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Chaos-Geschichten – heute mal anders!

Viele Leser haben sich im Laufe der Zeit immer und immer wieder über zwei Dinge “beschwert”:

a. die Kollegen, Schwestern, Hebammen, etc. bekommen immer nur Fett weg, ich bin nicht nett, lästere zu viel, werte ab, stelle Menschen in schlechtem Licht dar.

b. So perfekt wie Herr Chaos kann ja gar kein Mann sein. Ist klar. Seit dem 60er Jahre-Schlager “Das bisschen Haushalt” wissen wir, dass Männer immer nur auf ihren Frauen herumhacken, sich die Zeitung und Hausschuhe bringen lassen, daheim keinen Finger rühren und abends im Schiesser-Feinripp und mit der Bierflasche in der Hand auf dem Sofa hocken. Abweichungen von der Norm sind nicht vorgesehen. Das muss ich doch verstehen!

Ja – ich verstehe es. Und damit hier endlich mal jedem, aber auch wirklich JEDEM Leser genüge getan wird, ein Tag aus dem Leben der Josephine Chaos, wie es WIRKLICH passiert sein könnte. Mit Katastrophen-Ehemännern und nur netten Kollegen. Also – habt Spass!

P.S.: Neu-Leser, welche sich dafür interessieren, wie es hier normalerweise zugeht: Einfach die betreffenden Namen anklicken… ;)

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Ich: “Herr Doktor – ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt!”

Kopfschüttelnd blickt Dr. Derek Shepherd von mir zu dem Schädel-MRT in seiner Hand und zurück zu meiner Liege. Seine volles, glänzendes Haar fliegt in perfekter Flugbahn von rechts nach links und seine tiefbraunen Augen glänzen traurig.

Er: “Nein, Dr. Chaos – das ist kein Herzinfarkt. Unser Chefarzt, Dr. Webber, wird sie laparotomieren”

Mir wird ganz heiss – warum denn laparotomieren? Ich habe doch einen Herzinfarkt!

“Dr. Shepherd” setze ich erneut an und versuche hektisch, mich von der Liege hoch zu stemmen. Dieser Druck auf der Brust. Als hätte mich ein Bus überfahren. Ich bekomme kaum noch Luft…

“Dr. Shepherd” ächze ich, doch er schüttelt nur stumm weiter die braune Wallemähne, während das Gewicht auf meiner Brust nun auch noch jämmerlich zu weinen beginnt.

MOMENT! Weinen?

Schweissgebadet erwache ich aus meiner nächtlichen Grey´s-Anatomy-Tour, mit einem greinenden, sabbernden Baby auf der Brust, das gerade verzweifelt versuch, mich aus dem Oberteil meines völlig schweissgetränkten Pyjamas zu frickeln. Der Gatte schnarcht derweil selig im Nachbarbett. Toll. Soviel zum Thema Arbeitsteilung.

Nur unter Mobilisierung aller um 5:24 Uhr zur Verfügung stehenden Kräfte gelingt es mir, mich mitsamt Kind aus dem Bett zu wuchten und ins Wohnzimmer zu schleichen. Wozu eigentlich schleichen – wenn der Kerl schläft, dann schläft er. Der dritte Weltkrieg könnte vor unserer Tür losbrechen, es wäre ihm egal.

Der Sohn hat es jetzt tatsächlich geschafft, sich irgendwie an Pyjama-Miniknöpfen vorbei zum Still-BH zu arbeiten, selbigen wütend beiseite zu zerren und dockt endlich mit zufriedenem Seufzen an der Milchbar an. Zumindest ein Kind habe ich jetzt also mit Frühstück versorgt.

Mit dem zufrieden schmatzenden Baby auf dem Arm koche ich mir einen einarmigen Kaffee, schaufel eine Schüssel einarmiger Kellog’s in mich hinein um danach einarmig Zähne zu putzen. Pünktlich zur Dusch-Uhrzeit ist Chaos-klein dann gottlob satt und zufrieden in postprandialen Schlaf gefallen, sonst hätte ich auch das noch einarmig erledigen müssen. Nachdem ich einigermassen zurecht gemacht bin, die restliche Kinderschar geweckt und mit Frühstück versorgt, den Hund Gassi geführt und die Brut anschließend zur Schule verabschiedet habe, lasse ich den Blick über morgendliches Chaos schweifen – wie die Frühstückskrümel sich zum idyllischen Stillleben mit dem Berg ausgefallener Golden-Retriever-Haare arrangieren, auf dem Treppenabsatz drei Pullover und ein Hoodie der Tochter, welche alle noch innerhalb der letzten zwei Minuten vor verlassen des Hauses als nicht tragwürdig aussortiert und dort fallen gelassen wurden, wo Kind gerade stand. Apfelgehäuse und Brotrinden in der Küche als Überbleibsel eines vollwertigen Schulfrühstücks. Welches – Vitamin C hin, Ballaststoffe her – auch heute ganz sicher gegen eine süsse Brezel und zwei Snickers vom Schulkiosk verlieren wird.

NICHT mein Problem! Denn noch während ich sachte die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, höre ich den Wecker des Gatten klingeln. Ich bin dann mal weg – und nach mir die Sintflut!

“JOOOSEEPHIIEENE!”

Ich habe gerade die Pförtnerschranke überwunden, unsichtbare Grenze zwischen Realität und Absurdität, und mich in den Tross menschlicher Weisskittelträger eingereiht, welche wie die Lemminge dem Abgrund entgegen laufen. Nur, dass es sich bei unserem Abgrund nicht um felsige Tiefe sondern die Besprechungszimmer der jeweiligen Fachrichtungen handelt. Zu dramatischen Abstürzen kann es jedoch hier wie da kommen.

“JOOOOOSEEPHIIIENE!”

Auftritt Nancy the Fancy, chirurgische Assistenzärztin, von links. Makellose Haut, flammendes Haupthaar, grüne Katzenaugen.

“NAAANCYYY!”

Nancy ist SO NETT! Und kein bisschen böse. Wir mögen Nancy!

Sie: “Schatz, du siehst heute morgen SO GUT aus! Was machen die Kinder?”

