Es waren zwei Königskinder…

Als das Telefon klingelt, liege ich gerade am Pool und schlürfe genüsslich MaiTais in mich hinein, während die Kinderlein malerisch durchs Wasser plätschern und der Gatte fürsorglich meine Füße knetet. Es dauert gefühlte Stunden bis ich kapiere, dass das Klingeln mitnichten aus der Tiefe meines Kaltgetränkes heraufschallt, sondern aus dem Apparat neben meinem Bett. Meinem Dienstbett. Ein verschafenes Blinzeln auf das beleuchtete Display verrät zwei Dinge: Es ist spät und es ist die Ambulanz.

Ich (gähnend): „Josephine – wer stört?“

Schwester Notfall (mürrisch): „Zwei Kinder!“

Ich: „Nofall – du hast dich verwählt – ich bin die Frauenärztin. Der Pädiater schläft woanders!“

Notfall: „Die Kinder bekommen ein Kind! Du bist dran…“

Ich (greinend): „Muaaaah – ich will nicht!“

Notfall (ungnädig): „Dann solltest du dich nach einem anderen Job umsehen!“ Sprichts und legt auf.

Ich quäl mich also aus meinem warmen Nest, stolpere in Schuhe und Kittel und mach mich auf den langen Weg in die nächtliche Ambulanz. Dort harrt Schwester Notfall bereits geduldig meiner Ankunft und drückt mir ungefragt einen dampfenden Pott Kaffee in die Hand.

Notfall: „Hier – ist frisch!“

Selbst wenn die Welt unterginge – meine Lieblingsschwester hätte irgendwo zwischen Erdbeben und Sinflut immer noch eine Kanne brühend heißen Kaffees versteckt. Unglaublich!

Ich: „Danke – wo sind die Zwei?“

Mit einem kurzen Kopfnicken zum nächstgelegenen Ambulanzzimmer weist die Schwester mir den Weg und verschwindet dann in den unendlichen Weiten der nächtlichen Flure. Ich nehme einen tiefen Schluck aus dem Pott und betrete das Zimmerchen, wo – in der Tat – zwei Kinder sitzen!

Ich: „Guten Morgen! Ihr seid sicher, das ihr hier richtig seid?“

Okay – das ist NICHT mein gewohntes Intro, aber auf den Stühlen vor mir sitzen ein gefühlt 9-jähriges Schwesterchen, winzig klein und klapperdürr, sowie das dazugehörige Brüderchen – nur unwesentlich größer und kaum 12 Jahre alt. Schwesterchen (welches laut Notfallschein tatsächlich schon 16 Lenze zählt) hält mir schüchtern ihr durchscheinendes Händchen entgegen.

Sie: „Hallo. Ich bin schwanger und habe starke Schmerzen!“

In den großen, babyblauen Augen steht das Wasser gefährlich hoch und Schwesterchens Stimme zittert gefährlich, aber ihr Händedruck ist angenehm fest und beinah erwachsen. Süß die Kleine. Ich merke, wie mir das Mutterherz aufgeht.

Ich (am Schreibtisch Platz nehmend): „Okay, Schwesterchen – erzähl mal. Was genau hast du für Probleme und seit wann?“

Nun – seit dem frühen Abend brennt es wohl beim Wasser lassen und vor zwei Stunden wurde sie dann mit starken Schmerzen wach. Schwanger sind die Königskinder seit 18 Wochen und  bis jetzt war alles ganz okay – sieht man davon ab, dass Mami mit erschreckenden 50 kg Ausgangsgewicht jetzt gerade mal noch 45 kg vorzuweisen hat.

Sie (stolz): „Drei Kilo hab ich aber schon wieder zugenommen!“

Whow – DA bin ich jetzt aber beruhigt…

Brüderchen sagt die ganze Zeit über gar nichts. Dafür hält er Schwesterchens Hand, ganz lieb, und streichelt mit der anderen immer mal wieder über den Minibauch unter grünweissem Ringel-Pullover.

