To Boldly Go… – Der Geheimbund der OP-Eingeweihten

Operationssäle sind Schauplätze skurriler Begebenheiten:

„Jetzt fass den Larry mal ordentlich an!“

ist mitnichten ein Akt sexueller Belästigung, sondern die mehr oder minder freundliche Aufforderung, menschliches Gedärm, Blase oder sonstige Körper-Bestandteile aus der Sicht des Operateurs zu halten. In OPs ist das reale Leben ausser Kraft gesetzt. So, als betrittst du Disneyland und plötzlich besteht die Welt nur noch aus komischen Figuren. In den OPs dieser Welt wimmelt es nur so von komischen Figuren und je größer die Klinik desto umfangreicher das Spektrum menschlicher Abstrusität. Denn in diesen heiligen Hallen medizinischen Wirkens, die kaum ein Mensch je wirklich gesehen hat, herrschen völlig andere Gesetzmäßigkeiten als im übrigen Universum.

Diese Parallelwelt besteht aus ein bis vielen hochsterilen, übelkeitsgrün oder eitergelb gekachelten Räumen, die mit skurril anmutenden Gerätschaften bestückt sind, daneben mannshohe Türme voller Monitore und blinkender Lichter. Und wohin man auch blickt baumelt buntes Kabel wie Lianen im Urwald von Buchse zu Buchse.

Grün bekleidete, Mundschutz-vermummte Menschen stehen an langen Reihen verchromter Waschbecken und verteilen in immer gleicher Monotonie Desinfektionsmittel von den Fingern über die Handgelenke bis hinauf zu den Ellenbogen. Dann stehen sie – die Arme wie Marionetten halb seitlich von sich gestreckt, mit abschweifendem Blick vor dem Spiegel, als müssten sie noch kurz über die Wunder der Welt nachdenken. Oder die Einkaufsliste. Oder wie gerne sie jetzt ganz woanders wären.

Einige bewegen Ihre Arme sachte, wie Flügelschlagen, durch die Luft, um das Sterilium auf der Haut schneller zum Trocknen zu bringen – gleich Pinguinen im Zoo, freundlich winkend oder irgendwie dämlich.

Manche Grünlinge reden tatsächlich auch miteinander: – „Das rechte Ovar sieht völlig blande aus. Ich geh rein und bau die Zyste links aus, dann kann ich um drei noch schnell die LASH machen!“ – „Okay, ich hab jetzt nur noch eine Lap-Galle – um 5 zum Tennis?“ – „Alles klar!“

Check – Ein Operateur linker Saal, einer rechter Saal, Tür zu – die Show beginnt!

Die gerade nicht beschäftigten Vermummten sitzen zusammengepfercht in kleinen Räumen voll leerer Kaffeetassen und krümeliger Tische und reden über Frauen (die Chirurgen), Frauen (Gynäkologen), Frauen (Urologen) und die aktuellsten iPhone-Apps (Anästhesisten). Einige stopfen auch nur Essen in rasender Geschwindigkeit in sich hinein, schütten zwei Tassen Kaffee oder einen halben Liter Cola hinterher und sind schneller wieder weg, als man schauen kann – DAS sind dann die Gefäßchirurgen, verschlossene, unfreundlich dreinblickende Wesen, die für einen einzelnen Eingriff gerne mal 8 Stunden und länger am Tisch stehen. Die Jungs haben auch nie Zeit zum quatschen (weder über Frauen NOCH über iPhone-Apps), denn schließlich müssen sie ihre 10.000 Kalorien Tagesverbrauch (Zwei 8-Stunden-OPs und ein kleiner Abschlußmarathon nach Feierabend) irgendwie wieder hereinbekommen. Ganz ehrlich bin ich aber überzeugt, dass sie sich auch sonst nicht mit uns normalem Fußvolk abgeben würden – Gefäßchirurgen sind etwas ganz besonderes, die reden nicht mit jedem daher gelaufenen Mediziner…

OP-Säle selbst sind einfach nur großartig. Hier ist alles geregelt. Jeder hat seinen Platz, jeder kennt seine Aufgabe.