Ich: “Anstrengend wie immer. Was gibt es bei dir neues?”

Sie: “Appendix, Galle, Galle, Varizen, diagnostische Laparoskopie”. Nancy ist Chirurgin. Chirurgen müssen operieren. Nancy wird operieren. Das ist ein guter Tag.

Ich: “Ja, ist klar – aber was gibt es bei DIR neues?”

Gespielt theatralisch patscht die schöne Rothaarige sich vor die Stirn “Bei mir, sicher, was interessiert dich auch mein blöder OP-Plan?” Nancy lacht, ein glockenreines, warmes Lachen und auch die feuerfarbenen Kringellocken vollführen kleine Freudenhüpfer. “Nichts neues. Keine Männer in Sicht. Das Leben ist öde! Bis später, Josie!” Spricht es und hüpft beschwingt von dannen.

“Kaffee?”

Fred vom Jupiter, der Abwechslung halber Assistenzarzt der eigenen Fachrichtung, hält mir von rechts einen Kaffee-To-Go-Becher unter die Nase. Fred ist SOOO NETT! Und kein bisschen Sheldon-Cooper-Autistisch unterwegs, ausserdem stets gut gekleidet, frisiert und unglaublich gut riechend. Nach Sonne, Meer und Männlichkeit. Yummie!

“Danke, Fred – wie lieb von dir!”

Gemeinsam ziehen wir im Strom unglaublich netter, unglaublich schöner und stets gut gelaunter Menschen weiter, ins Basislager der Gynäkologen und Geburtshelfer. Mutterschiff. Besprechungszimmer.

“Guten Morgen!” Froh gelaunt trete ich ein in diesen sonnengefluteten Raum voller unglaublich netter, unglaublich schöner… – ach nein, das hatten wir ja schon. Es gibt also Übergabe mit dem netten Chef, dann nichts wie los zur Visite mit der stets sonnigen, fachlich hoch kompetenten und überaus motivierten Schwester Elvira und anschließend Geburt mit Frau von Sinnen.

Frau von Sinnen: “Gleich ist es da!”

Werdende Mutter: “Ich bin so glücklich!”

Werdender Vater: “Ich auch!”

Ich: “Ich sehe den Kopf schon!”

FvS: “Das hast du SO TOLL erkannt, Josephine! Du bist eine großartige Ärztin!”

Ich *rotwerd*: “Danke!”

FvS *abwinkend*: “Gern geschehen!”

*EineRundeWattebäuscheWerfend*

Fvs: “Nur noch einmal pressen!”

Ich: “Ja, da kommt es auch schon!”

FvS: “In der Tat, Josephine, geflutscht wie Seife in der Dusche”

Alle lachen glücklich. Und die Sonne scheint – was für ein wunderbarer Tag!

FvS – den Eltern das völlig unspektakulär aus der Mutter herausgeflutschte Kind hinhaltend: “Bitte. DA ist sie!”

Mutter: “Sie ist wunderschön!”

Vater: “Ja, wunderschön!”

Ich *tränchenzerdrück*: “Unfassbar schön! Und nett! UND gut gelaunt!”

In der Tat – das kleine Mädchen grinst mich freundlich an und ich warte nur darauf, dass es noch einen Mittags-Kaffee-To-Go aus der Vagina seiner Mutter zieht… – bäh, doch zu viel Kopfkino.

Da die sagenhaft schöne und jetzt unglaublich glückliche Mutter kein Stück blutet, noch nicht einmal ein kleines bisschen gerissen ist und überhaupt aussieht, wie Lena Gerke auf der Fashion Week, mache ich mich froh gelaunt vom Acker. Denn schließlich muss ich schon in Kürze im OP sein. Um dem liebenswürdigen, warmherzigen und niemals aufbrausenden Oberarzt Dr. Napoli eine diagnostische Laparoskopie zu assistieren.

20 Minuten später im Waschraum von OP-Saal 8

OA Napoli *WieWildArmeUndHändeEinseifend*: “Oh mein Gott – Frau Dr. Chaos! Ist heute mein Glückstag? SIE operieren MIT MIR?”

Mit glühenden Bäckchen pumpe ich Seife auf meine Handfläche, und verreibe die glibbrige Masse gleichmässig auf Unterarme und Hände.

Ich *schüchtern*: “Ja, so steht es zumindest auf dem Plan”

OA Napoli: “Das ist TOLL! Sie machen die OP, das wird großartig!”

Ich *FreudigÜberrascht*: “Wirklich? Aber das ist eine ganz schön schwierige Operation. Mit Dingens-Entfernung und richtig scharfen Instrumenten”

“Papperlapapp” wild tropfend und Seifenschaum durch die Luft wirbelnd winkt der kleine Italiener beidhändig ab. “Sie sind toll. Sie schaffen das!”

Und so ist es dann auch. Unter Napolis behutsamer Anleitung steche ich also diverseste Instrumente in die seelig schlummernde Patientin, entferne Dingens und Bummens und lauter so Zeug.

OA Napoli: “Das machen sie großartig! Sie sind ein Genie, Dr. Chaos. Einzigartig. Ich bin von den Socken!”

Und OP-Oberschwester Ottilie applaudiert mit steril behandschuhten Händen.

Um 16 Uhr neigt sich dieser wunderbare Tag dem Ende entgegen. Müde und glücklich kehre ich heim und stelle fest, das Brotrinde und Apfelgehäuse binnen 8 Stunden dramatisch an Flüssigkeit und frischem Aussehen verlieren, bewundere zwei Knabensocken, welche sich zu einem erweiterten Stillleben mit Hundehaar und Frühstückskrümeln eingefunden haben, führe den Hund Gassi und stille das Baby, während ich irgendwie versuche, einhändig Abendessen zu bereiten. Derweil hockt der Kerl im Rippunterhemd und mit der Bierflasche fussballglotzend auf der Couch.

Und morgen, dass schwör ich, tausche ich DEN wieder gegen den richtigen Herrn Chaos ein!

“Bloss kein Kreißsaal” oder: die Alleingeburt

Der im folgenden verlinkte Artikel enthält weder Gruselgeschichten noch schreckliche Bilder und kann jederzeit auch von schwangeren Frauen gelesen werden!

