Chaos gegen Notfall – zweite Runde!

Nummer 2 auf der heutigen Show-Down-Liste des Abends ist Anfang Dreissig und völlig unspektakulär – „Ich glaub, ich hab mir die Blase verkühlt“ lässt sich mich bereits beim Hände schütteln wissen. Und dann: „Ähm – ist das lustig?“

„Selbstverständlich nicht! Kein bisschen…!“ Und noch während ich Frau Blase den Pinkelbecher in die Hand drücke, muss ich Notfall ein kleines bisschen die Zunge raus strecken. 1 : 0 für die Frau mit dem abgeschlossenen Medizinstudium. Ich wünsche mir Pizza mit allem drauf.

5 Minuten später ist unser Harnwegsinfekt samt Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel auch schon wieder weg – könnte es doch nur immer so einfach sein.

Die Nummer 3 hingegen ist schon nur vom Anschauen her ein weites Feld – die klassische „Alles-oder-Nichts-Patientin“: Entweder hat sie wirklich richtig Pein oder schlicht ein bisschen Langeweile. Ich tippe verschärft auf letzteres.

Frau Fontane ist 34 Jahre alt, zurecht gemacht als hätte sie den Abstecher in unsere Ambulanz ihrem Weg ins Staatsballett zwischen geschaltet und EXTREM mitteilungsbedürftig.

FF: „Ach, endlich komme ich auch mal dran. Ich sitze ja nun schon seit Stunden hier herum. Da fragt man sich doch, wofür man in die Krankenkasse einzahlt, wenn man als Notfall stundenlang unbeachtet auf einem harten Stuhl auf Hilfe warten muss…“

Mir kommen gleich die Tränen. Ächt jetzt!

Ich: „Das tut mir leid. Was haben sie denn für Beschwerden?“

FF: „Ich habe SOLCHE Schmerzen!“ Spricht´s und schaut mich erwartungsvoll an. Also – erwartungsvoll und nicht wirklich schmerzgeplagt. DAS kann ja lustig werden..

Ich (gaaaaanz ruhig): Wo tut es genau weh, seit wann und kam das früher schon einmal vor?“

Die Patientin fischt nun einen Kalender aus ihrer Tasche und blättert aufgeregt darin herum. „Also – zum allerersten Mal hatte ich dieses Ziehen und Drücken am dritten…“ – „Diesen Monats?“ – „Nein – am dritten September“ – „WHOW! Das ist ja schon MONATE her?!“

Notfall, die es sich entspannt auf der Untersuchungsliege hinter der Patientin bequem gemacht hat, hüstelt leicht amüsiert vor sich hin, was ihr einen bösen Blick von mir einbringt. Kein Kasperltheater im Rücken der Frauen soll das heissen. Wo ich doch immer gleich zu lachen anfangen muss.

Ich: „Okay, WO tut es denn genau weh?“

„HIER – überall!!“ Frau Fontane vollführt nun weit ausholenden Bewegungen mit beiden Armen über ihren Bauch, die Oberschenkel, Hals und Kopf.

„Vielleicht sollten wir röntgen? Mensch in zwei Ebenen?“ nuschelt Notfall in ihren nicht vorhandenen Bart und grinst aufmüpfig zu mir herüber. Na warte, Schwester – das zahl ich dir noch heim!“

FF (erfreut): „JA! Vielleicht sollten wir röntgen?“

Ich (energisch): „JETZT untersuche ich sie erst einmal – wenn sie sich denn mal in unserer Umkleidekabine unten herum frei machen wollen?“

Und wie sie will. Keine drei Minuten später steht mein Ganzkörperschmerz wieder vor uns – splitterfasernackt, wie der Herr sie geschaffen hat. Notfall klammert sich jetzt mühsam an der Vaginalsonde fest, während sie – von unterdrücktem Lachen gebeutelt – Name und Geburtsdatum unseres Nackedei ins Gerät klöppelt.

Ich (leidlich irritiert): „Ähm, Frau Fontane – unten herum hätte es völlig getan – wollen sie sich vielleicht wieder ein bisschen anziehen?“

Nee, das will sie mitnichten. Und hüpft vergnügt auf den Untersuchungsstuhl. Na gut – dann eben nicht. Frau Fontanes Bauch tastet sich während des Untersuchend so weich wie ein Daunenkissen. Null Abwehrspannung, keine Resistenzen – nada. Was sie jedoch mitnichten davon abhält, in den höchsten Tönen vor sich hin zu jammern. „Au – Oh – Nein. Aua! Achtung…! Weh! Oh Gott! DA! Ja! JA! JAAAAAAAA!“

Meg Ryan hat die Nummer in Harry und Sally auch nicht besser hin bekommen.

