I. The Storm – Part I

„Josephine – komm schnell, wir vergeben gerade Stehplatzkarten vor´m Kreißsaal!“

Im Halbschlaf presse ich mein Diensthandy ans Kopfkissen gewärmte Ohr und reibe mir mit der anderen Hand die paar Minuten Schlaf aus den Augen, die seit meinem Zwischenstop im Bereitschaftsbett vergangen sind.

„Komme“ murmel ich komatös in die Sprechmuschel. Die Erdanziehungskraft muss heute doppelt so hoch sein, wie sonst, denn nur unter Mobilisation aller um diese Uhrzeit vorhanden Kräfte gelingt es mir, mich von Matratze und Bettdecke zu trennen. Es ist Sonntagmorgen, 3 Uhr früh und seit nunmehr 19 Stunden hält mich der schlimmste Vollmonddienst ever fest in seinen Klauen.

Im Überwachungsraum des Kreißsaales sitzt Gloria-Victoria, das Kinn in die Hand gestützt, mit irrem Blick vorm lindgrünen CTG-Monitor und starrt auf sage und schreibe fünf unterschiedliche Herztonableitungen, was für fünf Mütter in fünf Kreißsälen und somit jede Menge Arbeit spricht.

„Gloria?! – was machen die Frauen vor unserer Tür?“ – auf meinem Weg vom Dienstzimmer zum Kreißsaal bin ich gerade peilrecht in zwei schwanger bis hochschwanger aussehende Mädels gerannt, die dort lustig schnaufend Pfädchen ins Linoleum laufen.

„HMPF!!!“ Tönt es dumpf unter Glorias goldblonden Pony hervor „HMPF!!!“ nochmal, sonst nichts.

„Würdest du mir HMPF liebenswürdigerweise ins Verständliche übersetzen – ich kann dir nicht ganz folgen…?!“ Ein wenig unwirsch tippel ich von einem Bein aufs andere – denn zwei der fünf CTGs schauen nicht schön aus und ich fürchte, dass eine Hinauszögerung des Problems dasselbe nur noch größer machen könnte.

„Wir sind voll bis unters Dach und die Zwei da draussen haben sich bis jetzt nur für einen Stehplatz vorm Kreißsaal qualifizieren können!“ tönt eine wohlbekannte Stimme aus dem Off – Auftritt FrauVonSinnen über links ins Set.

„Whow – zwei Hebammen mittig in der Nacht – ihr macht mir gerade ein bisschen Angst!“

„Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei…!“ – tönt es nunmehr von rechts! Ruckartige Kopfbewegung nach der anderen Seite und ich traue meinen verschlafenen Augen nicht, denn

„SOLI??? Du AUCH hier? Ist heute Walpurgisnacht? Wollt ihr vielleicht gleich noch eine Runde um den Bloxberg fliegen, ja?“

Zwei Hebammen in einer Nacht sind eine Seltenheit, drei spricht für Chaos, gottlob…

„Josephine – meine Patientin presst!“ Ohe, die OberHebamme, streckt den Kopf durch Kreißsaaltür 3 und rollt wild mit den Augen, während ich erfolglos versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten…

„Vier Hebammen in einer Nacht in meinem Kreißsaal!“ flüstere ich schockiert vor mich hin, während der Kittel in die nächste Ecke fliegt und ich ergeben die sterilen Handschuhe greife, die mir OsoleMia hilfsbereit entgegen streckt.

Ohe ist eine Hebamme wie man sie sich schöner in keinem Bilderbuch ausmalen könnte mit ihrem grauen Haar und der Goldbrille. Typ Clementine aus der Dash-Werbung der 80er Jahre (kann sich noch irgendwer erinnern?) – und mit einer Stimme wie ein Drill-Seargent im Marine-Camp.