*KLICK* hier!

Ich glaube – nein: ich WEISS, dass ich für eine Medizinerin ein extrem entspanntes Verhältnis zur Geburtsmedizin habe. Spontane Beckenendlagengeburten beim ersten Kind – nach sorgfältiger Voruntersuchung und mit Hilfe eines erfahrenen Geburtshelferteams (Hebamme UND Arzt), obendrein einer motivierten Mutter – warum nicht? Entbindungen im Vierfüsslerstand, in der Badewanne, im Stehen und meinetwegen auch daheim: Na klar! Frauen gebären seit Jahrtausenden. Und ja, prinzipiell können sie das auch völlig auf sich selbst gestellt. Im Wald, einem Tipi und der Regentonne (ernsthaft? REGENTONNE?) – die Frage allein: MUSS DAS SEIN? Ich meine, warum gibt es Hebammen? Oder Ärzte? Wieso ist Semmelweiss als Retter der Wöchnerinnen in die Geschichte eingegangen, ist die Mütter- und Säuglingssterblichkeit heute – in Deutschland – niedriger denn je? Weil wir es können! Weil es aparative Untersuchungen, Operationssäle und Perinatalzentren gibt. Muss ich das alles in Anspruch nehmen? NEIN! Muss ich mein Kind der Gefahr einer Höhlengeburt aussetzen, um mich und mein inneres Verlangen zu befriedigen? Ich meine AUF GAR KEINEM FALL!

Natürlich ist es eine tolle Geschichte, wenn man eine schöne Frau mit ihren süssen Kindern und dem attraktiven Mann vor geschmackvollem Understatement-Interieur ablichten kann, wie sie da beinah angriffslustig in die Kamera blickt. “Ich habe es Euch gezeigt! Allein geboren, das Kind! Aus Beckenendlage! DAHEIM!” Ällebätsch!

Und ich ärgere mich. Nicht, weil sie es geschafft hat, oder weil sie schön ist, einen attraktiven Mann und süsse Kinder hat – ich ärger mich ob der Nachricht, die sie transportiert: “Ihr könnt das – wenn Ihr nur an Euch glaubt! Wenn Ihr auf Euren Bauch hört, Euch Eurer mächtigen Urinstinkte und inneren Werte besinnt. Ihr könnt Großartiges erreichen!”

Jede Person, die sich mit solch einer Einstellung, aber sonst völlig unbedarft, an das Steuer einer voll besetzten Boeing 747 setzen würde, mit der Absicht, diese auf dem Frankfurter Flughafen wohlbehalten zu landen, würde man in der Jacke mit den zusammengebundenen Ärmeln in die Zelle mit den gummierten Wänden befördern. Umgehend und ohne wenn und aber. Eine Frau, die ihr Kind gerne im heimischen Planschbecken entbinden möchte, allein und aus Beckenendlage, darf das. Klar – was gehen mich anderer Leute Kinder an? Und landen Katzen, Hunde, Kühe – ja selbst dumme Stallhasen und tröge Faultiere nicht Tag für Tag ihre Boeings und Jumbos auf den Flughäfen dieser Welt? Vielleicht.

Ich frage mich, ob es diesen Artikel so auch gegeben hätte, wenn dieses Kind nicht so locker-fluffig aus seinem Geburtskanal geplumpst, sondern statt dessen in selbigem stecken geblieben wäre? Wie geht man mit der Situation um, eine schwer geschädigtes oder gar totes Kind zur Welt zu bringen, weil man das getan hat, was für einen selbst der vermeintlich beste Weg war? Darf man einem Kind eine gleichberechtigte Ausgangssituation aus egoistischen Wünschen vorenthalten? Oder zumindest streitig machen?

Die immer währenden Berichte über heimlich auf Toiletten oder im stillen Kämmerlein vollzogenen Geburten verzweifelter Frauen lässt sicherlich vermuten, dass eine hoch gebildete Frau so etwas ja wohl ebenfalls schaffen kann. Noch dazu in einem eigens angeschafften Geburts(Plansch)Becken und einem fürsorglichen Ehemann, der auch noch Obstteller für die Geschwisterkinder richten kann. Aber wer spricht darüber, wie es diesen heimlich geborenen Kindern später ergeht? Ich höre jetzt schon die Empörungswellen hochschlagen – IQ-Debatten sind doch nur etwas für arrogante Akademiker, man kann schließlich auch mit weniger als Abitur und Studium glücklich werden. Klar – kann man. Aber muss ich als Eltern nicht alles dafür tun, meinem Kind den bestmöglichen Start zu ermöglichen? Würde ich es denn später einmal, nach der Geburt, mit einem absoluten Fahranfänger im Smart auf die Autobahn schicken? Oder auf der ICE-Trasse Blindekuh spielen lassen? Ich hoffe nicht!

Fazit: Jeder Jeck ist anders. Und auch in der Geburtshilfe läuft – wie überall dort, wo Menschen im Spiel sind – nicht immer alles glatt oder für alle Beteiligten optimal ab. Ich verstehe den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung, Zuwendung und Unterstützung – und bin mir auch heute noch sicher, dass die Mehrheit der Geburtshelfer, egal ob Hebammen oder Ärzte – tagtäglich ihr Bestes geben. Und weil ich glaube, dass alle Eltern im Gegenzug das Beste für IHR KIND geben wollen, finde ich diesen Artikel und die darin transportierte Botschaft mehr als fragwürdig.

In diesem Sinne – ein schönes Wochenende und allzeit frohes Gebären!

Erschreckende Erkenntnis – in die Notaufnahme zur Geschlechtsbestimmung

Jeder Gynäkologe (ich schliesse die weiblichen Gyns selbstverständlich mit ein!), der schon einmal in einer klinischen Ambulanz seinen Dienst getan hat, wird dieses Phänomen kennen. Ich allein habe unzählige Blog-Post darüber geschrieben – dennoch ist sogar für mich diese Antwort von MaraEnd auf meinen Post Google sucht Josephine Chaos beinahe erschreckend:

Eure Meinung dazu würde mich dann doch einmal sehr interessieren!

