Neulich bei der Bratwurst-Frau…

Es ist Mittag. Ausserdem Sonnig. Und ich habe frei. Auf meinem Weg durch die Stadt und der immerwährenden Suche nach neuen Schuhen tollen Vitaminen komme ich an einer Bratwurst-Bude vorbei. Und denke: „HUNGER!“

Vorsichtig schiele ich über die Schulter – nicht, dass plötzlich ein Chaos-Kind ganz unverhofft hinter mir her getrottet ist und böse anklagend den Finger hebt „Moooooom – später gibt es doch was Vernünftiges!“ Tolle Vitamine und so, ihr wisst schon. Aber nein – kein Kind weit und breit, alle in der Schule unter. Und auch sonst niemand, der diese kleine Sünde an (familiäre) Dritte weitergeben könnte. Also schleiche ich mich todesmutig von rechts an die Bude heran, als…

Bratwurst-Frau (fürderhin BwF abgekürzt): „FRAU DOKTA!!!!“ *brüll*

Verdammt – man hat mich erkannt.

BwF (über beide Backen strahlend wie ein frisch geklopftes Schnitzel): „Das is´ abba schön, das sie man hier vorbei schauen! Woll´n wohl auch ma ´n Würstchen?“

Eigentlich wollte ich ja Schuhe…

Ich (empathisch zurückstrahlend): „Hallo Frau BwF – Wie geht es denn so?“

BwF ist eine Patientin. MEINE Patientin, um genau zu sein, und das alle paar Wochen mit immer demselben Beschwerdebild…

BwF (an die älteren Herren vor mir gewandt, die bereits euphorisch auf ihren lecker Würsten herumkauen): „DAS“ ruft sie ihnen ins Gesicht und wedelt mit ihrem kleinen, Bratwurst-Fett-verschmierten Finger in meine Richtung „DAS is´ MEINE Frau Dokta!“

So – damit DAS mal klar ist!

Die Männer, beide weit über die sechzig, schauen mich interessiert kauend an, grüssen freundlich und nicken dann einträchtig mit den Köpfen – Soso, die Frau Dokta is´das! Das´ ja ´n Ding!

„Hallo!“ grüße ich also brav zurück und nicke ebenfalls freundlich. Dann hätte ich gerne meine Bratwurst bestellt – doch BwF hat anderes im Sinn.

BwF (brüllt – die Strasse hinauf und wieder herunter): „Frau Dokta – guuut, das ich sie seh´ jetzt – ich hab´ da wieder so ein Problem…“

Nee – bitte! Ernsthaft jetzt? An der WURSTBUDE?

Nervös blicke ich zu den kauenden Männern hinüber, die mich wiederum interssiert anschauen und zur Abwechslung aufmunternd Synchron-Nicken. „Wie gut, das die Frau Dokta g´rade g´kommen ist“ nuschelt der Eine beifällig und spuckt kleine Wurststückchen in meine Richtung.

„Frau BwF“ flüstere ich verschwörerisch, in der Hoffnung, die Lautstärke der guten Frau dadurch ein wenig herunterregulieren zu können „Frau BwF – wollen sie nicht vielleicht die Tage in der Klinik vorbei kommen – dann können wir das Problem ganz in Ruhe…!“

BwF (unvermindert weiter brüllend): „Frau Dokta – sie machen sich KEINE Vorstellung, was da gerade los ist…“ und vollführt mit der Wurstzange in der Rechten bedeutungsschwangere Bewegungen gen Boden.

„KEINE VORSTELLUNG machen sie sich!“

Und OB ich mir eine Vorstellung mache – geradezu BILDLICH taucht diese Vorstellung vor meinem inneren Auge auf…

Die beiden freundlichen Herren haben ihre Würste gegessen, doch statt einfach ihres Weges zu gehen, stehen sie nur da und schauen mich interessiert an. „Keine Vorstellung…“ murmelt der Ältere kopfnickend, während sein Kumpel zustimmend grunzt.

Wenn DIE wüssten, was jetzt gleich kommt – sie würden hier nicht mehr so ruhig herumstehen, ganz sicher nicht…

Ich (beschwörend): „Frau BWF!!! Ein Würstchen, BITTE!“

Resolut stopft BwF die gewünschte Wurst in ein unschuldiges Brötchen, packt beides sorgsam in zwei weisse Servietten, hält mir die ganz Nummer aufmunternd unter die Nase und ruft, strahlend von dem einen Öhrchen zum anderen:

„SO EINEN PILZ hab´ ich inner Mumu – das ham sie ganz sicher noch NIE gesehen! DAS sach ich ihnen! Ganz grün und krümmelig und RIECHEN tut das…!“

Den älteren der beiden Herren musste ich beinahe noch reanimieren – so doll verschluckt hat der sich an seiner frisch gegessenen Bratwurst. Meine hab ich dann heimlich in den nächsten Mülleimer geworfen. War kalt geworden…

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42 Kommentare zu “Neulich bei der Bratwurst-Frau…

  1. *Ieeehpfuibähigittigitt* Eine Frau völlig ohne Scham. (Und ich meine NICHT die Haare. DAS Detail kennt wohl nur Josephine, und so soll es bleiben…)

  2. Ich muß mir abgewöhnen, beim lesen zu essen oder beim essen zu lesen :-)
    Wieder mal ne starke Geschichte !

  3. Frau kann aber auch wirklich nicht erwarten, dass alle Leute wissen, wie DISKRETION buchstabiert wird :-) – Vielleicht von vornherein Bratwurstwunschgedanken in die Ecke schieben und in gleicher Lautstärke zurückbrüllen – mal sehen, wer länger durchgehalten hätte. *schon allein beim Gedanken werde ich rot*

