She Drives Me Cra-ha-ha-zy….

Es gibt Tage, da steppt der Bär, dass man vor lauter Arbeit kein Land mehr sieht. Und ausgerechnet heute ist genau solch ein Tag: Fred im Dienstfrei, Wilma und Blondie im Urlaub, der OP-Plan voll bis zum St. Nimmerleinstag und 25 Frauen von Harnwegsinfekt bis vorzeitige Wehentätigkeit in meiner Ambulanz. Im Kreißsaal tummeln sich 4 Schwangere, mehr oder weniger unter Geburt und der Stapel der noch zu schreibenden Entlassbriefe im Arztzimmer reicht mittlerweile bis unter die Decke. Während nun Chef und Oberärzte bis auf unbestimmte Zeit im OP verschollen sind, versuche ich die übrige Arbeit auf den Rest der Mannschaft zu verteilen: Bambi und mich! Das geht eigentlich ganz schnell, denn die Kleine darf aufgrund ihres Welpenstatus alleine noch keine Ambulanz fahren, also bleibt für sie erst einmal der undankbare Job der Visite, während ich mir die erste Notfallpatientin zur Brust nehme.

Ich schaue die elegant gekleidete Mittfünfzigerin ein wenig irritiert an, denn derart hergerichtet würde ich höchstens zur Verleihung der Oscars auftauchen, aber gut, vielleicht kommt sie ja sonst nicht oft vor die Tür. Gerade will ich fragen , wo denn das Problem im allgemeinen Befinden liegt (denn die Frau sieht aus wie das blühende Leben…!) als mein Handy klingelt und Bambi am anderen Ende der Leitung ankündigt.

Ich: „Ja?“

Bambi *whisper*: „Kann ich dich mal was fragen?“

Ich: „Klar – schiess los! Aber schiess schnell, hier wartet jede Menge Arbeit!“

Banbi: „Frau Weber-Müller-Hauptmann möchte gerne nach Hause…!“

………………….Pause………………..

Ich *aufmunternd*: „Ja – UND???“

Banbi: „Ja – darf sie denn gehen?!“

Ich: „Keine Ahnung – darf sie?!“ Wo sind wir hier? Rate mal mit Rosenthal?

Bambi: „Also, Frau Weber-Müller-Hauptmann hat vor 4 Tagen spontan entbunden, Damm intakt, dem Kind geht es gut, die Rückbildung ist vorbildlich, Patientin kreislaufstabil…!“

„Bambi, was willst du von mir? Ist doch alles in Ordnung – schick die Frau heim, um Himmels willen!“

„Ja, prima! Dann mach ich das!“ Spricht’s und legt hörbar erleichtert auf, während ich, reichlich verdattert, mein Telefon anglotze. Was bitte war DAS denn gerade???

Immer noch leicht abwesend wende ich mich wieder Frau Oscar zu, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen missbilligend ansieht.

„Vielleicht könnten sie sich jetzt endlich einmal mir widmen…?!“

Bitte sehr, bitte gleich. Was denn wohl das Problem ist, frage ich die Patientin. Nun, teilt sie mir ganz unverfroren mit, sie hätte bitte-danke-gerne einen Komplett-Check!

„Wie jetzt – Komplett-Check?!“ Hallo? Wir sind schließlich keine KFZ-Werkstatt!

Frau Oscar, sichtlich entnervt ob meiner fehlenden Einsicht, will offensichtlich gerade zum verbalen Gegenschlag ausholen, als – oh Wunder – das Handy läutet und via Display-Erkennung das rehäugige Waldtier ankündigt.

Ich nur marginal genervt:“JAA?!?!?!…“

Ich höre es am anderen Ende der Leitung trocken schlucken, und da ich ja ein weiches Mutterherz habe, lege ich etwas milder nach: „Bambi! Sprich schnell, oder schweige für immer!“ Ehrlich gesagt habe ich ein wenig Sorge um mein Leben, denn Frau Oscar zieht jetzt hörbar Luft durch die Nase, während sich das dunkle Rot ihrer Wangenknochen zügig über das komplette Gesicht verteilt.

