Der Pate – Teil I

Schon mit dem Öffnen der Doppel-Schnappschloss-Tür schlägt mir der wunderbar heimelige Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen.
Ein kurzer Blick ins ‚Aquarium‘, unserem futuristisch anmutenden Zentral-Überwachungsraum, zeigt lediglich ein einziges, lehrbuchgerecht vor sich hin tuckerndes CTG ohne die kleinste Pathologie.

Ich trotte weiter zur Küche, wo Gloria-Victoria gerade, zeitgleich in einem riesigen Pott Kaffee herum rührend, wie festgenagelt auf ihr Handy starrt. Ihre sommersprossigen Bäckchen glühen zart roséfarben und ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen.

Als sie meiner Ansichtig wird, weiten die seegrünen Augen sich vor Schreck auf doppelte Größe:
„Josephine – um Gottes Willen, du siehst furchtbar aus!“

Dieser Tag fängt ja mal ganz großartig an…

„Oh, ja, danke, liebe Ex-Freundin, ich freu mich auch wie Schnitzel, dich zu sehen!“
Glorias freundliche Hebammenbäckchen stehen nun in flammendem Rot während sie hektisch Kaffee in meine Lieblingstasse schüttet.
„Es tut mir alles so leid!“ jammert sie durchaus glaubhaft beschämt und schiebt mir den liebevoll angerichteten Kaffee zu. „Konntest du ein bisschen schlafen heute Nacht – armes Ding du?“

Jetzt tut sie mir doch wieder leid in ihrer offensichtlichen Not und großmütig entschließe ich mich, sie nicht länger hinzuhalten.
GEORGE ist gestern Abend gestorben!“
„Ach sooooo!“ erleichtert bläst GV sich eine blonde Ponysträhne aus dem Auge „Gekocht oder Chinesisch?“
„Chinesisch!“
„Fussmassage?“
„Jepp!“
„Du Glückliche!“
„Hah – glücklich aber abgemahnt sowie arbeits- und OP-los! Und obendrein muss ich die nächsten Wochen permanent aufpassen, dass mich Napoli nicht doch noch mit einem hübschen Betonklotz an den Füssen im See versenken lässt….!“

„OH MEIN GOTT! Glaubst du wirklich, Napoli hat Kontakte zur Mafia?!“ Mit schneeweißem Gesichtchen, die Kaffeepad-großen, schwarzen Augen im krassen Kontrast dazu, steht mit einem Mal Bambi im Raum, das ‚Mafia‘ nur noch ein zartes, atemloses Hauchen.
Still und unauffällig wie immer hat sie sich in die Szenerie geschlichen und gerade noch die letzten Fetzen der Unterhaltung aufgeschnappt. Eines Tages wird sie mit dieser Nummer noch jemanden zu Tode erschrecken!

„Ja, klar doch. ‚Der Pate‘ wurde nach dem Vorbild von Napolis Großvater gedreht!“
ECHT jetzt?“
Bambi sieht aus als würde es gleich der Schlag treffen. Wie um alles in der Welt ist dieses Baby nur lebensfähig?!“
„Josephine!“ streng pufft Gloria mir in die Seite „Mach ihr keine Angst – sie glaubt doch immer alles!“
„Aber wie geht das, bitte? Glaubt sie etwa auch noch an den Weihnachtsmann? Klapperstorch?“ ich bin ernsthaft kurz vor verzweifelt. Die Frau ist erwachsen! UND hat studiert! Wie kann man da noch alles glauben, was einem erzählt wird? Selbst Chaos-Kind-Klein hätte mir diese Nummer mit dem Paten nicht mehr abgekauft!

Die Diskussion endet so abrupt wie sie begonnen hat mit dem Erscheinen des fraglichen Mafiosi-Sprösslings und Bambi zieht es vor, sich auf den am weitesten entfernten Platz nieder zu lassen. Sicher ist sicher.
Wenn man ehrlich ist – bei dem Riesen-Berg Unwetterwolken, die sich schwarz und bedrohlich über Napolis Kopf türmen, bin selbst ich mir nicht mehr ganz sicher, ob da nicht doch ein Funke Mordlust im Mienenspiel des kleinen Italieners zu sehen war.

Den Rest des Tages verbringe ich fast ausschliesslich mit langweiliger Stationsarbeit und damit, meinem Oberarzt aus dem Weg zu gehen. Was schwierig werden könnte, da wir zusammen Dienst schieben müssen.

