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LifeHackList – Eine Frage der Ehr(lichkeit)e….

Neulich habe ich eine Liste im Internet gefunden, welche unter “LifeHacks” lief, also etwa “Lebenshilfen”, die so 1000-prozentig wiedergegeben hat, was ich oft denke, bzw. was mir in meinem täglichen Leben widerfährt, dass ich sie hier gerne mal mit Euch teilen wollte. Unter jeder Nummer gibt es dann eine Mini-Abstimmung “trifft auf mich zu” oder “eben nicht” und ich bin jetzt schon gespannt, ob da zufällig jemand genau MEINE LifeHackListe online gestellt hat, oder ob gar das gros aller Menschen irgendwie dieselben Macken verbindet… ;)

Und los gehts:

#1 – Es gibt kaum etwas blöderes, als der Moment während eines Streitgespräches, wenn Du bemerkst: Du bist völlig im Unrecht!

Egal, worum es sich dreht, prinzipiell wähnt man sich doch immer im Recht. Der aktuelle Papst ist Argentinier, unser Sonnensystem beheimatet 8 Planeten und George Clooney ist immer noch der Sexiest Man Alive. Nach dem Ehemann, versteht sich. Solche Kleinigkeiten sind ja meist ohne belang, man palavert ein bisschen hin und her und spätestens mit Google ist dann eindeutig geklärt, wer sich im Recht befindet und wer nur heiße Luft ausstösst. Problematisch wird es mit all den Dingen, die (im Zeitalter der Totalüberwachung bzw. -dokumentation durch Facebook, Twitter und Instagram eigentlich kaum noch vorstellbar) nicht dokumentiert und im WoldWideWeb eingebrannt abgelaufen sind – WER hat sich nochmal auf Cousine Annas Hochzeit daneben benommen, WO sind die Winterschuhe abgeblieben und WER hat vergessen, den Elternabend in den Kalender einzutragen? Eine zeitlang fliegen die Argumente von rechts nach links, und weil man sich ja hundert – was sage ich da – TAUSEND Prozent sicher ist, absolut im Recht zu sein, kann es hin und wieder ganz schön garstig werden. Bis einem in dem Bruchteil einer Sekunde ein bebilderter Geistesblitz durchs Großhirn schiesst: FALSCH. Du liegst völlig und absolut falsch. Der Gegner hat Recht. VERDAMMT!

 

 

#2 – Es besteht die absolute Notwendigkeit einer “Sarkasmus”-Schrift!

Wer kennt das nicht – wir forsten uns durch Online-Foren, Blogs, Facebook, Twitter, E-mail oder sonst etwas, und lesen himmelschreienden Blödsinn. Passiert. Und dann wollen wir etwas antworten, aber es fehlt die Sarkasmus-Taste. So wie es “Fett”, “Kursiv” oder “Unterstreichen” gibt, sollte da auch “Sarkastisch” als Auswahlmöglichkeit bestehen. Oder zumindest mein All-Time-Favourite: die “HierIstDeinSchild”-Taste! Ich brauche das. Und IHR braucht das doch auch!

 

 

#3 – Wie zum Geier soll man Spannbettücher anständig zusammenlegen?

Ihr kennt diese seltsamen Teile? Mit den Gummizügen in den Ecken und dem Überhang für die Seitenteile? Mal ganz abgesehen davon, dass schon die Aufgabe des bügelns eine Arbeit für jemanden ist, der Vater und Mutter erschlagen hat, ist das Zusammenlegen quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch versuche ich es immer wieder – Ecke auf Ecke geht ja noch, blöd nur, dass die beiden kurzen Seiten, die dann aufeinandergelegt werden müssen, absolut nicht aufeinander passen wollen. Und entgegen den gültigen Gesetzen der Mathematik auch kein gleichseitiges Quadrat, sondern eher ein ungleichseitiges was-auch-immer bilden. Das fertig zusammengelegte Tuch sieht dann auch nur unwesentlich ordentlicher aus, als die Variante meiner Kinder, die die Teile einfach aus dem Trockner heraus in den Schrank werfen – mit der unschuldigen Begründung, man könne sie ohnehin nicht anständig zusammenlegen…

 

 

#4 – Schlechte Entscheidungen machen gute Stories

Ich meine – ERNSTHAFT! Wenn Ihr mal die Stories in diesem Blog Stück für Stück durchgeht, beantwortet sich die Frage wohl von selbst.

 

 

#5 – Du weisst nie, wann es passiert – aber es kommt der Moment während Deiner Arbeitszeit, wenn Du erkennst, dass Du heute nichts, aber auch gar nichts Produktives mehr hinbekommen wirst!

Du hast den halben Tag herum gelungert, lustlos Briefe diktiert, eine halbe Patientin geschallt und zwei sich aus-wehende Spätschwangere wieder nach Hause geschickt. In der Ambulanz hockt nur ein armseliger Harnwegsinfekt und noch nicht einmal X-Box-Spielen geht, weil die Chirurgen mit einem greisen Oberschenkelhalsbruch noch bis nach Mitternacht im OP stehen werden. DAS ist der Zeitpunkt, dich entweder mit Kreißsaalzwieback ins Dienstbett zu legen und die Wok-WM zu schauen oder ein Ründchen in der Gebärwanne zu schwimmen, denn – Hand aufs Herz – irgendetwas Produktives hat die Welt von Dir heute nicht mehr zu erwarten!

 

 

 #6 – Können wir uns nicht alle darauf einigen, was-auch-immer nach Blue-Ray kommt, einfach zu ignorieren? Ich will meine Kollektion nicht erneuern – SCHON WIEDER!

Und – HEY! Jungspunde! Ich aktualisiere dann bereits zum fünften Mal! FÜNF! Video 2000, Video, DVD, BlueRay, Whatever…!

 

 

#7 – Ich bin immer leicht entsetzt, wenn ich Word verlassen möchte und das Programm mich fragt, ob ich alle Änderungen in meinem 10-Seiten-Report auch speichern möchte – obwohl ich schwören könnte, überhaupt nichts geändert zu haben!

Es ist das alte PC-Spiel – “Möchten Sie dieses Programm verlassen? Sind Sie sich auch ganz sicher? Denken Sie einen kurzen Moment darüber nach! Hand aufs Herz – Fertig? Echt jetzt? WIRKLICH???” *Kopf->Tischkante* “Windows hat ein Problem entdeckt. Ein ernsthaftes Problem. Ein wirklich ernsthaftes Problem!” Windows ist eine alte Tratschtante – unzählige sinnentleerte Konversationen über eine Anwendung, die man schlicht mit “Ja” oder “Nein” beantworten könnte. Tausend Worte sagen eben mehr als eines…

 

 

#8 – “Do not machine wash or tumble dry” – bedeutet: dieses Teil wird niemals gewaschen werden. Never-ever!

