IV. Im Auge des Sturmes…

…herrscht trügerische Stille!

Laut CTG-Überwachungsmonitor weht Frau Vier weiterhin vorbildlich und zunehmend hochfrequent vor sich hin, was das Kindelein im Mega-Bauch anscheinend nur wenig lustig findet und im Gegenzug mit beleidigtem, wiederholtem Herztonabfall quittiert. Als ich einem Blick auf meine kleine Frau mit dem großen Bauch werfe, sitzt diese gerade mit wild entschlossener Miene auf dunkelgrünem Petziball und höppelt Toc-Toc-Toc-Synchron auf und nieder, auf und nieder. Das Gesicht dunkelrot angelaufen und laut prustend veratmet sie so geradezu vorbildlich eine Wehe nach der anderen – wenn ich auch ein wenig in Sorge bin, sie könne jeden Moment hyperventilliert vom Gummiball fallen.

Ich: „Frau Vier – alles im grünen Bereich? Ich würde gerne mal schauen, ob es ein bisschen voran gegangen ist?!“

Frau Vier: „Ist – hüpf – gut – hüpf – ich – hüpf – muss – hüpf – nur – hüpf – noch – hüpf – diese – hüpf – Wehe – hüpf – veratmen – hüpf!“

Gesagt – getan. Der Befund, den ich kurz darauf erhebe, stimmt mich nur wenig euphorisch – okay, der Muttermund ist minimal weiter geöffnet als vorhin, allerdings führe ich das mehr auf die physikalische Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft zurück (5 kg Kind mal Hüpfbeschleunigung – da gibt auch der stärkste Muttermund mal ein, zwei Zentimeter nach…!) denn auf natürlichen Geburtsfortschritt. Aber wenigstens schaut jetzt – nach 5 Minuten ohne wirres Gehüpfe – das CTG wieder leidlich manierlich aus. Ich lege Familie Vier also nahe, Ball gegen Badewanne zu tauschen und mach mich dann auf den Weg nach Kreißsaal 2, wo mein neuester Zugang in Form einer fraglichen Wehentätigkeit am Termin gelangweilt auf ihrem Handy herum klöppelt, während die ebenfalls schwangere Begleitung gerade am Sauerstoffventil der Babyeinheit herum schraubt. Beide Mädels scheinen nur unwesentlich älter aus als 12 Jahre alt, riechen drei Meilen gegen den Wind nach Zigarettenrauch und ihre kleinen, spitzen Babybäuche sind jeweils nur bis zur Hälfte durch eng anliegende T-Shirt-Fetzen bedeckt. Darunter blitzt eine ganze Batterie dunkelroter Schwangerschaftsstreifen auf Baby-weisser-Haut hervor.

Ich: „Okay, Ladies, wer von euch beiden Hübschen ist die Frau mit den Wehen?“

Es dauert eine ganze Weile, bevor Baby-1 den Blick vom Handy reißen kann und mich mit leicht geöffnetem Mund sinnentleert anstarrt. Ich meine fast, das Echo meiner Frage im Vakuum zwischen den Ohren der kleinen Kröte widerhallen zu hören, bevor sich ihr Mund tatsächlich stückchenweise weiter öffnet. Gebannt starre ich auf die im Zeitlupentempo ablaufende Mundmotorik und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe Babys Großhirn Worte produziert: „Hääääääääääääh?????“

Okay – EIN Wort!

Ich: „Hast DU Wehen, Baby 1? Und wenn ja, seit wann? Geht Fruchtwasser ab? Wann warst du zuletzt beim Frauenarzt?“

Baby 1 glotzt mich stumpf an, wendet dann den Kopf  Baby 2 zu, die gerade begeistert kichernd die Reanimationsmaske vorhält und sich eine Portion Sauerstoff ins Gesicht blasen lässt – und meint nun gedehnt ihn ihre Richtung: „HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH???“

Au weia, das hier kann wohl was länger dauern. Ich mache mich auf die Suche nach einer Hebamme und finde Gloria-Victoria, seelenruhig an einem Riesen Stück Kuchen herumhauend, in der Kreißsaalküche sitzend.