Bambi: „Es ist wegen Frau Bommel.“ – Kennichnich
Ich: „Kenn ich nicht! Was ist mit ihr?!“
Bambi: „Frau Bommel ist eine Schwangere in der 28sten Woche mit Harnwegsinfekt. Zweite Schwangerschft. Hat vor drei Jahren spontan entbunden. Der Verlauf der ersten Schwangerschaft war völlig normal…“

Die roten Flecken in Frau Oscars Gesicht haben nun die Perlenhalskette-Grenze erreicht und breiten sich weiter gen Norden aus, während ihre brilliantenbesetzte rechte Hand Staccato auf meinem Schreibtisch trommelt.

„…erste Vorstellung beim Frauenarzt in der 5+2 Schwangerschaftswoch. Sie hatte eine Nackenfaltentranzparenzmessung in 12+3…“

Ich: „BAMBI! Komm zum Punkt!“
Bambi mit einem leichten Schluchzen in der Stimme: „Keine Beschwerden mehr, Labor und Urin normal, Ultraschall zeitentsprechend – Darf die Patientin nach Hause?!“

Ich: „Nein, sie sollte vorsichtshalber bis zum Entbindungstermin stationär bleiben!“ ACHTUNG-IRONIE-ALARM

Bambi haucht:“Ahhhhhhh – okay! Ich sag es ihr!“ und legt auf!

*Kopf->Tischkante*

Bis ich Bambi zurückgerufen und sie angewiesen habe, die arme Frau Bommel selbstverständlich umgehend nach Hause zu entlassen, hat meine Patientin Gesichtsfarbentechnisch von Kaminrot nach Dunkelblau gewechselt und steht nun kurz vor der Schnappatmung. Doch bevor es soweit kommt, will ich wenigstens noch wissen, was sie heute und hier von MIR will!

Frau Oscar schwer schnaufend und mit eisiger Stimme: „Ich fliege morgen für 3 Monate zu meinem Sohn nach Fort Lauderdale und möchte, das sie mich heute noch komplett durchchecken! Abstrich, Ultraschall – von den Eierstöcken und hierführt kreisende Bewegungen über ihrem wohl dekorierten Décolleté aus…und dann hätte ich gerne noch eine Mammographie! Die letzte liegt schon wieder Moooonate zurück!“

Mit einer wegwerfenden Handbewegung unterstreicht sie nachdrücklich ihre letzte Bemerkung und blickt mich weiterhin missbilligend an, so als sei sie sich nicht ganz sicher, ob ich überhaupt je Medizin studiert habe.

Ich bin erst einmal völlig sprachlos und komme nur verwirrt stotternd auf den Punkt: „Äh, Frau Oscar, das hier ist eine NOTFALL-Ambulanz. Wir machen hier keine Routine-Vorsorgen. Dafür müssen sie zu ihrem Frauenarzt gehen!“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und eiskaltem Blick beugt Frau Oscar sich zu mir herüber, sodass ich die Spur ihrer roten Hektikflecken bis weit unterhalb der Perlenkette-Grenze verfolgen kann. Und während ich noch fieberhaft darüber nachdenke, ob man ältere Damen im Affekt zurückschlagen darf, faucht sie langsam, jedes Wort einzeln betonend, als spräche sie mit einem kompletten Vollidioten: „Fräuleinchen! Lassen sie das mal schön meine Sorge sein!“

Beinahe hätte ich mich an frischer Luft verschluckt – FRÄULEINCHEN ist absolut indiskutabel! Das geht GAR NICHT!

Ich hole tief Luft und will gerade mächtig Wind machen, als – man ahnt es schon – das Telefon…

Ich *brüll*: „BAMBI! Schlack-noch-eins, entlass die Frau! Entlass ALLE Frauen. Gleich, später, morgen, mach, was du willst, aber nerv mich nicht!!!!

Fünf Sekunden Stille am anderen Ende der Leitung und ich befürchte ernsthaft, ich habe das Rehlein soeben erlegt, als des Chefs sanfter Bass über die Leitung an meinen Hörnerv prallt: „Dr. Josephine – ich glaube meine Schwiegermutter ist versehentlich bei ihnen gelandet?! Vielleicht können sie sie eben zu mir rüber schicken…?!“

Herzlichen Glückwunsch! Ich geh mir dann mal einen schönen Strick kaufen…!

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52 Kommentare zu “She Drives Me Cra-ha-ha-zy….

  1. Oh cool!

    Ruhig bleiben, Situation schildern und so tun, als wäre alles in Ordnung mit der eigenen Wahrnehmung. Wars ja auch, oder?