In amerikanischen Filmen trägt irgendjemand immer irgendwelche Wäsche zur Reinigung. Meine Reinigungsfrau sieht mich – wenn es gut läuft – einmal pro Jahr, wenn ich Wintermäntel nach dem jähen Erwachen aus tiefem Sommerschlaf zum entmuffen vorbei bringe. Und vielleicht noch einmal, wenn der Gatte den guten Anzug zu einer ganz speziellen Veranstaltung getragen hat. Sonst – Fehlanzeige! Denn Reinigungen sind teuer, umständlich (“wo war noch einmal der Abholzettel? Und WANN genau ist das Teil fertig? WILL ich wirklich stundenlang einen Parkplatz suchen, ein Protokoll wegen falschparkens kassieren, obwohl ich mich gerade mal 4 Minuten unerlaubt von der Karre entfernt habe und das für eine Bluse, die weniger gekostet hat, als Reinigen und falsch parken zusammen? WILL ICH DAS?) – NEIN!

 

 

#9 – Ich hasse es, einen Anruf um den letzten Klingelton verpasst zu haben (“Hallo? HALLOOOO? **** it!), aber wenn ich sofort zurück rufe, klingelt es zwanzig Mal durch und der Anrufbeantworter springt an

Ich meine – HALLO? Was tat diese Person, nachdem ich nicht ran gegangen bin? Liess das Telefon fallen und rannte davon?

 

 

#10 – Ich hasse es, mein Haus zufrieden und gut aussehend zu verlassen, und dann den ganzen Tag lang niemand Wichtigem zu begegnen. Welche Verschwendung!

Ihr kennt das – die Frisur sitzt, das MakeUp ist ausnahmsweise nicht fleckig sondern genau richtig matt und genau richtig dick aufgetragen, Deine Jeans sitzt wie auf den Körper geschneidert und selbst Sophia Loren in ihren besten Jahren könnte heute nicht besser aussehen. Und dann begegnest Du genau NIEMANDEM, der diesen perfekten Austritt bewundern könnte. Und noch seinen Kindern und Kindeskindern davon berichtete! Aber wehe, du willst nur mal schnell in Jogginghose und mit fettigem Haar zum Brötchen holen, drei Löcher im T-Shirt, so breit, dass man fernsehen durch schauen könnte, das halbe Frühstück malerisch drum herum geschmiert und mit ordentlich Augenringen statt ordentlich Make-Up – WETTEN das DANN wenigstens Tom Hanks an der Kasse neben dir steht? Geschenkt!

 

 

#11 – Manchmal schau ich mir einen Film an, den ich bereits als Kind gesehen habe, und stelle plötzlich fest, dass ich beim ersten Mal absolut keine Ahnung hatte, worum um alles in der Welt es eigentlich ging…

Loriot. Woody Allen. StarWars. StarTrek. Unsere kleine Farm. Roaseanne. Okay, keine Filme…. :)

 

 

#12 – Lieber trage ich zehn übervolle Einkaufstüten auf einmal in jeder Hand, als zweimal zum Auto zu laufen, um meine Einkäufe ins Haus zu bringen…

Okay, selbstverständlich benutze ich aus ökologischen Gründen KEINE Plastiktüten, schon gar nicht zehn auf einmal, aber das Spiel ist mit Einkaufstaschen und -körben genau dasselbe!

 

 

#13 – Die einzige Situation, die mich auf rote Ampeln hoffen lässt, ist, wenn ich eine Nachricht auf dem Handy nachschauen will!

Rein hypothetisch, versteht sich. Im Leben nicht würde ich jemals während der Autofahrt (bzw. des Autostehens) auf ein Mobiltelefon schauen. Never! Ich schwöre!

 

 

#14 – Es fällt mir verdammt schwer, die hauchzarte Linie zwischen “Hunger” und “Langeweile” zu identifizieren. 

Nein – stimmt nicht ganz. Wenn ich bereits zwanzig Minuten nach dem Frühstück gelangweilt um den Schrank mit den Süssigkeiten schleiche, dann hat das absolut und rein gar nichts mit Hunger zu tun. Oder die Chips auf der Couch, die Currywurst im Supermarkt, das dritte Frühstück in der Kantine und das einhundertachtundzwanzigste Merci im Kreißsaal. Linie definiert und gescheitert. Schuldig im Sinne der Anklage!

 

 

#15 – Wieviele Male darf man “WAS?” fragen, bevor man einfach nickt und lächelt, weil man immer noch kein Wort dessen verstanden hat, was der Gegenüber einem sagen wollte.

Während unzähliger solcher Augenblicke bin ich mit mir persönlich überein gekommen, dass die Anzahl der zulässigen “WAS?” mit dem Alter der betreffenden Person in direktem Zusammenhang steht. So darf die einhundertzweijährige Omi auf bis zu einem Dutzend Nachfragen bestehen, während eine geistig einigermassen altersentsprechend entwickelte Zwanzigjährige auch schon nach dem zweiten “WAS?” angelächelt wird…

 

 

#16 – Blusen werden schmutzig. Unterwäsche wird schmutzig. Hosen? Hosen werden NIE schmutzig und Du kannst sie für immer tragen.

Oh Gott, ich hoffe, ich bin nicht die Einzige, die so denkt… ;)

 

 

#17 – Manchmal schaue ich runter auf meine Uhr, drei Mal in Folge, und weiss anschließend immer noch nicht, wie spät es ist.

Alternative: schaue in den Kühlschrank und kann zwei Sekunden später immer noch nicht sagen, ob ich Milch kaufen muss, oder nicht. Oder stiere in den Computer ohne zu wissen, wohin ich als nächstes klicken wollte. Schlimm nur, wenn ich beim dritten Anlauf immer noch nicht weiss, in welchen Kreißsaal ich gleich zur Entbindung muss :)

 

 

#18 – Selbst unter idealen Bedingungen habe ich Probleme, meine Autoschlüssel in der Handtasche zu finden – statt dessen greife ich das Handy oder pinne den Schwanz an den Esel. Aber ich verwette meinen Hintern, dass ich – binnen 1,7 Sekunden, aus drei Meter Entfernung UND mit geschlossen Augen – den Schlummer-Button meines Weckers finde. Beim ersten Mal. Jedes Mal!

Amen!

 

“Es gibt leider Tage, an denen es nichts zu lachen gibt”

Selten stimme ich mit Stefan Raab überein, heute schon (siehe Zitat-Überschrift).

Dieses Foto fand ich heute beinahe das Schlimmste im grausamen Sammelsurium der Geschehnisse um den Absturz des Germanwings-Airbus:

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Wie unvorstellbar, am Flughafen zu stehen, voll Vorfreude auf den Mann, die Schwester, den Freund, die Mutter, das Kind – und die Maschine kommt nicht. Nicht mehr. Nie mehr.

Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder.

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Gottes Geschenk an die Menschheit: der MANN!

Ganz im Ernst – ich mag Männer! Noch nie, solange ich denken kann, habe ich versucht, sie in irgendwelche Schubladen zu packen. Nicht in die “Macho”-Schublade, nicht unter “Selbstherrlich” und gleich gar nicht unter “borniert und eingebildet”. Nein, Zeit meines Lebens bin ich mit der anderen Spezies Mensch hervorragend klar gekommen, ganz im Gegenteil würde ich an manchen Tagen noch heute gerne alle gerade greifbaren Frauen gegen einen Mann eintauschen. IRGENDEINEN!

