Damage is done

„Waaaaaah. Jaaaaaah. Hallooooooo!“

Unter lautem Geschrei öffnet sich die Tür zum Untersuchungszimmer und klatscht ungebremst gegen den Hartgummistopfen im Boden, der gerade eben verhindern kann, dass die Türklinke durch die Wand ins Nebenzimmer bricht. Doch wer sich ein wenig in angewandter Physik auskennt, weiss – Energie verliert sich nicht einfach im Universum, sie wird zu einem guten Teil zurück gegeben. Und aus diesem Grund knallt das schwere Holzteil nun auch mit voller Wucht in Tschässie-Tschäims, trifft ihn am Kopf und lässt ihn zu Boden gehen. Schnaubend stürze ich zur Tür, sicher, dass es Tschässie mindestens den Schädel zertrümmert hat. Oder schlimmeres. Doch weit gefehlt. Zugegebenermassen ein wenig benommen liegt er rittlings auf dem Boden, und reibt sich verwundert die Stirn, dort, wo gerade ein wunderschönes Ei zu wachsen beginnt. Dann, als er meiner ansichtig wird, weicht die Verwunderung schierer Freude.

„DAAAAAAAAAAAAAA“ schreit er höchst erfreut und tippt sich mit dem verdreckten Kleinkindfinger an die Beule auf seiner Stirn „DAAAAAAAAAA – WEEH!“ und jauchzt, als hätte er gerade die Freikarte ins Kinderparadies gezogen.

Ich hebe ihn hoch und betrachte die malträtierte Haut misstrauisch – nein, keine Platzwunde. Gott-sei-dank. Derweil klatscht mir Tschässie unter anhaltendem Jubelgeschrei die klebrigen Patschhände ins Gesicht und freut sich offensichtlich wie ein Schnitzel, mich zu sehen. „DAAAAAAAAAAA“ brüllt er bekräftigend und haut fester. „DA“ ist so ziemlich der größte Liebesbeweis, den Klein-Tschässie-Tschäims kennt – und er kennt viele, denn Tschässie ist das wahrscheinlich netteste Nicht-Chaos-Kind, das ich kenne.

„Tschässie – lass dass! Mensch, du Doofian, du machst die Tür kaputt, wie oft soll ich dir das noch sagen, he? Spinner? Wie oft?“

Mein Gesicht weiter zärtlich in beiden Händen haltend wandert sein Blick zu der Frau, die gerade schimpfend und fluchend ihren überdimensionalen Bauch zur Tür herein quält. Dann schiebt sich die kleine, feuchte Unterlippe traurig nach vorne, unten und beginnt verdächtig zu zittern. Doch Tschässie ist kein Kind von Traurigkeit. Kurz schaut er mich aus alten Augen müde an, dann zieht die Trauer auch schon weiter und weicht seiner unverwüstlichen Frohnatur. „Da!“ kommentiert er sachte und klopft mir zärtlich die Wange. Ich denke kurz darüber nach, mit ihm auf den Arm das Zimmer zu verlassen und nach Hause zu fahren. Wo vier Mäuler satt werden, bekommen wir ein fünftes auch noch gestopft.

„HEEEY, Stinker! Lass die Frau Dokter in Ruhe und komm hierher. Setzt dich. Halt die Klappe, hör auf zu zappeln, wisch dir die Nase ab – NICHT am Ärmel, du Dödel, Mensch, du bist SO DOOF!“ Tschässies Mutter muss eine Ausbildung im Boot Camp hinter sich haben, anders kann ich mir Tonfall und Wortwahl wahrhaftig nicht erklären.

Behutsam setze ich das Kind auf den Boden und sehe zu, wie er folgsam zum Stuhl tippelt, hoch klettert, hin setzt und mit dem ausgestreckten Fingerchen der linken Hand unbeholfen den Rotz über Oberlippe und Wange verteilt. Hilfesuchend blickt er erst mich und dann seine wutschnaubende Mutter an.

„Samenta, ich weiss nicht, ob es viel Sinn macht, Tschässie so anzuschreien. Er ist ja fast selbst noch ein Baby“ gebe ich zu bedenken und wische mit einem Taschentuch über das verschmierte Gesicht, aus dem es mir schon wieder froh entgegen grinst. Unfassbar, dieser kleiner Kerl ist ein Fass Glückseligkeit ohne Boden in einer Familie voller Sozialkrüppel. Seufzend strubbel ich das lockige Blondhaar.