Der Anästhesist, z.B. betäubt den Patienten und ist anschließend hauptsächlich fürs Entertainment (Musik auflegen oder wechseln) und kleinere Handlangertätigkeiten (Nahtmaterial raussuchen und Licht einstellen) wichtig. Dazwischen liest er, spielt auf seinem iPhone, vertritt sich die Füße, trinkt Unmengen Kaffee und nervt den Chirurgen damit, dass er seine Patienten heimlich zum pressen bringt. Dann quillt nämlich das ganze Gedärm wie eine wild gewordene Riesenschlange ins OP-Gebiet und keiner sieht mehr irgendwas. Nein, ist Spaß. Selbstverständlich kommt der Patient ganz von allein auf die Idee, den Chirurgen zu ärgern und der Betäubet muss den Karren dann wieder aus dem Dreck ziehen. Oder so.

Instrumentenschwester und Springer sorgen für dafür, dass der Operateur alles hat, was er zum glücklich sein braucht: Sie reichen Fasszangen, Skalpelle, Larrys und Fritsche, öffnen Siebe voller Kocherklemmen, Zweizinker, Mäuschen und Rouxs. Sie tupfen Stirnen, säubern Kamera-Optiken, verteilen Sauger und Strom. Und machen jedem das Leben zur Hölle, den sie nicht leiden können.

Operateure hingegen lassen sich über keinen gemeinsamen Kamm scheren, denn es gibt so viele unterschiedliche Charaktere, dass man sie unmöglich alle auf einen Nenner bringen kann. Hier gibt es die wilden Metzler, die sich – ohne Rücksicht auf Ästhetik und gewebeschonendes Arbeiten – wie Bulldozer durch den Menschen auf ihrem Tisch arbeiten, das Problem beheben (ausschneiden, verbrutzeln, zunähen, whatever), dann euphorisch jede einzelne Blutzelle, die ihnen unter die Finger kommt, gnadenlos wegbruzzeln, um schlussendlich alles mit 5 bis 50 Tackernadeln wieder zusammen zu heften. Verband drauf – fertig.

Es gibt die 1000-Prozenter, die immer doppelt so lange brauchen, wie jeder andere und bei denen das OP-Personal – inklusive dem Sandmann, der ja die ganze Zeit über sitzen darf – schonmal vorsichtshalber Stützstrümpfe und Dauerkatheter trägt, außerdem die Hasenfüße, deren Mützen man mit Kompressen auspolstern muss, damit nicht permanent Schweisstropfen ins OP-Gebiet platschen. Die Routinierten und die Anfänger, die Versager und die Stümper. Und ganz hinten in der Reihe, weil so selten wie Edelweiss im Gebirge: die Genies.

Operationssäle sind wie geheime Bruderschaften – hier kann sich niemand heimlich einschleichen, der nicht wirklich dazu gehört. Denn selbst wenn man das Prozedere des Waschens, steril sein und -bleibens bis ins letzte Detail erklärt bekommt, wird man die ersten Male von jedem alten Hasen augenblicklich als Frischling identifiziert. Es muss einem einfach erst ins Blut übergegangen sein – wie halte ich meine Hände, wo darf ich stehen und wo besser nicht? Rechts am Instrumententisch vorbei oder die Abkürzung über die Anästhesie? Selbst so simple Dinge wie Handschuhe anziehen und Patienten abdecken funktioniert nur in bis ins letzte Detail geplanten Abläufen.

Im Gegenzug bist du in jedem neuen OP, egal wo auf der Welt, gleich ein bisschen Zuhause. Und selbst die Instrumentenschwester schaut nicht mehr ganz so böse überm Mundschutz heraus, wenn sie erkennt, dass du ein Eingeweihter bist… :)

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26 Kommentare zu “To Boldly Go… – Der Geheimbund der OP-Eingeweihten

  1. sehr gut. Und alles sooo treffend gesagt. Der kleine Kosmos OP mit seinen vielen Einzellern, die zusammen einen großen wabbernden Organismus darstellen. Faszinieren und spannend – (m)ein Traum ;)

  2. Das war wie Beschreibung zum Mediziner-Tatort, damit man sich bei entsprechenden Filmen besser auskennt.
    In den 60er Jahren durfte ich während einer med. Ausbildung in viele, viele OP-Säle und auch in viele Patienten hineinsehen – und fand es immer von der ersten bis zur letzten Minute anstrengend schön und sehr interessant. – Orthopäden haben ja z.T. wirklich einen harten Knochenjob und haben – nicht aus Angst, sondern vor Anstrengung, teilweise geschwitzt wie Marathonläufer.
    Schöne Ostertage wünscht Clara

