Von Partys und Scheidenpiercings

“Hallo! Du bist Josephine, richtig?”

“Uh-huh…”

Ich steh am Geburtstagsbuffett meines Schwagers und versuche gerade, einen weiteren Fleischklops zwischen Gurkensalat und gefüllten Champignons zu platzieren, ohne das mir die Oliven vom Teller vor die Füsse fallen, als mich diese Frau von rechts anspricht.

Kein gutes Timing, Lady – gar kein gutes Timing…!

Es ist 21.40 Uhr, und wir sind spät. Weil der Babysitter auch schon spät dran war, das zu hütende Baby dann kurz vor elterlichem Abgang noch einmal wach wurde und ganz dringend fünf Züge aus Mamas eigentlich schon Geburtstagsparty-fertig-verpackter und -parfümumnebelter Brust haben musste. Sich dann einen akuten Jährzornanfall nahm, weil ihn der fremde Geruch völlig wuschig gemacht hat, weswegen ich das Zeug mal eben runter waschen musste – und zwar ohne mich aus meinem letzten, noch passenden Abendkleid zu pellen. Und jetzt – 21.40 Uhr, ich wiederhole mich gerne – stehe ich ausgehungert und -gesaugt vor dem bereits große Lücken aufweisenden Buffett und bin minimum in Amokstimmung. Denn es gibt zwei Momente, in denen ich tunlichst nicht angesprochen werden möchte: Vor dem ersten Kaffee und wenn die letzte Mahlzeit länger als 5 Stunden her ist. Die Frau neben mir kann das nicht wissen – wie auch…

“Ich bin Karin – Arbeitskollegin von Linda” spricht es und hält mir lächelnd ihre Hand entgegen. Linda ist meine Schwägerin. Und ich bin schwerstens genervt.

“Hi!” erwidere ich gequält lächelnd und schüttel die angebotene Hand, während ich aus den Augenwinkeln verfolge, wie die letzte aller heute Abend verfügbaren Oliven durch die Gurkensalat-Sahne-Sauße hindurch vom Teller rollt und – einen weisse Spur auf meinem schwarzen Kleid hinterlassend – zu Boden geht. Karin wird gleich auch zu Boden gehen, ich schwöre!

Und dann kommt, was kommen muss…

“Linda sagt, du bist Gynäkologin?”

Karin hat Talent. Ganz beiläufig lässt sie es fallen. Gynäkologin. So, als wäre es ihr gerade wieder eingefallen, beim Anblick der vom Teller hüpfenden Olive.

Vergiss es, Schwester. Auf den Trick fall ich nicht herein!

“Ich hätte da mal eine kurze Frage – wenn es dir nichts ausmacht…?”

Ich grunze abweisend, während ich Tomate-Mozarella und kalte Lasagne neben mein Gurkensalathäufchen klatsche. Theoretisch könnte ich auch laut schreiend im Kreis rennen, Karin würde dennoch tun, was sie tun muss:

“Also – meine Periodenblutung…”

Das ist der Punkt, an dem ich regelmässig mental aussteige. Immer seit, sagen wir: dem dritten klinischen Jahr meines Studiums. Freundlich nicken, hin und wieder zustimmend grunzen – fertig. Mehr gibt es nicht ausserhalb der vier grün gekachelten Wände meiner gynäkologischen Ambulanz.

Eine Dreiviertelstunde später bin ich immer noch hungrig, dafür weiss ich jetzt alles über Karins Zyklus, die mittzyklische Spinnbarkeit ihres Zervixschleimes, ihre erste Schwangerschaft, die zweite Schwangerschaft, den komischen Ausschlag auf dem Penis von Franz – Karins armer Ehemann, welcher keine Ahnung hat, warum ich ihn seit zehn Minuten immer wieder mitleidig anglotze – und die Gürtelrose der Schwiegermutter. Nach einem detaillierten Bericht des Geruches, Aussehens und Konsistenz von Karins Stuhlgang nach exzessivem Genuss lactosehaltiger Nahrungsmittel ist es dann aber doch gut – und mit dem leeren Teller als Entschuldigung flüchte ich mich zurück zum Buffett – welches jetzt, bis auf ein Häufchen wenig ansprechend aussehender Selleriestangen und welkende Basilikumblätter auf angetrocknetem Mozzarella, gänzlich geplündert ist. Okay – dann eben Alkohol! Mit einer Flasche abgepumpter Milch als Zwischenstopp bleiben meiner Alkohol-Dehydrogenase genau 8 Stunden Zeit zur Oxidation, das reicht für ein Bier und einen Aperol-Spritz!

An der Alkohol-Theke haben sich bereits kleine Grüppchen gebildet – mittelprächtig gelaunt stelle ich mich mit meinem orangefarbenen Sekt-Getränk zu einer Gruppe Männer, die ich flüchtig von vergangenen Schwager-Parties kenne. Männer sind sicheres Terrain für eine Gynäkologin – hier will mir bestimmt keiner etwas erzählen. Und sieh an – genau so ist es. Wir reden über Autos (groß, schnell, viele PS), über die Apple Watch, Tennis und Fahrrad fahren. Ich esse Chips gegen den Hunger und trinke noch ein kleines Bier, die Stimmung ist prächtig und alles gut. Bis…

“Was machst du eigentlich beruflich, Josephine?”