„Der ist so doof, Frau Doktor, dass glauben Sie nicht. Echt. Der ist immer so voll am lachen. Und der kapiert gar nix, wissen sie? Total blöd und so. Immer rennt er wo gegen oder macht was kaputt oder dreckig. Das ist voll anstrengend, wissen sie“

Ich seufze tiefer. Tschässie ist drei Jahre alt, das Baby in Samtnes Bauch wird demnächst zur Welt kommen, und gnade uns Gott, dann ist Schluss mit lustig! … Einmal war Tschässie schon bei Pflegeltern untergebracht. Zwei Monate lang, dann hat man entschieden, dass die leibliche Mutter das Beste für ein Kind sei. Auch eine Mutter wie Samenta. Auch für ein Kind wie Tschässie.

„TSCHÄÄÄSSIE! Du hast schon wieder gekackt, ey, ich riech das voll! Du bist so doof. Kannst Du nicht bescheid sagen? Hä? Kannst Du nicht?“

Unsicher schaut der Kleine zu mir herüber und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Kacka!“ sagt er leise und schielt zu seiner wütenden Mutter hinüber. „Jetzt isses zu spät, Doofnase!“ brüllt sie zurück und schmeisst sich schnaufend auf die Untersuchungsliege.

Leise vor sich hin stinkend hockt Tschässie in seiner vollen Windel und stochert mit dem dreckigen Finger in einem Loch seiner Hose herum. „Kacka“ flüstert er.

Kacka! denke ich wütend während ich mittels Ultraschall das zweite Kind im Bauch dieser Frau betrachte. „Kacka!“ sagt Tschässie voller Nachdruck und schaut mich dabei so wissend an, als könne er Gedanken lesen…

 

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29 Kommentare zu “Damage is done

  1. Manchmal tun einem die Kinder wirklich leid. Die können es sich ja schließlich auch nicht aussuchen, in welche Familie sie kommen. Da denke ich mir jedes Mal „da hast du aber richtig Glück gehabt“

  2. Meine Fr***e! Da will man der Frau doch sofort BEIDE Kinder wegnehmen! Bei manchen Leuten frage ich mich wirklich, warum die überhaupt noch mehr Kinder kriegen wollen!?
    Unfassbar.
    Also: Wenn das kleine Geschwisterchen da ist, einfach beide einpacken und an mich schicken, ja?
    Unfassbar solche Leute!

  3. wie schön mal wieder was von Dir zu lesen. Mir tut so manches Kind auch so leid und so manches perfekte Paar, was vergeblich versucht Eltern zu werden.

  4. 😥😥 …jetzt hab ich Augenpipi…ich fürchte, dass gibts so viel zu oft!! Ich mag jetzt mal den Tschäässie knuddeln…💜💜 #kacke

  5. Das Schlimme ist, daß die Tschässie-Tschäims dieser Welt es so schwer haben, aus dieser Schublade rauszukommen. Oft genug ist der Weg, den auch die Eltern gegangen sind, so was von vorprogrammiert… Armer Kleiner.

  6. Es gibt nichts Traurigeres, als von Kindern zu wissen, deren Eltern ihnen nicht gut tun und nichts dagegen tun zu können. Und oft dauert es nicht lange und die Kinder passen sich an *seufz*

  7. Tja, wenn er dann 14 oder 15 ist und nach mehrmaligem Besuch der Polizei zu Hause gar nichts mehr geht, kommt er doch endlich in eine Wohngruppe und statts zur Ausbildung geht es dann in die Therapie. Das sind ihm dann aber zu viele unbekannte Umstände und Regeln, die einzuhalten sind, und er wird „abgängig“… Das sehe ich dann täglich in meinen Klassenzimmern. Dabei stecken in den Teens so tolle Menschen und wenn Sie schon als kleine Kinder aus ihrer Familie rauskommen würden, könnte man diese tollen Seiten so gut fördern und wecken. Aber nein, lieber bei Mama bleiben. Grrr! Ich bin der Überzeugung, Kinder wie der Kleine in der Geschichte sollten zumindest in der Woche bei einer Pflegefamilie wohnen. Am Wochenende können sie ja zu Mama, wenn das so wichtig ist, aber dann dürfen sie zumindest an 5/7 der Woche ein normales Leben kennen lernen.

  8. Also, ich wäre da ja nciht so ruhig geblieben, sondern hätte nachdrücklich erklärt, warum nicht ER doof ist und und wie Erziehung richtig geht.

  9. Da bekomme ich auch das Heulen … wir hatten so einen Jungen in der Kita. Liebe Augen, aber ich brauchte nicht zu fragen, woher mein Mini die jeweiligen Ausdrücke hatte… Habe ich beim Abholen der Mutter immer wieder live und in Farbe erleben dürfen
    Knuddel Tschässie das nächste Mal lieb von mir mit bittesehrvielmalsdanke!

