Der nationale Notstand wird ausgerufen…

„Aber mein Mann hat doch JETZT Urlaub…!“
Greinend wie eine Zweijährige, der man das geforderte Eis verweigert hat, sitzt Frau Blümel-Wonne vor mir und schafft es sogar, zwei Tränchen aus dem linken Auge zu quetschen.
„Sie sehen doch, das sie am Ende ist. Jetzt tun sie doch etwas!“
Herr Wonne tätschelt seiner Frau beschwichtigend die Hand und schaut gewollt vorwurfsvoll drein. Wie mein golden Retriever, wenn ich keine Leckerli rauszurücken gedenke. Böses Frauchen! Wie schade, dass dieser Blick mich kein bisschen beeindruckt. Weder an verfressenen Hunden und gleich gar nicht bei fremden Ehemännern.
„Sie sind gerade mal in der 37. SSW angekommen und es gibt keinen Grund die Geburt JETZT einzuleiten!“
Es gibt eigentlich gar keinen Grund, die Geburt überhaupt einzuleiten. Denn mit Frau Blümel-Wonnes Schwangerschaft ist alles in bester Ordnung. Allein die Geduld des wonnigen Ehepaares lässt doch arg zu Wünschen übrig.
„Frau Dr. Knall-Tüte hat aber gesagt, das der Gebärmutterhals schon verkürzt ist!“ mault Frau Blümel wenig wonnig. Note to Self: Die Kollegin Knall-Tüte anrufen und zur Minna machen. Was soll das ewig mit diesem Gebärmutterhals-Orakeln? Es gibt Millionen Schwangere die mit verstrichenem Gebärmutterhals zwei Wochen über Termin eingeleitet werden müssen, weil das Kindelein nämlich mitnichten vorher schon herausgefallen ist. Ällebätsch! Aber solche Geschichten hat die Niedergelassene unserer Patientin nicht erzählt. Wollte die auch garantiert nicht hören.
„Hören sie, Frau Doktor – meine Frau hat Schmerzen…“
Gott, ja, die hab ich gerade auch…
„…und wenn das Kind sich doch schon auf den Weg gemacht hat…“
Hat es einen Telegramm geschickt? Ankunftsbestätigung?
„…und ich doch jetzt schon Urlaub genommen habe…!“
„Frau Dr. Knall-Tüte sagt, es kann jeden Moment soweit sein!“ hängt sich jetzt auch die Gattin mit ins Zeug.

Die Schlacht ist verloren, ich weiß es. Von Anfang an hatte ich nicht den Hauch einer Chance, denn wenn Eltern schon auf Einleitung gepolt und mit dem Köfferchen samt Urlaub im Kreissaal aufschlagen, dann gibt es nur noch die Wahl zwischen Einleitung und Sectio. Meistens in dieser Reihenfolge.

„Ich hole ihnen dann mal den Oberarzt, der muss alles weitere entscheiden!“
Zufriedenes Grinsen bei den jetzt wieder wonnigen Blümels. So grinst mein Retriever Dr. Shepherd auch immer, wenn er sein Leckerli doch noch irgendwie ergaunert hat. Sei es drum. Im gläsernen Überwachungszimmer sitzt Gloria-Victoria mit mürrischem Gesicht vorm CTG-Monitor und murmelt wütend vor sich hin.
„Die Wonnigs wollen partout die Einleitung – hast du den OA irgendwo gesehen?!“
„Seh ich aus wie die Information?“
„Hat dir jemand ins Frühstück gespuckt?“ Schlechte Laune ist so gar nicht Glorias Markenzeichen. Und irgendwie hängt der blonde Pony heute auch ein wenig windschief über den seewassergrünen Augen meiner Lieblingshebamme.
„Alles gut! Ich Ruf Napoli an!“
„G-V, sprich schnell – WAS ist los!“
„Ach, Josephine, es ist…“

RING

Diensttelefon!
„Dr. Josephine – könnten sie mir im OP assistieren?“
„Äh, klar, Chef! Sicher doch. Bin schon unterwegs!“

Au weia – das hat sich ganz klar nach einer Einladung zum Verhör angehört.
Schweren Herzens lasse ich Gloria im Kreissaal zurücke und mach mich auf den Weg nach OP 5, wo Chefarzt Böhnlein gerade mit grimmigem Blick das OP-Feld desinfiziert.

