BAMBI – formerly known as „Rehlein“…

Ganz echt jetzt? Da hätte ich auch mal selbst drauf kommen können: BAMBI ist DER Name für meine „Alle-sollen-mich-liebhaben“Kollegin. Perfekt! Wie gemacht! Danke an Mechthilda, die mich mit ihrem Kommentar zu Umbenennung meiner Protagonistin gebracht hat :)

Bambi also hatte diese Woche wieder eine schlimme Begegnung mit der Realität. Genauer gesagt mit der schlimmstmöglichen Realtitätsform ever: Dem OberÄrschÄrztlichen Allgemeinchirurg! In jeder anständigen Klinik hat es einen Chirurgen, dessen einziger und ausschließlicher Lebensinhalt darin besteht, andere Leute nieder zu machen. Am allerliebsten Studenten mit großen Wissenslücken oder Assistenzärzte mit kleinem Ego. Und Bambi wurde quasi vom Schicksal auf die Stirn tätowiert: „MACH MICH FERDDISCH!“

Die Geschichte um die es heute geht, ist so alt wie die Fehde zwischen Chirurgen und Gynäkologen: Der Chirurg will immer nur eines – im OP stehen und den Dicken geben. Aufschneiden, reingucken, rumwühlen, hier ein bisschen wegmetzeln dort ein bisschen ansäbeln, zutackern – FERTIG! Was er nie und auf gar keinen Fall braucht ist das Patientengespräch. Jetzt ist es aber so, dass die Hälfte aller Patienten nicht einfach per Blickdiagnose in den OP befördert werden können – man muß vorher wenigstens ein Minimum an Einsatz zeigen: Anamnese, körperliche Untersuchung, Ultraschall – oder so.

Das wiederum ist jedoch alles nichts als Zeitverschwendung für den Aufschneider – dem wäre nämlich am liebsten, der Patient kommt morgens fertig indiziert, prämediziert und auch gleich anästhesiert auf einem schönen Fließband zum OP herein gefahren und er (=Chirurg) muß nur noch herzhaft reinschneiden. Harhar!

Weil das so aber nicht geht, hat die Chirurgie sich eine List einfallen lassen, den unbedingt notwendigen Patientenkontakt auf ein Minimum zu reduzieren: das Geheimnis lautet KONSILIARISCHE VORSTELLUNG! Der Chirurg stellt sich hierbei erstmal dumm und deshalb alle Patienten unmittelbar nach Vorstellung (und in jedem Fall VOR der eigenen Untersuchung) bei irgendeinem Kollegen einer doofen anderen Fachrichtung vor. Hierbei werden Frauen am liebsten zum Gynnie geschickt und die Männer in die Innere. Und während Gyn und Internist nun brav Anamnese erheben, Bäuche betasten und Organe schallen, anschließend seitenweise Konsiliarbögen ausfüllen, muß der Chirurg nach Rückführung des Patienten in seine Abteilung nur noch machen, was übrig bleibt: OPERIEREN!

Clever, die Jungs. Man könnte fast ein wenig neidisch werden.

Nach all dem Vorgeplänkel jetzt aber zurück zu Bambi – was war geschehen? Nun – Bambi hatte schlicht den konsiliarischen Einsatz übertrieben. Quasi über´s Ziel hinaus geschossen. Aber sowas von!!!! Au weia…!

Das Drama begann gegen 18.30 Uhr am Abend zuvor, als eine Patientin mittleren Alters mit eindeutigen Gallenbeschwerden (Oberbauch, rechts, kolikartig)in der Ambulanz des diensthabenden Chirurgen aufschlug. Dieser – das Rundum-Sorglos-Konsiliar-System aus dem FF beherrschend – turfte die Patientin ohne Umwege weiter in die Gyn (wo Bambi gerade Dienst schob), informierte aber zeitgleich seinen Hintergrund, dass es wohl demnächst noch eine hübsche LSK (= Laparoskopie/ Bauchspiegelung) zu machen gäbe. OberArschArzt Dr. Überzwerg, ein ewig miesgelaunter, hypertropher kleiner Choleriker, beschloss infolgedessen, den Feierabend zugunsten einer flotten Gute-Nacht-OP ein wenig zu verschieben und blieb im Haus.

Hier nun nimmt das Drama seinen Lauf, denn Bambi will nicht nur von allen Menschen geliebt werden, nein, sie möchte obendrein in jedem Fall und unbedingt immer alles RICHTIG machen. Prinzipiell sehr löblich, gerade in der Medizin – kann aber auch dazu führen, dass man sich in seinem Arbeitsablauf ein wenig – ähm – verheddert.

Bambi hat also erstmal eine ordentlich Anamnese erhoben. Sehr ordentlich. Und unglaublich ausführlich.

„Die Schwiegermutter ihres Cousins 3. Grades hatte mal einen offenen Fuß? Das ist ja sehr interessant…!“

Es dauerte somit auch geschlagene 55 Minuten, ehe sie sich überhaupt mal zum Beginn der körperlichen Untersuchung vorgearbeitet hatte.

Die Chirurgen indes waren zwischenzeitlich ein wenig ungeduldig ob des langen Fernbleibens ihrer Patientin geworden und hatten gefühlte 20 Mal auf Bambis Handy angerufen. Das sie dabei verbal nicht ausschließlich mit Wattebäuschen geworfen hatten, beschleunigte das weitere Procedere nicht wirklich, sondern führte lediglich dazu, dass Bambi nun Panik-P in den Augen und fette Schweißperlen auf der Stirn hatte.