Daniel ist Banker. Anfang vierzig, frisch verheiratet – nett. Bisschen langweilig, aber nett.

“Ich bin Gynäkologin” strahle ich und nippe an meinem Bier. Das Zauberwort – ich habe es gesagt. Gleich fachsimpeln wir noch über Düngen oder Neu-Einsaat nach Rasen vertekutieren.

“Gynäkologin? Echt?”

“Ganz echt. Hast du dieses Jahr schon deinen Rasen vertekutiert?”

“Wie? Rasen? Nein! Aber weisst du, wenn du Gynäkologin bist, dann hätten wir da mal ein paar Fragen an dich – LISA?”

Zwei Minuten später bin ich umfassend über den gerade stattfindenden zweiten IVF-Zyklus von Lisa und Daniel, sowie sämtliche Eckdaten ihrer Kinderwunschbehandlung ins Bild gesetzt. Um 23.30 Uhr habe ich zwei Privatrezepte für die Pille ausgestellt, Bilder vom Ausschlag der Heidenreich-Zwillinge begutachtet und mir das entzündete Scheidenpiercing einer gewissen Madelaine angeschaut. Ihr gehört der Catering-Service, welcher für das Essen zuständig war.

Es ist 00.30 Uhr, als der Mann und ich uns auf dem Weg nach Hause befinden.

“Und, Schatz – hattest du einen schönen Abend?” fragt Herr Chaos und legt mir liebevoll die Hand auf den Oberschenkel.

“Super!” raunze ich genervt “Es war wie immer super!”

Vielleicht sollte ich zur nächsten Party endlich mal das mobile Abrechnungsgerät mitnehmen…

Nachts in den Schweizer Alpen – oder: warum man auf gar keinem Fall Nutella kaufen darf!

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Tiefes Donnergrollen reisst sie aus unruhigem Schlaf. Als sie die Augen öffnet, steht für den Bruchteil einer Sekunde noch das Relief der Schweizer Berge vor ihrem inneren Auge, die tiefschwarzen Wolken, welche sich hinter dem Matterhorn in irrwitzigen Stapeln gen Erdatmosphäre zu stapeln scheinen, durchzuckt von grellweissen Blitzen des herannahenden Gewitters. Atemberaubend schön. Und unfassbar laut.

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Als sie den Babykopf neben sich auftauchen sieht, schwarz im Gegenlicht der 100Watt-Flurlampe, dämmert es ihr langsam – dass das kein Gewitter ist, was da neben ihr im Bett wütet, sondern…

“Tom!” zischt sie böse, während sie mit der linken Hand hektisch den schlafwarmen Rücken des Babies tätschelt “TOM! Halt die Klappe, hörst Du?!”

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Einen Schei** tut Tom! War klar.

“TOM!!!”

Verschlafen reibt das Baby sich jetzt mit kleinen, speckigen Fäusten die müden Augen, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis kommt, was kommen muss

“uuuuuuUUUUAAAAAAAAHHHHHH….!”

Das dunkel grollende Papa-Gewitter hat einen wehleidig jaulenden Babysturm zur Seite bekommen. Britta schließt verzweifelt die Augen und betet stumm das 3Uhr-Morgen-Gebet:

“Bitte. BITTE, HERRGOTTNOCHMAL! Lass beide endlich die Klappe halten!”

“Mama?”

Die Augenlider klappen quasi von selbst über trocken-müde Augäpfel nach oben – seit wann kann das Baby sprechen? Doch – mitnichten, es spricht nicht, jault unbeeindruckt weiter die erste Stimme im Vater-Tochter-Gewitter-Kanon. Und vor dem Elternbett steht Louise – den Kopf voller wirr abstehender Minilöckchen. Im bodenlangen Nachthemd, weisse Spitze, Marke “Unsere kleine Farm” und drei Kuscheltiere undefinierbarer Spezies im Arm.

“Mama – ich kann nicht schlafen!”

Spricht´s und schlägt – wie ein gefällter Baum – in der Besucherritze zwischen Tom und Britta ein. Und noch während die abermillionen goldblonder Löckchen sachte auf ihre makellose Kleinmädchenwange herniedersegeln, schnarcht Louise selig das althergebrachte Lied ihrer Ahnen:

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Unfassbar, was so ein paar geschwollener Rachenmandeln aus einer engelsgleichen 5jährigen hervorbringen können…

Während das Baby sich fit für die nächst höhere Oktave macht und auch die Reste des idyllischen Matterhorns vor Brittas innerem Auge verschwinden, huscht bereits der nächste Schatten zur Tür des elterlichen Schlafzimmer herein.

“Wir können auf gar keinem Fall mehr Nutella kaufen!”