LG, Josephine (die schon seit 1000 Jahren kein Baby mehr im Dienst geoutet hat. Wohl wissend…)

Ein Tag mit der Apple Watch

5:50 Uhr morgens – ich werde wach, weil mir das Baby enthusiastisch seine leere Wasserflasche über den Schädel zieht. Erschrocken reibe ich mir die schmerzende Schläfe und entreisse dem johlenden Zwerg die Tatwaffe. Ich greife auf den Nachttisch, wo Apples neuestes Meisterwerk darauf wartet, den Tag mit mir zu verbringen: mein geliebtes, neues Gadget, die Apple Watch 38 mm, Edelstahlgehäuse mit weissem Sport-Armband. Das Anziehen funktioniert mittlerweile ganz gut – nachdem ich mir anfangs fast das Handgelenk gebrochen und das wertvolle Spielzeug sage und schreibe 6 Mal habe fallen lassen, weiss ich jetzt genau, was ich tue. Und wie.

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6:12 Uhr – Ich sitze am Frühstückstisch, Kaffee links, Toastbrot rechts, Füße auf dem Nachbarstuhl, Zeitung auf den Knien und den Knaben an der Brust. Multitasking heisst das Zauberwort. Und ein Kind, das schon ganz früh kapiert hat, wie Mama funktioniert: gar nicht ohne Kaffee! Die Watch kommunziert freundlich zum allerersten Mal an diesem Tag, indem sie mir sachte aufs Handgelenk klopft. Oha – der erste Blogleser hat einen Kommentar hinterlassen. Ihr seid aber auch ganz schön früh dran!

7:26 Uhr – Frisch verföhnt verlassen Frau und Uhr das Haus gen Klinik. Föhnen gilt tatsächlich schon als “Aktivität” – die Activity-App bestätigt mir 21 von 400 heute zu verbrennenden Kalorien (roter Kreis), eine Minute Training (als ich Baby nur noch durch einen Sprint zur Treppe davon abhalten konnte, sich selbige in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns hinunter zu stürzen), sowie ein von zwölf Mal stehen. Mit letzterer Aktivität kann ich heute noch so oft aufwarten, dass die kleine Watch  um Gnade winseln wird! Ach ja – blauer Kreis fürs Stehen!

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Tatsächlich gefällt mir dieser Teil der Uhr beinahe am besten – ist es nicht toll zu sehen, wie viele Kalorien man damit vernichten kann, den Staubsauger zum einhundertsten Mal an diesem Tag durch die Wohnung zu manövrieren, nur weil das Baby sein Kekse am liebsten auf Hänsel & Gretel Art verteilt (und zwar am allerliebsten im 10-cm-Hochflor-Wohnzimmerteppich?)

Und weil der Hund erst im Feld auf Zeckenfang geht, um sie anschliessend daheim gerecht an Herrchen, Frauchen und Kinderchen zu verteilen! Wer schon einmal mit Anlauf in eine monströs mit Blut vollgesaugte, am Boden liegende Zecke getreten ist, und zwar mit soviel Anlauf, dass eben dieses Blut rechts und links die Flurwände hinaufspritzte und einen vormals unschuldigen Raum in den Tatort einer CSI-LasVegas-Massenmöder-Folge verwandelt hat, zieht fortan freiwillig mit dem Staubsauger durchs Haus. Mehrfach!

10:50 Uhr – meine Uhr tockert mir sachte von hinten auf den Po – was ich nicht etwa als sexuellen Affront, sondern die schiere Dummheit interpretiere. Damit will sie mir nämlich (zum zweiten Mal seit Betreten des OPs vor knapp zwei Stunden) mitteilen, dass ich gefälligst aufstehen und mich bewegen soll. HA! Ich STEHE sehr wohl auf meinen Füssen, eingeklemmt zwischen Dr. Napoli, dem schnaufenden, fluchenden und vor Wut schäumenden Oberarzt der Gynäkologie, dem linkem Oberschenkel von Frau Holleridudö, unserer vaginalen Hysterektomie und steril abgedecktem OP-Gebiet.

Und während ich da stehe – den rechten Arm in irrwitzigem Winkel nach oben gebogen, mit der rechten Hand ein edelstahlblinkendes, vorderes Blatt haltend, während sämtliche Muskeln in diesem Arm brennen wie Maifeuer – tritt mir Apples neues Meisterstück mit seiner “Taptic Engine” genannten Vibrationsvariante quasi in den Hintern. Recht hat sie. Hätte ich mal etwas anständiges gelernt, könnte ich mein neues Schmuckstück jetzt am dezent-stylischen “Milanaise”-Armband zum Zehn-Uhr-Kaffee mit irgendeinem gut betuchten Kunden ausführen, und müsste nicht life miterleben, wie meine Bandscheibe zwischen 4. und 5. Brustwirbel sich kurz vor dem finalen Kollaps befindet, während ich zeitgleich von einem schlecht gelaunten UND -erzogenen Mini-Italo-Oberarzt angebrüllt werde:

“DR. CHAOS! DER GRUND, DASS SICH DIESER UTERUS IMMER NOCH AN ORT UND STELLE BEFINDET, IST EINZIG UND ALLEIN IHRER UNFÄHIGKEIT ZU VERDANKEN. WENN SIE SICH NUR EIN BISSCHEN AUF IHRE ARBEIT KONZENTRIEREN KÖNNTEN, UND MIR EIN WENIG MEHR SICHT VERSCHAFFEN…”

Und immer so weiter…

Gequirlte Kacke! Der Grund, dass wir hier immer noch stehen – revidiere: ICH stehe, ER sitzt! – ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass Frau Holleridudös Riesenuterus einfach nicht durch diese jungfräulich enge und obendrein hormonfrei-trockene Scheide passen will. Man kann auch kein paniertes Schnitzel durch den Strohhalm ziehen. Dr. Napoli jedoch gehört zu der Sorte Mann, die es in jedem Fall probiert. Er würde auch einen Swimmingpool mit der Gabel trocken legen, wenn er mich dafür im Gegenzug zwei Wochen lang anschreien könnte. Kurz bevor die Apple Watch mir an diesem Morgen zum vierten Mal den Hintern haut, sind wir auch schon fertig. Die Uhr hat noch 65% verbleibende Batterie, und ich die Schnauze voll. Gestrichen!

