilden. Das fertig zusammengelegte Tuch sieht dann auch nur unwesentlich ordentlicher aus, als die Variante meiner Kinder, die die Teile einfach aus dem Trockner heraus in den Schrank werfen – mit der unschuldigen Begründung, man könne sie ohnehin nicht anständig zusammenlegen…

 

 

#4 – Schlechte Entscheidungen machen gute Stories

Ich meine – ERNSTHAFT! Wenn Ihr mal die Stories in diesem Blog Stück für Stück durchgeht, beantwortet sich die Frage wohl von selbst.

 

 

#5 – Du weisst nie, wann es passiert – aber es kommt der Moment während Deiner Arbeitszeit, wenn Du erkennst, dass Du heute nichts, aber auch gar nichts Produktives mehr hinbekommen wirst!

Du hast den halben Tag herum gelungert, lustlos Briefe diktiert, eine halbe Patientin geschallt und zwei sich aus-wehende Spätschwangere wieder nach Hause geschickt. In der Ambulanz hockt nur ein armseliger Harnwegsinfekt und noch nicht einmal X-Box-Spielen geht, weil die Chirurgen mit einem greisen Oberschenkelhalsbruch noch bis nach Mitternacht im OP stehen werden. DAS ist der Zeitpunkt, dich entweder mit Kreißsaalzwieback ins Dienstbett zu legen und die Wok-WM zu schauen oder ein Ründchen in der Gebärwanne zu schwimmen, denn – Hand aufs Herz – irgendetwas Produktives hat die Welt von Dir heute nicht mehr zu erwarten!

 

 

 #6 – Können wir uns nicht alle darauf einigen, was-auch-immer nach Blue-Ray kommt, einfach zu ignorieren? Ich will meine Kollektion nicht erneuern – SCHON WIEDER!

Und – HEY! Jungspunde! Ich aktualisiere dann bereits zum fünften Mal! FÜNF! Video 2000, Video, DVD, BlueRay, Whatever…!

 

 

#7 – Ich bin immer leicht entsetzt, wenn ich Word verlassen möchte und das Programm mich fragt, ob ich alle Änderungen in meinem 10-Seiten-Report auch speichern möchte – obwohl ich schwören könnte, überhaupt nichts geändert zu haben!

Es ist das alte PC-Spiel – “Möchten Sie dieses Programm verlassen? Sind Sie sich auch ganz sicher? Denken Sie einen kurzen Moment darüber nach! Hand aufs Herz – Fertig? Echt jetzt? WIRKLICH???” *Kopf->Tischkante* “Windows hat ein Problem entdeckt. Ein ernsthaftes Problem. Ein wirklich ernsthaftes Problem!” Windows ist eine alte Tratschtante – unzählige sinnentleerte Konversationen über eine Anwendung, die man schlicht mit “Ja” oder “Nein” beantworten könnte. Tausend Worte sagen eben mehr als eines…

 

 

#8 – “Do not machine wash or tumble dry” – bedeutet: dieses Teil wird niemals gewaschen werden. Never-ever!

In amerikanischen Filmen trägt irgendjemand immer irgendwelche Wäsche zur Reinigung. Meine Reinigungsfrau sieht mich – wenn es gut läuft – einmal pro Jahr, wenn ich Wintermäntel nach dem jähen Erwachen aus tiefem Sommerschlaf zum entmuffen vorbei bringe. Und vielleicht noch einmal, wenn der Gatte den guten Anzug zu einer ganz speziellen Veranstaltung getragen hat. Sonst – Fehlanzeige! Denn Reinigungen sind teuer, umständlich (“wo war noch einmal der Abholzettel? Und WANN genau ist das Teil fertig? WILL ich wirklich stundenlang einen Parkplatz suchen, ein Protokoll wegen falschparkens kassieren, obwohl ich mich gerade mal 4 Minuten unerlaubt von der Karre entfernt habe und das für eine Bluse, die weniger gekostet hat, als Reinigen und falsch parken zusammen? WILL ICH DAS?) – NEIN!

 

 

#9 – Ich hasse es, einen Anruf um den letzten Klingelton verpasst zu haben (“Hallo? HALLOOOO? **** it!), aber wenn ich sofort zurück rufe, klingelt es zwanzig Mal durch und der Anrufbeantworter springt an

Ich meine – HALLO? Was tat diese Person, nachdem ich nicht ran gegangen bin? Liess das Telefon fallen und rannte davon?