Ich: „Okay, Süße – du hast da auf alle Fälle einen ordentlichen Harnwegsinfekt. Dein U-Stix leuchtet quasi im Dunkeln. Jetzt schauen wir mal, ob es dem Baby auch gut geht, dann bekommst du ein Rezept für Antibiotika und alles wird gut, okay?“

Schwesterchen nickt eifrig, während Brüderchen anstalten macht, das Zimmer zu verlassen. Herrjeh – wenn ich die Beiden nicht schon längst ins Herz geschlossen hätte – gerade eben wäre es dann ganz sicher passiert! Ein Kerl, der kaum älter ist als mein Golden Retriever, aber weiss, wie man Pluspunkte bei der diensthabenden Frauenärztin sammelt. Ich bin FAN!

Ich: „Brüderchen – du darfst gerne bleiben und zuschauen, wenn deine Partnerin nichts dagegen hat.“

Hat sie natürlich nicht, und so werden beide Eltern kurze Zeit später Zeuge, wie ihr Nachwuchs lustige Kapriolen in Form von Purzelbäumen vorwärts und rückwärts auf dem Monitor meines Ultraschallgerätes schlägt. Schwesterchen laufen ein paar stille Tränen die Wange herunter, während Brüderchen strahlt wie eine 100-Watt-Glühbirne.

Und weil sie so lieb sind, die Königskinder, und sich so arg freuen, über das Baby in diesem winzigen Bauch, außerdem noch nicht einmal anstalten machen, von sich aus danach zu fragen, tue ich, was ich mir eigentlich schon vor Ur-Zeiten abgewöhnt habe – ich schiesse ein ganz schönes Profil-Bild vom Baby-Königskind. Und drucke es nicht einmal, sondern gleich zweimal aus, drücke eines der Mama und das andere dem kleinen Papa in die Hand. Und als der mich dann mit Pipi in den Augen anschaut und das Bildchen, nachdem er liebevoll drüber gestreichelt hat, ganz vorsichtig in seinem abgenutzten Kindergeldbeutel verstaut, mir anschließend gefühlte zehn Minuten die Hand schüttelt, bevor er still mit seinem Mädchen von dannen zieht – muss ich doch auch einmal feste Schlucken. Hatte wohl etwas ins Auge bekommen… ;)

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34 Kommentare zu “Es waren zwei Königskinder…

  1. Ach Du Scheiß….. nun gut – jetzt hoffe ich ganz ganz feste, daß die beiden das beibehalten können über volle Windeln, kurze Nächte und schwere Zeiten. Schließlich sagt das Alter der Eltern nichts darüber aus, ob man gute Eltern wird oder eben nicht. Eine Freundin war auch erst knappe 18 und war wirklich ne gute Mutter.

  2. Ich kenne weder die müde noch die ausgeschlafene Josephine und auch die beiden Königskinder nicht – dennoch schwappte gerade eine Riesensympathiewelle aus meinem Bildschirm. Tschüss, muss erst mal wischen gehen!

  3. Bei dem Alter der Eltern denkt man ja erst an die üblichen Klischees, aber dann kommts mal wieder anders als man denkt. Die zwei sind soooo lieb :) Da geht einem das Herz auf!

    (netter Typo übrigens: Da du dich nicht entscheiden konntest, ob Notfall eine Tasse oder Kanne Kaffee für dich hat, hast du einfach mal ne „Tanne“ draus gemacht ;))

  4. Ach wie herzerwärmend. Ich habe mit einer Ausschweifung gerechnet, wie viel zu jung die beiden noch sind, aber ich wurde positiv überrascht. Wie schön diese Zeilen geschrieben sind. So wattig und plüschig und roséfarben. Hach.