12 Uhr – Highnoon. In der Kantine scharen sich die männlichen Kollegen jetzt höchst interessiert um meine kleine, schwarz-weisse Begleiterin. Um sie zu beeindrucken zeige ich ihnen mit einem eleganten Wisch von unten über das Zifferblatt nach oben, wo wir uns gerade befinden (Achtung – Krankenhaus am Rande des Wahnsinns! Wer hätte das gedacht!), lese den hippesten Tweet vor und meinen Einkaufszettel gleich mit, ich schiesse via Fernbedienung ein Foto mit dem Handy, auf dem nun bis in alle Ewigkeit festgehalten ist, dass Fred vom Jupiter schielt und Malucci Schwester Sabine am Nachbartisch ununterbrochen auf die Möpse glotzt. Hallelujah! Es lebe der Fortschritt!

14:22 Uhr – Kreißsaal II. Frau Bömmelmann ist gerade dabei, ihrem 5. Kind das Leben zu schenken. Es gibt da eine Reihenfolge, die man Pie-Mal-Daumen auf die Mehrheit aller Gebärenden anwenden kann: Kind zwei kommt schneller, als Kind eins, Kind drei noch schneller, Kind vier wiederum macht, was es will (von langsam über Sectio bis hin zur Sturzgeburt), und wer es geschafft hat, vier Mal spontan zu gebären, der schmeisst die fünfte Geburt ganz von allein. Egal ob klassisch Kopf voraus, mit dem Hinterteil voran oder meinetwegen quer. Frau Bömmelmann bildet da keinerlei Ausnahme, und so schaffe ich es beim Betreten des Kreißsaales weder mir die Uhr vom Handgelenk zu reissen und sicher in der Tasche meiner OP-Hose zu verstauen, noch wenigstens ein Paar schützender Handschuhe überzuziehen, denn kaum habe ich das Set betreten, brüllt Frau von Sinnen mich auch schon an:

“JOSEPHINE!”

Herrgott noch eins – bin ich hier im Boot Camp oder was? 

“WAS IST?” plärre ich zurück. Und schmeisse mich zu Boden. Direkt neben Frau von Sinnen, die unter der breitbeinig am Entbindungsseil hängenden Frau Bömmelmann liegt, wie Harry, mein Kumpel aus Kindertagen, unter den Autos seiner KFZ-Werkstatt.

“Warum schreist du hier so rum?” maule ich beleidigt und folge ihrem Blick in die Höhe. O-Ha! Und mit einem lauten “PLOPP”, gefolgt von einem Schutt Fruchtwasser hat sich die Frage auch schon selbst beantwortet. Weil Frau Bömmelmann gerade entbindet. Korrigiere: Entbunden HAT!

Mein jahrelang trainierter Fluchtreflex bringt es tatsächlich fertig, meinen am Boden liegenden Körper binnen Sekundenbruchteilen so weit aus dem Schussfeld zu befördern, dass die Flüssigkeit nicht mein Gesicht, sondern lediglich Hals und Oberkörper trifft. Ich spüre, wie die warme, mit bröckeliger Käseschmiere vermischte Brühe die Fossa jugularis hinunter und zwischen den Brüsten hindurch weiter Richtung Bauchnabel läuft. Ein Blick auf das linke Handgelenk macht klar, auch die Uhr wurde schwer getroffen. Jetzt wird es sich entscheiden – wasserdicht? Wasserfest? Oder gar gebärfähig? Die Antwort wird warten müssen, denn unter infernalischem Geschrei presst Frau Bömmelmann ihr jüngstes Kind in einem Rutsch von Muttermund vollständig auf Beckenausgang durch, zieht genau zwei Mal Luft, um dann binnen einer einzigen, weiteren Wehe das ganze Kind zu gebären. Auszustossen wäre beinahe plastischer, denn mit sanftem Schmatzen flutscht es aus ihr heraus und in die geöffneten Hände der Hebamme. So geht das also mit der Geburt! Hut ab, Frau Bömmelmann.

Und noch während ich mir ein klein wenig Sorgen um die Konsequenz der Fruchtwassertaufe meines geliebten Spielzeugs mache, folgt mit wenig sanftem Platschen auch schon die Nachgeburt und klatscht – wie sollte es anders sein – auf die kleine, weisse, unschuldige Uhr. Amen!

15:30 Uhr – man möchte es kaum glauben, aber sie hat es überlebt. Ja, Frau Bömmelmann – sicher, die sowieso! Die Uhr, natürlich! Mit zitternden Händen habe ich sie vorsichtig von Blut und Plazentaresten gereinigt und sachte in eine nagelneue Mullwindel eingeschlagen – das arme Ding! War ein bisschen viel für den ersten Tag in der Gynäkologie. Aber was soll ich sagen: läuft tipptopp! Und hat noch nicht mal rote Flecken auf dem strahlend weissen Armband hinterlassen. Froh hüpfe ich mit 52 verbliebenen Batterie-Prozent zur Übergabe und pünktlich um

16:12 Uhr zu meinem nächsten Termin: Fußballtraining des jüngsten Sohnes! Hat mir die Uhr gesagt. Also – nicht, dass ich nicht sowieso wüsste, wann welches Kind welche Veranstaltung am Laufen hat, aber man fühlt sich irgendwie viel wichtiger, wenn diese Termine als bunte Erinnerungen auf dem Bildschirm am Handgelenk auftauchen. Angekündigt durch zartes Klopfen, welches mich schon durch den ganzen Tag begleitet hat.

