Chaos gegen Notfall: Und es geht einfach IMMER weiter…

Froh, Frau Fontane doch noch los geworden zu sein, hänge ich nun über den üblichen zwei Dutzend Formularen, die pro ambulanter Patientin ausgefüllt sein müssen, und schreibe mir stöhnend die Finger wund.

„Bin ich Sekretären? NEIN, bin ich nicht. Aber warum komme ich mir vor, als wäre ich Sekretärin? Weil ich in zwei Nachtdiensten mehr Papier vollschreibe, als Frau Löblich in zwei Wochen!“

Norma Löblich ist des Chefs Sekretärin, ein wahrer Ausbund an Arbeitseifer und eine Rakete an der Tastatur. Ich schwöre: Ich bin schneller!

„Warum muss ich für EINE Patientin FÜNFHUNDERT verschiedene Papiere ausfüllen, huh???“ – Frustriert hämmere ich auf die vorsintflutliche Computertastatur ein – „Warum muss ich ÜBERHAUPT irgendetwas ausfüllen? Sechs lange Jahre Medizinstudium – ich sollte nichts anderes tun müssen, als Menschen zu heilen! Kinder zur Welt bringen! HERZEN transplantieren!“ MENNO!

Okay, vielleicht rede ich mich gerade ein wenig in Rage, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich in diesem Leben noch mal ein Herz transplantieren werde. Aber weil ich doch gerade so schön in Fahrt bin…

„Überhaupt – wer schreibt heute noch irgendetwas in olle Papierakten? Im Zeitalter von Gigabyte und RAM? Papier ist out. Over AND out. Dammich noch eins…!“

Dammich ruhig ist es hier…?!

„Notfall?…“

Suchend dreh ich mich auf meinem Höckerchen einmal um die eigene Achse…

„NOTFALL???“ *brüll*

Erschrocken fährt meine Schwester von ihrer Liege hoch, wo sie gerade gemütlich vor sich hin genickt hat, und blickt verwirrt um sich. „Häh? Was ist los? Biste bescheuert, Josephine? Warum brüllst Du hier so rum?“

„Es wird nicht geschlafen während ich arbeiten muss“ muffel ich beleidigt „hol lieber mal die Nächste rein, sonst sitzen wir morgen noch hier!“

Eingeschnappt klettert Notfall vom Notbett und zupft sich mit säuerlichem Gesicht den Kittel zurecht

„Jawohl, Mylady. Sofort, Mylady. Darf es zuvor noch etwas sein? Tässchen Baldrian? Krümelchen Valium?“

Sehr witzig – ich lach mich tot!

Notfall zieht beleidigt von dannen. Draussen höre ich sie rufen „Frau Kunkel-Heinzmann – bitte! Dr. Chaos geruht sie jetzt zu empfangen!“

Leidlich verwirrt kommt die Patientin hinter der Schwester zur Tür herein gestiefelt und blickt sich suchend um. Wahrscheinlich erwartet sie bei „geruhen“ und „empfangen“ den Chefarzt zu treffen. Oder besser noch: Professor Brinkmann! Ich blitze die Flunsch ziehende Schwester böse an, die jedoch hoch erhobenen Hauptes an mir vorüber und zur anderen Tür hinaus stolziert.

„…dringend Kaffee. Bei der Laune…“ hör ich es noch brummen, dann ist sie weg. Auch gut. Dann arbeite ich eben alleine weiter. Pfff…

„Frau Kunkel-Heinzmann, nehmen sie Platz und erzählen sie kurz, was sie hierher führt“ – zu nachtschlafender Zeit und ohne den kleinsten Anschein eines bestehenden Notfalls. Hab ich natürlich nicht laut gesagt!

Nun – Frau Kunkel-Heinzmann hat einen bösen, bösen Scheidenpilz (seit vorgestern) und benötigt die gute, gute Scheidenpilzcreme (rezeptfrei in ihrer Apotheke erhältlich). Mit einem Privatrezept über ebendiese und leicht angesäuert („Abba dann muss ich die ja selber zahlen…?!) zieht sie zehn Minuten später wieder weiter. Ich mache den tausendneunundsiebzigsten imaginären Strich hinter „unnötige Ambulanzvorstellung“ und wir kommen endlich zum Höhepunkt der heutigen Abendbesetzung: der fraglichen Pille danach!

