Der Pate – Teil II

Nachtschlaf im allgemeinen und Dienstschlaf im speziellen wird generell völlig überbewertet. Und so bin ich selbstredend hellwach und sofort da, als um 3.43 Uhr das olle Diensthandy sein immergleiches Lied anstimmt…

*RIIIIIIIIIIIINNNNNG*

What the f****…

Ich: „Hallo?“

Gloria: „Es sieht NICHT schön aus!“

Reden wird auch überbewertet. Wer sieht nicht schön aus? Und warum? Wollen wir etwas dagegen tun? Ernsthaft – jetzt, mittig in der Nacht? Ich brauche geschätzte 30 Sekunden, bevor die Bedeutung von Glorias Worten das Licht in meiner Großhirnrinde angeknippst und ein wenig hell ins Dunkel gebracht haben: Frau Wanne! Das CTG! Alles klar, ich komme jetzt!“

Als mein Bewusstsein das Wort „jetzt“ formuliert, stehe ich bereits im Kreißsaal, denn wenn du als Arzt erst mal ein paar Jahre heruntergerissen und so um die 500 Dienste durchgemacht hast, läuft der Notfallplan völlig autark. Abgelegt unter „Reflex“ im Hirnstamm oder so. Heisst im Klartext: Dein Körper rennt schon mal los, bevor dein Hirn überhaupt weiss, das es wach ist. Tolle Sache, das.

Frisch erwacht, wie Dornröschen, nachdem der Prinz es eine Runde in die Dornenhecke geschubst hat, stehe ich nun also im CTG-Überwachungsraum vor meine blonden Lieblingshebamme, die ihrerseits mit gerunzelter Stirn und unheilvollem Kopfwiegen die Eskapaden betrachtet, die BabyWanne gerade so produziert.

Gloria: „Es reagiert mit!“

Ich: „Nee, is´klar! Gibt es auch ein paar Neuigkeiten?“

Gloria: „Wir sind vollständig!“

Ich: „Werden wir denn auch spontan entbinden?“

Gloria: „Das ist noch nicht ganz klar!“

Es ist zum in die Tischkante beissen: Da sind wir nun so kurz vor fertig, und dieses vermaledeite CTG sieht aus, wie der Himalaya.

Ich: „Okay – lass uns ein bisschen MBU machen und dann Napoli anrufen.“

Gloria: „Du willst die Exekution noch etwas hinausziehen, hm?“

In der Tat. Napoli – ganz abgesehen von seinem aktuellen Brass auf mich – ist kein Freund von Nachtarbeit. Aber Nachtarbeit UND schlechtes CTG UND Brass auf die diensthabende Assistentin fällt eigentlich direkt in die Rubrik „Naturkatastrophe“. Und der kleine Italiener kann sowas von Tsunami sein, ich sach euch…

Also zapf ich dem Kindelein erstmal ein bisschen Blut am Kopf und stelle fest: datt Baby muss ein Kerl sein, es MARKIERT nämlich! Malt eine Badewanne nach der anderen aufs CTG und dabei geht es ihm SUPER! Alles palletti, wir haben Zeit. Zum schlafen beispielsweise. Und weil der Weg zu meinem Dienstzimmer (4. Stock, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen) so verdammt weit weg ist, schleiche ich mich klammheimlich in Kreißsaal Nummero V (uterusrot), den sowieso nie jemand benutzt, weil die Farbe der Wände einen nach spätestens 10 Minuten hochgradig aggressiv macht. Da hat der Innenarchitekt mal toll mitgedacht.

Mein Kopf hat kaum das Stillkissen berührt, als Graham Bells Erfindung schon wieder nervtötend vor sich hin rappelt. Ein Blick auf das Display verursacht augenblickliches Sodbrennen – Nachtschwester Clementine, eine der 7 Plagen, wünscht ärztliche Unterstützung.

Ich (jetzt schon genervt): „JA???“

Ich lausche in den Höhrer und vernehme nichts als schmatzendes Kauen. Dann schlucken. Und schlürfen. Ein Königreich für ein Stück Tischkante – ich bin nur noch nicht sicher, ob ich lieber mein oder doch eher Clementines Hirn dagegen schlagen möchte…

Ich (schwer genervt): „CLEMENTINE?! Ich bin DRAAAAAAAN!!!“

Am entgegengesetzten Ende der Leitung hustet es krümelig – die verfressene Schwester hat sich ganz offensichtlich akut an ihrem Nachtmahl verschluckt. Das wird heute nix mehr mit Nachtschlaf, Josephine, das seh ich jetzt schon kommen…

Clementine (hustend und prustend): „Josephine? Bist du es?“

Nee – es ist der Osterhase. Ich fass es nicht…

Ich: „Wen hast du denn wohl angerufen?“

Clementine: „Na – DICH? Wieso?“

Einatmen, Josephine, und ausatmen. Deine Stirn ist kühl und trocken – alles wird gut!