  3. also in dem op in dem ich mal zuschauen durfte war die instrumentenschwester ne ganz liebe ^^ und dass obwohl ich uneingeweiht zum ersten mal da stand und man mir erst noch erklaeren wie man die (undesinfizierten) haende halten muss und wie man den gruenen kasack am bequemsten dazu bringt nichts blaues zu beruehren xD

  4. Addendum:

    Versucht der Operateur den Patienten (meist aus Versehen, selten mit Ansage) umzubringen, ist der Anästhesist in der Regel derjenige, der dem Patienten das Leben rettet. Merkt nur nie einer, auch der Operateur nicht.
    Nach Stabilisierung des Patienten wechselt der Anästhesist gern auch wieder die CD. Von „Traumzeit 1“ auf „Faszinierende Delphin- und Walgesänge“.
    Beide gibt es bei uns im Gyn-Saal zur Auswahl.
    Noch Fragen?
    ;)

    • Touché, lieber Kollege…!

      Bei o.g. CD-Auswahl müsste ich übrigens umgehend ins OP-Feld brechen! Ächt jetzt…

      • Ich unterschlug den gesamten Titel einer der CDs: „Traumzeit 1 – Indianermusik“. Klingt so ähnlich wie ein postiktaler Zamfir nach extragroßer Freidenspfeife.
        In dem Saal steht auch immer ein extragroßer Tavor-Leckstein auf meiner Schlafmaschine – für mich.
        Man ist sehr speziell in der Frauenheilkunde am Rande des Wahnsinns…

  5. Ich war ja schon mehrfach im OP, allerdings immer als Patient und habe von alldem Gott sei Dank nichts mitgekriegt….bin sehr gefangen, von dem was sich abspielt während ich schlafe…bleibt nur eine Frage – auf die ich auf keinen Fall eine ehrliche Antwort möchte: sehen alle OP-Ärzte so gut aus wie bei Grey’s Anatomy???? Die Auswahl der oben genannten Gesprächsthemen während der OPs lässt mich ja das Schlimmste vermuten, wenn keiner über wer-mit-wem-und-wem-nicht redet, dann sehen die wahrscheinlich auch alle nicht so dolle aus….

  6. In einem OP war ich auch nur als Patient – Gott sei Dank nur ein Mal. Mäuschen würde ich nur im Ansatz spielen wollen um zu sehen was im OP so passiert. Ich kann nur bedingt Blut sehen.

    Frohe Ostern!

    ~Anja~

  7. Sehr schön beschrieben… ich habe (fast) Sehnsucht gekriegt. Mal wieder die zweite Assistenz sein: Klappe und Haken halten…

  8. WooOOooW!
    Als bis dato stillere und nicht regelmäßig mitlesende, aber jedes Mal wieder mit Grinsen / Brüllen / Staunen Besucherin, muß ich nach Ihrem letzten Beitrag jetzt nicht nur rückblickend diverse OP’s dankbar abnicken, sondern weiß auch für die Zukunft:
    Bei der nächsten OP drücke ich dem Anästhesisten einfach meine Guns ’n Roses-CD in die Hand, dann klappt das auch mit dem Aufwachen! ;-)
    (Und dankedankedanke, dass meine Kinder nie, never-ever, in einem Kreißsaal zur Welt kommen durften, sondern es gerade noch eben so zuhause geschafft haben!!! Obwohl: SIE, liebe Josephine, hätte ich verdammt gern an meiner Seite gewußt in den Preßwehen! Was hätt’n wir – glaube ich… – für einen Riesenspaß gehabt! :-) )
    Frohe Ostern mit hoffentlich ganz erholsamen Feiertagen!!!

