III. The Storm – Part III

Meine Kreißsaalaufnahme ist ein wunderbares Rund-Um-Sorglos-Paket: Zweites Kind, schonmal normal geboren, kein Diabetes, kein Übergewicht, keine Vorerkrankungen, am Termin – alles schön. Hurra! Und nett ist sie auch noch. Nach einem kleinen Aufnahme-Ultraschall (normal großes Kind – Strike!) geht es ab in Kreißsaal I ans CTG und kaum habe ich Energie in Form eines Doppel-Snickers gezogen, geht es auch schon munter weiter mit einer privaten Notaufnahme – Frau mittleren Alters mit keine-Ahnung-was.

Beim Betreten der Ambulanz ist Schwester Notfall gerade dabei, geschmeidig ihr Pflegekraft-Köpfchen gegen die geschlossene Apothekenschranktür zu hauen und rezidiveren „Nein – Nein – NEIN!“ zu murmeln.

Ich: „Notfall – so geht die Tür nicht auf – da mußt du schon den Schlüssel nehmen!“

Notfall indes beachtet mich gar nicht, sondern dotzt ihre Stirn weiterhin stereotyp gegen die Blechtür.

Ich: „Willst du mir nicht sagen, was los ist?“

Die Schwester hält kurz inne, als überdenke sie meinen Einwand ernsthaft, schüttelt dann jedoch resolut den Kopf und fährt fort, die unschuldige Tür zu malträtieren. Mit der linken Hand hält sie mir die Aufnahmeformulare der Privatpatientin hin, während sie mit rechts pumpschwengelartig in Richtung erstem Untersuchungsraum winkt. Kopfschüttelnd nehme ich das Klemmbrett entgegen und verlasse den Aufenthaltsraum.

Auf der Untersuchungsliege in Zimmer eins liegt eine große, stattliche Frau in lindgrünem Tweed-Zweireiher à la Chanel und brabbelt wirre Zeug vor sich hin. Zumindest hänge ich ganze zwei Sekunden lang der irrigen Meinung nach, es handele sich um eine nicht zurechnungsfähige Person, als Frau Coco plötzlich meiner gewahr wird, und … – aber seht selbst:

Frau Coco: „Aaaah – Schwester! Da sind sie ja endlich. Sie müssen jetzt augenblicklich meinen Schwiegersohn anrufen. Das ist Herr von und zu Großkotz. Sie wissen schon. Der Großkotz! Hatte vergangene Woche das Vergnügen, mit der Merkel zu Mittag zu Essen. In Grunewald. Wissen sie. Da war auch schon der Juhnke – ach, eine Schande, das der gehen mußte. Großartiger Künstler. Wirklich wunderbarer Mensch. Hab ihn noch selbst mit meinem Gatten, Gott hab ihn selig, im Friedrichstadtpalast gesehen…“ Frau Coco hält, kurz inne, um mit einem blütenweissen, spitzenumhäkelten Damentaschentuch das Tränchen fort zu tupfen, welches gerade die runzelige Wange herunter läuft, holt dann einmal herzhaft Luft und rattert, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, ungebremst weiter „Wissen sie, Schwester, die Luft ist schon sehr trocken hier herinnen. Bringen sie mir doch ein Glas Sanpellegrino. Ohne Zitrone, ein bisschen Eis. Und es ist ja schon so spät – ein kleiner Zwischenimbiss wäre recht. Etwas leichtes. Keinesfalls Wurst. Käse wäre sehr schön. Es gibt doch diesen…“

In meinen Ohren rauscht das Blut und ich kann gerade sehr gut nachvollziehen, was die gute Schwester Notfall dort im Nebenzimmer treibt. Das hier ist maligne Logorrhoe vom Feinsten und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frau dazu bekomme, jemals wieder mit reden aufzuhören. Aber versuchen muss ich es. Also packe ich mein Klemmbrett fester und baue mich in voller Größe vor Sabbelsuse auf, hole einmal tief Luft – und habe direkt versagt!

„Meine Liebe, ihr Kittel sitzt aber sehr unvorteilhaft. Sie sollten etwas eng anliegendes tragen, dieser unförmige Sack schmeichelt ihrer Größe nicht wirklich. Und die Haare – mein Gott, diese Haare sind schon sehr liederlich zusammen gesteckt. Sie sehen ja aus wie ein Frühjahrsbusch …“

Noch während ich insgeheim überlege, wie wohl genau ein Frühjahrsbusch aussieht, mache ich auch schon auf dem Absatz kehrt und verlasse im Stechschritt das Zimmer, was Frau Coco keineswegs davon abhält, munter weiter vor sich hin zu Rhababern. Wie Wasser aus einem Springbrunnen sprudelt ununterbrochen Wort um Wort aus ihrem Mund hervor. UNFASSBAR das!