„NOTFALL!!!“ *brüll*

Auftritt der Schwester von rechts, den obligatorischen Kaffepott in der Hand. Immer noch beleidigt…

„Komm schon, Notfall…!“ setze ich versöhnlich an, als

*RIIIING* – Diensttelefon!

Ich: „Josephine – im Chaos? Wer stört?“ – Okay, ich weiss schon, wer stört. Steht ja auf dem Display. Der Chirurg ist´s. Und mir schwant übles…

Luigi: „Josephine – ich bins!“

Ich: „Isses wahr…?!“

Luigi: „Du hast mir da eine Patientin geschickt…“

Ich: „Frau Fontane – Und?“

Luigi: „Die hat nix…!“

Ich: „Ach nee!…“

Luigi: „…Nix CHIRURGISCHES!“

Ich: „Sorry! Willst du eine Beileidskarte?“

Luigi (verständnislos): „Häh? Nein! Du sollst sie zurück nehmen!“

Ich: „Ich soll bitte WAS?“

Hat der noch alle Latten am Zaun???

Luigi (verschwörerisch flüsternd): „SIE_ZURÜCK_NEHMEN!“

Ich: „Und warum sollte ich so etwas dummes tun?“

Luigi (jetzt ein bisschen empört): „Na – weil sie einfach nix hat! Und weil sie doch eine Frau ist!“

Ich (streng): „Luigi, mein Guter – dann schick sie gefälligst nach Hause!“

Luigi: „Aber wenn sie doch nicht WILL!“ Jetzt weint er fast ein bisschen am anderen Ende der Leitung „Du wirst es nicht glauben – sie hat damit gedroht, sich so lange in der Umkleidekabine einzuschließen, bis ich sie stationär aufnehmen!“

Ich: „Na – dann mach das doch einfach. Soll sich halt dein Tagdienst morgen damit rumschlagen!“

Luigi (jetzt wirklich fast am heulen): „Aber Messer wird mich UMBRINGEN!“

Oberarzt Dr. Messer ist Luigis Pendant zu meinem Doktor Napoli – der fachärztliche Hintergrund. Und Messer ist ein Chiurg vom alten Schlag: groß und furchteinflössend. Luigi selbst geht mir bis etwa zum Bauchnabel und ist so beängstigend wie Winnie the Pooh.  Ich sehe es bildlich vor mir, wie er seinem Oberarzt zur Frühbesprechung klar zu machen versucht, dass er eine (chirurgisch) kerngesunde Frau in einem Krankenhausbett für schlappe 350 Euro pro Tag zwischengeparkt hat. Das wird NICHT lustig…

Ich: „Luigi – ernsthaft, ich fände es ungemein traurig, wenn Messer dir morgen den Kopf abreisst, ihn anschliessend in Beton giesst und dann irgendwo in den unendlichen Weiten der Tuntra verscharrt, aber ich habe gerade selbst zu tun. Lass dir etwas einfallen!“

Dann leg ich auf.

Notfall: „Fast tut er mir ein bisschen leid…!“

Ich: „Nix da – der ist immerhin alt genug, um jede Krankenschwester zu poppen, die nicht bei drei auf dem Baum sitzt. Dann kann er auch mal Mann genug sein, sich gegen seinen Oberarzt zu wehren. Wollen wir jetzt bitte unser beinah poppendes Pärchen herein holen?“

Notfall: „Pfff – als ob DU jemals irgendjemand irgendwoher holst…!“

Doch dann wackelt sie brav nach draussen und holt Romeo & Julia herein.

Es dauert seeeeeehr lange, bis sich die beiden Turteltäubchen im Wartezimmer auseinander dividiert und leidlich wieder angezogen haben, dann kommen sie giggelnd und kichernd zur Tür herein gehöppelt, reichen mir giggelnd und kichernd die Hand und setzen sich mir giggelnd und kichernd gegenüber. Auf EINEN Stuhl. Ist klar! Kaum hingesetzt wandert Romeos Hand auch schon wieder unter die Bluse seiner Julia.

Das glaub ich ja nicht – haben die Drogen genommen oder was?

Ich (mütterlich autoritär): „So, Mädels, jetzt mal Schluss mit Petting hier, das ist eine Ambulanz und kein Freudenhaus! Was wollt ihr!“

Während Romeos Hand sich ungeniert weiter ihren Weg zu Julias jugendlich prallen Brüsten bahnt, blitzt der Kleine mich böse an und blafft: „Hey, Doc,´schbin doch kein Mädschen!“

Eh – nee, Schnellmerker!