 

 

#10 – Ich hasse es, mein Haus zufrieden und gut aussehend zu verlassen, und dann den ganzen Tag lang niemand Wichtigem zu begegnen. Welche Verschwendung!

Ihr kennt das – die Frisur sitzt, das MakeUp ist ausnahmsweise nicht fleckig sondern genau richtig matt und genau richtig dick aufgetragen, Deine Jeans sitzt wie auf den Körper geschneidert und selbst Sophia Loren in ihren besten Jahren könnte heute nicht besser aussehen. Und dann begegnest Du genau NIEMANDEM, der diesen perfekten Austritt bewundern könnte. Und noch seinen Kindern und Kindeskindern davon berichtete! Aber wehe, du willst nur mal schnell in Jogginghose und mit fettigem Haar zum Brötchen holen, drei Löcher im T-Shirt, so breit, dass man fernsehen durch schauen könnte, das halbe Frühstück malerisch drum herum geschmiert und mit ordentlich Augenringen statt ordentlich Make-Up – WETTEN das DANN wenigstens Tom Hanks an der Kasse neben dir steht? Geschenkt!

 

 

#11 – Manchmal schau ich mir einen Film an, den ich bereits als Kind gesehen habe, und stelle plötzlich fest, dass ich beim ersten Mal absolut keine Ahnung hatte, worum um alles in der Welt es eigentlich ging…

Loriot. Woody Allen. StarWars. StarTrek. Unsere kleine Farm. Roaseanne. Okay, keine Filme…. :)

 

 

#12 – Lieber trage ich zehn übervolle Einkaufstüten auf einmal in jeder Hand, als zweimal zum Auto zu laufen, um meine Einkäufe ins Haus zu bringen…

Okay, selbstverständlich benutze ich aus ökologischen Gründen KEINE Plastiktüten, schon gar nicht zehn auf einmal, aber das Spiel ist mit Einkaufstaschen und -körben genau dasselbe!

 

 

#13 – Die einzige Situation, die mich auf rote Ampeln hoffen lässt, ist, wenn ich eine Nachricht auf dem Handy nachschauen will!

Rein hypothetisch, versteht sich. Im Leben nicht würde ich jemals während der Autofahrt (bzw. des Autostehens) auf ein Mobiltelefon schauen. Never! Ich schwöre!

 

 

#14 – Es fällt mir verdammt schwer, die hauchzarte Linie zwischen “Hunger” und “Langeweile” zu identifizieren. 

Nein – stimmt nicht ganz. Wenn ich bereits zwanzig Minuten nach dem Frühstück gelangweilt um den Schrank mit den Süssigkeiten schleiche, dann hat das absolut und rein gar nichts mit Hunger zu tun. Oder die Chips auf der Couch, die Currywurst im Supermarkt, das dritte Frühstück in der Kantine und das einhundertachtundzwanzigste Merci im Kreißsaal. Linie definiert und gescheitert. Schuldig im Sinne der Anklage!

 

 

#15 – Wieviele Male darf man “WAS?” fragen, bevor man einfach nickt und lächelt, weil man immer noch kein Wort dessen verstanden hat, was der Gegenüber einem sagen wollte.

Während unzähliger solcher Augenblicke bin ich mit mir persönlich überein gekommen, dass die Anzahl der zulässigen “WAS?” mit dem Alter der betreffenden Person in direktem Zusammenhang steht. So darf die einhundertzweijährige Omi auf bis zu einem Dutzend Nachfragen bestehen, während eine geistig einigermassen altersentsprechend entwickelte Zwanzigjährige auch schon nach dem zweiten “WAS?” angelächelt wird…

 

 

#16 – Blusen werden schmutzig. Unterwäsche wird schmutzig. Hosen? Hosen werden NIE schmutzig und Du kannst sie für immer tragen.

Oh Gott, ich hoffe, ich bin nicht die Einzige, die so denkt… ;)

 

 

#17 – Manchmal schaue ich runter auf meine Uhr, drei Mal in Folge, und weiss anschließend immer noch nicht, wie spät es ist.