Im Aufnahmezimmer hockt Notfall mit roter Stirn und Kaffeepott Nummer 6 auf der Bank und hebt abwehrend die freie Hand: „Kannst du vergessen, Josephine! Ich geh da NIE WIEDER rein! Ich schwöre!“

„Aber irgendetwas müssen wir doch tun? Wir können sie schließlich nicht den ganzen Dienst über dort liegen lassen!“ jammere ich ein bisschen „Was hat die Frau überhaupt?!“ – „Du meinst, ausser einem Riesen-Dachschaden?! Die Einweisungsdiagnose lautet jedenfalls Verdacht auf vaginale Blutung!“

„Super“ raunze ich wenig begeistert „sie macht nicht wirklich den Eindruck, als würde sie jeden Moment verbluten…?!“

Es kostet mich fünf Minuten, mein restliches Snickers und die Aufbietung all meiner Kräfte, Notfall zurück ins Ambulanzzimmer zu schleppen. Dort dann gleich die nächste Katastrophe“:

FANCY-NANCY?! Du hier????“ Wie aus einem Mund bricht es aus uns heraus – was um alles in der Welt hat Mrs. Wonder-Surgeon hier verloren?

Nancy steht derweil – schön, wie der Herr sie erschaffen hat, in ihren perfekt sitzenden Jeans und schweineteurem, fliederfarbenem Kashmir-V-Ausschnitt-Pulli am wohlproportionierten Astralkörper – an Frau Chanels Seite und, oh-mein-Gott, REDET, während Oma Sabbel entzückt lauscht.

Unser Auftritt wird von Gottes Geschenk an die Menschheit nur mit eisigem Missachten gestraft – Nancy ist viel zu schön und viel zu arrogant, um auch nur die Luft zu teilen, die in dieser stickigen, kleinen Bude steckt, Frau Coco jedoch ist augenblicklich bereit, uns über den Grund des chirurgischen Privatkonsils in Kenntnis zu setzen.

„DAS“ verkündet sie nun strahlend und mit stolz geschwellter Brust unter dreireihiger Süsswasserperlenkette „DAS ist meine ganz bezaubernde Enkelin Nancy!“

„Is´ nich wahr…!“ entfleucht es Notfall trocken während ich vergeblich versuche, mich nicht an meiner eigenen Spucke zu verschlucken.

„Das ist“ würge ich zwischen zwei Hustensalven gepresst hervor „ja ganz großartig. Dann kann ihr TopJob-Traumenkelchen sie ja gleich mal chirurgisch unter die Lupe nehmen, während ich nach meinen drei bis fünf Geburten schaue.“

Und schwups – schon bin ich weg.

„Das kannst du mit mir nicht machen!!!“ schallt es leiser werdend über den Flur hinter mir her, während ich renne, als gäb´s kein Morgen mehr „lass mich nicht alleeeeeeeiiiiiin…!!!“

Sorry, Notfällchen, aber besondere Umstände erfordern eben besonderes Handeln!

Die Strafe meines unerlaubten Entfernens von der Truppe folgt auf den Fuss, denn der Kreißsaal-Überwachungsmonitor empfängt mich mit einem mittelunschönen CTG in Kreißsaal Vier – wir erinnern uns: kleine Frau, großer Mann, dickes Kind. Und es ist gerade einmal – Uhrenvergleich – Elfhundert!…

——————————–Coming back soon!———————–

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26 Kommentare zu “III. The Storm – Part III

  1. waaaaaaaaaaaaaaaah! Und schon wieder lässt du uns am ausgestreckten Arm verhungern! Die arme Schwester Notfall… Und du hattest nur einzwei Snickers zum Nervenaufbauen… geht gar nicht! *großen Nach-Osterkorb mit vieeel Schoki drin rüberreich* gehts jetzt besser? Dann will ich mehr wissen :)

    Großartig, wie du schreibst und trotz allem deinen Humor nicht verlierst!

    LG Elawen

  2. Oh Mann, Frau Sabbelsuse (super Name übrigens!) ist auch so ein Knaller. Ich schiebe mal eben eine riesige Currywurst mit Pommes und ne 300 g Tafel Schoko&Keks rüber. Für die Nerven.

  3. Dieser Sturm scheint in gewisser Weise ein Sturm des Wahnsinns zu sein. Ich bin schon sehr gespannt, ob Du am Ende einigermaßen unbeschadet in der Flaute landest. Und hänge jetzt noch ein bisschen über der „Unschönes-CTG-Klippe“, schaukle stille hin und her und warte auf den vierten Teil, wenn es auch dann wieder heißt: „FrauDr.Josephine, hier ist es gerade sehr unschön….!“

  4. Bittebittebittebitte sag, dass Sabbelsuse in Wirklichkeit mindestens drei Personen waren, die du hier zu einer verschmolzen hast. SOWAS kanns doch gar nich geben *hoff*

    Darf man sowas eigentlich ignorieren? Oder gleich in Narkose legen, is ja schließlich ein lebensbedrohlicher Notfall (für das Personal *g*), da bleibt keine Zeit für Bürokratie oder Zustimmung? Oder „Besenkammer“ an die Tür schreiben und es vergessen? :D

  5. wie viele Teile gibt es wohl noch? Ich bin voll und ganz GGs meinung, dir macht es Spaß uns auf die Folter zu spannen! Auf jeden Fall super genial geschrieben, immer wieder schön zu lesen :) Man sollte es nur alleine lesen, sonst wundern sich die umstehenden, warum man so viel lacht….