DAS hat das Baby verstanden – kein Nutella ist gleich bedeutend mit “morgen wird die Welt nicht mehr dieselbe sein” – auch ein Baby im Halbschlaf mit warmgeschwitztem Pyjamarücken kann solch eine Ansage, morgens, um 3 Uhr, verstehen. Und weil es das kann, hangelt Klein-Inga sich jetzt auch völlig mühelos die übernächste Oktave zum zweigestrichenen C nach oben. Kein Nutella! Ich glaub es ja nicht!

“Schatz – jetzt nicht!” wispert sie angestrengt und klopft fester den verschwitzten Rücken, was lediglich zur Folge hat, dass das Baby schreien UND husten muss.

“Palmöl – in Nutella ist Palmöl drin!” setzt Johanna – 8 Jahre, getestet hochbegabt – nach, quetscht sich zwischen den schnarchenden Vater und die gelockte Schwester – und ist zwei Sekunden später eingeschlafen.

Durch dieses Schauspiel vom eigentlichen Theater abgelenkt fällt nun auch dem Baby wieder ein, wie spät es eigentlich ist (3:09!!!) und was man um diese Uhrzeit tut (schlafen!) – stopft den vollgerotzten Schnuller zurück in den Mund, um sich gleich darauf in Embryonalstellung auf dem Kopfkissen zusammen zu rollen und mit zartem *chrrr-püüh* dem Vorbild der Herde zu folgen.

Zehn Minuten später hat auch Britta endlich wieder in den Schlaf gefunden – eingezwängt zwischen Kuscheltieren und Malbüchern, im unteren Teil des Doppelstockbettes und umgeben von soviel Ruhe, wie es sie nachts nur im Kinderzimmer geben kann….

Princess Kate und das royale Baby – ein Fake?

Okay – natürlich Spass. Aber als ich die Bilder der britischen Prinzessin gestern im Netz und Fernsehen sah, dacht ich: WHOW! Leihmutter gehabt? Strahlend wie der junge Morgen, mit perfekt gestyltem Haar, genau dem richtigen Hauch Rouge auf den Wangen und kein bisschen angeschlagen trat Her Royal Highness gerade mal zehn Stunden nach einer offensichtlich zügig vonstatten gegangenen, zweiten Geburt vor die wartende Weltpresse – und sah aus, wie unsereins höchstens am Tag der Hochzeit. Die Haare – TOP! Die Beine schlank, das Make-up perfekt. In der Tat: WHOW!

Klar habe ich Frauen schon nach ambulanter Geburt nach Hause gehen sehen – aber meist im Schlabbershirt und mit verschwitztem Haar – rote Bäckchen hatte da in der Regel nur das Kind.

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Wie auch immer – ich freu mich für die vier – schließlich kann ich mich tatsächlich noch höchst selbst an den Tag DIESEN Fotos erinnern:

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Congratulations, Kate & William! Well done!

Apple-Watch Pre-Order

Was soll ich sagen – ich bin Apple-Jünger und Gadget-Fan. Und weil das so ist, hing ich pünktlich am Pre-Order-Friday an der Apple-Store-App meines iPhones, und wartete ungeduldig darauf, dass Cupertino die Jalousien hoch ziehen würde.

OP-Oberschwester Ottilie *barsch*: “Josephine – GEHT DAS BALD MAL?”

Ich *inhöchsterkonzentration*: “Uh-huu…”

*Appaktualisierend*

Ottilie: “WANN?”

Ich: “Uh-huuu…”

Ottilie *dieStimmehebend*: “Josephine?”

Ich *triumphierend*: “DRIN! Ich bin DRIN!”

Sandmann: “Verdammt! Wie hast Du das gemacht? Bei mir steht immer noch “We´ll be back soon!”

Ich: *angeberisch* “Jahrelange Pre-Order-Erfahrung!”

Wild tatsche ich auf dem 4,7-Zoll-Display meines treuen iPhones herum, um die gewünschte Uhrenkonstellation schnellstmöglich in den Warenkorb und von dort aus in die Welt des angebissenen Obstes zu befördern, während der Sandmann fluchend und greinend auf seinem eigenen Device herumhämmert

“VERDAMMT! Ich glaub das nicht – immer noch geschlossen!”

“JETZT! ICH BIN DRIN!”

Beim Schrei ihres sonst so zurückhaltenden Chefarztes fällt Ottilie, die gerade dabei ist, akribisch das Besteck auf dem sterilen Grün ihres Instrumententisches zu sortieren, glatt die Kornzange aus der Hand und schlägt scheppernd auf den schwarz-weissen Fliessen des OP-Saales auf.

“CHEFARZT DR. BÖHNLEIN” Die Scheiben zum Klinikgarten beginnen sachte im Rhythmus von Ottilies Heldensopran zu schwingen, doch dann…

“ICH AUCH, ICH AUCH!” jubiliert Herr Sauerbier nun hinter dem grünen Tuch hervor, welches die magische Grenze zwischen operativem und anästhesistischem Gebiet markiert.

“Aber warum SIE ALLE und ICH nicht?” mault der Sandmann und schüttelt unwirsch sein Handy, was ihn jetzt auch nicht wirklich weiter bringt.