18.39 Uhr – Die dreifarbige Aktivitätsanzeige meiner Bewegungs-App ist jetzt schon voll – bis auf, und das möchte ich kaum glauben – den blauen Kreis fürs brave Stehen. Tatsächlich scheint die Apple Watch nach mehrstündigem Dauerstehen den Überblick zu verlieren und anzunehmen, man hätte sich irgendwann zwischen 4 Stunden operierens und drei Stunden Ambulanz Stehens heimlich auf ein Podest gehockt. Aber sonst ist alles schön säuberlich vermerkt: Gelaufene Meter, verbrauchte Kalorien, Spass gehabt. Die Batterie hat immer noch 42 % Saft, SPON (SpiegelOnline) teilt mir mit, dass die GDL mal wieder vor hat, sich bei allen Bahnfahrern unbeliebt zu machen und meine bestellten Schuhe sind auch schon unterwegs und werden morgen geliefert. DAS alles sagt mir (m)eine Uhr, die sonst Jahrtausende lang nichts anderes konnte als “TickTack” und Uhrzeit.

Ja, ich weiss, mehr muss eine Uhr auch gar nicht können, im Zeitalter von iPhones und Androides, und überhaupt ist der kleine Apfel viel zu teuer, morgen schon veraltet und tatsächlich blinkt das Display immer einen Wimpernschlag zu spät auf, wenn ich das Handgelenkt in typischer Handbewegung nach oben bringe. Ja, Drittanbieter-Apps brauchen manchmal sogar deutlich länger als jenen Wimpernschlag zum laden, und wenn das iPhone, an welches die Uhr gekoppelt ist, sich außerhalb eines bestimmten Radius befindet, dann macht auch diese Uhr nichts anderes mehr, als “TickTack” und Uhrzeit.

Und TROTZDEM habe ich sie gerne! Weil wir eine Beziehung haben, ich und sie. Weil sie mich mit ihrem zärtlichen Klopfen auf den Po nicht nur zum Stehen anhält, sondern zum Durchhalten. Weil sie mit mir durch Blut und Fruchtwasser geht, mich an die wichtigen Dinge erinnert und Neuigkeiten mit mir teilt. Weil sie zurückhaltend und dezent ist, wenn ich das möchte, oder Micky Mouse, wenn ich es brauche.

Schnappschuss (2015-05-18 20.09.34)

Und nein, Apple bezahlt mich noch immer nicht für meine Lobeshymnen. Blöder Verein….

 

Google sucht Josephine Chaos

Immer wieder wühle ich mich teils amüsiert, teils kopfschüttelnd durch die Suchanfragen, mit deren Hilfe man – mehr oder minder zielgerichtet – via google auf meinem Blog landet. Aber seht selbst:

kann mann am tag der geburt so toll aussehen wie kate – Nein! Never! Mann schon gar nicht…

wie lang im wehenzimmer liegen – Nun – bis man in den Kreißsaal umzieht

5 wochen krankenschein nach blinddarm op – MINIMUM! Manche bleiben ja bei Schnupfen schon drei Wochen Zuhause!

wenn männer wehen kriegen auf deutsch – AUA!!!

schwester pupst – Kommt vor!

nach wundrevision rauchen – Kann man machen. Kann man dann schonmal die nächste Wundrevision buchen…

die wahrheit über die geburt – Tut weh, ist dreckig, macht keinen Spaß! Aber danach ist ALLES super!!!

hausgeburt geht schief – Muss nicht – aber wenn, dann ist das NICHT SCHÖN!

meine schwester pupst – Mein Bruder auch!

francesco napoli und frau – Jaaaa – die zwei mag ich auch gern!

plazentainsuffizienz durch rauchen – Definitiv: JA!

johanna im chaos – Josephine. JO_SE_PHI_NE! Hast mich aber offensichtlich trotzdem gefunden :)

brennen im unterleib nach lash op wie die Hölle – Operieren tut weh – auch laparoskopisches operieren!

herpes radfahren – Hab mir sagen lassen: soll nicht schön sein!

hochpathologischer befund muttermund – Wärst Du mal regelmässig zur Vorsorge gegangen!

kein mitleid von hebamme – Hehehe. Kannst Du vergessen! Die haben schon so viel gesehen, die haben mit gar nichts mehr Mitleid!

kate bauch fake – Nee – das dann doch nicht!

vollmond dienst – HÖLLENALARM!

ekg für chirurgen – Nein! Zu theoretisch – das verstehen die nicht!

dein schild – Danke!

geldgeile hebamme – Sag das mal besser nicht laut!

der unterschied zwischen einem chirurgen und gott – Gott weiss, dass er kein Chirurg ist…

warum werden männer gynäkologen – DAS frag ich mich auch immer…!

baby zeigt wochenlang nicht das geschlecht im ultraschall – Unfassbar! Verklagen sollte man das Balg!

uterusrest nach vaginale hysterektomie – Wie geht DAS denn…?

atherom scheide entfernen – Also: ICH mach das NICHT!

dammschnittnarbe sehr straff – Da wollte mal wieder ein Gynäkologe dem Ehemann einen Gefallen tun… *hust*

kann man an männerschnupfen sterben – Mit Männerschnupfen könnte man theoretisch die ganze Menschheit ausrotten!

neil amstrong afroamerikaner – Albino?

hätte frau frey die bratwurst essen sollen? – Hätte sie nicht?

was kann man machen wenn das baby bei einer hausgeburt stecken bleibt – Beten!!!

bei gynäkologischer untersuchung wurde mir ein fieberthermometer in den po gesteckt – Fieberthermometer oder Finger? 

chef schreibt dem virus anheim gefallen, was bedeutet das – Krank. Männerschnupfen!

hebamme muss immer für mich dasein – Nabel der Welt – endlich hab ich Dich gefunden!

dermatologischer notfall – Cortisonsalbe leer!

pda rauchen – Wie jetzt? Die PDA rauchen? Während der PDA rauchen? Spezifizieren sie sich!

betäubung pupsen – NEEEEIIIIIIIIIN! Das passiert NIIIIIIIIEEEEE!!!!

gibt es das wirklich noch falsche ultraschall outings – Jepp. Gibt es!

frau furzt gerne männer ins gesich – Was ist das? Die Woche des Furzes?

wer hst das wort pupsen erfunden – ECHT JETZT? Wer will das wissen???

meine rechte als schwangere op schwester – Noch mehr Rechte für OP-Schwestern gibt es nicht – Ihr seid schon am Limit!

was tun neugeborenes hat nikotinentzug – Vorher aufgehört haben zu rauchen…

tot im bett ursache – Hochbett – rausgefallen…?

fräulein josephineblog – Wer sagt denn heute noch “Fräulein”?

ich liege gerne auf dem gynostuhl – Jeder Jeck ist anders!

frau ist bratwurst – Die Arme!

baby zeigt wochenlang nicht das geschlecht im ultraschall – Böses Baby!

mein sohn heißt mit zweitnamen noah. spreche ihn jetzt öfters mit zweitnamen an. ist das ok? – Vielleicht erst mal den Sohn fragen, dann das www…?