  9. Herrlich, ganz toll geschrieben. Als im OP-Tätiger könnte ich mich über die meisten genannten Punkte richtig beömmeln. Man bekommt es so eigentlich genau in jedem OP mit.
    Alleine, wenn ich schon zählen würde wie häufig ich schon „DER PRÄÄSST!!“ gehört habe und die folgende Diskussion zwischen Operateur und Änasthesist erleben durfte. :D

    • Will ich wirklich wissen, was mit dem „Pressen“ gemeint ist…? Ist das ne „gewöhnliche“ Nebenwirkung oder ist das etwas, was „Nicht-OP-Eingeweihte“ lieber nicht wissen sollten – um eventuelle künftige OPs gelassen angehen zu können…? *grübelt*

      • Beim Patient lässt das Mittel nach, das die Muskeln relaxiert, also erschlaffen lässt und so erst manche OPs wie Bauchoperationen oder Po-Ops (Hämorrhoiden z.B. :D) erst möglich, aber auch eine künstliche Beatmung nötig macht.
        Dann fängt der Pat. an wieder selbstständig mitzuatmen, spannt Bauchmuskeln an, der Druck im Bauchbereich erhöht sich und es wird z.B. Darm in’s OP-Gebiet oder aus dem offenen Bauch gedrückt.
        Wird dem Anästhesisten meist über einen kleinen Alarm von Dr. Äger mitgeteilt, aber meist vorher mit großem Alarm von Chirurgen mitgeteilt, der’s ja unmittelbar sieht.

      • Um es nicht ganz so schlimm darzustellen: Es gibt besagten kleinen Alarm, der Anästhesist gibt noch ein bisschen mehr Medikament, nach max. 1 Minute ist wieder Ruhe. Der Patient bekommt nichts mit und wacht auch nicht auf oder so.

  10. Uaaaahhh *schüttelt sich* Nee, nee, nee, ich weiß schon, warum ich mich „damals“ nicht für Medizin entschieden habe. OPs sind dann doch nicht so meine Welt. Aber deine Geschichten hier schon ;-) Freu mich ja immer, von dir zu lesen – ganz in Ächt :-)

    Wünsch dir schöne Ostern und nur glückliche Oster-Ei-Babys, falls du Dienst haben solltest.

    Conny

  11. Ich hätte noch ne Ergänzung zum Anästhesisten! Der ist nämlich nicht nur für das Entertainment zuständig, sondern auch für den Seelenfrieden der Operateure, wenns mal wieder schwierig ist… so ein verständnisvoller Blick und ein mundgeschütztes Lächeln können den Operateurstag durchaus retten… und hinterher kann man ja immer noch augenrollend hinterm Tuch abtauchen und sich den wirklich wichtigen Dingen (Iphone, Pressen lassen etc.) widmen ;-)

  12. Das mit dem iPhone-Apps ist übrigens wahr, sehr nützlich für uns Anästhesisten.
    Da wären iPress, eine Anleitung zum deaktivieren jedweder Relaxierung zum ungünstigstmöglichen Zeitpunkt (nicht zu verwechseln mit youPress, das ist eine geburtshilfliche App), iBleed, wenn die Damen und Herren aus der schneidenden Zunft mal wieder das intrapatientelle Blutvolumen überschätzt haben und natürlich GekröseTime….

    (ausserdem benutzen wir eigentlich ja Android ;)

    • OH MY GOD!!!! Wie konnte ich die nur jemals vergessen!!!!! Thanks for bringing them back to me!!!!!!

  13. @BetäuBär

    Du meinst wohl „jede Relaxierung“.; )

    „Es gibt die 1000-Prozenter, die immer doppelt so lange brauchen, wie jeder andere und bei denen das OP-Personal – inklusive dem Sandmann, der ja die ganze Zeit über sitzen darf – schonmal vorsichtshalber Stützstrümpfe und Dauerkatheter trägt, außerdem die Hasenfüße, deren Mützen man mit Kompressen auspolstern muss, damit nicht permanent Schweisstropfen ins OP-Gebiet platschen. Die Routinierten und die Anfänger, die Versager und die Stümper. Und ganz hinten in der Reihe, weil so selten wie Edelweiss im Gebirge: die Genies.“ *loooooooool*

    VhG

    Andrea

  14. Voll gut! Da werden Erinnerungen wach – positive wie neagative (hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken liegen und die eigene OP zu erwarten ist einfach sch**ße – da werden wohl Wenige widersprechen!) Danke für die positiven Erinnerungen :-))

  15. Josephine!!!!!!!
    Top class Beitrag!!! Kommst Du noch aus dem Haus oder rennen Dir die Verleger schon die Bude ein.
    (Ich war ne Woche weg und hole Dein Blog auf)

    Ich seh’s schon vor mir „House of Josephine“
    ;)

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