Hochmut kommt vor dem Fall…

Die Medizin ist ein weites, weites Feld, und nicht umsonst studiert man dieses Fach doch recht lang und ausgiebig. Aber selbst nach erfolgreichem Durchlaufen von 12-14 Semester und Ablegen diversester Testate, Klausuren und Examina ist man noch meilenweit entfernt von dem, was gute Medizin wirklich ausmacht: Erfahrung!

Während des Studiums lernen wir, wie der Körper funktioniert: Zellteilung, Hormone, Aufbau der Organge und ihre Funktion. Biochemische, physikalische und physiologische Abläufe, Medikamente, Wirkstoffe, Behandlungsmöglichkeiten.

In den ersten (ein, zwei Jahren) der AssistenzZeit sitzt man dann oft vor seinem Patienten und sieht den Wald vor lauter Bäumen nimmer – ist der Bauchschmerz jetzt eine geplatzte Ovarialzyste, Eileiterschwangerschaft, Eierstockentzündung – oder doch nur lapidare Blasenentzündung? Hat der Mann mittleren Alters mit Schmerzen im Arm einen Herzinfarkt, Thrombose oder nur zuviel Tennis gespielt?

Je weiter die Laufbahn als aufgeschlossener, wissbegieriger JungArzt voranschreitet, desto schneller funktioniert die Selektion der Diagnose, die am wahrscheinlichsten bei vorliegender Befundkonstellation in Frage kommt. Und JETZT kommt der Part, welcher den Laien vom „fortgeschrittenen“ Profi unterscheidet: man kann zügig relativ sicher sagen, was das Problem ist. Sehr cooles Gefühl! Und so gefährlich! Moment – gefährlich?

Jepp – denn wenn du zum 30. Mal in Folge eine Nierenkolik gesehen UND richtig diagnostiziert hast, dann bist du eben sehr schnell gewillt, NUR noch an Pferde und kein bisschen mehr an Zebras zu denken. Und dann kommt der Fall, wo Frau  mit Symptomen wie aus dem Lehrbuch ordnungsgemäß auf „Nierensteine“ diagnostiziert und in die Uro verschifft wird, nur um nachts im Dienst notfallmäßig die stiehlgedrehte Eierstockzyste saniert zu bekommen, welche die eigentliche Ursache allen Übels war.

Ist mir so nicht passiert, aber heilsam allemal – zeigt es doch, das die Erfahrung dich nicht immer nur besser, sondern manchmal einfach mal gefährlicher macht!!

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25 Kommentare zu “Hochmut kommt vor dem Fall…

  1. War denn nicht von so einer ähnlichen Diagnose in der letzten Dienstagsserie „In aller Freundschaft“ die Rede?
    Es ist schon sehr hilfreich, wenn die richtige „Öffnung“ für die Therapie gewählt wird.

  2. Na ja, diese „Betriebsblindheit“ ist nun wirklich kein Problem, was sich nur auf den medizinischen Bereich beschränkt. Da fällt es nur am ehesten auf und hat schlechtestenfalls negative Folgen für den Patienten. Aber irgendwann erwischt sie uns alle mal.

  3. Bin gerade auf deinen Blog gestoßen und muss sagen: Die beste Schreibe (gemeint = Schreibstil) seit langem! Hab herzhaft gelacht. Wenn’s mit dem Babies holen mal langweilig wird und du umsatteln willst dann schreib ein Buch- egal über was! Du hast ein absolutes Talent dafür!
    Grüße,Yash

    • Der Spruch hat schon sooo einen Bart und ist immer wieder richtig…. Also nich von scrubs erfunden.
      LG

  4. Wahre Worte! Ich glaube ich drucke mir den Artikel aus und hämmere ihn allen meinen Ärzten an die Stirn. Mit den extralangen Zimmermannsnägeln. *grmpf*

  5. Wie hieß es bei unserer Examensfeier:
    Erst kommt die Phase der berechtigten Unsicherheit (als Berufsanfänger), dann die der unberechtigen Sicherheit (wenn man sich langsam freigeschwommen hat, die ersten Dienste überlebt hat (und die Patienten auch)), dann die der unberechtigten Unsicherheit (wenn einem ein paar Dinge so wie der von dir geschilderte Fall um die Ohren geflogen sind) und zu guter Letzt die berechtigte Sicherheit… Aber so etwas kann leider immer passieren. Wir sind auch nur Menschen…und Menschen machen Fehler.