Ich (kurz vor unwirsch): „WAS_WOLLT_IHR?!“ Lest es mir von den Lippen ab!

Julia: „Die…hihihi….Pille….Schatz – LASS DASgiggel …danach!!!

Trommelwirbel – Fanfarenstösse! Werft Konfetti!

Notfall steht schon grinsend mit Pinkelbecher und Schwangerschaftstest neben mir.

Ich: „Hier, Julia – einmal vollmachen bitte!“

Verdattert schaut das kleine Ding mich an „Abba – warum das denn? Ich hab nix an der Blase?“

Notfall rollt beeindruckend mit den Augen, während sie es sich wieder auf der Liege bequem macht, den dampfenden Kaffeepott schön in Reichweite.

Ich: „Wir müssen einen Schwangerschaftstest machen um sicher auszuschließen, das du nicht schon schwanger bist! Dann darf ich die Pille nämlich nicht rezeptieren!“

Empört zieht Romeo jetzt doch endlich die Hand vom Busen der Geliebten und fuchtelt mir stattdessen mit dem Zeigefinger derselben vor meiner Nase herum.

„Ey, Doc – wos DENKSCHT du eigentlich? Wir sind doch nischt SCHWANGER!“

Nee, hoffentlich nicht… – aber das sag ich selbstverständlich nicht laut! Notfall rollt derweil in solch atemberaubenden Tempo die Augäpfelchen herum, das ich fürchte, sie könnten gleich – der Zentrifugalkraft folgend – aus ihren Höhlen fliegen und gegen die Wände klatschen…

„Ey, Kleiner!“ parier ich jetzt leidlich genervt und schiebe mir seinen schmuddeligen Finger aus der Sicht „Kein Schwangerschaftstest – keine Pille danach. Klar?“

Klar! Die Puppe zieht samt Becher von dannen, während Romeo zu unser aller Unterhaltung zurück bleibt.

„Ey, voll Scheisse immer alles. Isch bin doch nisch so blöd und mach der gleich ein Kind, ey Mann! Was denkscht du warum wir jetzt voll hier sind, huh? Weil wir voll net schwanger sein wollen!“

Ja, nee, is´ klar! Schon mal was von Pille davor gehört? – Hab ich aber auch nicht gesagt. Ist schon 23 Uhr 45, da kostet Privatunterhaltung extra…

Julia ist dann auch bald wieder da und Notfall hält dann auch gleich den Test-Streifen ins mitgebrachte Becherchen und 30 Sekunden später…

„SCHWANGER!“ brüllt die Schwester strahlend. Und sieht dabei aus, als hätte sie gerade verkündet, dass unser Traumpaar die Reise auf die Seychellen inklusive Vollpension und First-Class-Flight gewonnen hat.

„DAS KANN NISCH SEIN!“ sagt Romeo. Dasselbe denke ich seufzend auch. Das Julia sagt nichts.

*RIIIIIIIIIIING*

Ich: „Josphine, wer stört?“ Menno – immer wenn es spannend wird!

„Obermeier-Wendig! Hallo Josephine!“

Och nööööööö – Juliane Obermeier-Wendig, genannt O-WE, die nervigste internistische Assistenzärztin südlich der Milchstrasse! Ich WILL DAS NICHT…

Ich: „Juliane – was gibt’s? Du rufst gerade ein wenig unpassend…

O-WE: „Ich habe hier eine Patientin, die ich dir gerne schicken würde – 32 jährige Frau mit Unterbauchschmerzen…“

NEE! ÄCHT JETZT?

Ich: „Juliane – spar dir den Sermon! Ich KENNE Frau Fontane bereits. Ich habe sie sogar als allererste gesehen – lange bevor Luigi The Pooh sie an dich weiter geturft hat!“

O-WE (verständnislos): „Luigi-WER?“

Romeo: „Hey, Doc! Was isch jetzt mit uns?“

Ich seufze ein bisschen. Es ist 23 Uhr 52 und das Ende noch längst nicht nah…

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23 Kommentare zu “Chaos gegen Notfall: Und es geht einfach IMMER weiter…

  1. Cool! Gerade hab ich noch darüber nachgedacht wann wir wieder etwas von dir lesen können und schon kommt die Nachricht zum weiteren schmökern 😊😊 Super 👍

  2. YES, ick freu mir!
    Hihi, ich hatte schon ein wenig Entzugserscheinungen nach deinen Geschichten.

    Aber Romeo und Julia- die beiden und schwanger? Och nööö… :-P Besser nicht.