Aber je älter ich werde, desto mehr nervt mich eine ganz besondere, typisch männliche Angewohnheit: “Sehet her – ich habe den größten-dicksten-schönsten-stärksten”.

Mein Haus, mein Schiff, die Frau und das Pferd. Mein Studienabschluss, meine Gehaltsabrechnung, das Golfzertifikat. Man kann Frauen ja wirklich viel nachsagen, aber dieser Zug geht uns dann doch gänzlich ab. Oder wir fröhnen ihm einfach im Stillen, wer weiss.

Unlängst zum Beispiel, da sass ich auf einer lustigen Fortbildung, während derer ein referierender Kollege aus dem niedergelassenen Bereich nicht müde wurde, uns über die Vorzüge seiner Praxis auf dem Laufenden zu halten. Und das Gehalt seines Innenarchitekten, welcher sonst nur die Reichen und ganz schön Reichen auszustatten bereit wäre. Und während er seine goldenen Manschettenknöpfe am 5.000 Euro-Zwirn blitzen liess, bleckte er die blütenweiss-gebleichten Zähne.

Klar kaufen auch Frauen sich schweineteure Klamotten, sitzen wochenlang beim Friseur, fahren gerne schicke Autos und wohnen in tollen Häusern. Aber in all den Jahren in der wundersamen Welt der Medizin habe ich es noch nie erlebt, dass eine Kollegin ihren Konsumwahn zwischen Hormon-Updates und onkologische Therapieansätze packt. Männer machen das. Und finden es völlig okay.

Und Männer finden dieses Verhalten auch bei anderen Männern kein bisschen albern – ganz im Gegenteil, am Ende der Veranstaltung klopft man sich gönnerhaft die Schulter, vergleicht sein Boot, das Haus und den Gaul, bevor man weiter zieht. Zu einem anderen Menschen, dem man die Bildchen hinlegen oder vom tollen Abschlusszeugnis erzählen kann…

 

Männer in der Badewanne

“Josephine?”

“Hm?”

Ich liege, die Augen geschlossen, im warmen, nach Kokosöl duftenden Wasser, und wäre um ein Haar eingenickt, wenn nicht…

“Josephine?”

“Was IST denn?” widerwillig öffne ich ein Auge, dann zwei und blicke genau in Bambis rehbraune Augen. Verkehrt herum. Also  – die Augen des Bambi. Denn die kleine Assistenzärztin liegt rittlings auf dem ausladenden Bett, den Kopf über die Matrazenkante gebeugt, sodass sich ihr langes, feines Babyhaar wie ein schimmernd, brauner Vorhang darüber ergiesst, und wedelt mit Händen und Füßen gleichzeitig in der Luft.

“Bambi – du siehst aus wie mein Goldi, wenn die Kinder “Peng, du bist ein toter Hund” mit ihm spielen. Was TUST du da?”

“Der Nagellack muss trocknen. Weisst du waaahaas?”

Kaugummigleich zieht die Kollegin das unschuldige “was” in die Länge und strahlt mich – unvermindert wedelnd – glücklich an.

“Nein, ich habe mal wieder keinen Schimmer” brumme ich träge, während ich irgendwie Halt in der riesigen Wanne suche. Warum sind solche Dinger auch nie für kleine Menschen gemacht? Man könnte sich glatt verschwimmen. Oder schlicht ertrinken.

“Ich gehe aus heute Abend!”

“Neeeeeee – is´ nich´wahr?” Interessiert kralle ich mich jetzt am Duschschlauch fest, um auch das zweite Ohr über Wasser zu bekommen – diese Geschichte muss in Stereo gehört werden. Das Bambi – ein Date!

“Doch” nickt sie mit rot werdenden Ohren und Wellengang im Haarvorhang “ins Kino….”

Der Rest des Satzes ist lediglich atemloses Flüstern. Heureka – blast Fanfaren, wir bringen das Bambi unter die Haube!

“Und – wer ist der Glückliche?”

“Nun…, ja – äh, also… *räusper* … weist du…”

Die Ohrröte hat sich jetzt systematisch ausgebreitet, den Hals hinunter, und nach vorne über Wangen und Stirn. Ja selbst die Nase leuchtet in bekanntem Bambi-Rot. Ich bin gespannt.

“Los, Bambi!” Energisch setze ich mich in meinem Zuber auf und wäre um ein Haar nach hinten weg gerutscht. So eine Mistwanne aber auch “WER ist der Glückliche?”

“´Nabend, Mädels! Na, alles geschmeidig? Los, Josie, rutsch mal rüber!”

Und bevor ich auch nur den Mund zum Protest geöffnet habe, hat Luigi sich auch schon den Chirurgen-Dress vom Astralleib gerissen und steht jetzt in all seiner italienischen Pracht und der wahrscheinlich knappsten Badehose, die es an der Riviera zu erstehen gab, im Raum, bevor er mit Anlauf in mein Wannenbad hüpft.

“Hey!” brülle ich empört und wäre um ein Haar in seiner Bugwelle untergegangen, “Was soll das – wir waren zuerst hier!”

“Mensch, Josephine, jetzt hab dich nicht so. Wir Assistenten müssen zusammenhalten, das weisst du doch!”

“Von mir aus können wir den ganzen, langen Tag zusammen halten. Haken zum Beispiel. Aber baden möchte ich dann doch lieber alleine. Und ausserdem ist das UNSER Kreißsaal!”

“Aber ihr dürft auch immer mit unserer X-Box spielen!” gibt Luigi ungerührt zurück und schraubt euphorisch an den Whirlpool-Knöpfen, bis es nach unheilvollen Rülps- und Gurgelgeräuschen tatsächlich zu sprudeln beginnt. Dann legt er gemütlich den Kopf auf den Rand der Wanne und schnaubt zufrieden aus.

“Herrlich habt ihr es hier” brummelt er mit geschlossenen Augen vor sich hin.

“LUIGI! Nimm deinen Fuss von meiner Hüfte!” Das wird ja immer schöner hier.

“Aber die Wanne ist einfach zu groß für mich! Was kann ich denn dafür, dass der liebe Gott uns Italienern zwar innere Größe, Intelligenz und sagenhafte Schönheit mitgegeben hat, aber leider zu wenig Körpermass? Schicker Bikini übrigens. Ist der neu?”

“Herumschleimen bringt überhaupt nichts!” fauche ich böse und zupfe mein Oberteil zurecht. “Und jetzt rutsch mal rüber, ich habe überhaupt keinen Platz mehr!”

Ich sehe, wie der chirurgische Kollege zum verbalen Gegenschlag ansetzt, doch da öffnet sich auch schon die Tür, und Frau Von Sinnen steckt ihren Kopf herein, blinzelt einmal böse in die Runde und bellt dann: “Los – alle Mann raus hier! Ich hab gleich eine Wasserentbindung!”