Ich (jammernd): „Gloooria – du musst dich dieser Babies in der Zwei annehme – ich kann mich nicht um alles kümmern! Außerdem bin ich gerade Fancy-Nancy begegnet, die schön wie der junge Morgen mit ihrer logghorhoeischen Omma in meinem Untersuchungszimmer sitzt und mein Selbstwertgefühl komplett zum Teufel gejagt hat! Ich fühl mich hääääässlich….!“

GV: „Doc Josephin, Doc Josephin – DU bist die schönste im ganzen Land!“

Ich: „Jaja, und Fancy-Nancy, hinter den sieben OP-Türen, bei den bösen Chirurgen ist noch tausend Mal schöner als ihr! Ist schon klar! Magst du dich jetzt bitte-danke um meine schwangeren Riesen-Babies kümmern? Ich muss dringend auch so ein Stück fette Sahnetorte essen!“

GV: „Sicher doch, Josephine. Für dich mach ich alles!“

Ich: „Auch Frau Vier in die Badewanne packen?“

GV: „Aber ja doch – auch das!“

Und so sitze ich um – Uhrenvergleich – Elfhundertdreiundvierzig mit meinem Sahnetortenantidepressivum am Kreißsaalküchentisch und alles könnte ein bisschen schön sein, wenn nicht… RING-RING-RING

Ich: „Josephine, beim Essen, wer stört?“

Notfall (flüstert): „Ich bin´s – du musst schnell kommen. Nancy the Fancy hat die Kavallerie gerufen!“

Ich: „Häh??? Wie meinen?“

Notfall (lauter flüsternd): „ÜBERZWERG ist da!!!!“

Ich: „Nee – nä???“

Notfall: „Aber ja – beweg deinen Hintern hierher – stat!“

Zurück im Ambulanzzimmer 1 steht der chirurgische OberarschArzt Dr. Überzwerg, größter lebender Fan von Nancy-The-One-And-Only-Fancy und versucht gerade erfolglos, seinen Blick vom Kashmirverpackten Superbusen seiner Assistenzärztin zu reißen, während Oma Coco die Hintergrundbeschallung übernimmt.

Frau Coco: „…und dann war ich 1956 bei Herrn Prof. Zackig in Großkotzhausen, der hat mir dann die Gebärmutter ausgeschabt. Nein, warten sie, die Gebärmutter war 1963, im Jahr, nachdem meine zweite Tochter zur Welt kam. Die ist im übrigen mit Herrn von und zu Großkotz verheiratet, wissen sie, Herr Doktor Überzwerg? DER Großkotz! Nancy, Liebes, hast du deinem Oberarzt gesagt, dass Onkel Eduard schon mit Frau Merkel zusammen…“

Ich beschliesse, dem Theater an dieser Stelle ein Ende zu machen und schiebe mich zwischen Überzwerg und Nancy hindurch zu Frau Coco-Auf-Der-Liege, woraufhin der OberarschArzt – offensichtlich unverhofft aus schönem Tagtraum gerissen – beleidigt aufmuckt.

Überzwerg: „Frau Josephine – es ist unfassbar, dass die arme Frau nun schon geschlagene zwei Stunden hier herumliegt, ohne das auch nur eine Anamnese durchgeführt wurde. Ich werde mich Montag umgehend bei Ihrem Chefarzt über sie beschweren – nur, damit wir uns verstanden haben!“ Beifallheischend blickt Übi zu seiner Angebeteten hinüber, mit einem Blick, der nichts weniger sagt als „Der hab ich es aber gegeben!“

Doch Überzwergs Cholerikermasche mag ja bei Bambis funktionieren, ich hingegen bin schon längst Teflon was verbal ausfällige Vorgesetzte angeht. Und so hab ich auch nicht mehr als nur ein müdes Schulterzucken für den keifenden Winzling über.