Von Partys und Scheidenpiercings

“Hallo! Du bist Josephine, richtig?”

“Uh-huh…”

Ich steh am Geburtstagsbuffett meines Schwagers und versuche gerade, einen weiteren Fleischklops zwischen Gurkensalat und gefüllten Champignons zu platzieren, ohne das mir die Oliven vom Teller vor die Füsse fallen, als mich diese Frau von rechts anspricht.

Kein gutes Timing, Lady – gar kein gutes Timing…!

Es ist 21.40 Uhr, und wir sind spät. Weil der Babysitter auch schon spät dran war, das zu hütende Baby dann kurz vor elterlichem Abgang noch einmal wach wurde und ganz dringend fünf Züge aus Mamas eigentlich schon Geburtstagsparty-fertig-verpackter und -parfümumnebelter Brust haben musste. Sich dann einen akuten Jährzornanfall nahm, weil ihn der fremde Geruch völlig wuschig gemacht hat, weswegen ich das Zeug mal eben runter waschen musste – und zwar ohne mich aus meinem letzten, noch passenden Abendkleid zu pellen. Und jetzt – 21.40 Uhr, ich wiederhole mich gerne – stehe ich ausgehungert und -gesaugt vor dem bereits große Lücken aufweisenden Buffett und bin minimum in Amokstimmung. Denn es gibt zwei Momente, in denen ich tunlichst nicht angesprochen werden möchte: Vor dem ersten Kaffee und wenn die letzte Mahlzeit länger als 5 Stunden her ist. Die Frau neben mir kann das nicht wissen – wie auch…

“Ich bin Karin – Arbeitskollegin von Linda” spricht es und hält mir lächelnd ihre Hand entgegen. Linda ist meine Schwägerin. Und ich bin schwerstens genervt.

“Hi!” erwidere ich gequält lächelnd und schüttel die angebotene Hand, während ich aus den Augenwinkeln verfolge, wie die letzte aller heute Abend verfügbaren Oliven durch die Gurkensalat-Sahne-Sauße hindurch vom Teller rollt und – einen weisse Spur auf meinem schwarzen Kleid hinterlassend – zu Boden geht. Karin wird gleich auch zu Boden gehen, ich schwöre!

Und dann kommt, was kommen muss…

“Linda sagt, du bist Gynäkologin?”

Karin hat Talent. Ganz beiläufig lässt sie es fallen. Gynäkologin. So, als wäre es ihr gerade wieder eingefallen, beim Anblick der vom Teller hüpfenden Olive.

Vergiss es, Schwester. Auf den Trick fall ich nicht herein!

“Ich hätte da mal eine kurze Frage – wenn es dir nichts ausmacht…?”

Ich grunze abweisend, während ich Tomate-Mozarella und kalte Lasagne neben mein Gurkensalathäufchen klatsche. Theoretisch könnte ich auch laut schreiend im Kreis rennen, Karin würde dennoch tun, was sie tun muss:

“Also – meine Periodenblutung…”

Das ist der Punkt, an dem ich regelmässig mental aussteige. Immer seit, sagen wir: dem dritten klinischen Jahr meines Studiums. Freundlich nicken, hin und wieder zustimmend grunzen – fertig. Mehr gibt es nicht ausserhalb der vier grün gekachelten Wände meiner gynäkologischen Ambulanz.

Eine Dreiviertelstunde später bin ich immer noch hungrig, dafür weiss ich jetzt alles über Karins Zyklus, die mittzyklische Spinnbarkeit ihres Zervixschleimes, ihre erste Schwangerschaft, die zweite Schwangerschaft, den komischen Ausschlag auf dem Penis von Franz – Karins armer Ehemann, welcher keine Ahnung hat, warum ich ihn seit zehn Minuten immer wieder mitleidig anglotze – und die Gürtelrose der Schwiegermutter. Nach einem detaillierten Bericht des Geruches, Aussehens und Konsistenz von Karins Stuhlgang nach exzessivem Genuss lactosehaltiger Nahrungsmittel ist es dann aber doch gut – und mit dem leeren Teller als Entschuldigung flüchte ich mich zurück zum Buffett – welches jetzt, bis auf ein Häufchen wenig ansprechend aussehender Selleriestangen und welkende Basilikumblätter auf angetrocknetem Mozzarella, gänzlich geplündert ist. Okay – dann eben Alkohol! Mit einer Flasche abgepumpter Milch als Zwischenstopp bleiben meiner Alkohol-Dehydrogenase genau 8 Stunden Zeit zur Oxidation, das reicht für ein Bier und einen Aperol-Spritz!

An der Alkohol-Theke haben sich bereits kleine Grüppchen gebildet – mittelprächtig gelaunt stelle ich mich mit meinem orangefarbenen Sekt-Getränk zu einer Gruppe Männer, die ich flüchtig von vergangenen Schwager-Parties kenne. Männer sind sicheres Terrain für eine Gynäkologin – hier will mir bestimmt keiner etwas erzählen. Und sieh an – genau so ist es. Wir reden über Autos (groß, schnell, viele PS), über die Apple Watch, Tennis und Fahrrad fahren. Ich esse Chips gegen den Hunger und trinke noch ein kleines Bier, die Stimmung ist prächtig und alles gut. Bis…

“Was machst du eigentlich beruflich, Josephine?”

Daniel ist Banker. Anfang vierzig, frisch verheiratet – nett. Bisschen langweilig, aber nett.

“Ich bin Gynäkologin” strahle ich und nippe an meinem Bier. Das Zauberwort – ich habe es gesagt. Gleich fachsimpeln wir noch über Düngen oder Neu-Einsaat nach Rasen vertekutieren.