Na super – das war es dann mit Entspannung und Rückenschwimmen.

“Menno!” jault jetzt auch Luigi “ich war noch nicht mal richtig nass. Warum müsst ihr auch ewig Schwangere hier drin entbinden?” Dann klettert er folgsam aus der Wanne und trocknet sich mit einer Mullwindel ab.

“Weil wir vielleicht der Kreißsaal sind?” gebe ich beleidigt zurück. Pff, das hat man nun davon, wenn man Fremdfachrichtungen zum gemeinsamen baden einlädt. Undank ist der Welten Lohn.

Nur das Bambi hat völlig klaglos seine Siebensachen zusammengepackt, noch schnell das Kreißbett frisch bezogen und will gerade zur Tür hinaus verschwinden.

“BAMBI! Wer ist denn jetzt der große Unbekannte?” rufe ich hinter meinem Paravent hervor, während ich mir den nassen Bikini ausziehe und mich anschließend, halbnass, in meine Heimgeh-Klamotten quäle.

“Erzähl ich dir morgen!” ist alles, was ich noch zu hören bekomme – dann ist sie weg.

“Super! Das war ja ein voller Erfolg. Dann kann ich nächstens auch Zuhause baden!” maule ich wütend, bevor ich mich daran mache, die leer gelaufene Badewanne auszuspülen und mit Sterilium einzuseifen. Alleine! Denn selbstverständlich hat Luigi sich klammheimlich verdrückt…

 

 

Von Messern und Elternabenden

Ja, ich weiss, ich werde es mir jetzt mit einem nicht unerheblichen Teil meiner Leserschaft verscherzen, aber bitte – es MUSS einfach mal raus, sonst lauf ich demnächst schreiend im Kreis.

Sohn klein, drittgeborenes Kind, kommt heute Mittag mit folgendem Satz aus der Schule: “Ich brauche ein Messer!”

Irritiert starre ich ihn an – ist es JETZT soweit? Pubertät auch bei Kind drei? Wie soll das nun weiter gehen? Heute Messer, morgen Ganzkörper-Piercing, oder schlimmer noch: Dermal Anchors? Skindiver?

“Sohn – ich verbiete Dir ein Messer mit in die Schule zu nehmen!” proklamiere ich streng “oder überhaupt irgendwo hin. Und gepierct wird auch nicht, verstanden?”

Jetzt ist es an dem Knaben, irritiert zu schauen “Häh? Piercing? Ich bin doch nicht blöd! Aber das Messer, das BRAUCH ich!”

Ja, nee, is´ klar – so wie er iPod braucht. Und das neue Spiderman-Heft. Den Schalke-Schlüsselanhänger. Alles brauchbares Zeug.

“Keiner braucht ein Messer” wische ich den Einwand resolut vom Tisch und schmeiss ihm stattdessen ein Schnitzel auf den Teller “hier – iss das. Dafür kannst Du gerne ein Messer haben!”

“AAAaaber…” die Augen des zweitjüngsten Kindes füllen sich auf Befehl mit Wasser, während er gekonnt die Unterlippe nach vorne schiebt. Sehr niedlich – funktioniert fast immer

“Aber Frau Haber-Eiermann hat gesagt…”

“Quatsch” fahre ich unwirsch dazwischen “Frau Haber-Eiermann hat bestimmt nicht gesagt, ihr sollt ein Messer mit zur Schule bringen. Ein Messer!” Hah – das wäre ja noch schöner!

“Die machen Seifenschnitzen. Und wenn er sein Motiv nicht rausbeissen soll, wirst du ihm wohl oder übel ein Messer mitgeben müssen!” schaltet sich jetzt das Mädel mit ein, und der Sohn schnaubt rechthaberisch auf.

“Ihr macht bitte was?” 

“SEIFENSCHNITZEN” tönt es wie aus einem Mund, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Klar, Seifenschnitzen. Hätte ich auch selbst drauf kommen können.

“Okay – nur einmal theoretisch angenommen, es handelt sich hierbei um ein tatsächliches Schulfach…”

“Kunst, Mom!” jault der Kleine jetzt entnervt “das Fach nennt sich Ku-hunst!”

“…WAS für ein Messer muss es denn bitte sein? Und was hat das ganze überhaupt für einen tieferen Zweck?”

Das Mädel zuckt nur desinteressiert die Schultern, während Sohn Chaos an seinem Schnitzel herumsäbelt, als bestünde es aus frischer Schuhsohle, und ununterbrochen “ich hab es ja gesagt” vor sich hin mault.

Da sind wir auch schon beim Thema: Früher (als es noch mehr Lametta hatte), da musste Muttern sich keinen Kopf darum machen, ob das Kind zum Seifenschnitzen ein Butterbrot- oder doch lieber das scharfe Obstmesser mitnehmen sollte. Da wurde nämlich, wenn überhaupt, in Linol geritzt, und das Werkzeug, mit dem man völlig problemlos durch weichen Handballen bis zum Mittelhandknochen bohren konnte, wurde von der Lehrerin gestellt. Natürlich nach vorheriger Sammlung des dafür benötigten Geldes. Denn mal ehrlich: ICH kann mich nicht um alles kümmern, oder?

Aber heute ist es mit dem Messer ja nicht getan – für Chemie braucht es ebenfalls Seife, und ein Stück Rhabarber (im November!), im Sportunterricht bringt bitte jeder eine funktionstüchtige Hürde mit und an jedem dritten Mittwoch im Juli das Lieblingshaustier.

Nein, mal ehrlich – früher hat man seine Kinder eingeschult, ist zweimal im Jahr zum Elternabend gekommen, hat Bücher-, Material- und Kopiergeld bezahlt, und das wars.

HEUTE muss ich einen Kuchen backen – für jede vergessene Hausaufgabe, Kaugummikauen während des Religionsunterrichts und vor allen zweigestrichenen Feiertagen. Ich muss Kuchen backen, wenn die eigenen Kinder eingeschult werden und für den Folgejahrgang gleich auch. Außerdem Dienst leisten: Getränke verkaufen am Tag der offenen Tür, Auf- und Abbau beim Schulfest, Würstchen drehen zum Sommerabendbeisammensein und selbstverständlich Plätzchen backen am Weihnachtsbasar. Zum Ausgleich für diese geleistete Arbeit an Samstagen und in den eigentlich unterrichtsfreien Abendstunden erhalten Lehrer und Schüler Ausgleichs-Freitage, während kein Hahn danach kräht, ob ich nach fünf Stunden Dienst am Pizzaofen und 24h-Klinik-Dienst am Folgetag nicht auch gerne ausgleichend frei gestellt würde.

Als MEINE Eltern noch Kinder in der Schule hatten, kam man zum Essen, Kaffeetrinken und Erfahrungsaustausch in die Schule, freie Tage gab es nur zur Ferienzeit und eben an Feiertagen und Kuchen wurde noch nicht einmal zum Geburtstag gereicht – den gab es zur Feier Zuhause, wieso sollte man auch noch 25 unbekannte Fremdkinder bebacken?