“Bestellt!” dröhnt der Chef zufrieden, gibt sein Handy an den wartenden Springer ab und streift die unsterilen von den sterilen Handschuhen. Dann, zu Ottilie gewandt, die mit versteinertem Gesicht vor ihrem Tischchen steht “Und? Können wir?” Doch noch bevor diese auch nur den Mund öffnen kann:

“NEIN!” blafft es böse und mit wildem Blick steckt der Sandmann seinen Kopf über das Tuch “Wir können NICHT! Ich will diese Uhr AUCH haben!”

“Kein Problem, Mann – geben sie mir das Ding, ich aktualisiere für sie!”

Mensch, denke ich, dieser Sauerbier ist aber wirklich ein netter Kerl Und auch der Sandmann strahlt jetzt wie eine Schüssel voll Radium.

“Kommt jetzt bald mein Baby?” piepst es nun schüchtern hinter dem Tuch hervor. Au weia – Frau Sauerbier. Der Kaiserschnitt!

“Aber selbstverständlich, Frau Sauerbier” pariert der Chef charmant und zwinkert freundlich hinter seiner Goldrandbrille hervor. “Jetzt kann es losgehen! Skalpell?”

Und wild mit den Augen rollend reicht OP-Oberschwester Ottilie ihrem Chefarzt das Skalpell.

Schalten Sie auch demnächst wieder ein, für einen Tag mit der Apple Watch… ;)

 

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Da ich weiss, dass es immer wieder Leser gibt, die es nicht wirklich wissen oder vergessen haben oder schlicht nicht wissen wollen, sei es hiermit noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt:

Alles hier beschriebenen Geschichten entsprechen NICHT der Realität!

Die 10 größten Irrtümer über Kliniken im Allgemeinen und gynäkologische Abteilungen im Speziellen

1. Der Chef ist immer der Beste der Besten 

Ähm – jein! Im Idealfall ist der Chef der Abteilung tatsächlich der erfahrenste, fähigste und bestausgebildete Mediziner. Aber gerade in operativen Fächern können die Oberärzte manchmal mehr, als ihre Vorgesetzten. Das ist auch ganz normal – der Chef muss ja schließlich ganz viele organisatorische Sachen am Laufen halten – Chefarztbesprechungen, Vorträge bei Kongressen, Treffen mit der Verwaltung, und natürlich die Privatsprechstunde. Darunter leidet dann die Zeit, die er am OP-Tisch verbringen könnte. Und Übung macht den Meister, da bildet die Medizin keine Ausnahme. Oberärzte machen einige dieser organisatorischen (und oft gleichbedeutend mit “lästigen”) Dinge hin und wieder auch, aber generell operieren sie erstmal. Viel. Sehr viel. Und da sie ja irgendwann selbst gerne Chef werden wollen, und man in “jungen” Jahren auch noch entsprechend wissensdurstig ist, bilden die Jungs und Mädels sich regelmässig fort. Oder gehen auch mal zum Hospitieren an ein anderes Haus, wo sie von Chefs lernen können, die vielleicht noch erfahrener, fähiger und bestausgebildeter sind, als die eigenen Häuptlinge.

2. Wenn mein Haus-/Frauen-/Sonstiger Arzt etwas auffälliges gefunden hat, muss das SOFORT abgeklärt werden. 

Ähm – nein! Es gibt in der Tat so etwas, wie eine Prioriäteten-Anwärterliste auf die Klinikbetten einer Fachabteilung. Der Herzinfarkt ist zum Beispiel die Greencard für den direkten Zugang zu einem weiss-bezogenen und frisch hergerichteten Klinikbett. Wobei die Herzinfarktler ja in der Regel auch nicht über den niedergelassenen Kollegen, sondern mit dem Rettungswagen kommen. Dann ist es eh klar. Ein sogenannter Uterus myomatosus (also viele gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) hingegen kann schon einmal 4-8 Wochen Vorlauf mit sich bringen. Und nein, die Tatsache, dass die Periode jetzt schon seit einem Jahr immer stärker und schmerzhafter wird, katapultiert einen nicht automatisch in die Liga der Erstanwärter auf den begehrten OP-Plan-Platz. Dieser Platz muss frei gehalten werden für Eileiterschwangerschaften, gedrehte Eierstockzysten und (ver-)blutende Schwangere, sowie für geplante Operationen, die dort schon seit Wochen stehen. Und selbst ein schlechtes Abstrichergebnis muss nicht wirklich gestern operiert werden – auch wenn man den Verlauf der Entstehung nicht nachvollziehen kann, weil Frau vor 10 Jahren zuletzt beim Frauenarzt war (“Aber es war immer so schwierig die Vorsorge mit meinen übrigen Terminen unter einen Hut zu bringen…). Was 10 Jahre gewachsen ist, kann tatsächlich noch zwei Wochen weiter wachsen, OHNE dass es irgendeine Konsequenz hätte. Und viele Dinge haben nun einmal den ihnen vorgeschriebenen Weg: zuerst zum Ultraschall, Mammographie, ins CT, Blutentnahmen, etc. pp. Was nützt es, wenn der Tumor oder was-auch-immer herausgeschnitten wird, und hinterher stellt sich heraus, dass man die Sache eigentlich hätte ganz anders angehen müssen?