Frau Drei (für Kreißsaal Nummer 3) liegt gerade auf sechs Uhr im Bett, was mich erneut daran hindert, richtig in Fahrt zu kommen – Patientinnen liegen in dem kreisrunden Kreißbett nämlich üblicherweise nicht auf 6, sondern auf 12 Uhr, also mit dem Kopf nach OBEN, von Hebamme und Arzt weg gerichtet. Diese Frau indes hat es sich mal eben verkehrt herum bequem gemacht, und deshalb blicke ich nun – statt auf weit geöffneten MUTTERmund nur auf Mund. Also – richtigen Mund, mit Zähnen und so. Und da Drei gerade wie abgerissen brüllt, kann ich in der Tiefe sogar Epiglottis sehen. Und Mageneingang. Magenausgang…

„Josephine – schläfst du noch??? Mach jetzt mal hinne hier, datt Kind is´ gleich durch!“

Mit strengem Blick, die Handschuhe bis zum Ellenbogen hoch gezogen, hängt Ohe über dem im 45° Winkel fixierte Kopfteil des Entbindungsbettes, welches ja nun das FUSSteil darstellt und versucht – das Geburtssieb mit dem Ellenbogen festhaltend – gleichzeitig Damm und durchschneidendes Köpfchen zu schützen.

„Was zum Teufel…!“ entfleucht es mir, bevor ich über das Seitenteil des Bettes kletternd zum eigentlichen Ort des Geschehens gelange. Gerade noch rechtzeitig, um das Geburtssieb vor dem Absturz zu retten, denn just in dem Moment fängt Frau Drei das Pressen an und mit einem einzigen Flutsch ploppt ein schwarzhaariges, winziges Etwas in Ohe´s vorsorglich zum Fangen bereite Hebammenhände. Mit einer geschickten Bewegung hat sie den kleinen FlugSäugling auch schon in warme Mullwindeln geschlagen und der Sechs-Uhr-Mutter auf den Bauch gepackt. Ich reiche gerade Klemme und Nabelschere zum Durchschneiden der Nabelschnur an, als hinter mir die Tür auffliegt und Soli herein stürmt:

„Josephine – Zugang! Schnell!“

„Himmel – A – und Zwirn – wollt ihr mich eigentlich verschaukeln? Wer hat die Leute bloß alle bestellt? ICH NICHT, hört ihr? ICH hatte beim Universum einen ruhigen Dienst geordert. Das hier hat wer anders verbrochen!!!“

Laut fluchend klettre ich über Mutter Drei und Baby Eins Richtung Kreißsaaltür und betrete den Flur gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen wie Soli die vordere Schulter eines laut schreienden Babys entwickelt, während Gloria-Victoria ächzend das linke Bein der dazugehörigen und wie Schippe acht im Krankenhausrollstuhl hängenden Mutter hält. Ich eile Soli zu Hilfe, die das Kindelein schon geschickt im Schoss der Mutter positioniert hat und nun ebenfalls nach Nabelklemme und Schere verlangt.

Just in jenem Moment klingelt das Telefon – ein kurzer Blick auf die Uhrzeit: 03.14 morgens.

„Wenn das die Pforte ist – wir haben nichts mehr frei!“ schnauft OsoleMia. „Schwangere und Kinder bitte ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt – sonst muss ich Feldbetten besorgen!“

„Hallo – hier Kreißsaal, wer da?“

„Hier ist die Innere Notaufnahme. Ich habe hier eine Patientin, die gerade von einer afrikanischen Safari kommt und nun eine gynäkologische Untersuchung wünscht!“

Einatmen, Josephine und ausatmen. Immer schön ein- und ausatmen….

„Wie passend!“ kontere ich nur minimal gereizt „und ich bin eine gynäkologische Ärztin, die sich gerade auf afrikanischer Safari wünscht…!“ Frau Dr. Pille scheint das wenig witzig zu finden, sie grinst nicht einmal durchs Telefon, sondern wartet lediglich mit eisigem Schweigen auf meine Antwort!“

„Okay, Schwester – Butter bei die Fische – was HAT die Frau denn?!“ – „Die Frau“ kommt es tiefkühltemperiert zurück „ist in der 5. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Malaria bei uns eingeliefert worden und macht sich nun Sorgen um ihr Kind!“

Ächt jetzt? Ich persönlich würde mir ja gerade mehr Sorgen um die Malaria machen. Denk ich mir. „Also, wissen sie, ICH würde mir ja mehr Sorgen um die Malaria machen!“ sage ich. Und stosse bei der spassbefreiten Kollegin auf wenig bis gar keine Gegenliebe.

„Die Patientin ist in wirklich großer Sorge und möchte augenblicklich wissen, wie es ihrem Kind geht!“ giftet sie mir jetzt durchs Telefon entgegen und ich spüre, wie mein Blutdruck zu steigen beginnt.