Ich: „Clementine – WAS LOS???“

Clementine: „Weisst du – Frau Ober-Untermeier wird doch morgen operiert…“

Ich: „Isses wahr…“

Clementine: „Laparoskopie! Weisst du?“

Ich: „Nee, keinen Schimmer. Ist aber auch egal – was WILLST DU?“

Clementine: „Nein, warte – ich war ganz falsch. Frau Ober-Untermeier bekommt gar keine Laparoskopie. Das ist ja Frau Döderlein. Kennst du Frau Döderlein?“

SO müssen sich Hitzewallungen bei beginnender Wechseljahressymptomatik anfühlen. Die Hitze beginnt unterhalb meines Brustbeines als mieses Brennen, breitet sich über Dekolleté und Unterkiefer gleichmässig nach rechts und links bis zu den Ohren aus und findet den finalen Höhepunkt im miesen Ganzkörperschwitzen. Nur das MEINE Hitze nichts anderes ist, als unterdrückte Wut, gepaart mit einem ordentlichen Schuss Schlaf-Entzugs-Verzweifelung.

Ich (verzweifelt): „CLEMENTIIIIIINE!!! Komm zu Potte!!!“

Clementine (schon wieder auf beiden Backen kauend): „Hat sich schon erledigt – Frau Ober-Untermeier ist zur Gebärmutterentfernung aufgeklärt!“

Ich: „Ja – UND???“

Clementine: „Das ist richtig so. Die Laparoskopie bekommt ja Frau Döderlein. Tschüüüs, Josephine, schlaf gut!“

Sprichts und legt den Hörer auf.

Ich bette mein Haupt müde aufs augenkrebsverdächtige Glücksschweinchen-Stillkissen und werfe einen letzten Blick auf die Kreißsaaluhr, welche tausendstelsekundengenau die Zeit ins dämmrige Dunkel von Kreissaal Nummero V (uterusrot) wirft: 4.32 Uhr! Unter idealsten Bedingungen wären das somit noch gute zwei Stunden Schlaf, wenn nicht….

RIIIIIIIIIIIIIIING

Ich schwöre, wäre Mr. Bell nicht schon lange tot, den heutigen Tag hätte er keinesfalls überlebt.

Ich: „JA?“

Gloria: “ Das CTG….!“

Ich: „War klar! Ich bin schon nebenan!“

Zweieinhalb Sekunden später starren wir zum wiederholten Male müde auf die endlos scheinende, grünkarierte CTG-Schlange, die malerisch zu unseren Füssen wallt.

Ich stirnrunzelnd: „Richtig schön ist anders…!“

Gloria: „Richtig schlecht auch…!“

Ich: „Das wird Napoli kaum gelten lassen, wenn wir ihn um diese Uhrzeit aus dem Bett schmeißen!“

Gloria: „Der wird dich sowieso ans Nordtor nageln wollen, selbst wenn du heute Nacht Vierlinge mit einwandfreien Apgar und pHs spontan und ganz allein entbinden würdest!“

Da hat sie Recht….

Ich: „Wann war die letzte MBU?“

Gloria: „Vor dreißig Minuten!“

Ich: „Gut – dann machen wir jetzt eine Kontrolle und DANN rufen wir ihn an. Dann gibt es wenigstens einen aktuellen Zwischenstand!“

Fünfzehn Minuten später….

Gloria (gerade zur Tür herein stürmend): „Was tust du da?“

Verblüfft starrt sie auf das Diensthandy, welches wütend scheppernd auf dem Schreibtisch liegt, während ich – Gummitiere kauend – auf der Couch herumlümmel.

Ich: „Ich brauche Nervennahrung – du auch was?“ einladend halte ich der blonden Hebamme die Tüte vor die Nase, während es weiter blechern aus dem Hörer dröhnt. „FRECHHEIT“ höre ich Napolis verzerrten Bass und „ENTLASSUNG“. Zweimal hat er sich vor lauter Schreierei schon so verschluckt, dass die Stimme nur noch kaum hörbares Quietschen war.

Fassungslos starrt Gloria erst mich, dann das wütende, schreiende Handy und schliesslich wieder mich an, schüttelt den Kopf samt blondem, fluffigen Pony und meint dann: „Und was tut er da drin?“

Ich schüttel achselzuckend den Kopf und schiebe mehr Fruchtgummi nach. „Keine Ahnung. Hat sich erst wach gebrüllt und hält sich nun selbst bei Laune. Er hat mich sogar explizit wissen lassen, welches Kleidungsstück er gerade anziehen muss, nur weil ich zu doof bin, um alleine zu entbinden.

JETZT zieh ich meine Hose an. DANN muss ich meine Schuhe suchen. Und JETZT hab ich meine Kinder geweckt – alles wegen IHNEN!“ – Ächt jetzt, ich schwöre, hat er gesagt!

