V. Der Anfang vom Ende…

Kreißsaal, Achtzehnhundertzwei und dreißig Sekunden – ein kurzer Blick über den Wehenschreibermonitor, um mich auf den aktuellsten Stand zu bringen:

In Kreißsaal 1 weht Frau Öko – mal mehr mal weniger motiviert – vor sich hin. Wir erinnern uns: Ökologisch abbaubare Erstgebärende mit Wehen irgendwo um den Termin herum. Das genaue Datum wird bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben, denn Öko-1 hat ganz im Einklang mit Natur und Universum auf Arzt- bzw. Hebammengestützte Vorsorge verzichtet, lehnt auch weiterhin alles ab, was medizinisch invasiv daher kommt und dazu zählt nicht nur die Braunüle im Arm sondern auch der Ultraschall und die vaginale Untersuchung.

Das jetzt tatsächlich das Toctoc des Wehenschreibers durchs Klinikzimmer hallt ist alleine Glorias Verdienst – die hat Öko nämlich vor die Wahl gestellt, Entbindung hier in meinem Krankenhaus MIT CTG oder woanders dann ist-mir-egal-wie! Da die Patientin sich aber entbindungstechnisch völlig auf uns eingeschossen hat – warum auch immer, Herr, ich versteh es nicht – hängt sie nun mit bitterbösem Blick aber brav verkabelt von der Decke. Nee, also, nicht sie selbst, sondern das Tuch an dem sie hängt und ausdünstet. Ächt jetzt! Der Kreißsaal ist eigentlich nur mit Atemschutzmaske betretbar, noch nicht einmal Herr Öko hält es länger als 20 Minuten am Stück dort aus und Gloria ist schon ganz grün um die Nase.

In Kreißsaal Nummer 2 dümpelt weiterhin Baby mit fraglicher Wehentätigkeit vor sich hin. Dümpeln im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit halb geöffnetem Mund liegt die Kleine wie abgeschossen rittlings auf dem Kreißsaalbett und schaut gerade Kinderkanal, während ein geschätzt Zwölfjähriger laut schnarchend daneben liegt und offensichtlich tief und fest schläft. Wie es scheint, hat sie Baby-Freundin-Mädchen in den letzten Stunden gegen Baby-Freund-Jungen getauscht. Bin mal gespannt, ob ich im Laufe der zu erwartenden Entbindung auch noch ein paar erwachsene Mitglieder dieser reizenden Familie zu Gesicht bekommen werde. Außerdem beschließe ich, die Auskunft über etwaige Fortschritte der Kreißsaal-2-Bewohner direkt bei der Zuständigen Hebamme einzuholen. Macht irgendwie mehr Sinn! Und so spurte ich weiter nach

Kreißsaal 4, der schon von weitem durch infernalisches Frauengebrüll problemlos identifizierbar ist. Kaum zur Tür herein wird der Lärm geradezu ohrenbetäubend und es ist mir völlig schleierhaft, wie eine kleine, zarte Frau solche Tonmassen produzieren kann. Ihr augenscheinlich schwer angeschlagener Ehemann sitzt verstört im hintersten Eck des Raumes und zerpflückt gerade eine Taschentuch in seine Atome, während Gloria – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und mit stoischem Gesichtsausdruck der Lärmbelästigung trotzend, in direktem Dezibeleinzugsgebiet steht.

Der Wehenhügel auf dem CTG-Gerät im Hintergrund hat gerade seinen Zenit überschritten und fällt nun sachte gen Tal hinab, das menschliche Getöse wird zunehmend leiser und als wäre dadurch alles Leben in den Raum zurück gekehrt, hebt Gloria nun ruckartig den dunklen Schopf, grinst mich verschwörerisch an und ruft: „Die Herztöne sind ein bisschen unschön!“

Armes Dinge – offensichtlich hat der Lärm eine kleine Schraube im Hebammenhirn locker gedreht. „Bisschen unschön“ ist eigentlich eher FrauVonSinnens Beschreibung für „Nee, watt schaut datt hässlich aus!“ – ja, tatsächlich: das CTG an sich macht mir ein kleines bisschen Kopfschmerz. Doch irgendetwas muss da im Busch sein, Gloria ist eine der besten Hebammen überhaupt – wen SIE solch eine Herzton-Berg-und-Talfahrt nur ein bisschen unschön findet, hat sie noch irgendwo einen Ass im Ärmel.

Und in der Tat: „Wir sind bei NEUN Zentimetern!!!“ Als hätte sie das blöde Ding höchstselbst von nix auf 9 Zentimeter aufgedehnt steht sie – stolz wie Graf Rotz – vor mir und grinst mich spitzbübisch an.