3. “Routine-Eingriffe” sind völlig ungefährlich

Ähm – nein! Haben wir heute wieder (auf die tragische Art) lernen müssen: Wie die Presse gerade berichtet, liegt eine 21jährige Frau in einer deutschen Klinik im Sterben, nachdem wohl während einer Bauchspiegelung (unbemerkt ) eine Vene durchtrennt wurde. Und nein, dass ist ganz sicher nicht nur bei der 21jährigen tragisch, sondern auch bei der 72jährigen Urgroßmutter und Ehefrau, der eigentlich nur die Galle entfernt werden sollte. Oder die Mandel-OP der 4-jährigen. Operieren IST ein Risiko. Immer. Und egal, wie gesund man davon abgesehen ist, wie toll der Operateur, oder wie gut der Ruf der Klinik – es wird auch immer riskikoreich bleiben. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Am meisten beeindruckt mich die Sorglosigkeit der Menschen immer im Hinblick auf Kaiserschnittgeburten: “Ich möchte lieber nicht normal entbinden – ich kann nämlich nicht so lange still liegen/ich habe Angst vor der normalen Geburt/ ich möchte mir nicht den Beckenboden zermetzeln/ mein Optiker sagt, ich darf nicht pressen” – Ja, IST KLAR!

Ich will tatsächlich niemandem Angst machen, der demnächst vor der Entscheidung Kaiserschnitt ja oder nein steht – es ist ohne Frage eine der am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt. Aber ich verwahre mich einfach gegen die Sorglosigkeit, mir der diese OP so schnell in Erwägung gezogen wird. Weil man den Termin schöner planen kann. Oder die Oma dann noch nicht im Urlaub ist. Weil sich dann auch Opa Herbert den Geburtstag des Nachwuchses merken kann. Oder weil Frau schlicht keine Lust auf spontanes Entbinden hat. Alles schon da gewesen

Hier dann das andere Extrem:

4. Jede Operation bringt mich um

NEIN! So einfach ist da die Antwort. Es gibt Operationen, die müssen einfach gemacht werden. Eileiterschwangerschaften, abgestorbene Darmteile, durch die Haut brechende Tumoren. Oder ganz simpel: Der Blinddarm. Da muss man dann als Patient auch nicht laut heulend und sich windend auf dem Boden liegen – hier “ja” zu sagen, gebietet einfach der gesunde Menschenverstand. Wer würde denn schon mit verbundenen Augen mitten in der Nacht über die A8 laufen? Oder zum Spaß aus dem 25. Stock springen. Richtig – KEINER! Jedenfalls keiner, der klar bei Verstand ist. Aber drei Tage und fünf verschiedene Ärzte lang herumdiskutieren, warum die angegammelte Eileiterschwangerschaft sich nicht von ein paar homöopathischen Globuli wird überzeugen lassen, ohne operatives Vorgehen zu verschwinden. Wo bitte ist meine portable Tischkante?

5. Die Gebärmutter/Eierstöcke sind immer und in jedem Fall der Grund allen Übels

Ich gestehe – diese Denkweise tragen die Frauen nicht aus eigenen Stücken in die Ambulanzen dieser Welt – gepflanzt wird diese – teils doch sehr absurde Ansicht – auch gerne mal von fachfremden, niedergelassenen Kollegen. Wie die Frau, die ganz offensichtlich ritzegelb und im Zustand nach jahrelangem Alkoholkonsum bei uns aufgeschlagen ist, schwallartig aus dem Mund blutend und eigentlich ganz eindeutig internistisch einzuordnen war. Aber was stand auf der Einweisung des Kollegen? V.a. Postmenopausenblutung. Also Blutung aus der Scheide bei einer Frau, die schon in den Wechseljahren ist. Der Mensch, welcher die Einweisung ausgestellt hatte, war selbst Hausarzt, und als Hausarzt KANN man wissen, dass eine Frau mit dieser (oben beschriebenen) Befundkonstellation ganz andere Probleme hat, als eine vaginale Blutung. Denn lange, lange bevor sie von einem eventuellen Gebärmutterkrebs hinweggerafft worden wäre, hatte die im Sterben befindliche Leber, das Aussetzen jeglicher Blutgerinnungskaskaden UND die blutenden Speiseröhren-Varizen sie bereits umgebracht. Der Kollege sah das anders. Frei nach Motto: Männer zum Facharzt, Frauen zur Frauenärztin.

6. Die Hebammen sind immer die Guten

Okay – ich MAG Hebammen. Wirklich. Ehrlich! Nicht alle – aber die Meisten. Und es geht auch gar nicht darum, dass die Hebamme selbst denkt, sie sei Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Aber wenn man sich mal ein wenig in den großen Babyforen des WWW umschaut, dann kommen alle Empfehlung bezüglich Geburt (Wo? Wie? Welche Klinik? Stehend, liegend, sitzend?) immer zum selben Schluss: die Hebamme wird es schon richten. HÄ? Ernsthaft jetzt?