Alternative: schaue in den Kühlschrank und kann zwei Sekunden später immer noch nicht sagen, ob ich Milch kaufen muss, oder nicht. Oder stiere in den Computer ohne zu wissen, wohin ich als nächstes klicken wollte. Schlimm nur, wenn ich beim dritten Anlauf immer noch nicht weiss, in welchen Kreißsaal ich gleich zur Entbindung muss :)

 

 

#18 – Selbst unter idealen Bedingungen habe ich Probleme, meine Autoschlüssel in der Handtasche zu finden – statt dessen greife ich das Handy oder pinne den Schwanz an den Esel. Aber ich verwette meinen Hintern, dass ich – binnen 1,7 Sekunden, aus drei Meter Entfernung UND mit geschlossen Augen – den Schlummer-Button meines Weckers finde. Beim ersten Mal. Jedes Mal!

Amen!

 

“Es gibt leider Tage, an denen es nichts zu lachen gibt”

Selten stimme ich mit Stefan Raab überein, heute schon (siehe Zitat-Überschrift).

Dieses Foto fand ich heute beinahe das Schlimmste im grausamen Sammelsurium der Geschehnisse um den Absturz des Germanwings-Airbus:

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Wie unvorstellbar, am Flughafen zu stehen, voll Vorfreude auf den Mann, die Schwester, den Freund, die Mutter, das Kind – und die Maschine kommt nicht. Nicht mehr. Nie mehr.

Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder.

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Damage is done

“Waaaaaah. Jaaaaaah. Hallooooooo!”

Unter lautem Geschrei öffnet sich die Tür zum Untersuchungszimmer und klatscht ungebremst gegen den Hartgummistopfen im Boden, der gerade eben verhindern kann, dass die Türklinke durch die Wand ins Nebenzimmer bricht. Doch wer sich ein wenig in angewandter Physik auskennt, weiss – Energie verliert sich nicht einfach im Universum, sie wird zu einem guten Teil zurück gegeben. Und aus diesem Grund knallt das schwere Holzteil nun auch mit voller Wucht in Tschässie-Tschäims, trifft ihn am Kopf und lässt ihn zu Boden gehen. Schnaubend stürze ich zur Tür, sicher, dass es Tschässie mindestens den Schädel zertrümmert hat. Oder schlimmeres. Doch weit gefehlt. Zugegebenermassen ein wenig benommen liegt er rittlings auf dem Boden, und reibt sich verwundert die Stirn, dort, wo gerade ein wunderschönes Ei zu wachsen beginnt. Dann, als er meiner ansichtig wird, weicht die Verwunderung schierer Freude.

“DAAAAAAAAAAAAAA” schreit er höchst erfreut und tippt sich mit dem verdreckten Kleinkindfinger an die Beule auf seiner Stirn “DAAAAAAAAAA – WEEH!” und jauchzt, als hätte er gerade die Freikarte ins Kinderparadies gezogen.

Ich hebe ihn hoch und betrachte die malträtierte Haut misstrauisch – nein, keine Platzwunde. Gott-sei-dank. Derweil klatscht mir Tschässie unter anhaltendem Jubelgeschrei die klebrigen Patschhände ins Gesicht und freut sich offensichtlich wie ein Schnitzel, mich zu sehen. “DAAAAAAAAAAA” brüllt er bekräftigend und haut fester. “DA” ist so ziemlich der größte Liebesbeweis, den Klein-Tschässie-Tschäims kennt – und er kennt viele, denn Tschässie ist das wahrscheinlich netteste Nicht-Chaos-Kind, das ich kenne.

“Tschässie – lass dass! Mensch, du Doofian, du machst die Tür kaputt, wie oft soll ich dir das noch sagen, he? Spinner? Wie oft?”

Mein Gesicht weiter zärtlich in beiden Händen haltend wandert sein Blick zu der Frau, die gerade schimpfend und fluchend ihren überdimensionalen Bauch zur Tür herein quält. Dann schiebt sich die kleine, feuchte Unterlippe traurig nach vorne, unten und beginnt verdächtig zu zittern. Doch Tschässie ist kein Kind von Traurigkeit. Kurz schaut er mich aus alten Augen müde an, dann zieht die Trauer auch schon weiter und weicht seiner unverwüstlichen Frohnatur. “Da!” kommentiert er sachte und klopft mir zärtlich die Wange. Ich denke kurz darüber nach, mit ihm auf den Arm das Zimmer zu verlassen und nach Hause zu fahren. Wo vier Mäuler satt werden, bekommen wir ein fünftes auch noch gestopft.