„Was ist denn mit dem los? Der hat ja unterirdisch schlechte Laune heute?“ OP-Schwester Hermine nickt fragend zu Böhnlein hinüber, der nun verbissen mit einem Mini-Tupfer im Bauchnabel der Patientin herum fuhrwerkt.
„Warum muss da so viel Dreck drin sein? Kann man seinen Bauchnabel nicht sauber halten? Muss das so aussehen? MUSS das WIRKLICH so aussehen?“
Empört hält Böhnlein die Kornzange mit dem dreckigen Tupfer so nah vor Igors Nase, dass der bullige, russische Pfleger vorsorglich einen Schritt rückwärts geht.
„Vorrrsicht, Scheff, ist nix gut zu chabe diese Dreck in die Auge!“. Dann entwindet er dem aufgebrachten Böhnlein vorsichtig das Arbeitsgerät und bugsiert ihn freundlich aber bestimmt in Kittel und Handschuhe.
Zehn Minuten später ist die OP dann in vollem Gange und ich habe meine liebe Mühe, den ausufernden Bewegungen des Chefarztes zu entgehen, ohne die Kamera allzu sehr zu bewegen.
„Dr. Böhnlein – sie hätten mir beinah die Nase zu Brei geschlagen!“
Vorsichtig trete ich erneut einen Schritt an den Tisch heran, halte meine Kopf jedoch weiterhin respektvoll auf Abstand.
„Verzeihung. FRECHHEIT!“
Die dichten Augenbrauen stehen wie eine weiße Wolkenwand, aus der es gleich zu regnen droht, über Chefs wasserblauen Augen.
„FRECHHEIT!“ wütet er jetzt erneut und wirft Hermine die Laparoskopie-Schere hin „Es BLUTET!“
„Ja, Chef“ antwortet Hermine freundlich hinter der Maske lächelnd „Da kann ich aber nicht für – SIE sind doch der Operateur!“
Eins zu Null für die Instrumenten-Tante. Und in den Augen des Chefs meine ich ein kleines Blitzen gesehen zu haben.
„Strom!“ brummt er jetzt eine Spur milder. Zwei Sekunden später ist die kleine Blutung unter Kontrolle und wir machen uns weiter daran, die exorbitant große Zyste der friedlich schlafenden Patientin zu entfernen. Während ich die Prozedur durchführen darf, beugt Böhnlein sich verschwörerisch von seinen 2,03 m zu mir herunter und flüstert:
„Das von heute morgen – wie war das jetzt genau!“
Beinahe hätte ich die Zystenwand, die schon so gut wie sicher in den Bergebeutel gefrickelt war, doch noch daneben geschmissen.
„CHEF! Ächt jetzt – sie wollen, das ich petze? Hier und jetzt? Das find ich nicht gut!“
„Ich schon…!“ brummelt es von der nördlichen Seite des OP-Tuches herüber und Dr. Sandmann taucht interessiert aus der Versenkung auf.
„Mensch, Sandmann. Schlaf weiter, das hier geht dich nichts an. Gynäkologie-Interna!“
Wütend versuche ich den störrischen Bergebeutel in den Griff und dann aus dem Bauch der Patientin bugsiert zu bekommen.
Wie soll man denn so bitteschön operieren…?!
„Dr. Josephine – ich dulde keine Geheimnisse in meiner Abteilung!“
Die Wolken über Böhnleins Kopf haben erneut Unwetterausmaße angenommen, der Bass seiner Stimme dröhnt wie Donnergrollen.
„Geheimnisse – das ich nicht lache!“ Oberschwester Ottilie, die gerade hereingekommen ist und noch die letzten Fetzen Unterhaltung mitbekommen hat, grunzt höhnisch auf. „Welches Geheimnis darfs denn geute sein? Nancy und Oberarzt Überzwerg? Wilma und Fred vom Jupiter? Oder doch lieber unser italienischer Macho Dr. Malucci und diese Hebamme? Wie heißt sie noch gleich? Blonder Pony, grüne Augen?“
Fassungslos starre ich Schwester Ottie an und dann geht mir plötzlich ein Licht, ach was, ein Kronleuchter, ein ganzes Feuerwerk auf:
„Gloria-Victoria?!“ fast verschluck ich mich an der Luft zum Atmen.
„Ja! Genau! Gloria!“ zufrieden nickend verlässt die böse, kleine Oberschwester den Saal dorthin, wo heute noch keiner Unruhe gestiftet hat, während über des Chefarztes Kopf der nationale Notstand ausgerufen wird…

