…lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!

Es ist SO idyllisch. Waldlichtung, Sternenhimmel, im Gras zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen mehr und die Luft atmet immer noch spätsommerliche Hitze aus. Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung räkel ich mich auf der Piknikdecke und denke, wie schön es doch sein kann.

„Weisst Du eigentlich, wie schön das hier ist?“ murmel ich in schläfrigem Tran dem Kerl hinüber, der  – die Arme hinter dem Kopf verschränkt – die Sterne betrachtet. Grinsend dreht er den Kopf zu mir herüber, öffnet den Mund und….

…KLINGELT! *RIIIIIING* *RIIIIIING* *RIIIIIING*

Ich brauche qualvolle 5 Sekunden um festzustellen, dass nicht der Mann klingelt, sondern das Telefon, ich mitnichten auf sommerlicher Nachtwiese liege, sondern komplett angezogen im winzigen Dienstbett und alle Idylle somit nichts anderes war, als Nachttraum. Wunschtraum. NICHT die Realität.

„Jaaaaaa“ raunze ich in den Hörer, und wische mir mit der freien Hand den Sabber von Backe. Wie spät ist es nur? Und warum zum Teufel habe ich schon wieder Dienst?

„Josephine?“

Wer denn sonst?

„Jaaaaaa!“ Erst jetzt bemerke ich, dass mir die Abhörmembran des Stethoskopkopfes noch an der Backe klebt. Ich ziehe ihn ab und werfe das Instrument genervt auf das Nachttischchen. Friedericke aus der Inneren hat schon recht – Stethoskope sind für operierende Völker nur schmückend Beiwerk.

„Notfall hier – also, in der Ambulanz. Und ich bins auch. Musst kommen!“

Und schon hat sie wieder aufgelegt, Lieblingsambulanzoberschwester Notfall. Hätte ruhig mal ein wenig mehr Information rüberwachsen lassen können. Muss ich rennen? Oder kann ich mir noch schnell einen Becher Atemschön zwischen den Zahnbelag kippen? Da die richtigen Notfälle der Gynäkologie, also die, bei denen es um Leben und Tod geht, beinahe ausschließlich im Kreißsaal stattfinden, beschließe ich eigenmächtig, die Umwelt nicht mit schlechtem Atem zu belästigen und kippe, nach einem schnellen Blick in den handtellergroßen Spiegel über winzigem Waschbecken, eine ordentliche Portion Mundspülung weg. Vor lauter Schreck über das rote Stethoskopmembrandruckmal auf meiner Wange schlucke ich die Hälfte der mintgrünen Flüssigkeit hinunter, was mir einen ordentlichen Hustenanfall beschert. Super, Josephine, nach all den Jahren bist du wahrhaftig ein wahres Ausbund an Professionalität.

In der Ambulanz steht Notfall schon vor der Tür zum gynäkologischen Untersuchungszimmer bereit und wedelt wild mit beiden Armen.

„Moin. Ich weiss, wo wir wohnen – was soll das Gewedel“

„Mir war danach. Was soll der Abdruck auf der Backe?“

„Mir war danach! Was gibt´s?“

„Schwanger. Von der Leiter gefallen.“

„JETZT?“

Ein knapper Blick auf die Uhr – 2.34 am Morgen! Schulterzuckend schiebt die alte Schwester mich in das Zimmerchen mit meiner Notfallpatientin, die gemütlich mit den Beinen baumelnd auf der Liege hockt und interessiert mein Ultraschallgerät betrachtet. Bei meinem Eintritt blickt sie zu mir hoch, legt den Kopf schief und fragt freundlich, mit der linken Hand auf das Gerät deutend: „Kann man damit sehen, was es wird?“

Eine knappe Dreiviertelstunde später liege ich wieder dort, wo alles angefangen hat – im Bett. Ohne Stethoskop, wohl gemerkt, das hat jetzt seinen eigenen Schlafplatz zwischen kuchengekrümelten Tellern und verrotzten Taschentüchern. Als ich meinen Kopf müde aufs muffig riechende Kissen bette, zuckt kurz die Frage durch mein Hirn, wann dieser Bezug wohl zum letzten Mal gewechselt worden sei, doch noch bevor auch nur der Hauch von Ekel in mir hochsteigen kann, bin ich eingeschlafen.

Das nächste Klingeln reisst mich dieses Mal aus traumlosem Schlaf – es ist 3.41 Uhr und der Kreißsaal ruft. Patientin mit Wehentätigkeit. Ich taumel über den Flur, in den Aufzug hinein und 4 Stockwerke tiefer wieder heraus, ohne auch nur ansatzweise richtig wach zu werden. Erst als mir Frau Öztürk ihren Wehenschmerz mit aller Wucht entgegen schreit und die zeitgleich platzende Fruchtblase mehrere Liter Wasser über meine Dienstschuhe ergiesst, bin ich halbwegs bei mir. Alles in allem verbringe ich etwa 20 Minuten mit Frau Öztürk und Baby Mohammed, dann suche ich mir ein paar neue Schuhe, entsorge die völlig durchnässten Socken, dusche mir die Vernixflocken aus den Zehenzwischenräumen und torkele zurück Richtung Bett.