“HEEEY, Stinker! Lass die Frau Dokter in Ruhe und komm hierher. Setzt dich. Halt die Klappe, hör auf zu zappeln, wisch dir die Nase ab – NICHT am Ärmel, du Dödel, Mensch, du bist SO DOOF!” Tschässies Mutter muss eine Ausbildung im Boot Camp hinter sich haben, anders kann ich mir Tonfall und Wortwahl wahrhaftig nicht erklären.

Behutsam setze ich das Kind auf den Boden und sehe zu, wie er folgsam zum Stuhl tippelt, hoch klettert, hin setzt und mit dem ausgestreckten Fingerchen der linken Hand unbeholfen den Rotz über Oberlippe und Wange verteilt. Hilfesuchend blickt er erst mich und dann seine wutschnaubende Mutter an.

“Samenta, ich weiss nicht, ob es viel Sinn macht, Tschässie so anzuschreien. Er ist ja fast selbst noch ein Baby” gebe ich zu bedenken und wische mit einem Taschentuch über das verschmierte Gesicht, aus dem es mir schon wieder froh entgegen grinst. Unfassbar, dieser kleiner Kerl ist ein Fass Glückseligkeit ohne Boden in einer Familie voller Sozialkrüppel. Seufzend strubbel ich das lockige Blondhaar.

“Der ist so doof, Frau Doktor, dass glauben Sie nicht. Echt. Der ist immer so voll am lachen. Und der kapiert gar nix, wissen sie? Total blöd und so. Immer rennt er wo gegen oder macht was kaputt oder dreckig. Das ist voll anstrengend, wissen sie”

Ich seufze tiefer. Tschässie ist drei Jahre alt, das Baby in Samtnes Bauch wird demnächst zur Welt kommen, und gnade uns Gott, dann ist Schluss mit lustig! … Einmal war Tschässie schon bei Pflegeltern untergebracht. Zwei Monate lang, dann hat man entschieden, dass die leibliche Mutter das Beste für ein Kind sei. Auch eine Mutter wie Samenta. Auch für ein Kind wie Tschässie.

“TSCHÄÄÄSSIE! Du hast schon wieder gekackt, ey, ich riech das voll! Du bist so doof. Kannst Du nicht bescheid sagen? Hä? Kannst Du nicht?”

Unsicher schaut der Kleine zu mir herüber und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. “Kacka!” sagt er leise und schielt zu seiner wütenden Mutter hinüber. “Jetzt isses zu spät, Doofnase!” brüllt sie zurück und schmeisst sich schnaufend auf die Untersuchungsliege.

Leise vor sich hin stinkend hockt Tschässie in seiner vollen Windel und stochert mit dem dreckigen Finger in einem Loch seiner Hose herum. “Kacka” flüstert er.

Kacka! denke ich wütend während ich mittels Ultraschall das zweite Kind im Bauch dieser Frau betrachte. “Kacka!” sagt Tschässie voller Nachdruck und schaut mich dabei so wissend an, als könne er Gedanken lesen…

 

Chaos-Umfrage: Wünsch Dir was von Josephine Chaos!

Immer wieder bekomme ich Mails, in denen Blogleser fragen, wann es hier weiter geht. Und wie. Oder warum nicht. Und wer regelmässig selbst bloggt (bloggd? blogged?), der kennt die Antwort vielleicht selbst: Keine Zeit, keine Ideen, keine Lust, kein Internet… – in meinem Fall ist es wahrscheinlich etwas von allem, und weil das so ist, habe ich mir gedacht, vielleicht könnt Ihr mir einfach mal erzählen, WAS IHR gerne einmal lesen würdet. Oder über welche meiner ProtagonistInnen. Oder etwas ganz anderes. Wünscht Ihr Euch mehr medizinische Fakten, Einblicke in den Mediziner-Alltag, mehr Love-Stories, traurige Geschichten, lustige oder nichts davon?

Ich bin jeden Tag aufs Neue erstaunt, wie viel hier immer noch los ist, obwohl ich das Blog zugegebenermassen herbe vernachlässigt habe. Insofern versuche ich jetzt mal, Euch wieder ein bisschen Unterhaltung zu bieten. Man möge es mir jedoch nachsehen, wenn es nicht mehr ganz so hoch frequentiert wie in der Anfangszeit sein wird, dafür bräuchte mein Tag deutlich mehr Stunden als die läppischen 48, aus denen er jetzt schon besteht… ;)

Also – an die Tasten, ich bin gespannt!

Eure Josephine