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25 Kommentare zu “Der nationale Notstand wird ausgerufen…

  1. Da hatte ich immer geglaubt, unser Friedhof sei die größte Kontaktbörse weit und breit, allerdings scheint diese Abteilung den Freidhof noch in den Schatten zu stellen.Gehe ich recht in der Annahme, dass Gloria-Virktoria auch das Unaussprechliche getan hat mit Dr.Maludingens? Ist es dabei zu mittelschweren Komplikationen gekommen, weswegen sie so mis drauf ist?
    Fragen über Fragen … wie soll ich da das Wochenende hinter mich bringen ….
    Ach ja, 3mal Pfui über Frau Dr. Knall-Tüte !!!

  2. eieie…. eine wahre soap. (stay tuned??) btw. ich finde es überraaaaaaagend, dass dein hund Dr. Shepherd heißt. wobei mit malucci fast noch besser gefallen würde ;-)

  3. Kein Wunder, dass Du uns mit Geschichten und Geschichtchen ein paar Wochen hast hängen lassen. Ich bin ja soooo gespannt, wie es ausgegangen ist und bei wem die Reißleine gezogen wurde.

  4. Oh man,
    Flurfunk total. Und euer Chef – der scheint zuviel davon abbekommen zu haben. Dem würd ich den Flurfunk-Empfänger wieder wegnehmen.

    Erzähl schneller, Josephine, das Wochenende ist so schnell rum …

  5. Ach Dr. Knall-Tüte gibts bei euch auch – hat diese Sorte niedergelassene Gyn jemals im KRS gearbeitet? Oder alles verdrängt, oder einfach Nase voll von Frau Blümel-Wonne und zur Entsorgung ins KH geschickt?

  6. Jetzt weiß ich wieder, wieso man als Patient in die tiefst mögliche Besinnungslosigkeit geschickt wird .. bei solchen Gesprächen würd man unweigerlich anfangen zu lachen und der ganze OP – Erfolg wäre aufgrund des wackelnden Bauches völlig ungewiss ..

    Sorgt ihr für eure Entbindungen jetzt komplett selbst? Ist der Schnitt so drastisch zurück gegangen? Und vielleicht ist euer Oberster nur böse, weil ihn niemand will? Habt ihr keine schnuckelige Schwesternschülerin oder so? Also nur, damit man das Klischee aus den komischen Serien erfüllen kann? ;)

  7. Es ist sicher nur ein Zufall, dass Gloria-Victoria als GV abgekürzt wird. Nur ein Zufall im Krankenhaus am Rande des Chaos.

  8. Aber so wurde dir das Petzten ja erspart, hat doch auch etwas für sich :D
    Falls dann mal etwas Flaute ist oder etwas fehlt, worüber man im Blog schreiben könnte, einfach die gute Ottie fragen, die scheint bescheid zu wissen!

  9. na ja, die liebe Blümel-Wonne wird sich ja sicher nicht freiwillig verkrümeln ohne geferkelt zu haben… ihr Mann hat schliesslich nicht ewig Urlaub!
    Also, es liegt auf der Hand, da gibt es (gefälligst!!) ne Fortsetzung… ;-)

  10. (übrigens: Wenn ich zwölf Minuten nach Mitternacht meinen Kommentar absetze, wird der mit „3:12 Uhr nachmittags“ abgelegt? Wir sind hier doch nicht in Kalifornien! (leider)

  11. Herrlich :-) besser als jede Soap Opera… Wer mit wem, wie oft, wo und wie lange – und mittendrin noch die drängelnden Kunden ähm Bald-Eltern.
    Manchmal glaube ich wirklich, ich habe den falschen Beruf ;-)

  12. Schon einmal überlegt ein deutsches Grey’s Anatomy zu schreiben? Das Zeug hättest du auf jeden Fall *Lachtränen wegwisch*

    Und ist euer OA nun etwas entspannert wieder? Der arme tut mir ja schon fast Leid!

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