„Passeinmalauf“ verkünde ich resolut und keine Spur eingeschüchtert – „Ich werde Frau Coco jetzt Blut abnehmen, dann mach ich ihr gerne einen Ultraschall – und anschließend möchte Kollegin Fancy ihre Großmutter ganz sicher mit auf die Chirurgische nehmen – dort hat sie sie gleich viel besser im Blick und kann alles anordnen, was sie wollen. Und wir kommen die Tage gerne nochmal zur Visite vorbei. Roger, Roger?“

Während Omma Fancy mich – ausnahmsweise wortlos – anstrahlt, schaut Nancy eher, als wolle sie mir gerne ein bisschen an die Gurgel hüpfen. Als Großmutter dann noch nebenbei bemerkt, sie bekäme das Blut viiiiiieeeeel lieber von der Enkelin abgezapft, verlasse ich doch lieber das Zimmer, bevor mich der rothaarigen Zorn gleich nieder streckt.

Dann läuft alles wie am Schnürchen und zwanzig Minuten später verlässt eine gynäkologisch einwandfreie Oma Coco am Arm ihrer immer noch missmutig dreinschauenden Nancy unsere Station – während Überzwerg brav Rollköfferchen und Handtasche hinterher trägt.

Notfall klatsch mich High-Five ab, und kehrt dann zu Pott Nummer sieben zurück, während ich mich erneut auf die Suche nach Essen begebe. Der Nachmittag vergeht mit mehr oder weniger nötigen Ambulanzzwischenfällen und es ist immerhin schon – Uhrenvergleich – Achtzehnhundert, als der Kreißsaalfunk mich zurück zu Frau Vier und dem Riesenbauch beordert…!!!

————–Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein….. ;) ———————————————–

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35 Kommentare zu “IV. Im Auge des Sturmes…

    • „Die iss kinne fiese Möpp“, die ist einfach „erste Sahne“, Schluss aus Punkt, einfach Spitze!!!
      Ich schalte öfter ein und warte, waaarte, waaaaaaarte auf den nächsten Beitrag (furchtbar), dann *hüpf, freu, strahle*, so gut ich es in meinem Alter noch kann.
      Ganz großes DANKE an Frau Josephine „rüberschick“
      Ihr Buxinchen

  1. Wow, genialer Turf. Hut ab. ((:
    Ja, ein wenig gemein, aber absolut verdient. Also noch mal dir: Hut ab!!

  2. Ich bin gespannt wie es weiter geht. Und ob du noch was zu essen für dich auftreiben konntest. Ich leide immer mit, wenn du beim Essen gestört wirst.

  3. Gott Sei Dank hast du die schön an Nancy weitergeleitet :) das hat sie verdient :)
    Und hör doch bitte auf immer Pausen zu machen wenn ich am mitfiebern bin bitte – danke ;)

  4. Ach, es ist erst 1800…
    Jetzt wird mit auch klar, warum die Anästhesie ihren Kreissaalauftritt noch nicht hatte.
    Ich leg mich nochmal hin ;)

  5. FrauDrJosephine, was wird aus den Babies der Babies? Was wird langfristig aus Omma Logorrhoe? Was wird aus der kleinen Frau mit dem großen Bauch? Fragen über Fragen, FrauDrJosephine. Wie soll ich schlafen, wenn ich schon wieder über der Klippe hängen muss?
    So jedenfalls wird das nichts mit der Nachtruhe.
    Vielleicht gehe ich heute Nacht einfach mal in eine gynäkologische Ambulanz. Wenn ich eh nicht schlafen kann, schaue ich da mal vorbei. Ich lasse mir noch was schönes einfallen. Nein. Mache ich nicht. Um HImmelswillen. Versprochen.
    Klippengrüße,
    Britta

    • Sie könnten ja wenigstens in eine gynäkologische Ambulanz gehen und laut „Kundschaft, Bedienung bitte!“ rufen. Aber was soll ich als Kerl da?

    • Notfall-Ambulanz als *Kunde* ist langweilig. Warten, warten, warten. War erst neulich da —- unfreiwillig (naja, schon iwie freiwillig, aber eben weils nötig war). Und es war auch nicht die gynäkologische. Immerhin bin ich jetzt stolze Besitzerin zweier Krücken (UA-Gehhilfen) und einer Knöchelschiene

  6. Die lange Pause (die gaaaaaanz lange) und die kurze Durchschnaufpause neulich scheinen dir gut getan zu haben…..du läufst wieder zur Hochform auf…….FREUDE!!!!