  10. Man steht so macht – und hilflos vis-a-vis bei so was. Ämter überfordert – Elternhoheit: hoch, was ja auch an sich sehr gut ist. Aber hier würde man, da man die weiteren Jahre an Entwicklung vor Augen hat, so gern intervenieren. Und zwar sofort! Kinder sind was Wunderbares! Kein (!) Kind kommt blöd oder bös oder unsozial zur Welt, das sind alles kleine Wunderwesen, die sich sehr, sehr lange mit den unschönsten Umständen arangieren. Und man steht bei so einem Erlebnis, dann da und es blutet das Herz! Bitte von mir auch einmal den kleinen tapferen Minibären ganz fest drücken!!!!

  11. Danke für diese Geschichte. Die grosse Ungerechtigkeit: Auf der einen Seite „Wurfmaschinen“ wie Samenta, die garnicht kapieren können welch kleines Wunder da sitzt. Auf der anderen Seite ein Paar, dessen vierte ICSI grad in die Hose ging (sprichwörtlich) und dem beim lesen solcher Geschichten das Herz blutet.

  12. Jetzt habe ich mehrere Tage überlegt, ob ich schreiben soll oder nicht. Aber mir sträuben sich einfach die Haare und zwar nicht nur aus dem offensichtlichen Grund, dass hier ein kleines Kind offensichtlich NICHT angemessen, liebevoll und kindgerecht umsorgt und erzogen wird.
    Mir sträuben sich auch die Haare, weil die Welt nicht so einfach „schwarz“ (böse, böse, böse Mutter, die olle Wurfmaschine) und „weiß“ (ach, ich würde das Kind ja sofort nehmen, lasst uns alle adoptieren) ist. Klar, die Geschichte baut ja auch genau diesen Widerspruch auf, die unmögliche Mutter, die liebevolle Frau Doktor, die das Haar des Kindes strubelt. Da ist der Leser doch gleich schon auf der Liste der Adoptivwilligen.
    Und in der Realität? Aus welcher Familie stammt die Mutter? Sicher hat man sie extrem liebevoll erzogen und war ihr ein gutes Vorbild: Und NEIN, das ist KEINE Entschuldigung und auch kein Plädoyer, dass das Kind in dieser Umgebung aufwachsen soll. Es ist nur der Hinweis, dass alles nicht so einfach ist. Die Mutter ist auch nicht aus Jux und Dollerei so, wie sie ist. Sie braucht Hilfe und die Kinder auch. Keine Gutmenschen, die ihr Urteil mal im Vorbeigehen fällen.
    Und falls sich einer fragt, warum ich das schreibe… ich HABE ein Adoptivkind, ein Kind, das bei seiner leiblichen Mutter und auf seinem weiteren Weg wahrlich genug durchgemacht hat und ich war am Anfang, als das Kind neu bei uns war, ständig mit solchen Gutmenschen konfrontiert, die schnell bei der Hand waren, die Mutter, die das EIGENE KIND (entsetzte Bilcke) abgeben kann zu verurteilen. VOR MEINEM KIND! Ich wünsche mir, dass mein Kind dereinst mit Respekt von seiner leiblichen Mutter sprechen kann, die diesen Weg für das Kind und für sich als den besten erkannt hat, spät, aber immerhin.
    Leute, ihr wollt was für Kinder wie dieses tun? Werdet Pflegeeltern, engagiert euch in sozialen Projekten für von Armut bedrohten Kinder, tut etwas, aber hört auf, über andere Leute zu urteilen. Das steht euch nicht zu und es hilft auch absolut niemanden, außer euch, indem ihr euch bestätigt, wie gut ihr doch seid, was womöglich sogar stimmt, aber konkret niemanden hier hilft.

  13. Hi, habt ihr als Ärzte da keine Handhabe….?Jugendamt und so?? Ich mein man kann doch diese Kinder nicht bei DER Mutter lassen…?
    Schreib weiter so interessant… Lg Elfi

  14. So traurig! :-(( Der Arme. Da kann man nur hoffen, daß sein sonniges Gemüt ihm nicht ausgetrieben wird. Kacka! Echt. :-(

  15. Tja,
    vielleicht sollte man mal die Ursache suchen. Also die, warum die Eltern so (geworden) sind. So einfach so passiert das ja schließlich nicht, dürfte wohl eher ein Problem der Gesellschaft an sich sein. Meine Meinung.
    Und ja, natürlich tut er mir ein wenig leid, weil er wenig Chancen hat, da rauszukommen. Besser jedoch wäre es, die Eltern hätten vernünftige Chancen, da raus zu kommen. Denn auch die würden so etwas sicher honorieren.

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