Ebenfalls ein Quell nie versiegenden Vergnügens: Elternabende! Früher hatte es einen Einladungszettel für alle Klassen der Jahrgangsstufe, der wurde halbjährlich mittels Deckweiss auf den aktuellen Terminstand gebracht und dann achtzig mal kopiert an die Kinder weitergegeben, ungeachtet der Tatsache, dass man die Schrift kaum noch entziffern konnte. Irgendwie würde es sich schon herumsprechen, wann das ganze stattfinden sollte.

HEUTE ist der entsprechende Klassenelternsprecher für die Veranstaltung verantwortlich, und Veranstaltung trifft es tatsächlich vollumfänglich: Es muss ein Schriftstück erstellt werden, um den Elternabend – nachfolgend EA abgekürzt – anzukündigen, danach über Doodle nach einem adäquaten Termin gesucht und der wiederum mittels Twitter, Facebook, Instagram und iMessage weiter geleitet werden. Der Rektor wird informiert, der Hausmeister, zwecks Reservierung des Saales und aufsperrens der Toilettenräume und SELBSTVERSTÄNDLICH wird ein Kuchen gebacken. Oder Häppchen gereicht. Der Klassenelternsprecher begrüsst dann auch die Gäste, hält die Antrittsrede, verteilt in iPage erstellte Jahresübersichtsprotokolle, schlichtet Streithähne und sorgt obendrein dafür, dass sich die Kosten der anstehenden Klassenfahrt in Grenzen halten, auch wenn es sich bitte um einen 14-Tage-Trip in die Schweizer-Alpen mit Aufenthalt im 4 1/2-Sterne-Hotel und kostenfreier WLAN-Nutzung handelt.

Der Lehrer bekommt dafür die ersten zwei Stunden des folgenden Tages frei gestellt, der Klassenelternsprecher ein Magengeschwür.

Kürzlich erzählte mir eine befreundete Mutter, dass sie die Fünf-Tage-Klassenfahrt ihres Sohnes als Aufsichtsperson begleitet hatte – nicht, weil der Sohn das so gerne wollte, Gott bewahre, sondern weil sich aufgrund der prikären Personalsituation leider kein Lehrer auftreiben liess, der diesen Job hätte übernehmen können. Keine Frage, dass diese 5 Tage gnadenlos vom Jahresurlaubskonto der Freundin abgezogen wurden…

“Mom? Geht es dir gut? Dein Kopf ist so rot?”

“Nein Schatz” presse ich gequetscht hervor “alles gut!”

“Bekomme ich denn nun ein Messer?” Zwischen den tief gezogenen Augenbrauen des Kleinen befindet sich immer noch eine steile Zornesfalte.

“Jaaaa…!” seufze ich ergeben und sehe es bildlich vor  mir – 25 Drittklässler, jeder mit einem hübschen, kleinen Messer in der Nutella-verschmierten Faust, wie sie in der Pause die reale Version von “Indiana Jones” nachspielen….

Pachelbels Kanon

Ich hörte ihn, als ich die Damenumkleide in Richtung des gynäkologischen OP-Saales verliess. Stutzte. Stand und lauschte. Nein, kein Zweifel. Er war es – ganz eindeutig. Ich folgte der Stimme den Flur entlang und zur Schleuse, ein kleiner Vorraum, in dem die zu operierenden Patienten in ihren Krankenbetten hereingeschoben und auf die entsprechenden OP-Tische weiter verteilt werden. Ein menschlicher Umschlagplatz. Und da, in einem gerade hereingefahrenen Bett sass er, so, wie ich ihn immer sofort in Erinnerung habe, wenn irgendwo das Stichwort “Weihnachten” fällt:

Mr. Pawlowski!

Es ist Jahrzehnte her sein, das meine Eltern mich im zarten Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren in das winzige Altbauzimmer geschleift hatten, in welchem Mr. Pawlowskis Musikschule ansässig war, eine halbe Ewigkeit, als ich ihm damals zum ersten Mal ins Gesicht blickte, wofür ich den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, denn Mr. Pawloswski war ein Mann wie ein Baum. Ich blinzelte ein bisschen bockig nach oben, denn keiner hatte mich gefragt, ob ich überhaupt hier sein wollte, aber als mein Blick endlich den weiten Weg über die braune Cordhose, das karierte Hemd und den weissen Vollbart hinauf, bis hin zu den freundlich blinzelnden, wasserblauen Augen geschafft hatte, die mich hinter einer randlosen Nickelbrille heraus betrachteten, stockte mir der Atem. Der Weihnachtsmann! Man hatte mich zum Weihnachtsmann gebracht. Im Juli!

Nur mit Mühe war es meiner Mutter damals gelungen, mich dem gutmütigen Mr. Pawlowski wieder vom Bein zu entfernen, an welches ich mich geklammert hatte, wie Koala an den Eukalyptusbaum. Hier war der Weihnachtsmann und ich glücklich.

Ich lernte also Klavier spielen, und obwohl meine absolute Talentfreiheit die Geduld des gutmütigen Lehrers auf eine schwere Probe gestellt haben mag, endete mein Unterricht erst, als mich das Medizinstudium ans andere Ende des Landes verschlug. Was nichts an der Tatsache änderte, das ich bei jedem Weihnachtsmann, real oder fiktiv, immer sofort das Bild meines alten Musiklehrers vor Augen hatte. Und hier sass er nun also – lag, besser gesagt, in einem unserer Klinikbetten, und sah dabei aus, wie Santa Claus nach acht Wochen Null-Diät und einer immer noch wütenden, schlimmen Magen-Darm-Geschichte: Abgemagert und krank.

“Das geht nicht, Mr. Pawlowski, wirklich, sie können die Geige nicht mit in den OP-Saal nehmen. Sie ist nicht steril

Oberschwester Ottilie versteht absolut keinen Spaß, wenn es um ihren OP und die Sterilität der darin befindlichen Dinge geht. Ganz egal, ob es sich bei “Dinge” um ein chirurgisches Instrument, den Chefoperateur oder eben die Geige eines alten Musiklehrers handelt.

“Aber sie muss mit hinein – ich nehme sie überall mit hin!”

Auch Mr. Pawlowski ist absolut spassbefreit, was die Geige betrifft. Sein tiefer, wohltönender Bass mit dem schönen, weichen Akzent der Südstaatenamerikaner war freundlich aber bestimmt. Ich beschloss, mich an dieser Stelle einzumischen.

“Mr. Pawlowski – was machen sie denn hier?” Erstaunt wandt er den Kopf und ein überraschtes Lächeln glitt über sein ausgemergeltes Weihnachtsmanngesicht. Was für eine saublöde Frage aber auch – was wird man wohl in einer OP-Schleuse machen? Für Hackfleisch anstehen?

“Josephine? Was in aller Welt machst DU hier?”