  2. Congratulations! Ich hätte Bambi ??? (sag ich nicht, ich bin ja kein Tierquäler), die Dame ausgelacht und dem Chefarzt deinen Notfalldienst angeboten. – Liest sich wahrscheinlich 100% lustiger, als es in solcher Situation ist.

  3. Da hatten Sie aber Glück, dass Sie der Dame nicht schon eine Packung Kondome in die Hand gedrückt haben mit den Worten „Da passiert schon nix in Amerika.“

  4. Da hat ja Bambi Ihnen das Leben gerettet…stellen Sie sich vor, Sie hätten die alte Perlenträgerin zur Minna gemacht. Der Chefarzt wäre bestimmt nicht erfreut gewesen…..hmm, außer er mag die Dame nicht….ist ja die Schwiegermutter…wäre also nicht ungewöhnlich….dann hätte er sich evtl. gefreut…

  5. Urgs komplett-Check vom Schwiegersohn: Nein Danke.
    Komplett-Check bei der Schwiegermutter: Never ever.

    Ich gehe da doch lieber zu familienfernen Personen. Auch der Gyn, der sich als Skatbruder meines Vaters entpuppt hat, sah mich nur einmal.

    • Das erinnert mich an eine Bekannte, die immer zu ihrem Vater, der Gynäkologe ist, zur Vorsorge gegangen ist. Das müsste ich auch auf gar keinen Fall haben…

  6. Autschn!
    Aber ist der Chef net der tollste von Welt? Und bei so einem Schwiegermonster dürfte er doch eigentlich komplettes Verständnis zeigen, oder? Ich tue es voll und ganz und stimme zu: Die Ansprache Fräulein (oder hier auch gerne mal Frolleinche) geht ja mal sowas von gar nicht!! -.-

    Ich habe eigentlich auf den Zusatz „ICH! BIN! PRIVATVERSICHERT!“ gewartet. Aber das ist natürlich noch übler!
    Die mag ich aber auch in abgeschwächter Form nicht, a la „Ich kenne den Chefarzt! Das ist der Schwager / der Freund von nem Freund / der Studienkollege von vor 25 Jahren / der Klassenkamerad aus der Grundschule / der Papa eines Klassenkamerades meines Kindes“ oder oder oder…
    Auf jeden Fall: GNARF!!

  7. Vielleicht reicht es ja, wenn du ins Ausland gehst…….wäre doch eine Alternative zum Strick! Dafür bist du doch noch zu jung und zu schön. :-)
    Ich habe auch auf den Spruch mit den Privatversicherten gewartet. Und – ganz ehrlich – Schwiegermutter vom Chef hin oder her, „Fräuleinchen“ geht ja wohl garnicht. Fazit: sachlich gesehen warst du voll im Recht, also Schwamm drüber.
    Ein schönes Wochenende wünsch ich Dir!

  8. Au weia! Arme Josephine! — Und wie ist die Geschichte weitergegangen? Gab’s ein Nachspiel? Bittebitte weiter ausführen! Gab’s Ärger?

    (Mal davon abgesehen: Möchte mensch(in) wirklich vom eigenen Schwiegersohn genital-inspiziert werden? Na, ich weiss nicht …)

  9. Ach Josephine – ich kann mir gut vorstellen, wie entnervend stressig die Situation für dich war.
    Doch jetzt, mit Abstand und von dir in deiner unnachahmlich tollen Art erzählt, ist es einfach nur so herrlich lustig, dass ich mir mal wieder kichernd die Lachtränen weg wischen muss. Danke… :-)

  10. Grosshirn an „ach ich weiss nicht wen (vielleicht weiss das Ottolein)“
    Ruhe bewahren, Adrenalinproduktion einstellen
    .. und zwei Bier bestellen: eine für die Leber und eines für den Chef :-D

  11. ächt jetzt?

    *pruuuust* – sorry.

    So viel Unterleibszipperlein könnte ich gar nicht haben, dass ich damit zum eigenen Schwiegersohn gehen würde (mal abgesehen davon, dass ich keinen habe und voraussichtlich mit Schwiegertöchtern zu tun bekomme).

    Danke für diesen Lacher,
    Claudia

  12. Interessant hier sind die Kunden auch nicht freundlicher. Nun Patienten, Klienten, Mandaten, Käufer und alle die eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, kann man ja als Kunden bezeichnen.