Doch erst einmal funktioniert alles ganz prima. Ich nehme Patienten auf, gehe mit Bambi, Luigi und dem Sandmann gemütlich Mittag essen, und absolviere drei Kurzsprints zum Kreissaal: 33jährige Erstgebärende, Einleitung bei Terminüberschreitung. Schätzgewicht 3300 g, gut eingestellter Schwangerschaftsdiabetes.
Der Anruf zum ersten Sprint erfolgt 20 Minuten nach Einleitung – riiiiiiiieeeesen Badewanne auf dem CTG. Als ich keuchend und schnaufend im Kreissaal eintreffe, befinden wir uns Herztonmässig immer noch weit unterhalb von ’schön‘
„Bolus ist drin“ nickt Gloria mit kurz zu. ‚Bolus‘ bedeutet umgangssprachlich Wehenhemmer direkt in die Vene. Und tatsächlich – der Bauch der Schwangeren tastet sich bretthart. Den sogenannten „Wehensturm“ gibt es bei Einleitungen immer mal wieder. Meist bekommt man das Drama mit einer ordentlichen Portion Wehenhemmer zügig wieder in den Griff. Manchmal nicht.

„Mehr Bolus?“ Gloria schaut mich an, die Spritze im Ansatz

„Ja, hau rein!“ Die Herztonkurve wackelt immer noch bedenklich tief übers Grünkariert, mir deucht jedoch, ich hätte da gerade einen minikleinen Anstieg ausgemacht.

„Ist drin!“

Die Hände auf dem brettharten Bauch meiner Patientin stiere ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den CTG-Streifen, während mir das „TockTock“ des Wehenschreibers dumpf in den Ohren tönt. Ich muss da eigentlich gar nicht drauf schauen – anhand des Rhythmus ist völlig klar, dass wir uns immer noch weit entfernt von schön und gut befinden.

„Wie lange?“

„5 Minuten!“

„Wieviel Bolus?“

„6ml“

Okay – der Worte sind genug gewechselt, jetzt machen wir mal ein bisschen hinne…

„Frau Wanne – das ist leider ein bisschen viel Wehe für das Baby, wir gehen jetzt mal eben in den OP und holen den Knirps raus, okay? Alles wird gut!“

Frau Wanne sieht eher nach „mir wird schlecht“ aus, was ich super nachempfinden kann, während Herr Wanne wiederum, ebenfalls kaninchengleich, auf den länger werdenden CTG-Streifen starrt. Dann, von jetzt auf gleich…

Tock…….Tock……Tock…..Tock….Tock…Tock..TockTockTockTockTockTock

Whow – sofortige CTG-normalisierung unter angedrohter Notsectio! Was für ein unglaublich kooperatives Kind! Und so clever!

„Yeah – Baby hat scheinbar keine Lust auf Kaiserschnitt!“ Gloria strahlt euphorisch. Mit angehaltenem Atem schauen wir alle dabei zu, wie der Herzschlag sich auf gesunde und rhythmisch wohltönende 140 Schläge pro Minute einpendelt. Der Bauch unter meinen Händen tastet sich jetzt wieder prall und elastisch und ein Hauch Wangenrot kehrt ins Gesicht meiner Patientin zurück.

„Okay – dann hau mal ein bisschen die Bremse rein. So eine Nummer möchte ich heute nicht noch einmal haben! Ich schau dann später wieder vorbei!“

Mit „später“ meine ich irgendwann gegen Abend und am allerliebsten mit solch hübschen Begleitkriterien wie „Muttermund vollständig“ und Kopf auf Beckenausgang. Das wäre toll! Tatsächlich sind beim nächsten Notruf aus dem Kreißsaal gerade mal 40 Minuten vergangen, wobei die Badewanne freundlicherweise schon wieder am abklingen ist, als ich schwer keuchend und heftig transpirierend vorm Kreißbett stehe. Ich bin offensichtlich ein wenig aus dem Training – was sich schleunigst ändern muss, sonst bekomme ich nächstens vom Spurt zum Patientenbett noch einen Herzinfarkt.