WHOW! Jetzt bin ich ein bisschen sprachlos. Neun Zentimeter sind ein geradezu fantastischer Befund – damit kann man arbeiten. Jetzt müssen wir nur die Herztonkurve ein bisschen frisieren.

„Und wie ist er eingestellt?“ frage ich mit letztem Zweifel im Hinterkopf – Neun Zentimeter sind nicht gleich neun Zentimeter. Wenn das Kind beim geboren werden zum Beispiel lieber die gedimmten Lichter des Kreißsaalhimmels denn den uterusfarbenen Schutzbezug des Bettes betrachten will, sind 9 Zentimeter nichts anderes als 90 Millimeter falscher Hoffnung.

„Nein!“ versichert GV euphorisch – Nein, das Köpfchen sei zwar nicht ganz sauber eingestellt, aber keinesfalls dorsoposterior. Also kein Sternengucker!

„Alles klar – dann hau ein bisschen Wehenhemmung rein, informier den Gasmann zwecks suffizienter Schmerzbekämpfung und dann wird wechselgelagert. Denn wenn Mama Vier noch drei Stunden so weiter brüllen muss, hat sie keine Kraft mehr, wenns Ernst wird!“

Gesagt, getan. Keine Dreiviertelstunde später liegt die kleine Frau entspannt im Bettchen, und nach der vierten Lagerung von rechts nach links hat sich der kleine Baby-Dickschädel so schön im Becken eingestellt, das wir die Bremse rausnehmen und Vollgas geben. Top oder Flop! Wäre doch gelacht, wenn wir das Kind nicht schaukeln würden.

Um Neunzehnhundertdreißig schick ich Baby1 samt BabyMann wehenfrei zurück nach Hause, werfe einen abschließenden, zufriedenen Blick auf das jetzt sehr schöne CTG von Baby Vier, laufe einen seeeeeeeeehr großen Bogen um Kreißsaal 1, hinaus in die weiten Flure der Klinik, auf der immerwährenden Suche nach Essen…

Eine Familienpizza Speziale später, den Bauch voller Pepsi und nem Snickers als Nachtisch liege ich satt und zufrieden im durchgelegenen Dienstzimmerbett, als mir auch schon die müden Augen zufallen. Und es ist

Null-Dreihundert am nächsten Morgen, als der Show-Down beginnt!!!

————————-Stay tuned!!!——————————-

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32 Kommentare zu “V. Der Anfang vom Ende…

  1. Ich würde fast sagen, vergiss das Arbeiten, konzentrier dich auf’s Schreiben! Aber selbst mir wird die Unsinnigkeit dessen bewusst. Kannst du nicht eine Art Diktiergerät bei dir tragen, das die aktuellen Geschehnisse direkt überträgt?
    *hibbel*
    Ich hoffe, du hast bis drei Uhr den nötigen Schlaf bekommen, um die nächsten Stunden schadensfrei zu überleben?

  2. Ich kämpfe gerade mit der Chronologie der Artikel… über „Part II“ stand „18 Stunden zuvor“, d.h. jetzt nach diesem Artikel sind wir bei Part I angelangt? *grübel*
    Aber egal, es wird in dieser Nacht wohl noch weitergehen =)
    Vergiss nicht die Wäscheklammer, falls du Kreißsaal 1 betrittst – und die schusssichere Weste, denn Frau Öko wird über deine Anwesenheit sicher nicht sonderlich erfreut sein…

  3. Ich freu mich schoooon auf die nächste Episode … dafür würde ich sogar ne Verabredung sausen lassen… ich kann heut nicht… heut läuft josichaos… *mäh*

  4. *grmpf* Alles lief so wunderbar bei mir, dann mussten die mich ans CTG hängen… Ich hatte extra gesagt: Bitte bitte nicht! Kind hasst das!
    Aber nö, prompt tobte das Kind und ja, Kind ist IN der Wehe einmal seitlich rotiert und hat es geschafft sich so weit in mich zu drücken das das CTG kaum noch was übertragen konnte. Das war der größte Schmerz an der ganzen Geburt! Und nur durch ständiges Umlagern und CTG wenigstens kurz abnehmen wurde verhindert das Kind sich ganz aus dem Geburtskanal tobte. CTG wurde erst 2 Minuten später wieder angehängt als Kind sich im Eiltempo tiefer senkte und schon kurz vor draußen war.
    Begeistert war er nicht, drehte sich nochmal leicht und war dann ein wunderhübscher Sterngucker.

    Klinik- und meine Hebamme guckten auch etwas betreten, sowas hätten sie noch nie gehabt.
    Hmhm, toll… Aber Umlagern in den Presswehen ist echt unschön.