  7. So viel kann an einem Tag doch gar nicht passieren .. so lang kann eine Schicht doch gar nicht dauern ;) Das hält ja niemand aus!
    Mach Feierabend .. sofort! Schnell! Bevor schlimmeres passiert! Und vergiss den Kuchen nicht ;)

  8. Ich hasse die Nancy-Fancy!!!! *Mascha schwengt die Fahne…..Frauen-Solidarität gegen arrogante Zicken* Und die hohle Nuß, die nur mit „Häähh“ geantwortet hat…..boah!!! Das sich so etwas fortpflanzen darf!!

  9. Ja ehrlich, dieses Kliffhängertum zerrt mächtig an den Nerven – aber wohl kein Vergleich zu DEM Dienst!!!

  10. Vorhin bin ich gekommen um zu schreiben: Waiting 4 4 :-)
    Aber dann war 4 schon da, wenn auch ohne Zahl. Nun warte ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung.

    Liebe Frau Dr. Josephine, bitte tun Sie mir einen gefallen und schreiben ein Buch ….

  11. Die Fortsetzung möchte ich bitte allerspätestens morgen früh zum ersten Kaffee serviert bekommen. Ächt jetzt.

  12. Liebe Josephine, ich liebe diesen blog und hab mittlerweile alle beiträge nachgelesen und freue mich auf jeden neuen. aber die fortsetzung ist fies… ich bin kurz vorm werfen meiner zweiten tochter und bis dahin muß die geschichte zu ende sein. biiiiiittäääääääääääää!!!
    und tausend dank, dass du zurück bist.
    das hier ist außerdem der ideale lehrplan für: wie verhalte ich mich nicht im kreissaal *G* möge ich mich dran halten in den nächsten tagen^^

  13. Sehr genial und jaaaa, ich werde hier täglich reinschauen, obs was neues von der Gewitter-Sturm-Action-Front gibt ;-)

  14. Ich will das auch noch alles wissen, bevor der BabyChief rauskommt. Also mach hin! :mrgreen:
    (ich geb auch nicht zu, dass ich noch ca. 3 Monate Zeit hab *lol*).

    Was ich mir allerdings immernoch nicht vorstellen kann (und noch nie konnte) ist, dass man in den Wehen irgendwie auf irgendwelchen Bällen etc rumhüpfen will. Badewanne oder spazieren gehen – okay. Aber Fitnessübungen?! Hm… we’ll see^^

  15. „Es dauert eine ganze Weile, bevor Baby-1 den Blick vom Handy reißen kann und mich mit leicht geöffnetem Mund sinnentleert anstarrt. Ich meine fast, das Echo meiner Frage im Vakuum zwischen den Ohren der kleinen Kröte widerhallen zu hören, bevor sich ihr Mund tatsächlich stückchenweise weiter öffnet. Gebannt starre ich auf die im Zeitlupentempo ablaufende Mundmotorik und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe Babys Großhirn Worte produziert: “Hääääääääääääh?????”

    ich glaub, die kenn ich.

  16. Nancy hat das sowas von verdient! Kann man der nicht mal Juckpulver in den Kittel tun? Oder so??? Und Baby1 & 2, wer bitteschön schwängert die? Die sind doch zu doof! Aber ich glaub, Verwandte von denen laufen bei uns in der Stadt rum. Nur, dass die (noch?) nicht schwanger sind.

  17. Baby1 kenn ich auch….Die wohnt bei uns im Nachbarhaus :D und Fancy-Nancy, die geht gar nicht, gut, dass sie nun ihre kleine Strafe fürs Einmischen bekommen hat, jawoll!

    Ich bin auch schon gespannt, wie es weiter geht, vor allem mit der kleinen Frau und dem großen Bauch :)

  18. Liebste Heldin, ohne Dich war das Kreißsaal- Leben so …wortlos! Ich möchte einen Monument für Dich hinstellen, auf unsere Klinik- Gelände, da bekommst Du täglich frische Blumen und zwei Kerzen- es wird ein Pilgerort für alle GeburtshelferInnen!!!
    Hör nie wieder auf zu schreiben!Ich knalle meine Stirn gebieterisch vor Dir auf den kalten Boden in Kinds- Stellung.
    PS Passwort…please?

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