„GLORIA! Was SOLL das? Ich sagte doch SPÄTER!“

„Ich WEISS!“

„Hast du die Wehenhemmung drin?“

„Klar!“ Gloria blitzt mich beleidigt an. „Ich mache IMMER, was du mir sagst!“

„Naja – bis auf die Nummer mit Malucci…!“

Gloria zieht Luft durch die Nase – böse Retourkutsche! Aber die Diskussion über den italienischen Loverboy muss jetzt erst einmal warten, bis wir die Badewannen-Nummer im Griff haben.

„Frau Wanne, sie sollten mal ein ernstes Wörtchen mit ihrem Nachwuchs reden – das hier ist kein schöner Zug von ihm! Das muss es unbedingt abstellen, sonst landen wir heute wirklich noch irgendwann im OP. Ächt jetzt!“

;

….To Be Continued…</em

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25 Kommentare zu “Der Pate – Teil I

  1. Ach herrje, ich ahne schreckliches. Sie haben doch OP-Verbot. Operiert der OA dann allein? Oder entscheidet sich das Kind für eine spontane Geburt?
    Man weiß es nicht, man munkelt nur …

    • Ich denke mal, OP-Verbot bezieht sich auf vorgeplante OPs, nicht auf Notsectio. Wäre ja doch etwas behämmert, wenn Josephine nachts der Schwangeren verklickert, dass der Sprössling zwar binnen 10 Minuten das Licht der Welt erblicken *muss*, sie aber jetzt erstmal den Hintergrund herbeitelefoniert weil sie ja nicht operieren darf ;-).

  2. Hallo Josephine,

    ich habe eine kleine Unstimmigkeit entdeckt. Kannst du dir den Teil mit dem Bolus nochmal durchlesen… Also gleich den ersten Abschnitt. Da erklärst du den Bolus als Wehenmittel, es müsste doch eigentlich Wehenhemmer heißen…

    Grüße!

  3. Kleiner Kommentar am Rande…
    „‚Bolos‘ bedeutet umgangssprachlich Wehenmittel direkt in die Vene.“

    Mit dem Bolus ist natürlich der WehenHEMMER gemeint :-) :-)

    Und zwecks OP-Verbot: Ich bin ja mal gespannt wie ernst Ihr OA das bei einer Citosectio nimmt…
    Freue mich schon auf die Fortsetzung :-)

  4. oh, endlich hast du uns mal wieder ein bisschen kreißsaalluft schnuppern lassen! und bambi kam auch mal wieder durch die geschichte gestokelt ;-) sehr schön, danke!

  5. Ich vermute mal, dass es Josephines Chaos wohl eher weniger als dickes Buch, sondern eher als Fortsetzungsreihe geben wird, sonst müsstest du auf „….To Be Continued…“ innerhalb der einzelnen Episoden verzichten … ;-)

  6. Ich sag doch Fr. Doktor Chaos schreibt einen Roman. das sieht man am schreibstil! Eindeutigst sind das die ersten Kapitel.
    Und sollte dem nicht so sein, so war dies eine Anordnung. Ächt jetzt! Ich brauch ein Josephine Buch so oft wie ich hier auf Entzug gesetzt werde ;)

  7. Schööööön *freu* Es gibt wieder eine Geschichte :-) :-) :-)
    Ein Buch wäre der Mega-Hammer – würds direkt schon vor dem Verlegen und Druck vorbestellen :-)
    Freu mich auf die Fortsetzung!! Freuuuuu :-))))

  8. Überlegt das mit der Betonschuh-Maßanfertigung lieber noch zwei bis sieben Mal…dann gibts nämlich gar keine Geschichten mehr. Da sind mir die Ciffhanger doch allemal lieber :-)

    Wirklich Sorgen müssen wir uns aber erst, wenn es heißt „wir werden ihr ein Angebot machen, das sie nicht ausschlagen kann“ :-)

  9. Schön, dass du mit neuen Geschichten dieser Art bis nach meiner Entbindung gewartet hast. Wenn ich jetzt noch unter der Geburt über sowas nachgedacht hätte…

  10. Hallo Josephine,

    jetzt lese ich schon geraume Zeit in Deinem Blog mit – danke für den spannenden, schönen, oft lustigen und gelegentlich todtraurigen Einblick in Deine Welt. Ich würde gerne auch die gesperrten Beiträge lesen können – ich bin schon groß, würdest Du sagen, ich kann das ab. Tätest Du mir das Passwort bei Gelegenheit schicken? Danke!

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