  5. hui…hier fliegen aber auch grade viele sachen rum, die man ins auge kriegen kann…*unauffälligrauswisch*…da wird dem mutterherz ja ganz schwummrig…süße geschichte!!
    gruß, heike

  6. Wie jetzt, nur ein läppischer Harnwegsinfekt? Es kann sich doch nur um ein „Vorspiel“ handeln bei Brüderchen und Schwesterlein … davon wollen wir aber noch VIEEEEL mehr lesen, gell ;-)

  7. Da war er wieder, der Augenblick, wo einem bewusst wird, daß man doch den schönsten Beruf der Welt hat!! *schnief* Danke für’s dran erinnern ;)

  8. hach Josephine, sind das nicht Momente, die die ganze Mühsal des Lebens (na ja, zumndest einen Teil davon) vergessen lassen.
    Ich liebe solche Geschichten, sofern sie aus dem wirklichen Leben stammen.
    Liebe Grüße
    Hajo

  9. Ziemlich viel Sand heute in der Luft…
    Vielen Dank für diese schöne Geschichte und dein Einfühlungsvermögen den Beiden gegenüber.

  10. Danke! Was für eine schöne Geschichte! Wenn sie entbindet und Du bist dabei, erzählst Du uns das dann bitte? Ja? Jaa? Auch wenn es unspektakulär ist? Jaaaaa??

  11. Das war das Beste, was du bisher geschrieben hast…
    einfach gigantisch…egal wie oft man es liest, man ist immer wieder gerührt und geschüttelt!! Vielen Dank auch an die beiden Königskinder :-)

  12. Das ist – zuviel Staub in der Luft – so berührend, ich bin in Tränen aufgelöst. Danke fürs Schreiben!
    Die Königskinder, Romeo und Julia. *Tränen trocknet*
    Sathiya

  13. Wirklich herzallerliebst.

    Es ist doch immer wieder schön, wenn (aufkeimende) Vorurteile so lieb entkräftet werden.

  14. Soooo schön geschrieben. Ach Gottchen. Meine Hormone *tränchen wegwisch* Das freut mich sehr sehr sehr, wenn die beiden Ihr Baby und auch sich selbst bereits so lieben. Hat mich an meinen „Unfall“ (ne Eisenstange wurde mehr oder weniger in meinen Bauch gerammt) im Dezember erinnert. Da hat mir mein Arzt auch einfach aus Mitleid ein 3D-Bild vom Baby geschenkt, weil ich eigentlich außer panischem Angstgeweine nicht viel sagen/machen konnte, obwohl ich ja GESEHEN habe das es der Bauchmaus wunderbar geht *hachz*

  15. Hach, das ist ja ruehrend und ausserdem eine nette Abwechslung von den stereotypischen Sehrjungeltern.

  16. Liebe Josephine,
    vielen Dank für deinen Blog!
    Ich arbeite seit 16 Jahren in einer Unifrauenklinik als Hebamme.
    Immer wenn ich mir denke OMG, warum hab ich mir in Zeiten, wo nur noch Verrückte und Asoziale
    (Sorry) Kinder bekommen, so einen Beruf ausgesucht, passieren Dinge die mich doch noch zutiefst rühren. Dann weiß man gleich wieder warum man es doch noch so gerne macht!
    Weiter so, liebe Grüße

  17. Zwei 13jährige treffen sich..

    Er: Willst auch ne Kippe?
    Sie: Nein danke, ich bin schwanger.

    Wenn Kinder Kinder kriegen :)

    Viel Glück für die Beiden, sie könnens brauchen.

  18. Also Pipi in den Augen ist ziemlich schmerzhaft, und da kann man nur hoffen, daß die Tränendrüsen das ziemlich schnell wieder rausspülen.
    Aber davon abgesehen: dafür lohnt es sich doch, geweckt zu werden, oder?

  19. Mir muss ebenfalls gerade etwas ins Auge geflogen sein *wegwisch*

    Hach, was für eine wundervolle Geschichte! <3

    Sie trifft mit absoluter Sicherheit genau ins schwummrige Mutterherz!

    Vielen Dank dafür!

  20. Diesen Eintrag hab ich bei meinen Favouriten und lese ihn immer mal wieder. Und jedes Mal krieg ich was ins Auge…

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