Alles eine Frage der Ehre…

„Mal ernsthaft jetzt, Josephine – Arzt sein ist doch nie im Leben so schlimm, wie du immer tust. ODER?“

HEH? Wie jetzt???

Wiederwillig öffne ich mein linkes Auge und schiele über zentimeterdicke Aloe-Algen-Alles-Wird-Gut-Maske zu der Frau binüber, die bis vor zwei Sekunden meine beste Freundin war. Okay: Zweit-beste Freundin. Korrigiere: EX-Zweitbeste Freundin.

Ich (nun minimal angefressen): „Und was genau bewegt dich zu dieser völlig haltlosen These? Die Honig-Haferschleim-Maske oder das Ginseng-Törtchen von gerade eben?“

Es ist der dritte Donnerstag des Montags, weswegen Jo und ich – wie jeden dritten Donnerstag im Monat seit gefühlten 200 Jahren – beim Frauenverschönerer unseres Vertrauens in überteuerten Gesichtsmasken, wohligen Massagen und tränentreibender Pediküre schwelgen. Zum Rahmenprogramm gehört ausserdem: Lecker Prosecco (wahlweise Heineken aus der Flasche) und seichte Konversation. Grundsatzdiskussionen über das Arztsein an sich gehören definitiv NICHT auf die Liste.

Doch Jo scheint im heutigen Tageshoroskop den Jupiter im dritten Haus, direkt hinter Kassiopeia der kessen gehabt zu haben. Sie ist aufmüpfig. Und nicht zu knapp…

Jo: „Weil du immerhin genug Geld verdienst, um dir einmal im Monat DAS HIER“ *AusschweifendeGesteNachRechtsUndLinks* „leisten zu können…“

Ich (ehrlich erbost): „Und was ist mit DIR? DU bist schließlich auch hier?!“ Kerzengerade und brässig wie-nur-was hocke ich jetzt auf meinem Schönheitsstuhl, während Johanna sich völlig entspannt die Rapunzel-Kurpackung ins Haar kleistern lässt.

Jo: „ICH habe schließlich reich geheiratet. Und das war jetzt auch gar nicht bös, ich mein ja nur…“

Pffff – ich MEIN ja nur…

Ich: „Arzt sein ist wohl voll schlimm. Immer die Dienste…!“

Jo blinzelt jetzt ebenfalls unter ihrer goldglänzenden Klebmaske zu mir herüber und verzieht den Mund zu einem breiten Grinsen

Jo: „Jaaaaaaaaaa – die Dienste! Totschlagargument Nummer eins. Aber ich dachte immer, du liebst deine Dienste?! Vor allem die, bei denen etwas los ist, zwei oder mehr Geburten, bla-laber-sülz. Wie war das noch gleich?“

Okay, Punkt für die Frau mit dem Kleb im Gesicht.

Ich: „Aber du machst dir keine Vorstellung, WAS da alles nachts in so einer gynäkologischen Ambualnz aufläuft…

Jetzt kommt Leben in die Frau unter dem Kleb – denn auch Johanna rappelt sich nun unter dem sanften Protest der Frauenverschönerin aus der Horizontalen in die Senkrechte und prustet mich empört an. Naja – eigentlich prustet sie lediglich den Schleim aus, der ihr gerade in goldgebem Fluss über die Stirn, an der Nase vorbei direkt in den Mund läuft.

Jo (empört): „HAH! Ich kenne ALLE Geschichten aus jeder verdammten Nacht, denn DU hast sie mir alle erzählt. Und – Hand aufs Herz, Baby – die ein oder andere Party wäre nur halb so lustig gewesen ohne all die Perlen, die du da immer wieder aus deinem Anekdoten-Schmuckkästchen zauberst…!“