Unter beschwichtigendem Zureden arbeite ich mich vorsichtig weiter. Bisschen Eierstöcke tasten, bisschen gucken, bisschen schallen – während meine Patientin weiterhin schreit und stöhnt, was die Lunge her gibt….

Ich (nur minimal genervt): „Frau Fontane? FRAU FONTANE?“

Gehorsam hält sie nun kurz inne und schaut mich fragend an „Ja?“ – „Sie können sich wieder anziehen – ich bin fertig!“ – „Oh – gut!“ Spricht´s, hüpft behende vom Stuhl und verschwindet erneut in der Umkleidekabine.

Ich (streng): „Notfall – das ist NICHT lustig!“

Doch meine Ambulanz-Schwester sieht das völlig anders. Mit hochrotem Kopf und maximal Schweiss auf der Stirn hängt sie über meinem Schreibtischtuhl, den Kopf auf die Tastatur des Computers gebettet, und lacht als gäb es kein Morgen mehr.

„Die…Frau…ist…VÖLLIG…Banane…!“ keucht sie mühsam zwischen zwei Lachsalven. Jepp, das ist sie in der Tat. Aber sonst völlig gesund. Mal schauen, wie ich ihr das am besten rüber bringen.

„UND“ fragt sie dann auch erwartungsfroh, als sie wieder manierlich gekleidet vor mir sitzt „WAS ist es?“

„Nichts!“ – „Wie – nichts?“ Frau Fontane ist sichtlich irritiert. „Aber ich habe doch SCHMERZEN! Hier…!“ wedelt mit der Hand über Bauch, Hals und Beine „…und da!“ wedelt mit der anderen Hand über Oberschenkel und Knie. „Seit dem DRITTEN September!“ Und starrt mich vorwurfsvoll an.

Ich seufze ein kleines bisschen. „Frau Fontane – was auch immer es ist, das ihnen solche Beschwerden macht – es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit NICHTS gynäkologisches!“

„Die Eierstöcke?“

„Unauffällig!“

„Gebärmutter?“

„Nein!“

„Vielleicht eine Entzündung? Pilz? Eileiterschwangerschaft?“

„Nein, nein und ganz sicher NEIN!“

„Ja – und was soll ich jetzt machen???

Das ist eine verdammt gute Frage – am allerbesten: nach Hause gehen und Ruhe bewahren. Wird sie nicht hören wollen…

„Von mir aus können sie nach Hause gehen. Vielleicht eine warme Wärmflasche und…“

„ABER ICH HAB DOCH SOLCHE SCHMERZEN!!!!“

Sag ich doch!

„Aber sie sehen nicht so ganz doll nach Schmerzen aus!“ gebe ich vorsichtig zu bedenken. Notfall nickt beifällig. Und es scheint, als denke Frau Fontane tatsächlich kurz über meinen Einwand nach.

„Vielleicht ist es der Blinddarm!“ Naja – kam nicht so ganz viel raus beim Denken…

„Nein!“

„Die Galle? Nierensteine? Magenschleimhautentzündung!“

Ich will gerade zum wiederholt hunderststen Mal verneinen, als….

Notfall (mit einem Satz von der Liege springend): „KLAR! Das ist garantiert die Galle! Oder ein Nierenstein! Oder alles zusammen!“

Frau Fontane lächelt glücklich – endlich jemand, der sie versteht. Und ich – frage mich, ob Notfall noch alle Latten am Zaun hat.