    Freu mich auf die Fortsetzung.
    Liebe Grüße,
    Conny

  3. *lach* Es war ja so klar, dass der Test positiv ist! Jetzt bin ich aber sehr gespannt, ob Romeo und Julia die Ambulanz immer noch gemeinsam verlassen und wer Frau Fontane am Ende aufnimmt :D

  4. JUHU, endlich gings weiter…
    und jetzt? Wann kommt die Fortsetzung von Romeos und Julias Schwangerschaft? Und wie ging die Nacht für Frau Fontane weiter???

  5. Also das mit der „Pille davor“ hättest Du noch anbringen können … :-)
    Nee – is schon klar. Nachts um kurz vor 12 wäre ich auch nicht mehr sehr redselig.

  6. Also der Test kann ja auch falsch positiv sein. Rein statistisch wäre das möglich (und angeblich sogar wahrscheinlicher als ein 6er im Lotto), medizinisch begründet geht es aber auch. Wenn z.B. ein Chorionepitheliom oder ein Keimzelltumor genug hCG produziert – Zack – zeigt der Urintest „Schwanger!“ an. Die Frage ist da natürlich – was will man da lieber, ein Kind oder einen Tumor?

  7. Ich weiß irgendwie gar nicht, wieso ich mir immer die Pille davor hole? Ist doch viel zu umständlich. Ich versuch das jetzt auch mal andersrum. Dann lern ich vielleicht auch nette Gyn – Doktorinnen im Krankenhaus kennen. Also falls es nachts mal wieder langweilig ist.
    Gibt’s eigentlich irgendeinen Rekord, wie lange wahrscheinlich gesunde Patienten von einem Arzt zum anderen geschoben wurden, bevor sie irgendwer aus dem Krankenhaus bekommen hat?
    (Abgesehen davon – ich mach deinen Schreibkram und darf dafür „live“ dabei sein? ;-) Das wäre mir die Schreiberei sogar wert *hihi*)

  8. Ok, ich will unbedingt wissen, was mit Frau Fontane weiter passiert.
    Und ich hoffe, Julia wird bei Dir entbinden in 9 Monaten, DAS wär ja nochmal spannend. Und wie nimmt Romeo die Schwangerschaft auf? Sooo spannend!!!

  9. liebe Josephine, es ist ja bekannt, dass Du zu Übertreibungen neigst:
    z.B. bei „zwei Dutzend Formularen“ verschwiegst Du, dass diese aus Durchschreibpapier besteht:
    6-lagig: ergibt „nur“ läppische VIER Seiten ;-)
    und was die „vorsintflutliche Computertastatur“ betrifft: die hat sich grundsätzlich nicht seit Anbeginn der IT nicht geändert (sieht ma von dem angebissenen Apfel ab).
    “Jawohl, Mylady. Sofort, Mylady. Darf es zuvor noch etwas sein? Tässchen Baldrian? Krümelchen Valium?”!!!!!
    viel „Spass“ weiterhin :-D

  10. „Tässchen Baldrian“ – hihi, das ist nett. ABer ob das hilft? Es ist bereits 1:02 und noch immer keine Fortsetzung zu sehn …
    … bitte, bitte weitermachen, es ist doch grad soooo spannend! ;)

  11. Ich tippe mal auf eine kürzliche Neubesetzung der Stelle als Romeo und der allerliebste Junge wird jetzt mit den Begleiterscheinungen der Rolle als Nachfolger vertraut gemacht …. *G* Erklärungsnöte bei Julia und keine Pille danach?

    PS: Hänger sind blöd … ;)

    • Hänger sind total blöd! Da will ich mit der Frau ins Bett unds Schnebberle hängt schon wieder nur müde herunter!

  12. … wieder so ein Cliffhanger …. seufz ….
    Es würde mich nicht wundern wenn Romeo darauf bestehen wird, das Kind sei nicht von ihm und dann das Weite sucht.
    …. wir werden sehen …… :)

    LG Anja

  13. Ist das verbot die Pille danach nicht an Schwangere zu verschreiben rechtlich oder medizinisch begründet?

    • Es ist ein rechtliches Problem. Verschreibst Du die Pille danach einer schwangeren Frau, so wird das formal als Schwangerschaftsabbruch gewertet, welcher in Deutschland nicht mal eben so durchgeführt werden darf.

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