Der Pate III und Ende

„UNVERSCHÄMTHEIT!! UNFASSBAR!! UNGLAUBLICH!! UNGEHEUERLICH!!!…“

Napolis schwarz glänzender Lockenschopf trieft vor Nässe, während er ununterbrochen weiter auf mich einbrüllt – jetzt vorzugsweise in seiner Muttersprache und schier atemberaubendem Tempo. Interessiert beobachte ich sein sekündlich roter werdendes Gesicht und versuche eher vergeblich, den Spucketröpfchen zu entgehen, die mir zahlreich entgegen fliegen. Wie gut, das der kleine Italiener auch mir nur bis knapp ans Kinn reicht. Soll er ruhig den ollen Chirurgenpyjama vollsabbern, da hängt schon genug anderer Mist drin.

„Signore Napoli, sie werden gleich einen Herzstillstand bekommen, wenn sie sich da weiter so hinein steigern. Jetzt kommen sie mal wieder runter!“

Chef Böhnlein ist ein Vermittlertyp. Auch jetzt, um halb acht in der Früh und mit einem Oberarzt im Status Tobsuchtsanfall.

„Erklären sie mir doch einfach mal in Ruhe, was eigentlich das Problem ist?!“

Also ICH weiß sehr genau, was das Problem des kleinen Macho-Italieners ist: Frauen gehören seiner Meinung nach nämlich samt Spaghetti-Topf an den heimischen Herd und keinesfalls in ein Krankenhaus. Höchstens, um dort kleine, italienische Babys zu gebären, aber keinesfalls zum Arbeiten. Und überhaupt gleich gar nicht als Ärztin. Hah! SO ist das nämlich!

Napoli grunzt wie ein angeschossener Pamplona-Stier und ich befürchte ernsthaft, meinen Gedankengang gerade laut zelebriert zu haben – hab ich aber nicht. Das Schnaufen galt dem Chef. Irgendwie…

„Diese Person…“

Genauso gut hätte er auch absolut unfähiges Wesen sagen können…

„…hat mich völlig unnötig mitten in der Nacht aus dem Bett geholt…

Ich muss gleich ein bisschen weinen…

„…und als ich dann da bin – als ich dann endlich DA BIN

Jetzt überschlägt sich das italienische Stimmchen gerade ein bisschen…

„…ist das Kind SCHON DA!!!

Isses wahr! Angedrohter UND durchgeführter Spontanpartus! Man führe sie zum Schaffott,

Ich verdrehe klammheimlich ein kleines bisschen die Augen und sehe überrascht, wie des Chefs Hautkolorit gerade zügig von zartrosé über mittelrot nach dunkelkarmin wechselt. Nanü – was jetzt?!

Chef: „Napoli – sie wollen mir nicht erzählen, dass wir hier zusammen gekommen sind, weil ihr Nachtschlaf unterbrochen wurde?!“

Böhnleins Stimme bekommt einen beinah unmerklichen Unterton, der genau nichts anderes bedeutet, als absolute Gefahr in Verzug. Weiß ich – kenn ich. Napoli offensichtlich nicht, denn der antwortet völlig arglos und immer noch schäumend vor Wut:

„SI! DOCH! GENAU DAS! DIESE PERSON HAT MICH MITTEN IN DER NACHT…“

„Raus hier.“

Es ist nicht mehr als ein leises, unheilvolles Grummeln, aber gerade deshalb hält Napoli jetzt wohl ernsthaft verwirrt in seinem Sermon inne. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben – der kleine Mann versteht gerade nur Bahnhof.

„Aber Cheffe…?!“

„Cheffe“ hebt nur drohend die linke Augenbraue, als Napoli schon fluchtartig das Zimmer verlässt. Ich folge in gebührendem Abstand und meine aus den Augenwinkeln kleine Rauchwölkchen aus Böhnleins Nase steigen zu sehen, bevor ich leise die Tür hinter mir schließe…

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25 Kommentare zu “Der Pate III und Ende

  1. So ein verkürzter Nachtschlaf ist aber auch fies. Wie konntest du ihm das nur antun?
    Ausserdem hättest du mindestens das Kind mit Gewalt im Bauch halten müssen. Stopfen, Keuschheitsgürtel, wasweißich. Das wäre das Mindeste gewesen ;)

  2. SOOOOOOOO klein, mit Hut und Absatz! Hat er verdient, aber es scheint zu befürchten, dass er das an dir auslassen wird.
    *lässt vorsorglich ein paar virtuelle seelentröstende Schokomuffins da*

  3. Hallo Jo, hier mal mein Gegenbesuch „umguck“ . Sehr amüsant. Bei mir haettest du im Kreißsaal deine helle Freude gehabt. Dreimal, jedesmal ab der 1. Wehe nach 4 Stunden, sauber abgenabelt :) Gruß kunstecht

  4. *g* nur weil er nich schlafen durfte, das kind spontan doch beschloss auszuziehen…. dürfen alle anderen auch nich schlafen ^^ ein wenig lebensmüde der gute würd ich mal sagen ^^

  5. Uuuuhhhh, traust du dich noch im Dunklen über die Krankenhausflure???? Bedenke: „The evil is always and everywhere!“

  6. der gute hat sicherlich wegen seiner 10 Kinder zu Hause geglaubt, in der Klinik mal endlich schlafen zu können und dann kam alles anders, dann sind die Schlaf-Sicherungen rausgeflogen………..

  7. Das hat mir jetzt ein richtig breites Grinsen ins Gesicht gezaubert :-)
    Aber „Ende“ bezieht sich hoffentlich nur auf den Paten und auf sonst nix, ne?

    Liebe Grüße,
    Conny

  8. Bleibt nur die Frage, warum Signore Napolis Haarschopf „vor Nässe trieft“: Platzregen? Platzwunde? Platzangst? Ader geplatzt? Platzlicher Schweißausbruch?

    Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Sie Frau Dr. Chaos sagen hören: „Werter Herr Oberar..zt, darf ich Ihnen einen Fön reichen?“ ;-)

  9. Pingback: neulich in der gynäkologischen Ambulanz… oder: wie das mit der Pille danach wirklich funktioniert « Medizynicus Arzt Blog

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