    • Ich hab mangels Erfahrung keine Ahnung, wie das Umlagern während einer Presswehe so ist, stells mir aber grauselig vor – liest sich sehr schmerzhaft und schrecklich. Aber gut, dass dann doch noch alles gut gegangen ist.
      Meinten die Ärzte denn, dass das nur an dem Anlegen des CTG gelegen hat?! Hätte ja nicht gedacht, dass ein Baby das merkt.

      • Umlagern ist eigentlich easy: Auf die linke Seite legen, Wehe, auf die rechte Seite drehen, Wehe und so weiter. Aber wenn die Wehen dann schon so schnell kommen ist es unschön.

        Mein Baby hat schon bei den regelmäßigen CTG-Kontrollen beim Frauenarzt Terror gemacht. Immer, von Anfang an. Zuerst wars witzig, weil er noch so viel Platz hatte. Erst kräftig gegen den Schallkopf treten und sich dann in die hinterste Ecke der Gebärmutter verkriechen. Regelmäßig schlug das Ding Alarm weil er sich so weggedreht hat das die Herztöne nicht mehr erfasst werden konnten.
        Aber ab dem 8 Monat ist das alles andere als spassig, dann ist es schmerzhaft.
        Und unter der Geburt, während einer Wehe ist es nix was man haben will.

        Aber er ist halt ein echter Sternengucker, immer etwas eigener als andere. Und natürlich eh das beste Kind der Welt. :)

  5. Ahhhhh, ich krieg zuviel grad… das klingt ja schon nach einem sehr hochspannenden Finale, stimmts?! Hihi, freu mich tierisch auf die Fortsetzung!! :-)
    Und wie immer: DANKE, DANKE, DANKE fürs Teilhabenlassen und den absolut lesenswerten Schreibstil *beide-Daumen-hoch* :-)

    Grüßle,
    Conny

  6. Ich würde Frau Öko ja aus Geburtskompatiblen Gründen für zwei, drei Stündchen zur olfaktorischen Anpassung in die Badewanne umlagern… Müßte als Einweichzeit reichen. Oder ist Wasser nicht „Öko“???

    *Erwartungsvoll auf die Fortsetzung wart*

  7. Ich freue mich schon, wenn FrauDrJosephine ihr Pferd vor dem Kreissaal anbindet, die Tür mit dem crocsbeschuhten Fuß aufstößt, langsam in die Runde blickt, bevor sie ihre Hände in Handschuhe schiebt und leise, mit diesem gefährlichen Unterton in der Stimme zu Frau Öko sagt: „Show down, Öko, drück`s raus…!“
    Ich freu mich.

  8. Reden Sie Frau Öko doch ein, dass eine Entbindung in der Badewanne besondes öko sei :-)

    Oder sagen Sie, dass, aus für das Baby lebenswichtigen Gründen, eine balneale Therapie umgehend erforderlich sei, da Sie soeben festgestellt hätten, dass sie (Frau Öko) zu viel extrakorporale Pigmente hätte.

  9. Das ist ja spannender als jeder Krimi, die Beschreibung der Situation. – Hoffentlich haben die Babys alle gesund und munter das Licht der Welt erblickt und auch den Müttern geht es soweit gut.

    VhG

    Andrea

  10. ach jaaa.. Sternengucker.. mein Jüngster meinte dieses Erlebnis musste er mir noch verschaffen, nach 3 relativ kurzen und problemlosen Geburten
    Der hätte in ner halben Stunde raus sein können.. aber nö !!!

    • Sternengucker sind was total eigenes, kann ich nur zustimmen. *seufz*

      Beim zweiten hätte ich dann bitte-danke gern einmal „normal“

  11. Also, die Frau Öko bitte fürs nächste Kind nach Dubai schicken. Erstens kann sie hier ihr Öko-Gewissen gleich mal am Flughafen abgeben und zweitens werden hier ca. 80 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt geboren – nicht, dass ich da gut fände, aber dann würde sie einen guten, deutschen Kreissaal, in dem sie immerhin noch versuchen darf zu pressen, erst richtig zu schätzen wissen…;-)

  12. Nix Neues :-( Dann geh ich mal schlafen und hoffe auf morgen.
    Schade, dass das Baby mit dem Baby einfach heimgegangen ist ….

    Achja, was ich schon die ganze Zeit mal sagen wollte: „sinnentleert“ ist einfach ein tolles Wort. Das triffts genau ….

  13. Hallo Josephine,
    sitze hier brav zuhause mit plazentainsuffizienz (ssw 24), esse müsli mit erdbeeren und kann seid dem befund vom freitag mal wieder vor mich hingrinsen bei deinen schreibkünsten :-)
    eine amüsante seite! Danke
    lg Nina

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