„Das heisst, er ist jetzt gerade unterwegs hierher und brüllt dich derweil durchs Telefon an?“
„Völlig korrekt! Du hast es verstanden!“
„Und DAS lässt du dir bieten?“
„Mitnichten – deshalb liegt das Telefon ja auf dem Tisch. Eigentlich wollte ich ja gerne auflegen, aber er hat mich nicht zu Wort kommen lassen!“

Ich werfe einen traurigen Blick in meine Tüte – leer! Dann zur Hebamme: „Hast du irgendwo noch mehr Gummizeug?“

„Nein, leider – aber ich habe etwas viel besseres für dich!“ verschwörerisch blinzelt sie mir zu und zieht mich dann euphorisch von der Couch und hinter sich her nach Kreissal IV, hoffnungsgrün, wo wir nur kurze Zeit später Frau Wanne entbinden. Damm intakt, Apgar und pH lehrbuchmässig. Napoli wird mich in meine atomaren Bestandteile zerlegen.

Und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig im Nachbarkreissaal zu verschwinden, als das Unwetter in Form eines kleinen, entfesselten Italieners durch die Kreissaal-Doppel-Schnappschlosstür bricht…

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26 Kommentare zu “Der Pate – Teil II

  1. Ooooh, Josephine, das kannst du mir nicht antun. Schon wieder der Schnitt an der Stelle, an der ich eigentlich das Finale erwartete. Ich werd noch verrückt! :D

  2. Ich vermute, Du hast ihn NICHT darauf hingewiesen, dass seine Kinder vermutlich eher wegen seinem Gebrüll als wegen Deines Anrufs aufgeweckt wurden? *hust*
    Nein, ich hätt mich auch nicht getraut.
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht…

  3. Auch hier wieder – ich liebe deinen Schreibstil.
    Und – soll er dich ‚rauswerfen. Wirste halt Schriftstellering. Das klappt locker! Ächt jetzt!

  4. nuja.. hätt er mal net so nen Wind gemacht, wär er die Viertelstunde auch eher da gewesen und hätte die gute Frau mit eigenen Händen entbunden.
    klassischer Fall von selber schuld, Herr Napoli :D
    Josephine, ich hoffe schwer du hast das gut überlebt! Schön geschrieben, wie immer.. Wann kommt Teil III? :D

  5. O-o … grantige Oberärzte ruft man nicht für Damm intakt und sonst auch alles gut an …
    Aber ich kann es mir sowas von lebhaft vorstellen. Das leidige Thema, wird der Hintergrund nun gerufen, oder überlegt es sich das Kind und kommt gut raus. Ich sag ja immer: lieber haben als hätten. Aber leider sehn das die Herren Ober- und Chefärzte oft eben nicht so. Konnte Gloria wenigstens gut Wetter machen?
    Und eine Frage ist auch nicht geklärt? War es denn nun ein Junge???

    • Och, bei unbegründet ganz grantigen Oberärzten kann man als Assistent ja auch nachts um 3 noch mal auf Nummer sicher gehen wollen. Nicht, das man ihn in einer Entscheidung übergeht.
      ICH würde sowas natürlich NIE machen. Ächt jetzt nicht.

  6. Kann nicht so wild gewesen sin, Josephine ist noch da. In einem Stück. Zumindest lässt diese Kunstwerk es vermuten :-)
    Ich hoffe so sehr, dass es ein Buch wird. Bitte lieber Gynäkologengott, bitte!

  7. Liest sich super!! Ich glaube ich werde Fan von Krankenhaus-Blogs (aus Sicht des Personals)!
    Ich wünschte im Übrigen, dass ich Nerven wie Drahtseile hätte. Von deiner Gelassenheit möchte ich mir gern eine Scheibe abschneiden ^^

  8. Immer, wenn ich hier lese, schwanke ich in meiner Meinung, ob ich froh oder traurig sein soll, dass ich nicht Medizin studiert hab. *G*

  9. @ Mango: sei lieber froh

    Die Stelle mit dem _vom_Handy_aus_dem_Schlaf_gerissen-Automatismus kommt mir sehr bekannt vor.
    Uiui und bald hab ich das wieder und irgendwie freue ich mich darauf :-)

    Danke Josephine, es ist mal wieder (wie gewohnt) super geschrieben und ich freue mich jetzt schon auf mehr…

  10. Brüllende und zeternde Vorgesetzte, von jetzt auf gleich wechselnde Lage…herrlich, das ist ja wie früher :-) Ganz großes Kino, wirklich ganz groß ;-)
    Ob es wohl nächstes Mal maßgefertigte Schuhe aus Beton gibt?

  11. Ich glaub ja eher, dass er dich gar nicht mehr entlassen muss. Und du deshalb das ganze jetzt so locker hinnimmst ;-)

  12. Mehr, mehr, meeeeeehr *hüpft auf und ab* :-) SO genial geschrieben!!!
    Ich hoffe, deine atomaren Bestandteile sind noch alle an Ort und Stelle ;-)

    Conny

  13. Josephine,
    eine Woche, eine ganze lange Woche schon ist nix mehr gekommen! Das muß doch irgendwie weitergehen. Ich komme um vor Spannung!

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