Zum Rekapitulieren: Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. In dieser Zeit lernen sie alles, was Frau gemeinhin zum Entbinden wissen muss. Wie ein KFZ-Mechaniker (Mechatroniker? Autotroniker? Who cares… ;)), der nach drei Jahren auch die Grundzüge der Motorentechnik beherrscht. Vergaser ein- und ausbauen, Ölwechsel, Getriebe reparieren. So etwas eben. Und genau, wie der KFZ-Mensch die alltäglichen Sachen bestimmt aus dem FF beherrscht, kann die Hebamme an Tag eins nach drei Jahren Ausbildung, alles, was es zu einer NORMALEN Geburt braucht. Doch merke: nicht alle Geburten sind normal. Genauso, wie nicht alle Autos Opel Astra sind. Da gibt es die Nabelschnurvorfälle, die Querlagen, Beckenendlagen, es gibt die leichten und schweren Herztonabfälle, Blutungen, steckende Schultern und krampfende Mütter. Das alles sind NOTFÄLLE, und was passiert im Notfall? Die Hebamme, welche in Deutschland durchaus das Recht hat, Frauen auch in Abwesenheit eines Arztes zu entbinden (umgekehrt geht indessen NICHT! Also keine Geburt ohne Hebamme), schreit nach dem Arzt.

Glaubt mir – die machen das auch! Die MÜSSEN das sogar machen! Denn wenn nicht, können sie – für den Fall, das alles richtig blöd läuft – ganz schön Ärger bekommen.

Der Arzt kommt also, bis zur Halskrause vollgepumpt mit Adrenalin, und soll jetzt das schön machen, was die Hebamme nicht mehr machen darf. Oder kann. Oder was auch immer. Die Schulter freilegen, per Notsectio das Kind entbinden, herausfinden, wo die Blutung her kommt und die Frau aus dem Status epilepticus zurückbeordern, während er ZEITGLEICH versucht, das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Und das, im schlimmsten Fall, an Tag eins nach Beendigung seiner eigenen Ausbildung. Hebammen können meist NICHT sectionieren – d.h., wenn die Kacke richtig am dampfen ist, ist immer der Arzt in der Pflicht. Ob der es dann richten kann, steht auf einem anderen Blatt – doch per Gesetzt ist ganz klar definiert, wer am Zug ist (der Arzt) und wer am Ende den Kopf hinhalten muss (der Arzt). Für diese Ungerechtigkeit könnte es wenigstens ein bisschen Mitleid geben. Auch im WWW!

7. Ein Husten/ Harnwegsinfekt/ seit drei Wochen verstauchter Fuss/ Pickel am Gesäss kann auch Samstag-Nacht in der Notfall-Ambulanz behandelt werden. 

NEIN! NEIN! NEIN! Der Großzehnagel ist seit 5 Wochen eingewachsen, aber JETZT, nach 4 Stunden in der Disco und in den neuen, absolut unbequemen 25-Euro-Kunstleder-High-Heels tut er so weh, dass ich auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher über die Klinik mache… – No Go! Aber schon tausend Mal da gewesen. Oder – mit den Kumpels auf Sauftour, und um 2 Uhr morgens fällt dem Jung ein, dass er keinen Bock hat, sich am kommenden Morgen um 6 aus dem Bett zu schälen – also nichts wie ab in die Ambulanz mit – Bauchschmerzen. Oder Übelkeit und Durchfall. Und solche Geschichten sind keine Frage des Alters oder gar sittlicher Reife: es gilt genauso für den Fünfzigjährigen mit Rückenschmerzen seit der Terrassenrenovierung vor dreieinhalb Monaten, der (JETZT, Sonntagmorgen, 6.15 Uhr) denkt, da müsse doch mal nachgeschaut werden…

Es ist ja nicht so, dass wir (Ärzte) in der Klinik schlafen, weil wir Zuhause kein Bett hätten. Oder es in der Klinik so schöne Betten hat. Auch nicht, weil wir dann GANZ, GANZ VIEL Geld verdienen, welches wir am nächsten Morgen in unseren schicken, weissen Schubkarren nach Hause fahren. Wir sind auch nicht in der Klinik, um die Aufgabe der Niedergelassenen ins Wochenende hinein zu verlängern – wir haben EIGENE Arbeit. Geburten, frisch operierte Patienten, Menschen mit echten Problemen (Herzinfarkt? Ihr erinnert euch vielleicht?). Es gibt Menschen im Z.n. Unfall, mit Schlaganfällen, Blutungen und allem möglichen anderen Zeug. Und die Zeit, welche eigentlich für solche Patientin nötig ist, geht flöten, weil der diensthabende Arzt sich ganz dringend einem hochgefährlichen Männerschnupfen widmen muss. Es ist ja auch nicht so, dass der Typ (mit dem Männerschnupfen) kommt, man einen Blick drauf wirft, und dann geht er einfach wieder. NEIN!