Kurz halte ich den aufkeimenden Protest zurück und denke nach – ist das so? Ich meine – IST das WIRKLICH so? Und siehe da – es IST so! Nichts ist schöner, als all die kleinen und großen Geschichten, die Menschen erzählen, weil sie mit Menschen zu tun haben. Und da ist es auch absolut egal, ob diese Menschen Richter sind, Elektriker, Fleischereifachverkäufer oder Landwirte. Fakt ist nur, dass die wahrscheinlich unglaublichsten Geschichten immer auch in Krankenhäusern und Arzt-Praxen geschrieben werden. Darüber zum Beispiel, wie ein ganzes OP-Team, vermummt und höchst steril gewaschen, eine geschlagene Dreiviertelstunde lang durch einen OP-Saal pilgert, um eine verloren geglaubte Kompresse zu suchen…

Oder wie einst Hebamme O-Helga zur Geburt in die Badewanne gefallen ist. Der alte Chefarzt der Neurologie, der so gerne seine Oberärzte geohrfeigt hat. Und wie lecker Salat schmeckt, wenn man ihn aus Nierenschalen essen muss…

Ich (sanftmütig unter meiner Aloe-Algen-Alles-Wird-Gut-Maske): „Okay – du hast völlig recht. Arzt sein ist nicht einmal halb so schlimm, wie ich immer tue…!“

„Siehst du“ seufzt Jo wohlig in ihrem Stühlchen „alles eine Frage der persönlichen Einstellung!“

Ich (fast schon eingeschlafen): „Nee – alles eine Frage der Ehre…“

Advertisements

7 Kommentare zu “Alles eine Frage der Ehre…

  1. Die Geschichte mit o-helga in die Badewanne rutscht muss ich überlesen haben…wenn sie allerdings noch gar nich erzählt wurde, bitte bitte nachholen :P

    ich kann nicht oft genug sagen wie toll ich dein schreib style liebe!

    liebe grüße
    angi

    • Wäre aber auch dafür! Hoffentlich ist sie vor der Geburt in der Wanne gelandet. „Glückwunsch, ihr Kind ist – eine Hebamme?“ :D

  2. Du könntest ja auch mal die trübe Seite des Arzt daseins aufschreiben damit es nicht immer klingt wie „alles prima und lustig“ und bitte die Geschichte mit der Badewanne…

    Gruss
    Müsli

  3. Ja, solche Geschichten machen die Arbeit doch immer wieder toll und zaubern einem auch lange Zeit später noch ein lächeln ins Gesicht, egal in welchem Beruf. Z.B. mit welch verständnislosem Blick einen ein 6jähriger (um ca. 1 Jahr entwicklungsverzögerter), die Augen verdrehend und die Hände in die Höhe hebend ansehen und dabei höchst wissend sagen kann „Na von Star Wars natürlich“ weil man eben nicht weiß wer Anakin ist ;-)

  4. Wir lieben unseren Job, wir jammern über unseren Job – einfach und angenehm ist wirklich anders … aber … das muss sich beides ja nicht ausschliessen, oder?

  5. Bloß weil man fiese Geschichten lustig erzählen kann heißt das noch lange nicht das der Job ein Zuckerschlecken ist…

  6. Abgesehen von einem nicht-vorhandenen Medizinstudium (aus guuuten Gründen): ich könnt das nicht. Immer diese Dienste. Und all die Kranken. Gut, bei dir ist es ja (vermutlich) meist schön: was Produktives, denn da kommt ein Menschlein auf die Welt.
    Aber da ich berufsbedingt weiß, wie manche Menschen so gepflegt sind – oder vielmehr nicht – wäre das nix für mich.
    Ich bewunder Mediziner ja, Fachrichtung egal. Haben ja das gleiche Studium durchlaufen.

    Aber bei all der Tristess und der Mühen mancher Berufe: das hier ist ja keine Berufsberatung, sondern Unterhaltung. Deshalb, bitte: keine fiesen Storys. Lieber so Badewannen-Geschichten :-)

    Ich finde es eh sinnvoller, dass man sich an das Gute erinnert, an das Lustige, Schöne, Komische. Deshalb lese ich hier ja mit ;-)

    Und bitte, bitte: was ist denn mit der Badewanne?

    *ein Törtchen naschen geht*
    Conny

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s