Als sich die Tür zum Aufzug in den 4. Stock öffnet, steht Luigi – gegen die Wand gelehnt, den Kopf zur Seite gerutscht – schnarchend in selbigem. Im Dienstzimmerstockwerk angekommen puffe ich ihn sacht in die Seite um ihn dann energisch aus dem Fahrstuhl zu ziehen und mit einen aufmunternden Schubs in die Richtung der Chirurgenunterkünfte zu bringen. Keine Ahnung, ob er dort ankommt, ich schaffe es ja kaum in mein eigenes Zimmer.

Als ich es glücklich erreiche, lasse ich mich – Bauch voran – einfach fallen, und weg bin ich.

Das nächste Zeitschlaffenster beträgt – nachträglich recherchiert – ganze 7 Minuten! Auf Station 8B ist Frau Bommel aus dem Bett gefallen, Schwester Elvira verlangt Unfallaufnahme.

„Von mir?“ heule ich ins Telefon

„Von wem sonst? Der Papst kommt nicht, wenn ich ihn anrufe“ faucht es erbarmungslos zurück.

Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Bommel nichts lebensbedrohliches fehlt, sie statt dessen um eine beachtliche Beule reicher ist, ausserdem einen Wust an Zetteln ausgefüllt und unterschrieben habe, die mich bis an mein Lebensende in den Knast bringen können, lasse ich den Kopf auf die Schreibtischplatte fallen und schließe die Augen. Zwei Minuten….

„Josephine – das ist MEIN Platz!“

Unter Elviras eiskaltem Blick quäle ich mich stöhnend vom Stuhl.

„Und DA auch nicht – da will ich nachher noch Essen, und zwar OHNE deine Schuppen vom Tisch zu lesen!“

„Ich habe gar keine Schuppen!“ murmel ich böse, räume aber dennoch den Platz am Schwestern-Ecktisch und trolle mich. Mit Elvira ist einfach nicht gut Kirschen essen.

Das Telefon klingelt in dieser Nacht noch weitere 12 Mal, 9 Mal davon muss ich wirklich raus, einmal den Kollegen Luigi wecken, zwei Mal hatte sich jemand verwählt, was ihn, bzw. sie fast das Leben kostet. Beim letzten Klingeln ist es 7.12 Uhr und die Nacht somit vorbei. Und noch während ich müde zu meiner Übergabe schlurfe, rotiert ein einziger Gedanke in meinem Kopf: zu alt! Ich bin zu alt für diesen Job…

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16 Kommentare zu “…lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!

  1. Yes, sie ist wieder da!!! :) Und noch immer zu alt für diesen Scheiß. Aber ob das nochmal besser wird? ;)

  2. Yay, Frau Dokta mit dem Was-wird’s-denn-Schnuller-Ultraschall!
    Welcome back und ruhigen Dienst *Heimlich ein Loch in den Bauch freu*

  3. Genau aus diesen Gründen (übermüdet in der Nacht) habe ich beim zweiten Kind und vorzheitigem Blasensprung bis früh gewartet, damit alles die Tagschicht zu Ende bringen konnte.
    Schön, dass hier wieder Buchstaben erschienen sind :-)

  4. Wie schön mal wieder etwas von Dir zu lesen!!!
    Original das „zu alt“ habe ich auch gestern nach dem Dienst auch gedacht. Viermal habe ich den Versuch unternommen, mich mal ins Dienstzimmer zu begeben. 10 Minuten waren das Maximum, wo mein Kopf auf dem Kissen verweilte. Übernommene Dienste sind da besonders ungnädig. Ansonsten war Gemini, vorzeitige Wehen, Cervixinsuffizienz, drohende Frühgeburt Zeit. Die Diensthabende Pädiaterin fragte beim dritten Anruf nur noch „welche Woche?“ und wir mußten beide lachen.
    Highlight war um drei das Symptom „Ich glaube, ich habe eine beginnende Blutung“ Kopf- Tischkante. Erwin und Erika hab ich verzweifelt gesucht, aber nicht gefunden und konnte keinen drohenden Abort diagnostizieren. Frau dafür um ein Sonobild und die Erfahrung, daß man in der 6. SSW noch nicht erkennen kann, was es wird, reicher.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein dienstfreies, erholsames Wochenende!

  5. Hm….ich dachte die Arbeit in der Klinik ist vergangenheit. Hab ich was im Buch überlesen? Freu mich tierisch über die neuesten Geschichten aus dem Alltag des Krankenhauses.

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