„Okay, Kollegin, Lauscher auf und zugehört: hier im Kreißsaal ist gerade Holland in Not! Land unter! Völliges Chaos! Sollte ich diesen Dienst überstehen, ohne mich oder irgendjemand anderen umgebracht zu haben, dann werde ich Frau Malarias Fall gerne an meinen Tagdienst übergeben, der dann – VIELLEICHT! – zwischen 150 ambulanten Notfallpatienten und einem halben Dutzend anderer Entbindungen zwei Minuten Zeit findet, um nach der hoch aufgebauten Schleimhaut deiner Patientin zu schauen. Comprende?!?!“

„Ich kann auch gerne ihren Hintergrund informieren…!“ Temperaturtechnisch befinden wir uns jetzt im Bereich flüssigen Stickstoffes, während mein Blutdruck gerade in den reanimationspflichtigen Bereich driftet.

„Okay – DAS ist Kindergartenniveau. Aber wenn sie mich tatsächlich wegen so etwas bei meinem Oberarzt verpfeifen wollen, kommen sie gerne in den Kreißsaal und rufen ihn persönlich an. Ich bin mir sicher, sie könnten ein gemütliches Pläuschchen mit ihm halten, frühmorgens um Viertel nach Drei, während ich…!“

„JOOOOOOSEEEEEEPHIIIIIIIINEEEEEEE!!!!“

*BLING* – Mein Blutdruck hat gerade die 300er Schallmauer durchbrochen…

„…muss auflegen!“ Das Echo von Ohes Schrei hallt noch durch die Weiten des Kreißsaalflures, als ich auch schon an Frau Dreis Bett stehe.

———————TO BE CONTINUED————————————

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37 Kommentare zu “I. The Storm – Part I

  1. …man könnte die Frau Kollegin bitten, in der Zeit den Kreissaal zu übernehmen. *fg* Nein, war n Witz, ich weiß, das geht eh nicht. Aber die Reaktion wär spannend. Allein, weil ich neugierig bin.

  2. Um Himmels willen… wie kannst du nur so Spannung aufbauen und dann… ARGH ;-)

    Trotzdem frohe Ostern!

  3. ich glaube so etwas nennt man Folter. Einfach mittendrin aufhören! Wie gemein ist das denn?

    Frohe Ostern :) Ich hoffe dieser Dienst war nicht an Ostern.

  4. Um Himmels Willen!
    Erstens: Atmen Josephine, atmen!! Dieser Blutdruck ist nicht gesund!
    Zweitens: Whoa..spannend! Ich bin gespannt wie es weiter geht..Cliffhanger sind so was schönes :D

  5. Na das klingt doch mal nach einer interessanten Schicht…
    Solche Anrufer sollte man allerdings mal kurz durch das Telefon ziehen un mit frischer Sturmfrisur wieder zurückstopfen ;-)

  6. Cliffhanger!! Oh wie gemein..
    Kannst Du in so einem Falle identisch erstmal priorisieren oder übernehmen die Hebammen das schon? Und warum haben sie so lange gewartet (so nen hebammengeführten Kreißsaal, wo Ärzte nur im Notfall dazukommen, wie es das hier an der Uni gibt, scheint Ihr ja nicht zu haben, oder?)

    An Clementine erinnere ich mich natürlich – war die aber nicht aus der bescheuertsten Werbung ever ever mit „Sie baden gerade Ihre Hände drin“..

  7. Aaaaaahhhhhh, mehr, bitte, bitte, bitte!!!!
    So genial geschrieben und jaaaaa, mehr, mehr, mehr – biiiitteee!!! :-)

    Hammer, ich dürste nach der Fortsetzung :-)

  8. Josephine, Sie arbeiten im falschen Jahrhundert. *lach* Als meine Tochter vor ca. 44 Jahren zur Welt kam und ich nach ungefähr 35 Stunden Wehen im Kreißsaal lag, weil sie durch eine falsche Lage nicht kommen wollte oder konnte, wurde der Bereitschaftsdienst habende Oberarzt nicht gerufen, weil er ja in seinem heiligen Schlaf nicht gestört werden durfte. Das waren noch autoritätshörige Zeiten. – Ich wurde angeschnauzt, weil ich wie ein Berseker gebrüllt habe vor Schmerzen – aber die Hebammen waren der Meinung … (das werde ich mal lieber für mich behalten, diese blöden Sprüche) – und die, obwohl ich verheiratet und mit 23 Jahren auch kein Küken mehr war. – Dort hatte auch ich mittelschwere Mordgelüste.