  6. house of god –
    als mein sohn eine soooo seltene krankheit bekam, habe ich diesen spruch einen tag vor der diagnose gehört. jetzt muss ich leider bei jedem husten an zebras und nicht an pferde denken.

  7. Ich habe die Hoffnung, dass auch andere Ärzte ab und an ihre Diagnosen reflektieren. Hoffentlich im richtigen Moment…

  8. Routine ist gut, wenn man sie einzusetzen weiß. Niemals arglos, niemals unvorsichtig – dann kann man Erfahrung gut anwenden.

    • sicher. und die gute hatte eine nicht-zu-große-aber-auch-nicht-kleine Zyste und ein mäßig gestautes Nierenbecken…

  9. ich würde mal sagen. Glück gehabt.
    In unserem Kleinstadtkrankenhaus ist vor einigen Jahren eine junge Frau nach der Entbindung verblutet. Niemand hat die Verantwortung übernommen. Das ganze ist letztes Jahr vor Gericht gelandet, dann doch mit einem Vergleich beendet worden, aber die ganze Geburtsstation ist den Bach runter und jetzt geschlossen worden.
    Schade. Ich habe meine Kinder da auch bekommen und fühlte mich da gut aufgehoben.
    Die Schwestern waren toll, die Ärzte auch.

  10. Da muss ich an unseren Kinderarzt denken…

    Kind mit 1,5 Jahren bei der U-Untersuchung. Hat einen kleinkindtypischen Blähbauch. Völlig normal in dem Alter und auch gesammtbildmäßig zum Kind passend (schon immer groß und kräftig). Dem Arzt gefällt der Bauch trotzdem irgendwie nicht, er kann aber nix tasten. Das Kind ist ansonsten völlig symptomfrei, keinerlei Beschwerden. Wir bekommen die Empfehlung, mal blähende Speisen wegzulassen und bei der nächsten U auf alle Fälle nochmal den Bauch ansehen zu lassen.

    Bis zur nächsten U sind wir dann nicht mehr gekommen, 8 Wochen später war plötzlich etwas Hartes im Bauch zu tasten. Ab zum Kinderarzt, Ultraschall drauf. Großer Tumor an der Nebenniere. Was wir getastet haben, war eine Einblutung, die wenige Tage später schon nicht mehr zu tasten war.

    Da hat dem Kinderarzt alle Erfahrung seiner langen Laufbahn nichts genützt, denn in 99,9 % aller Fälle ist ein geblähter Bauch eben nicht auf einen Tumor zurückzuführen… Vielleicht hat ihn sein Instinkt doch noch zum Schallkopf greifen lassen? Wer weiß…

  11. Ich bin immer froh, wenn Ärzte trotz ihrer langjährigen Erfahrung auf nummer sicher gehen und durch weitere Untersuchungen evtl. andere Ursachen auszuschließen.

    Bislang hatte ich Gott sei Dank mit meinen Ärzten immer Glück gehabt. Toi, toi, toi, knock on wood.

    ~Anja~

  12. Duhu, Josephine? Was mich schon lange brennend interessiert: Wie alt warst du, als du fäärtig warst, so mit studieren? Also als du deine Approbation hattest? Ich erinnere mich noch an deinen Blogpost, in dem du von deinem Werdegang erzählt hast und du hast ja ne Ausbildung zur Krankenschwester vorher gemacht usw. Ich frag, weil ich wahrscheinlich erst mit 25/26 anfangen werde, Medizin zu studieren und halt neugierig bin, wie das ist, wenn man kein „Junges Huhn frisch ausm Schulnest“ ist – und weil ich neugierig bin. :-S
    Viele Grüße :]

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