  4. Also mir fehlt da ne Hirnwindung, um solche Menschen nachvollziehen zu können *dummausderWäscheguck*

  5. Bleibt nur die Frage offen: Wie oft wäscht sich die Frau am Tag die Hände *würg*
    Zum Thema Frauen ohne Scham kann ich auch ne kleine Geschichte beisteuern, ich schwöre so sehr hab ich mich noch nie fremdgeschämt!
    7. Semester Vorlesung Gyn, Thema: Harninkontinenz: Alle Anwesenden *wegpenn*
    bis zu dem Moment wo die biedere Dozentin von den „Vaginaltampons“ berichtet, die man in die Scheide einführt, damit die Harnröhre eingeengt wird. Soll gegen Pipi in der Hose helfen. Da meldet sich die 45jährige Spätstudierende mit den Worten: Also was da auch super hilft sind so Plastikostereier und jetzt versteh ich auch warum das so ist! Da bin ich nach der Geburt meines 3. Kindes ganz zufällig draufgekommen und seitdem habe ich die immer drin!
    Hätte sich irgendwo eine Erdspalte aufgetan: das ganze Semester wäre kollektiv reingesprungen!

  6. OMG nee oder? Mir ist gerade der Salat vor Ekel wider noch gekommen. Danke, Danke, Danke für die tollen Erzählungen. Dein literarisches habe ich schon verschlungen. Allerdings muss ich wohl die Stelle verpasst haben, ob es bei der einzigen Lieblingstochter geblieben ist. LG Anja

  7. Ganz großes Kino! Wirklich! :-)

    Habe die Geschichte meinen Eltern beim Mittagessen vorgelesen, worauf die beiden nicht nur vor Lachen wiehernd vom Sofa gefallen sind, sondern ich dank fehlender Kau-Lach-Koordination auch noch beinahe zwei Reanimationen gehabt habe. Gleichzeitig, versteht sich… ;-)

    Einzig meine schwangere Schwägerin fand das gar nicht lustig. Kann gar nicht verstehen, warum. Mein Bruder hat auch gelacht…trotz beinahe tötender Blicke besagter Schwägerin.

  8. *wüüürg*

    Sorry, aber… Was’n das für eine?
    Und immer wieder weiß ich, warum mich nix in der Welt vom Arztberuf überzeugen konnte.

    • Ooooch – ich hatte ganz ohne Ärztin zu sein vor vielne Jahren mal ein ähnliches Erlebnis in einem Zugabteil. Mittelalte Dame mit Rock saß schon drin, das Abteil war als ich dann auch noch drin saß voll. Irgendwann löste sie die vorher damenhaft übereinandergeschlagenen Beine voneinander und ging in den „Herrensitz“ – alsbald durchschwebte ein nicht zu ignorierender Fischgeruch das Abteilchen und die Anwesenden begannen sich grünlch zu verfärben sowie langsam ihre Siebensachen zusammenzupacken. Sie blickte in dien Runde und meinte „jau, dat stinkt gezz aber schon watt arg. Worgen geh ich nachn Dokta“

      Sänk ju vor trävvelink wiss deutsche bahn…

      • Iiieh! Und wie skurril ist das denn?! Manche haben echt kein Schamgefühl.
        Aber lachen musste ich schon, wie du das geschildert hast :-)

        Der arme Dokta, der sich da näher rantrauen muss. Gru-se-lig!

  9. Uuuuäääähhh, igittpufibäh! *schüttel*
    Da kann man nur hoffen, dass sich die Gute immer brav die Hände wäscht.

  10. Och neeeeeeeeeeeeeeeee! Ich kann NIE WIEDER was essen!
    Hm, das macht Ihren Blog zu ner super Diät…melden Sie das doch mal als solche an! :D

  11. Unfassbar. Bäh!
    Wenn man sowas Nicht-Gesundheitssystem-Arbeitnehmern erzählt, dann wettet doch jeder darauf, dass das zumindest größtenteils ausgedacht ist. Das komische ist ja aber, dass die Realität oft noch viel absurder ist als die ausgedachten Geschichten von Schwarzwaldklinik und Co.
    Vielen Dank für den netten Blog!

  12. FRAU DOKTA!! Ich hab jetzt ganz schlimme Bilder in meinem Kopf… kann jemand bitte das Kopfkino abstellen? *heul*
    Die Wurst hätte ich auch nicht mehr essen wollen. *brrrrrrrrrrrrrr*

  13. *örks* Geht so gar nicht… Ich geh auch nicht mehr in der Cafeteria Mittagessen, seitdem ich zwei Erlebnisse der besonderen Art hatte: Alte Dame setzt sich zu mir an den Tisch und fängt nach kurzer Begrüßung an, mich über Konsistenz und Häufigkeit ihres Durchfalls zu informieren.. nicht, daß ich danach gefragt hätte… Und beim 2. Mal sitzt die örtliche Eisdealerin mit am Tisch und informiert über das eitrige Exsudat ihrer Bauchfistelgänge…. Herzlichen Dank auch…

    LG

  14. ‚Meine hab ich dann heimlich in den nächsten Mülleimer geworfen. War kalt geworden…‘
    Danke Josephine, you made my day :)
    Ich und meine Mama haben zusammen sehr lange gelacht, sie war übrigens auch in der Gyn. tätig :)

  15. Guter Freund von mir hat mal seine geschiedene Mutter zitiert, die über ihren Ex sagte: „Alles was von dem geblieben ist war’n Pilz.“ Er wollte das auch nicht so genau wissen….

  16. ächt jetzt, frau dokta…ich hab grade nen halben kinderriegel auf den laptop-monitor gelacht…oder besser gespuckt…*kicher*
    DAS war echt gut!! :-)))))

    lieben gruß,
    heike

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