Die Aufnahmefrau muss den Menschen aufnehmen, er bekommt eine Nummer und einen Fall, dann kommt die Schwester und misst Blutdruck, checkt den Urin, fragt einen Haufen Fragen und füllt eine Menge Papierkram aus. Anschließend kommt der Arzt, fragt seine eigenen Fragen, untersucht den Mensch und schreibt dann alles in seinen eigenen Papierkram. Wartet auf Laborwerte, gibt Diagnosen und Prozeduren in den Computer ein – und der ganze Aufriss für was? Richtig! Für nichts! Denn tut man sich mal den Spaß, den Zeh, die Sauftour oder den Rücken einweisen zu wollen, ist das Geschrei groß. “EINWEISEN? Ins KRANKENHAUS? Wegen eines MÄNNERSCHNUPFENS??? Och nööööööö! Aber wenn ´se mal zwei Wochen Krankenschein…?” – danke, nein, auf Wiedersehen!

8. Krankenhäuser sind Hotels für Kranke

Man möchte meinen, JA! Verblüfft habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Service am Kunden in manchen Kliniken tatsächlich höher im Kurs steht, als in so manchem Nobelhotel. “Bitte – bringen sie meine Koffer doch schon einmal aufs Zimmer!” spricht die Dame mit dem fliederfarbenen Haarschopf und drückt der verdutzten Schwester ihr Louis Vuitton-Rollköfferchen in die Hand. Kein Spass. Das ist so. Neulich Nacht hat mich die Schwester aus tiefstem Dienstschlaf geklingelt – Frau Nielsson aus Zimmer elf-achtzehn hätte heute noch gar keinen Arzt zu Gesicht bekommen – das wünsche sie jetzt umgehend nachzuholen, wofür sie schließlich in die private Krankenkasse einzahle? Tja – leider war Frau Nielsson, prophylaktische Ausschabung der Gebärmutter, stationär nicht ambulant, weil allein Zuhause lebend – während der Visite mit der Freundin beim Kaffee trinken. Und nachmittags bei der Physiotherpie. UND anschließend zur Anwendung. Danach noch ein kleiner Spaziergang durch den Klinikgarten und schwupp-di-wupp ist der Tag auch schon vorbei. Aber jetzt, nach dem Abendessen und vor dem Gute-Nacht-Tee hatte sie dann doch dringendes Verlangen nach der diensthabenden Ärztin. Das sei schließlich ihr gutes Recht, so als zahlender Patient!

9. Ein Krankenhaus hat 24/7 geöffnet

Jein! Selbstverständlich sind wir jederzeit für jedermann da, aber Besuche, welche nach 23 Uhr mit Sack und Pack, laut schreiend und Party machend über die Stationen ziehen, um Melanie-Kimberly ein bisschen aufzumuntern, die mit ihrer Eierstockentzündung leider, leider hier festhängt, da hört der Spaß dann auf. Oder Wöchnerinnenzimmer, in denen zu jeder Tages und Nachtzeit so viele Menschen unterwegs sind, als hätte man bei Facebook versehentlich das Häkchen bei “öffentlich” statt “privat” gesetzt, wo man um einen frühkindlichen Hirnschaden fürchten muss, weil der Sauerstoff im Zimmer langsam ausgeschöpft ist – das muss einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: DAS GEHT NICHT!

10. Alle Mediziner sind gute Menschen

HAHAHAAAAAA – HAHAHA – HAHAHAAAAHAAAAA….

Dachte ich früher auch :)

Familienausflug zum Gynäkologen

Das Eltern – wie HIER beim Kollegen Kinderdoc beschrieben – zu den U-Untersuchungen (heissen laut Wikipedia wirklich so! Warum eigentlich? Ist doch doppelt gemoppelt… *grübel*) gerne mal im Doppelpack auftreten, verstehe ich gerade noch so. Speziell Jungeltern sind ja noch sehr aufgeregt, und dann will der Papa auch mal wissen, wie das geht, und emanzipiert sein, sich engagieren. Find ich toll, wirklich!

Aber warum man (also: MANN) PLUS drei Kinder, männlich UND weiblich, im Alter von 3 bis geschätzt 10 Jahren mit Mama zur Krebsvorsorge kommen müssen, und Erstgenannter sich dann noch nicht einmal mit der Brut im Wartezimmer verweilen kann, sondern alle vier der Mama verträumt von unten in die … – na, ihr wisst schon – schauen müssen…

KopfkinoOn

“Papa – was MACHT die Frau da? Papa? Was tut die Frau der Mama da in die…”

KopfkinoOff

… DAS, ihr Lieben, versteh ICH NICHT! Wirklich nicht. KEIN bisschen!

Musste mal gesagt werden!

An jedem verdammten Sonntag…

Es gibt Dinge, die machen mich wahnsinnig:

“Der Turnverein Hoppsassa veranstaltet am 3. des nächsten Monats einen Tag der offenen Tür – um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Kuchenspenden bitte rechtzeitig bei Frau Müller-Lüdenscheid abgeben. Und nicht immer Käsekuchen.