„Notfall….?!“

„JA! Und deshalb schreibt die Frau Doktor jetzt ein hübsches, kleines Konsil für die Kollegen der Inneren und Chirurgie! Und die werden ganz bestimmt herausfinden, was ihnen fehlt!“

Mit ihrem breitesten, freundlichsten Lächeln reicht die Schwester mir den grünen Konsiliar-Zettel, während meine Patientin in froher Erwartung auf ihrem Stuhl herumrutscht. Grinsend fülle ich den vorgelegten Bogen aus, grinsend wähle ich die Nummer des chirurgischen Dienstes und grinsend übergebe ich mein weites Feld an den Kollegen Luigi:

„Luigi – Patientin mit unklarem Ganzkörperschmerz. Gynäkologisch absolut unauffällig. Schick ich dir rüber!“

Luigi (greinend): „Und was soll ICH noch mit ihr machen? Die Weiber haben doch IMMER was gynäkologisches. Das lernen wir schon im ersten Jahr der Facharztausbildung!“

Ich (immer noch grinsend): „Tja, mein Lieber – dann musst du jetzt mal umdenken. Diese Frau hat nämlich nichts. Gar nichts…“ Frau Fontane zieht eine Schnute, während Notfall – entspannt auf der Liege liegend begeistert beide Daumen in die Höhe streckt „…ich meine: Diese Frau hat gar nichts gynäkologisches. Vieleicht machst du mal einen Röntgenaufnahme. Mensch in zwei Ebenen….!“

Dann leg ich auf. Und entlasse meinen wandelnden Ganzkörperschmerz zufrieden in den Orbit nächtlicher Diagnostik.

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24 Kommentare zu “Chaos gegen Notfall – zweite Runde!

  1. …dann geht Frau Fontane heim und jammert, dass sie die ganze Nacht im Krankenhaus war, die NICHTS gefunden haben, wo sie doch solche Schmerzen hat…

  2. Patiententennis vom Feinsten, Aufschlag Josephine.
    Nur: Beim Tennis muss man immer damit rechnen, dass früher oder später was zurückkommt und pariert werden möchte. ;-)

  3. Äh… was BITTE treibt denn einen gesunden Menschen ins Krankenhaus und dazu, Schmerz vorzutäuschen?!?!? Langeweile kann das doch nicht mehr sein, oder? Für mich klingt das eher nach einem Fall für den Seelendoktor….

  4. Ihr seit ja alle so negativ. Ich schmeiße jetzt mal mit (zusammenhanglosen) Fachwörtern um mich rum und Weissage aus meinem Kaffeesatz: Frau Fontane hat metabolische Myopathie. So! ;-) Ich empfehle des weiteren keine „Mensch in zwei Ebenen“-Aufnahme sondern eine Ganzkörpertomografie (damit es sich auch lohnt), eventuell direkt gefolgt von einem Ganzkörper-MRT (bei dem man gleich unauffällig die Hirnaktivitäten bildgebend auswerten kann). Außerdem sollten eine Magen- sowie eine Darmspiegelung auf jeden Fall mit dabei sein – man weiß ja nicht…

    Aber mal ne ganz andere Sache: Euer 4.000,-€-Vaginalschallkopf ist ja das Universalteil schlechthin. Erst dient es Rosi-Resi (oder war es Resi-Rosi?) als Beruhigungssauger. Dann hilft es Schwester Notfall, vor Lachen nicht von der Pritsche zu fallen. Und Untersuchungen scheint man damit sogar auch machen zu können. Wow. Darf ich mal vorbeikommen? Ich will das Dings auch mal – ääähhh… – „ausprobieren“… :-D

    Wobei immer noch unklar ist, was nun aus dem verschlungenen Päarchen im Warteraum wird, welches immer noch auf dem harten Holzstuhl sitzen muss. Konnte er ihr zwischenzeitlich schon die Unterwäsche wechseln? Wird es gelingen, die beiden auf dem Untersuchungsstuhl ohne Verlust von Blut oder anderen Körperflüssigkeiten zu trennen? Wird ein Notfallchirurgenteam zu Hilfe gerufen werden müssen? Braucht man gar die Fachkompetenz eines Veterinär-Mediziners? (Ich habe mal über solcherlei „Probleme“ bei Canidae gelesen…) Wo liegt das wirkliche Problem der beiden? Und wer muss nun schlussendlich wem die Pizza ausgeben? Fragen über Fragen. Frau Dr. Chaos, wir warten gespannt auf die Fortsetzung!

    • Gibt es dafür ein Rezept? Wenn Du das auf Deinem Blog scheibchenweise postest, sind Dir millionen treue männliche Leser sicher… :-D

  5. Muhaha, und ich bin nen Wimpernschlag davon entfernt, dir aufgrund deines Schreibstils ne Liebeserklärung zu machen :-)
    Du bist echt der Hammer!!!
    Made my day ;-)

  6. Ich habe zwar nichts mit Medizin zu tun, aber ich tippe auf das Münchhausen-Syndrom. Frau Fontane muss die Klinik verwechselt haben, die psychiatrische wäre sicher besser gewesen. Aber bei Luigi ist sie schon erstmal ganz gut aufgehoben. >Ironie off.