  6. Sehr schön, ich habe herzhaft gelacht. Danke.
    Schön das Ganze auch mal aus der Sicht „der Schwester“ äh Ärtztin zu sehen. :-)
    Liebe Grüsse und viel Schokolade
    Nathalie

  7. Gleich zwei Cliffhanger! Sie steigern sich, Frau Doktor :-)
    Oder sogar drei???? Geht die Bilderbuchgeburt auch gut zu Ende?

  8. Die Bilderbuchgeburt kommt dann im Showdown ;-) spannend und am Ende gibt es ein Happy End :-)

    Ich freu mich jedenfalls schon … :-)

  9. *Tränenlach*
    Solche Leute sind unbeschreiblich ..
    Aber sieh’s positiv – wenn du sowas unbeschadet überlebst, dann überlebst du so ziemlich alles! ;)

  10. Sehr schön! Aber Du hast vergessen, das Licht zu dimmen und Nancy den richtigen Auftritt zu verpassen. :-))
    Auf jeden Fall sehne ich mich schon nach dem nächsten Teil…
    Nur nicht zuuu lange warten!
    (Bekomme ich auch ein Passwort?)
    LG

  11. Ihr habt mein vollstes Mitleid… erst so eine Patientin und dann noch Nancy – wobei es ja eigentlich zumindest für _dich_ ein Glück war, denn so konntest du entkommen *g* Wie viele Beulen hat euer Schrank mittlerweile?
    Die gute Dame und ihre Tochter haben aber wohl ziemlich jung Kinder bekommen, wenn man schon in mittlerem Alter eine Enkelin mit vollendetem Medizinstudium hat. (Oder ist Nancy vielleicht ein Wunderkind à la Müller-Bärenhuber und hat mit 10 Abitur gemacht, um mit 15 ins PJ zu gehen?^^)
    Ich bin schon sooooo gespannt auf die Fortsetzung!!! :-)))

  12. also, liebe (?) Josephine, jetzt hast Du aber Dein Soll übererfüllt
    man nennt das FAHNENFLUCHT!!! und es wird bestraft mit .. MINDESTENS!!!

  13. kann man die Oma Sabbel nicht einfach mal zwischenzeitlich auf die psychiatrische umturfen? Irgendeinen „Verdacht auf…“ lässt sich bei so einem Wortschwall doch sicher finden, oder? ;-)

  14. Au weia, arme Schwester Notfall.
    Mönsch, die Geschichte ist ja besser als jedes Drehbuch. Allerdings komme ich da beinahe nicht mehr mit. In Teil eins waren das wieviel Geburten noch einmal? Nun, zumindest 4 Hebammen. Hm. Und das alles nach Oma Fancy Sabbel und Freds Sonnenscheinchen…Unglaublich
    Warte mit großen Augen und angehaltener Luft auf den nächsten Teil.

    Und ich weiß, fies, aber braucht Oma Sabbel nicht vielleicht ein internistisches Konsil…So als Gegenleistung gegen Malaria Frau? Vielleicht sinds ja doch Hämorrhoiden…

  15. Muss dringend mit Tochter sprechen, die UNBEDINGT auf die Gyn will……Kind, HNO ist doch AUCH schön….
    Gegen deine Schilderungen ist „Grey’s Anatomy“ nix; wir arbeiten immer noch an unserer daily soap „Necropsy floor“ :-)

  16. „“Aber irgendetwas müssen wir doch tun? Wir können sie schließlich nicht den ganzen Dienst über dort liegen lassen!” jammere ich ein bisschen “Was hat die Frau überhaupt?!” – “Du meinst, ausser einem Riesen-Dachschaden?! Die Einweisungsdiagnose lautet jedenfalls Verdacht auf vaginale Blutung!”“ *looooool* –

    Spass beiseite: Nancy wird das schon schaffen, ihre „Oma“ (?) zu deichseln und – buchstäblich – das Kind zu schaukeln.

    Wann und wie geht’s weiter ? – Das ist Dramatik vom Feinsten.

    VhG

    Andrea

  17. Ich schaue alle gefühlte halbe Stunde , ob es hier weitergeht …
    Herrlich geschrieben , habe nix gegen mindestens 10 weitere Cliffhanger *lach*

  18. Großartig, ich habe Tränen gelacht! Made my day! Und bin gespannt auf die Fortsetzung…
    Noch schöner war allerdings als ich gestern festgestellt habe, dass Du zurück bist, liebe Josephine! Deine Geschichten habe ich doch sehr vermisst!
    Ach ja, darf ich bitte auch das Passwort haben?

    Viele Grüße,
    Britta

  19. Klasse Geschichte, habe gerade alle drei Teile am Stück gelesen. Jetzt habe ich eine Vorstellung was in dem Krankenhaus los war, in dem meine erste Tochter geboren wurde. An dem Tag hatten sie laut Aussage meines Arztes doppelt so viele Geburten wie normal….ich hoffe, eine blubbernde Oma mit verdacht auf Blutung ist ihnen wenigstens erspart geblieben…;-)

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