Danke, Janina-Caroline Möppel-Wohlfahrt”

Genau genommen sind es gleich eine ganze Armada Dinge, die mir in diesem überschaubaren Vierzeiler gegen den Strich gehen:

Erstens: (Turn)Vereine und ihre Veranstaltungen. Keine Woche vergeht, in der nicht irgendein Turnier des Fußballvereins stattfindet, eine Ballettaufführung im Altersheim, eine Klavierkonzert im Gemeindehaus oder eben Tage der offenen Tür. Und diese “Events” laufen immer gleich ab:

a. wir kommen zu spät, da das Baby um kurz vor knapp noch gestillt werden will, der lecker selbst gemachte (Käse)Kuchen auf dem Weg zum Auto runter gefallen ist, und nun noch rasch in der Konditorei um die Ecke Ersatz geholt werden muss (für 38 Euro fünfzig das Stück Kunst-Torte, denn den Trockenkuchenvorrat haben die vorbildlich zur rechten Zeit kommenden Mamas schon leer gekauft), endlich angekommen alle anderen schon da sind und somit kein Parkplatz mehr frei ist, Kind Nummer drei sich beim Coladosenkicken den Fuss verdreht und hinfällt und der Gatte erst noch ein dringendes Kundengespräch führen muss. Zwanzig Minuten lang. Mit einem sabbernden, greinenden Baby auf dem Arm.

b. die Turnierhalle/das Altersheim/Gemeindehaus/Ort der offenen Tür sind heillos überfüllt mit Müttern, die nach ihren Kindern schreien, Kindern, die nach anderen Kindern schreien, Männern, die genervt für Getränke anstehen und sich insgeheim fragen, warum sie nicht Zuhause auf der Couch liegen und Bundesliga schauen können. Es ist warm, muffig und klaustrophobisch veranlagte Menschen möchten umgehend davon laufen. Ich auch. Dabei ist mit meiner klaustro alles in Ordnung.

c. es gibt nie freie Sitzplätze. D.h. – es gibt schon welche, aber da sitzen bereits Menschen – sehr alte Menschen zumeist – (Ur-)Großmütter und -väter, die aussehen, als gäben sie ihre Romika-Gesundheitsschuhe, sowie Haus und Leben sofort jedem, der sie im Gegenzug ganz weit weg von diesem Turnier/der Aufführung/dem Konzert bringt. Tut aber keiner. Weshalb sie also hier sitzen und Plätze frei halten müssen, für Mütter, die nach ihren Kindern schreien und um Getränke-anstehende Väter, sie wissen schon. Und darum steht Familie Chaos also immer in der letzten Reihe, mit unzufriedenen, sabbernden und Milch koztenden Kleinkindern auf dem Arm, greinenden halbwüchsigen und gelangweilt drein schauenden Teenagern, während Muttern verzweifelt versucht, sechs Stück (Käse)Kuchen auf drei Papp-Tellern zu balancieren.

Soviel zu meiner Veranstaltungsphobie. Was mich weiter nervt an Mails o.g. Art: der Druck dahinter. “Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten” – heisst: raus reden ist nicht. Alle kommen – DU kommst auch! Wir erwarten das. Dein Kind erwartet das. Und bring gefälligst Kuchen mit! Ma´m, yes, Ma´m! Klar, dass Frau Müller-Lüdenscheid und Janina-Caroline Möppel-Wohlfahrt an jedem verdammten Sonntag von Veranstaltung zu Veranstaltung ziehen, um vegane aber dennoch unfassbar leckere Mehrstocktorten aus selbst geschrotetem Vollkornmehl und mit biologisch unbedenklicher Fondant-Verzierung in Form originalgetreu nachempfundener Faberge-Eier zu verteilen. Ehrenamtlich, versteht sich.  Und Nele-Johanna sowie Simeon-Marvin Möppel-Wohlfahrt sind auch weder genervt, noch gelangweilt und spucken schon gar nicht angedaute Muttermilch auf Turnhallen-PVC, Gott bewahre.

Doch jetzt zum absoluten i-Tüpfelchen, sozusagen dem Ober-Aufreger dieser eMail-Tirade: Dem MASSENVERTEILER!

Ganz ehrlich – ist es wirklich SO SCHWER, die fünftausend Mail-Adressen sämtlicher Turnhasen, Ballettmäuse, Klavierschätzchen und Fußballkerle in die verdammte Blind-Copy zu klöppeln? MUSS jetzt jeder Hinz und Heinz meine eMail-Adresse in seinem Adressbuch haben (und bei Facebook, WhatsApp, Schlagmichtot)? Ist es so schwer zu verstehen, dass nicht jeder das will? Mal ganz davon abgesehen, dass meine eMail-Adresse auch im Zeitalter globaler Vernetzung ein Stück Privatsphäre ist – MEIN Stück Privatsphäre, wohl gemerkt! Und letztlich gibt es da noch so unbedeutende Kollateralschäden wie eingeschleppte Trojaner, SpamWare und weiss ich was noch alles! Also BITTE – können wir das in Zukunft nicht einfach mal so machen, mit der Blind-Copy? Ja? Danke!

Und jetzt muss ich dringend los – Fußballturnier! Der Käsekuchen steht auch schon bereit…