Wir fielen uns in die Arme und drückten uns fest und lange, wobei mir bewusst wurde, dass ich ihn seit einer wirklichen Ewigkeit nicht mehr gesehen oder auch nur eine Weihnachtskarte geschickt hatte. Das schlechte Gewissen musste mir auf der Stirn geschrieben stehen, als ich mich aufrichtete und den Mundschutz gerade schob. “Ich arbeite hier!” murmelte ich und wurde ein bisschen rot unter Ottilies Blick, die mich von der Seite musterte, als hätte ich tatsächlich Mr. Santa Claus geküsst.

“Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs” grinste er beinahe schelmisch, als ginge es um einen guten Witz und nicht die größte Scheisse der Welt. Der alte Mann war heute hier angetreten, um seine letzte, halbwegs reale Chance wahrzunehmen. Whipple OP. So simpel der Name, so umfangreich die Operation. Am Ende blieben den Patienten meist nur noch Fitzelchen der Organe, die sie vorher zum Verdauen und Produzieren wichtiger Botenstoffe gebraucht hatten. Und auch die Lebenserwartung war im Anschluss an solch einen Monstereingriff nur marginal verlängert. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wie auch immer – Mr. Pawlowski war nicht geneigt, diesen schweren Weg ohne sein geliebtes Instrument zu gehen – er hing an der Geige, wie andere Menschen an ihrem Hund. Oder Kind. Vielleicht mehr, als manch einer an seiner Frau.

“Ottilie” versuchte ich es jetzt im Bettelmodus “kannst du nicht ausnahmsweise mal ein Auge zudrücken?” Und zwinkerte heftig mit den Augen, in dem irrigen Glauben, dass könnte irgendetwas positives bei der kleinen, alten OP-Schwester anstossen.

“Hast du etwas im Auge, Josephine?” kam es knapp zurück. Fehlversuch auf der ganzen Linie. Ottilie stand wie das in Stein gemeißelte Sterilitäts-Manual vor mir und schüttelte nur missbilligend den Kopf. Super, Josephine, du warst auch schon mal besser in Form.

“Vielleicht kann ich sie ja umstimmen – wenn ich ihnen etwa ein kleines Lied vorspiele?”

“Nun” hob Ottilie an und reckte die Brust ein wenig nach vorne, als wolle sich sich wappnen für den anstehenden Kampf “es gibt da tatsächlich etwas…”

Verdammt, Ottie, mach es doch nicht so spannend – sonst können wir uns den Whipple gleich sparen

Pawlowski liess sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Freundlich blinzelnd öffnete er den alten, abgewetzten Violinenkoffer, und zum Vorschein kam “the little Lady”, wie er die Geige liebevoll nannte. Tausende Male hatte ich ihn auf diesem Instrument spielen sehen – die Musik, welche die beiden zusammen hervorbrachte, war absolut geeignet, selbst den Fürsten der Finsternis zum heulen zu bringen. Er wusste das. Und ich wusste es auch.

“My Dear – bitte – haben sie ein Lieblingslied?”

Ottilie schaute verdriesslich. Erst auf die Uhr, dann zur Geige und wieder zur Uhr. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Ja, es war spät – 8.13 Uhr schon, und ein OP-Tag begann immer pünktlich um 8.15 Uhr, Montag bis Freitag, komme was wolle. Die ersten Kollegen der diversen Fachrichtungen, Schwestern, Pfleger und Fahrdienstmenschen hatten sich bereits neugierig versammelt. Einen Geigenkoffer samt Inhalt bekommt man auch im OP nicht alle Tage zu sehen.

“Ich mag diesen Kanon”  murmelte sie nun zögernd und pickte sich in höchster Konzentration zwei imaginäre Fusseln vom OP-Hemd.

“Weiter so, Pawlowski” ich formte die Worte lautlos, meine Hand bildete das Victory-Zeichen hinter Ottilies gesenktem Kopf “gleich hast Du sie!”

“Einen Kanon?” Interessiert beugte Pawlowski sich nach vorne “Welchen Kanon?”

“Pachelbel” Entschlossen hob die alte Schwester den Kopf und blickte den Musiklehrer nun freimütig direkt in die Augen. “Pachelbels Kanon. Den mag ich!”

Na klar doch – wer liebt dieses Stück nicht? ICH liebe Pachelbel. Und alle anwesenden Frauen im stickigen OP-Vorraum nickten einvernehmlich mit den Köpfen. Pachelbel war super. Daumen hoch.

“Ausgezeichnete Wahl” stimmte nun auch Pawlowski zu “aber sie wissen ja – Kanon bedeutet mehr als eine Stimme. Zumindest zwei, besser vier, also…”

Ich kann helfen” meldete sich plötzlich eine bekannte Stimme aus dem OFF “ICH kann den Kanon spielen!”

Verwirrt drehte ich mich in Richtung der chirurgischen OP-Säle, aus der das Rufen kam und tatsächlich, mit in die Höhe gereckten Zeigefinger kam der Kollege Luigi angehopst, als gäbe es Frei-Schokolade.

“DU?” riefen Ottilie und ich verblüfft im Duett. “DU kannst Geige spielen?” Jetzt war ich platt.

“Nee, doch nicht Geige” grinste Luigi frech und schüttelte Pawlowski die Hand, als träfe er einen alten Bekannte “Moin, lieber Pawlowski. Warum haben sie nicht gleich gesagt, dass sie noch ein kleines Privatkonzert schmeissen wollen – dann hätte ich mein Klavinova eingepackt”

Und zu mir und der OP-Schwester gewandt: “Klavier. Ich spiele Klavier! Mama hat immer gesagt Junge, spiel ein Instrument und du kannst jede Frau haben, die du willst

Gott, was hat unser Italiener für eine kluge Mutter.

“Hervorragend” frohlockte nun auch Pawlowski “Aber wo bekommen wir nur ein Klavier her? Und mehr Geiger?”

“Er hier” schon wieder eine Stimme aus dem Hintergrund. Die Menge reckte die Köpfe. Tatsächlich: Menge. Das Schauspiel hatte sich nämlich – wie in jedem guten Krankenhaus üblich – in Windeseile über alle Abteilungen verbreitet, und so war jeder, der Laufen konnte, in den OP-Bereich gestürmt gekommen, um zu sehen, ob der alte Mann seine Geige mitnehmen durfte oder nicht.

“Er hier kann Geige spielen!” Die Rufe wurden lauter, und dann kam er, die Menge teilend wie Moses einst das rote Meer: Ben Oppenheimer

“DU?” brüllte jetzt die Menge im Chor, denn ganz sicher hätte keiner für möglich gehalten, dass der große, stille Gefässchirurg ein heimlicher Geigenvirtuose sein könnte. Ben war im letzten Jahr der Facharztweiterbildung und wenn ich mich sehr anstrengte, kam ich auf gerade mal eine Handvoll gewechselter Worte zwischen mir und dem langen, schlaksigen Kollegen. Nicht, dass Oppenheimer besonders unsympathisch wäre, ganz im Gegenteil. Wir hatten nur gefühlt so viel Gemeinsamkeiten, wie Froschlaich und Wüstenschlangen.

Ben stand nun ein wenig unschlüssig neben Pawlowskis Bett, während der Alte ihm freudestrahlend die Hand schüttelte. “Großartig, mein Freund, Pawlowski, freut mich sehr. Sie kennen Pachelbel?”