    Die Story über die Entbindung in den 60er Jahren in der DDR liest sich richtig lustig.
    http://chh150845.wordpress.com/2010/01/13/entbindungen-vor-40-jahren/

  9. das MUSSTE ich meinem Mann vorlesen!!! Wir haben so mitgefiebert und gelacht (sorry *gg*) Aber wie gemein, dass es nicht gleich weiter ging, wir waren grad voll drin!! ;-)

  10. Du kannst hier doch nicht ein einen Cliffhanger einbauen… ich hab doch gerade erst angefangen meine Fingernägel abzuknabbern…

    Also nee… ehrlich…

    ;o)

  11. Uuuuuaaaaahhhhhh – nur weil Jesus am Kreuz hing brauchst du uns hier doch nicht AUCH foltern!!!!!! MEHR – S C H N E L L !!!!!!!

  12. Menno, weiter!

    Vier Hebammen in einer Nacht ist deutlich über meiner persönlichen LD50…

    Ich hoffe übrigens, der Anästhesist durfte weiterschlafen…

    Mehr!

  13. Ohh, wieder so eine wahre Mitfieber-Geschichte!
    Sage mal, welche Deiner Hebammen würdest Du eigentlich wählen, wenn Du jetzt nochmal ranmüßtest mit Kinderkriegen? ;-) Jede, keine, eine?

  14. Anscheinend bin ich die einzige Leserin mit einem schwachen Nervenkostüm, denn:
    mit Spannung und großem Vergnügen gelesen, bin ich jetzt dankbar für die Verschnaufpause.
    :-)
    Und erinnere mich mit Wohlbehagen an die – im Vergleich zu der beschriebenen Nacht – geradezu komfortablen Bedingungen während der Geburt meiner Tochter.

  15. Das kann kann noch heiter werden…

    P.S. Vielleicht solltest du bei der nächsten Dienstplanbesprechung mal unauffällig deinen Vollmondkalender zücken…!? ;-)

    P.P.S. *Gefällt mir* natürlich nur für Spannung & Stil

  16. *Cliffhanger* war auch mein erster Gedanke.
    Komischerweise bringe ich persönlich Clementine eher mit Ariel in Verbindung und auch eher mit den 70ern.

  17. Och Menno! Nicht immer aufhören, wenn es am spannendsten ist! Ich *HASSE* Cliffhanger … Weiter bitte!

  18. besser als Tatort *mitfieber*..

    und Foltern ist fai verboten :D… also nicht aufhören wenns spannend ist ;) (bitte weiterschreiben :) )

  19. Also wenn dir das je zuviel werden sollte, kannst du das Ganze ja als Roman veröffentlichen.
    Deine Leserschaft wäre sicher begeistert.
    Ich habe dich vor kurzem erst entdeckt und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen.
    Das hat mich schon um ein paar kostbare Stunden Schlaf gebracht.

  20. Mein Sohn wurde auch in einer Vollmond-Nacht gboren. Ich war zuerst die einzige Patientin. Nach und nach wurden es dann immer mehr. Die Hebammen versuchten, allen gerecht zu werden. Zum Glück hatte jede Patientin einen eigenen Arzt (Belegkrankenhaus).

  21. „“Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei…!” – tönt es nunmehr von rechts! Ruckartige Kopfbewegung nach der anderen Seite und ich traue meinen verschlafenen Augen nicht, denn

    “SOLI??? Du AUCH hier? Ist heute Walpurgisnacht? Wollt ihr vielleicht gleich noch eine Runde um den Bloxberg fliegen, ja?”

    Zwei Hebammen in einer Nacht sind eine Seltenheit, drei spricht für Chaos, gottlob…“*looooooooooooool*

    Spass beiseite: Arme Josephine. *schokolade herstell* – Hoffentlich geht es den Kindern, die in dieser Nacht geboren wordern sind, und deren Müttern, gesundheitlich gut.

    VhG

    Andrea

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