“Gynäkologin? Echt?”

“Ganz echt. Hast du dieses Jahr schon deinen Rasen vertekutiert?”

“Wie? Rasen? Nein! Aber weisst du, wenn du Gynäkologin bist, dann hätten wir da mal ein paar Fragen an dich – LISA?”

Zwei Minuten später bin ich umfassend über den gerade stattfindenden zweiten IVF-Zyklus von Lisa und Daniel, sowie sämtliche Eckdaten ihrer Kinderwunschbehandlung ins Bild gesetzt. Um 23.30 Uhr habe ich zwei Privatrezepte für die Pille ausgestellt, Bilder vom Ausschlag der Heidenreich-Zwillinge begutachtet und mir das entzündete Scheidenpiercing einer gewissen Madelaine angeschaut. Ihr gehört der Catering-Service, welcher für das Essen zuständig war.

Es ist 00.30 Uhr, als der Mann und ich uns auf dem Weg nach Hause befinden.

“Und, Schatz – hattest du einen schönen Abend?” fragt Herr Chaos und legt mir liebevoll die Hand auf den Oberschenkel.

“Super!” raunze ich genervt “Es war wie immer super!”

Vielleicht sollte ich zur nächsten Party endlich mal das mobile Abrechnungsgerät mitnehmen…

Nachts in den Schweizer Alpen – oder: warum man auf gar keinem Fall Nutella kaufen darf!

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Tiefes Donnergrollen reisst sie aus unruhigem Schlaf. Als sie die Augen öffnet, steht für den Bruchteil einer Sekunde noch das Relief der Schweizer Berge vor ihrem inneren Auge, die tiefschwarzen Wolken, welche sich hinter dem Matterhorn in irrwitzigen Stapeln gen Erdatmosphäre zu stapeln scheinen, durchzuckt von grellweissen Blitzen des herannahenden Gewitters. Atemberaubend schön. Und unfassbar laut.

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Als sie den Babykopf neben sich auftauchen sieht, schwarz im Gegenlicht der 100Watt-Flurlampe, dämmert es ihr langsam – dass das kein Gewitter ist, was da neben ihr im Bett wütet, sondern…

“Tom!” zischt sie böse, während sie mit der linken Hand hektisch den schlafwarmen Rücken des Babies tätschelt “TOM! Halt die Klappe, hörst Du?!”

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Einen Schei** tut Tom! War klar.

“TOM!!!”

Verschlafen reibt das Baby sich jetzt mit kleinen, speckigen Fäusten die müden Augen, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis kommt, was kommen muss

“uuuuuuUUUUAAAAAAAAHHHHHH….!”

Das dunkel grollende Papa-Gewitter hat einen wehleidig jaulenden Babysturm zur Seite bekommen. Britta schließt verzweifelt die Augen und betet stumm das 3Uhr-Morgen-Gebet:

“Bitte. BITTE, HERRGOTTNOCHMAL! Lass beide endlich die Klappe halten!”

“Mama?”

Die Augenlider klappen quasi von selbst über trocken-müde Augäpfel nach oben – seit wann kann das Baby sprechen? Doch – mitnichten, es spricht nicht, jault unbeeindruckt weiter die erste Stimme im Vater-Tochter-Gewitter-Kanon. Und vor dem Elternbett steht Louise – den Kopf voller wirr abstehender Minilöckchen. Im bodenlangen Nachthemd, weisse Spitze, Marke “Unsere kleine Farm” und drei Kuscheltiere undefinierbarer Spezies im Arm.

“Mama – ich kann nicht schlafen!”

Spricht´s und schlägt – wie ein gefällter Baum – in der Besucherritze zwischen Tom und Britta ein. Und noch während die abermillionen goldblonder Löckchen sachte auf ihre makellose Kleinmädchenwange herniedersegeln, schnarcht Louise selig das althergebrachte Lied ihrer Ahnen:

*CHHHHHRRRRRRRRRR-PFFFFFFFFFFFFFF-CHHHHHHHRRRRRRR-PFFFFFFFF*

Unfassbar, was so ein paar geschwollener Rachenmandeln aus einer engelsgleichen 5jährigen hervorbringen können…

Während das Baby sich fit für die nächst höhere Oktave macht und auch die Reste des idyllischen Matterhorns vor Brittas innerem Auge verschwinden, huscht bereits der nächste Schatten zur Tür des elterlichen Schlafzimmer herein.

“Wir können auf gar keinem Fall mehr Nutella kaufen!”

DAS hat das Baby verstanden – kein Nutella ist gleich bedeutend mit “morgen wird die Welt nicht mehr dieselbe sein” – auch ein Baby im Halbschlaf mit warmgeschwitztem Pyjamarücken kann solch eine Ansage, morgens, um 3 Uhr, verstehen. Und weil es das kann, hangelt Klein-Inga sich jetzt auch völlig mühelos die übernächste Oktave zum zweigestrichenen C nach oben. Kein Nutella! Ich glaub es ja nicht!

“Schatz – jetzt nicht!” wispert sie angestrengt und klopft fester den verschwitzten Rücken, was lediglich zur Folge hat, dass das Baby schreien UND husten muss.

“Palmöl – in Nutella ist Palmöl drin!” setzt Johanna – 8 Jahre, getestet hochbegabt – nach, quetscht sich zwischen den schnarchenden Vater und die gelockte Schwester – und ist zwei Sekunden später eingeschlafen.

Durch dieses Schauspiel vom eigentlichen Theater abgelenkt fällt nun auch dem Baby wieder ein, wie spät es eigentlich ist (3:09!!!) und was man um diese Uhrzeit tut (schlafen!) – stopft den vollgerotzten Schnuller zurück in den Mund, um sich gleich darauf in Embryonalstellung auf dem Kopfkissen zusammen zu rollen und mit zartem *chrrr-püüh* dem Vorbild der Herde zu folgen.

Zehn Minuten später hat auch Britta endlich wieder in den Schlaf gefunden – eingezwängt zwischen Kuscheltieren und Malbüchern, im unteren Teil des Doppelstockbettes und umgeben von soviel Ruhe, wie es sie nachts nur im Kinderzimmer geben kann….