“Sicher” Oppenheimer nickte knapp. Wie ich bereits sagte – kein Mann großer Worte.

“Und wie lange brauchen sie wohl, um an ihre Geige zu gelangen?” Ich konnte förmlich spüren, wie die Menschen gemeinschaftlich den Atem anhielten.

“Liegt in meinem Auto. Habe Probe heute!”

Hallelujah! Gelobt sei der Schutzheilige des guten Timings.

“Gut – dann holt Oppi jetzt seine Möhre aus dem Auto und ich leihe mir das Kapellenklavier aus!” Sprachs und hopste glücklich davon – Luigi, Mann der Tat!

In der Schleuse war derweil der Teufel los – wie in einem aufgescheuchten Bienenstock surrte und summte es, Telefone wurden gezückt und Kollegen informiert, die Türen zur Umkleide öffneten und schlossen sich im Akkord, während Luft und Stehplätze allmählich knapp wurden. Gefühlt das halbe Krankenhaus hatte sich versammelt und harrte geduldig dessen, was da kommen sollte.

Um Schlag 8.30 Uhr war es endlich soweit – die Instrumente herbeigeschafft und angetestet, der letzte Platz besetzt. Es wurde gar die Tür zum OP-Eingang weit geöffnet, um den davor stehenden Menschen zumindest das Vergnügen des Hörens zu bereiten. Mr. Pawlowski hatte sich aus seinem Bett hoch gerappelt und Ottilie persönlich steckte ihn in einen OP-Überzieher, damit er den Kanon nicht im hinten offenen OP-Hemd spielen musste.

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Im Vorraum des Saales war es trotz der Masse an Menschen so still, man hätte die berühmte Nadel ohne Probleme zu Boden fallen hören können. Pawlowski und Oppenheimer standen stumm, die Instrumente ans Kinn gehoben, den Bogen im Anschlag, wie zum Salut, während sie darauf warteten, dass Luigi das Intro gab. Der kleine, dicke Italiener wiederum sass glückselig lächelnd an seinem der Kirche entwendeten Stage-Piano, als warte er auf ein Zeichen des Herrn persönlich. Lustigerweise war ich offensichtlich nervöser, als Luigi selbst. Absolut unbegründet, wie sich gleich herausstellen sollte.

Der kleine Chirug schien sein Zeichen erhalten zu haben, denn mit einem Mal bewegten sich die Finger mit einer Zartheit über die schwarz-weiss glänzende Tastatur, als wolle er Blumen streicheln. Oder Babyvögel. Und wie in einem besonders schönen Traum begannen er und das Instrument unter seinen Händen das Ostinato zu formen. Erst leise, beinahe schüchtern, dann selbstbewusster, und noch während sich die Folge des Basslaufes wie ein Band tropfender Töne durch den Raum zog, erwachten die Geigen aus hölzernem Schlaf, schienen sich zu strecken und räkeln, bevor sie sich, an Lautstärke gewinnend, ihren Weg durch die Partitur bahnten.

Es war wie der Tanz zweier Liebender, die sich – zurückhaltend erst – umkreisen, wiegen, im völligen Gleichklang der Melodie. Wie sie einander zart berühren, nur um gleich wieder voneinander zu lassen, sich weiter drehen, immer gehalten und getragen vom endlosen “dummdummdumm” des Ostinatos. Und dann, mit einem Mal, löst sich Pawloskis erste Geige aus dem Gefüge der Einheit, bahnt sich tirilierend den Weg die Tonleiter hinauf, rastet ein wenig, bevor es in neuem Tempo weiter geht, schneller jetzt, fordernder, höher hinauf. Und die zweite Geige folgt, springt in ihrer Tonfolge der ersten hinterher, als wolle sie sie einholen, erreicht sie wirklich, und beide drehen nun in neu gewonnener Einheit eine Runde auf dieser Harmonie, berühren einander sachte erneut, bevor sie in perfektem Dreiklang zerspringen.

Auf Mr. Pawlowskis Gesicht war die Sonne aufgegangen. Vollständig verpackt in diese wunderbar süsse Harmonie, dem auf und ab der Bassfolge, wog sein armer, ausgemergelter Körper sich sachte hin und her, und es schien, als bewege der Bogen die Hand des alten Meisters, nicht die Hand den Bogen.

Im dann folgenden Solo des kleinen Italieners waren die beiden Geigen nur als sachte, flatternde Tonabfolge im Hintergrund zu erahnen, während Luigi alles gab, was das kleine Piano zu geben bereit war. Leicht und mühelos flogen seine Finger über die Tastatur, fanden sicher immer den richtigen Ton, immer die richtige Stärke. Sein dunkelgelockter Schopf gab den Takt vor, brachte das kleine Italienerkinn zum vibrieren und das goldene Kreuz im Ausschnitt seines OP-Hemdes zum blitzen. Ehrfürchtig hielt ich die Luft an, während mir die Tränen, dicke Schlieren im Morgen-MakeUp hinterlassend, übers Gesicht rollten.

Nach der Reprise, in der jedes Instrument noch einmal alleine zeigen durfte, was es konnte, in der Luigi die Tasten liebkoste, und die Geigenbögen ihren Weg über die Seiten zogen, machten sich schließlich alle gemeinsam bereit für die Coda, das große Finale. Aufrecht standen die Geiger nun im Raum, wogen sich im Takt der Töne hin und her, während Luigi dem Piano weiter liebevoll das Ostinato-dummdummm entlockte, und ein letztes Mal zauberten ihre Bögen diese sehr hohen Töne, klar und rein wie Gletscherwasser.

Und dann, als versinke die Sonne hinter den Bergen, ein letzter Gruß majestätischen Goldes, dann feuriges Rot – und mit dem warmen Blau der heraufziehenden Nacht verklang der letzte Ton in den Weiten des OPs, so unwirklich und wunderbar, wie er gekommen war.

Der Applaus, der kurze Zeit später aufbrandete war ohrenbetäubend. Feierlich verneigt sich das Trio nach allen Seiten und selbst dem spröden Ben zuckte ein Lächeln über die Lippen. Dann schüttelten sich die Männer gegenseitig die Hände und klopften sich die Schultern wie alte Freunde, während das Publikum sich klammheimlich die Nasen putzte und die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Acht Stunden später kam Luigi müde aus Saal V, Chirurgie geschlichen, mit dem Geigenkasten im Arm und Tränenflecken auf dem OP-Hemd.

…lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!

Es ist SO idyllisch. Waldlichtung, Sternenhimmel, im Gras zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen mehr und die Luft atmet immer noch spätsommerliche Hitze aus. Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung räkel ich mich auf der Piknikdecke und denke, wie schön es doch sein kann.

“Weisst Du eigentlich, wie schön das hier ist?” murmel ich in schläfrigem Tran dem Kerl hinüber, der  – die Arme hinter dem Kopf verschränkt – die Sterne betrachtet. Grinsend dreht er den Kopf zu mir herüber, öffnet den Mund und….