    Wenn die Kundin mehr Geduld und Verständnis aufgebracht hätte, wären Sie nicht so aufgebracht über die unsichere Bambie. Und alles wäre entspannter abgelaufen. Ich werde selbst mal überdenken, wo ich mich als Kunde unakzeptabel daneben benehme. Der Kunde ist kein König, sondern ein gleichberechtigter Geschäftspartner bei der Abwicklung des Anliegens, was er oder sie dem Dienst(leistenden) anträgt.

    Der Kunde darf auch kein König mehr sein, weil Könige die Angewohnheit haben sich wie Tyrannen aufzuführen.

  13. Armer Chef, sowas als Schwiegermutter zu haben…
    „Fräuleinchen“ mit so einer Betonung geht wirklich gar nicht. Da rasten bei mir sämtliche Stacheln sofort auf Angriffsposition ein und die Person kriegt einen verbalen Einlauf.

    Bambi ist ja mal so nützlich wie ein Loch in der Socke, kann sie wenigstens die Entlassbriefe schreiben?

    Und Josephine? Wenn Cheffe böse wird, vielleicht nochmal in den Biergarten einladen? Den beim Pferd, den er so toll fand?

  14. Herrlich – es gibt sie also immer noch: Patientinnen, die am Vortag einer längeren Reise einen KOMPLETT-Check fordern! Meine „Erlebnisse“ mit diesem Klientel sind zwar schon ein Vierteljahrhundert her, aber ich finde es ausgesprochen interessant, daß sich während dieser langen Zeit sogar das äußere Erscheinungsbild der Damen nicht wesentlich geändert hat…

  15. „“Wie jetzt – Komplett-Check?!” Hallo? Wir sind schließlich keine KFZ-Werkstatt!
    “ *loooooooooool* Gut kommentiert und gut verglichen.

    Bei „Fräuleinchen“ rasten auch bei mir die Alarmglocken – das geht gar nicht.

    Die „Dame“ bräuchte wohl – abgesehen von einem Check durch Bambi ;) – eine neue Brille.

    VhG

    Andrea

  16. Nun … bei meiner Kfz-Werkstatt muß ich mich ein paar Wochen vorher anmelden für einen Komplettcheck (mein Auto natürlich).

  17. „Fräuleinchen“ also das geht gar nicht!!!! Und wenn sie die Kaiserin von China und den Vereinigten arabischen Emiraten gleichzeitig wäre!!! Die ist wohl mit Warp 9 durch die Kinderstube gerauscht und war gleichzeitig auch noch betäubt.

    Aber ganz ehrlich, ich würd zu niemandem den ich kenne oder mit dem ich gar verwandt bin zum Gyn-TÜV gehen. Never ever.

  18. Pingback: Wochenrückblick #02 « duemmerlive

  19. OMG das ist nicht dein ernst?! wie tief ist das loch, in das du danach versunken bist?
    ach was, sei froh, dass es nicht DEINE schwiegermama ist ;-)

    liebe grüße, katerwolf

  20. Nein, keinen Strick kaufen! Vase besorgen —– für die Entschuldigungsblumen, die der Chef bringt :-)

  21. Mal wieder sehr unterhaltsam geschrieben!:D
    Aber ich glaube Bambi müsste mal ins Bootcamp für selbstständige Entscheidungen geschickt werden, damit das noch was wird.

    Sag mal Josephine, würdest du eine junge Medizinstudentin wie mich mit einem Passwort zum weiterlesen unterstützen, bitte ?! ;)

  22. Mal noch was ganz anderes: manche Ergebnisse liegen doch erst noch 2 bis 3 Wochen vor, oder?

    Kriegt sie dann Post in USA: Bitte melden Sie sich, ihr Abstrich war nicht so wie er sein sollte?

  23. Nach einer Woche ohne Blogbeitrag frage ich mich bange, ob du mit dem oben angedrohten Strick-Kaufen ernst gemacht hast, liebe Josephine …?!

  24. Vielleicht hat das Chaos einfach überhand genommen und Josephine somit keine Zeit zum Bloggen ? ;)

    Oder sie hat sich einen Grippe-Virus etc. eingefangen – ergo: Kein Interesse am Bloggen.

    VhG

    Andrea

  25. insgeheim hat es der chef genossen.. bei DER schwiemu.
    „froilleinchen“ immerhin sieht man josephine die dienste nicht an..
    gruss landkrautef

  26. Hallo Josephine,

    ich hoffe du hast das mit dem Strick nicht wahr gemacht. Ich denke ich spreche für uns alle: Lass was von dir höhren!!!

    *lg*

    Miragol

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