  7. Ich bin SO froh, dass ich als BetäuBär immer nur die Leute zu sehen bekomme, die es in den OP oder auf Intensiv schaffen. Oder die es noch hinbekommen haben, der 112 eine halbwegs überzeugende Geschichte zu erzählen. (Naja. Je nachdem, wer so in der Ambulanz oder Leitstelle sitzt gibt’s auch da mal „akutes Nichts“, aber die Frequenz ist deutlich niedriger ;)

  8. Ich hab beim Lesen eigentlich fast drauf gewartet, dass Luigi sie stehenden Fußes zurück zu euch schickt mit dem Hinweis, es könnte vielleicht doch irgendwas gynäkologisches sein…

  9. Luigi fährt dann ein CT und bringt euch daraufhin die Patientin wieder zurück:
    „Ich hab da so eine komische Struktur zwischen Blase und Rektum gesehen“
    „Das ist der Uterus“
    „Also doch was gynekologisches!“

  10. Ganz klarer Fall von ADS. Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Frau Fontane braucht Ansprache und ein bißchen hochwirksame Medizin. Ein Dragee B12, büschn Folsäure, vielleicht eine Spur Magnesium oder ein wenig Zink. Wegen dem Haarausfall, der wahrscheinlich der Grund für die Schmerzen am Kopf ist. Und die uneingeschränkte Zustimmung zu allen ihren Ansichten ist ganz, ganz wichtig. Bedächtig und mit leidender Miene nicken, wenn Frau Fontane ihren baldigen Tod verkündet. Bedeutungsschwangere Seufzer und Hand-auf-Hand-legen. Tiefe Blicke in die Fontane’schen Augen. Schon ist die Patientin glücklich. Nachteil: Evtl. ist sie angefixt und kommt einmal die Woche, manchmal auch öfter, wenn Dr. Josephine gerade nicht im Dienst ist. Dann muss man schlimmstenfalls jahrelang einmal die Woche bei Frau Fontane tüddeln.

  11. Privatpatientin .. das wäre doch noch was an Sahne obendrauf. So richtig mit Chefarzt und Einzelzimmer und Professor Dr. Schießmichtot als nähere Verwandschaft. Ich sehe da ein paar Aspekte, die der armen Frau noch erhebliches Nervpotential verschaffen würden.

  12. Meine Schwester hatte als Kind auch solche „Anfälle“ – allerdings zu Hause und nicht beim Arzt, weil meine Eltern die hypochondrische Tochter deswegen garnicht zum Arzt gebracht haben (man kennt ja seine Pappenheimer). Die Standardantwort meines Vaters war dann immer: „Zeig her. Oje, ich glaube, wir müssen gipsen.“ Mittlerweile ist die Schwester normal, aber der Ausdruck „wir müssen gipsen“ ist bei uns zum Synonym geworden für „der stellt sich nur an“. :-)

  13. XDDDDD Wie großartig. Wie gerne würde ich meinen Kerl einfach abschieben können, wenn dieser gerade mal wieder einen hypochondrischen Anfall hat -.-

    • Gisbert, da müssen wir Frauen durch. Die Kerle sterben, wenn sie einen leichten Schnupfen haben, aber alles ernsthafte ist „Nichts“. Mein Paps hat uns über eine Woche einen Leistenbruch verschwiegen. Jetzt wartet er auf einen OP-Termin. Sein grösstes Problem dabei: „Die rasieren mir den Bauch! *mimimi* „

  14. Echt der Brüller. Ein Seelendoctor, bei dem sich die Dame ausquatschen kann wäre auch nicht schlecht gewesen. Irgenwie tun mir solche Leute schon irgendwie Leid.

    LG
    ~Anja~

  15. Pingback: Herzlichen Willkommen beim PsychoSomaDoc! « PsychoSomaDoc

  16. Hallo,
    vielen Dank für den spannenden Beitrag. Ich habe mir erlaubt, diesen Fall auf meinem neuen Blog einmal unter psychosomatischen Gesichtspunkten, also unter Berücksichtigung von KÖRPER und SEELE ein wenig zu betrachten.
    Bin auf Weiteres gespannt. Liebe Grüße vom
    PsychoSomaDoc

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