…KLINGELT! *RIIIIIING* *RIIIIIING* *RIIIIIING*

Ich brauche qualvolle 5 Sekunden um festzustellen, dass nicht der Mann klingelt, sondern das Telefon, ich mitnichten auf sommerlicher Nachtwiese liege, sondern komplett angezogen im winzigen Dienstbett und alle Idylle somit nichts anderes war, als Nachttraum. Wunschtraum. NICHT die Realität.

“Jaaaaaa” raunze ich in den Hörer, und wische mir mit der freien Hand den Sabber von Backe. Wie spät ist es nur? Und warum zum Teufel habe ich schon wieder Dienst?

“Josephine?”

Wer denn sonst?

“Jaaaaaa!” Erst jetzt bemerke ich, dass mir die Abhörmembran des Stethoskopkopfes noch an der Backe klebt. Ich ziehe ihn ab und werfe das Instrument genervt auf das Nachttischchen. Friedericke aus der Inneren hat schon recht – Stethoskope sind für operierende Völker nur schmückend Beiwerk.

“Notfall hier – also, in der Ambulanz. Und ich bins auch. Musst kommen!”

Und schon hat sie wieder aufgelegt, Lieblingsambulanzoberschwester Notfall. Hätte ruhig mal ein wenig mehr Information rüberwachsen lassen können. Muss ich rennen? Oder kann ich mir noch schnell einen Becher Atemschön zwischen den Zahnbelag kippen? Da die richtigen Notfälle der Gynäkologie, also die, bei denen es um Leben und Tod geht, beinahe ausschließlich im Kreißsaal stattfinden, beschließe ich eigenmächtig, die Umwelt nicht mit schlechtem Atem zu belästigen und kippe, nach einem schnellen Blick in den handtellergroßen Spiegel über winzigem Waschbecken, eine ordentliche Portion Mundspülung weg. Vor lauter Schreck über das rote Stethoskopmembrandruckmal auf meiner Wange schlucke ich die Hälfte der mintgrünen Flüssigkeit hinunter, was mir einen ordentlichen Hustenanfall beschert. Super, Josephine, nach all den Jahren bist du wahrhaftig ein wahres Ausbund an Professionalität.

In der Ambulanz steht Notfall schon vor der Tür zum gynäkologischen Untersuchungszimmer bereit und wedelt wild mit beiden Armen.

“Moin. Ich weiss, wo wir wohnen – was soll das Gewedel”

“Mir war danach. Was soll der Abdruck auf der Backe?”

“Mir war danach! Was gibt´s?”

“Schwanger. Von der Leiter gefallen.”

“JETZT?”

Ein knapper Blick auf die Uhr – 2.34 am Morgen! Schulterzuckend schiebt die alte Schwester mich in das Zimmerchen mit meiner Notfallpatientin, die gemütlich mit den Beinen baumelnd auf der Liege hockt und interessiert mein Ultraschallgerät betrachtet. Bei meinem Eintritt blickt sie zu mir hoch, legt den Kopf schief und fragt freundlich, mit der linken Hand auf das Gerät deutend: “Kann man damit sehen, was es wird?”

Eine knappe Dreiviertelstunde später liege ich wieder dort, wo alles angefangen hat – im Bett. Ohne Stethoskop, wohl gemerkt, das hat jetzt seinen eigenen Schlafplatz zwischen kuchengekrümelten Tellern und verrotzten Taschentüchern. Als ich meinen Kopf müde aufs muffig riechende Kissen bette, zuckt kurz die Frage durch mein Hirn, wann dieser Bezug wohl zum letzten Mal gewechselt worden sei, doch noch bevor auch nur der Hauch von Ekel in mir hochsteigen kann, bin ich eingeschlafen.

Das nächste Klingeln reisst mich dieses Mal aus traumlosem Schlaf – es ist 3.41 Uhr und der Kreißsaal ruft. Patientin mit Wehentätigkeit. Ich taumel über den Flur, in den Aufzug hinein und 4 Stockwerke tiefer wieder heraus, ohne auch nur ansatzweise richtig wach zu werden. Erst als mir Frau Öztürk ihren Wehenschmerz mit aller Wucht entgegen schreit und die zeitgleich platzende Fruchtblase mehrere Liter Wasser über meine Dienstschuhe ergiesst, bin ich halbwegs bei mir. Alles in allem verbringe ich etwa 20 Minuten mit Frau Öztürk und Baby Mohammed, dann suche ich mir ein paar neue Schuhe, entsorge die völlig durchnässten Socken, dusche mir die Vernixflocken aus den Zehenzwischenräumen und torkele zurück Richtung Bett.

Als sich die Tür zum Aufzug in den 4. Stock öffnet, steht Luigi – gegen die Wand gelehnt, den Kopf zur Seite gerutscht – schnarchend in selbigem. Im Dienstzimmerstockwerk angekommen puffe ich ihn sacht in die Seite um ihn dann energisch aus dem Fahrstuhl zu ziehen und mit einen aufmunternden Schubs in die Richtung der Chirurgenunterkünfte zu bringen. Keine Ahnung, ob er dort ankommt, ich schaffe es ja kaum in mein eigenes Zimmer.

Als ich es glücklich erreiche, lasse ich mich – Bauch voran – einfach fallen, und weg bin ich.

Das nächste Zeitschlaffenster beträgt – nachträglich recherchiert – ganze 7 Minuten! Auf Station 8B ist Frau Bommel aus dem Bett gefallen, Schwester Elvira verlangt Unfallaufnahme.

“Von mir?” heule ich ins Telefon

“Von wem sonst? Der Papst kommt nicht, wenn ich ihn anrufe” faucht es erbarmungslos zurück.

Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Bommel nichts lebensbedrohliches fehlt, sie statt dessen um eine beachtliche Beule reicher ist, ausserdem einen Wust an Zetteln ausgefüllt und unterschrieben habe, die mich bis an mein Lebensende in den Knast bringen können, lasse ich den Kopf auf die Schreibtischplatte fallen und schließe die Augen. Zwei Minuten….

“Josephine – das ist MEIN Platz!”

Unter Elviras eiskaltem Blick quäle ich mich stöhnend vom Stuhl.

“Und DA auch nicht – da will ich nachher noch Essen, und zwar OHNE deine Schuppen vom Tisch zu lesen!”

“Ich habe gar keine Schuppen!” murmel ich böse, räume aber dennoch den Platz am Schwestern-Ecktisch und trolle mich. Mit Elvira ist einfach nicht gut Kirschen essen.

Das Telefon klingelt in dieser Nacht noch weitere 12 Mal, 9 Mal davon muss ich wirklich raus, einmal den Kollegen Luigi wecken, zwei Mal hatte sich jemand verwählt, was ihn, bzw. sie fast das Leben kostet. Beim letzten Klingeln ist es 7.12 Uhr und die Nacht somit vorbei. Und noch während ich müde zu meiner Übergabe schlurfe, rotiert ein einziger Gedanke in meinem Kopf: zu alt! Ich bin zu alt für diesen Job…