Dennoch schloß sie ihrer Anamnese eine mehr als ausführliche, gynäkologische Untersuchung an, in deren Verlauf ca. 1549 Ultraschallbilder geschossen sowie diverseste Abstriche aus allen nur vorhandenen Körperöffnungen entnommen wurden.„Viel hilft viel!“ versus „Wer schreibt bleibt!“ als oberster Grundsatz! Unnötig zu sagen, dass die Chirurgen ihren Telefonterror ob der fortgeschrittenen Stunde noch intensivierten – allein: Bambi blieb standhaft!

Der vorläufige Höhepunkt dieses wirklich unterhaltsamen Ereignisses war gegen 23.15 erreicht, als Bambi nach einstündigem Brustultraschall ernsthaft gewillt war, in der Radiologie um eine Mammographie anzufragen, um die Gutartigkeit eines von ihr erhobenen Befundes per Zweitmeinung abzusichern.

Gerüchten zufolge meinte die – gottlob extrem kompatible Patientin – zu diesem Zeitpunkt, die Gallensteine hätten ihren Weg aus dem Ductus zurück in den Beutel alleine geschafft und müßten heute nicht mehr zwingend entfernt werden – sie (= die Patientin) würde jetzt lieber wieder nach Hause gehen, statt weiter am Untersuchungsmarathon zu partizipieren. Bambi telefonierte daraufhin erstmal IHREN Hintergrund an, um die Entlassung der Patientin auf eigene Verantwortung in jedem Fall absichern zu lassen. Der Hintergrund wiederum bestand aber darauf, sich die Frau erst noch schnell selbst anzuschauen – traue nie einem Assistenten im ersten Jahr – was dann gegen 23.55 der Fall war!

Frau Galle verließ das Haus mit wehenden Fahnen um Punkt 0.23 Uhr und wart – ebenfalls Gerüchten zu folge – nie mehr gesehen!

Die Chirurgen kapierten erst gegen 0.55 Uhr, dass ihnen diese LSK dummerweise durch die Lappen gegangen war – was oben bereits angedeuteten, ausführlichen Tobsuchtsanfall samt OberÄrschÄrztlichem Anschissfür Bambi zufolge hatte – die nun wiederum schmerzlich akzeptieren muß, dass Dr. Überzwerg sie in diesem Leben ganz bestimmt NICHT mehr lieb haben wird….!!! :-D

Advertisements

43 Kommentare zu “BAMBI – formerly known as „Rehlein“…

  1. Hmm, ich frag mich grad, ob ein paar weitere Einsätze dieser Art dazu führen könnten, daß die Chirurgen ihren Job doch wieder selbst machen…? Schon beim Bund hieß es, daß wenn der Vorgesetzte sich arschig verhält, man einfach seine Befehe befolgen muß. Das stimmt den zwar nicht milde, aber es wirkt.

  2. Bambi ist weiter als ihr alle :D Die gewöhnt den Chirurgen das TURFEN ab udn sorgt dafür, dass sie ihren Kram erstmal selbst ordentlich untersuchen =)

  3. Was will man da sagen … die Herren wollten die „überflüssige Arbeit“ nicht machen und wurden damit bestraft, dass der „Spaß“ mal eben ausblieb. Irgendwie macht das Bambi unheimlich sympathisch.

    Wenn ich mir aber überleg, dass ich mit Koliken so nen Untersuchungsmarathon überstehen müsste tut mir die Patientin doch etwas leid.

  4. Herrlich, die Schilderung des Procederes an sich!
    …“auf einem schönen Fließband zur OP hereingefahren…“ -*kreisch*
    …“der Chrirurg stellt sich hierbei erstmal dumm…“ *fg*

    …und so weiter…äh…MACH SO WEITER!!!

  5. Arme Chirurgen – oder armes Bambi. ;) – Oder noch besser: Arme Patientin – die kommt wohl so schnell nicht mehr in dieses Krankenhaus.

    VhG

    Andre

  6. Habe unglaublich gelacht. OMG.
    Leider habe ich zu Anfang auch versucht ein Bambi zu sein. Was mir seitens der Kollegen innerhalb von wenigen Wochen abgewöhnt wurde. Ärsche muss man wie ebensolche behandeln. Sag das der Kleinen. Sonst weint sie sich auch noch monatelang (weiter) in den Schlaf ^-^

  7. Die Aktion könnte für die Aufschneider in der Tat zum Abgewöhnen gewesen sein. Zumindest bei Wiederholung.
    Hut ab vor Bambi, dass sie da doch Rückgrat bewiesen hat. Allerdings wird es ihr Leben nicht gerade einfacher gestalten. Vielleicht mal drauf achten, ob demnächst in der Kantine Rehbraten im Angebot ist? ;-)

  8. Also, ich finde, Bambi hat da eine wunderbare Methode, sich die Chirurgen zu erziehen…noch 3-4x und sie werden freiwillig alles selbst machen ;)
    Allerdings sind Chirurgen ja nicht unbedingt bekannt für Einsicht und Lernfähigkeit… ;)

  9. Sehr schöne Beschreibung der Chirurgen. Nur noch eine Frage am Rande (und von der anderen Seite der Blut-Hirn-Schranke): Warum „stellt“ sich der Chirurg dumm? Ist das nicht übertrieben optimistisch formuliert? Und danke für die Erkenntnis das nicht nur Anästhesisten unter den Dr. Überzwergs der Spitäler dieser Welt leiden müssen.
    P.S. Ich beantrage ein Passwort, um die gesamte Welt der Geburtshilfe erforschen zu dürfen!

  10. nein, im Ernst, es ist dringend angezeigt, Bambi klar zu machen, dass es nicht ihre Bestimmung ist, „everybodys darling“ zu sein. Das gilt aber nicht nur im Gesundheitswesen ;-)

  11. Ich schreibs nur ungern, aber es muss sein: *rofl* :-D
    Aber irgendwie ist das ja auch nicht so wirklich Zweck der Übung, dass die Patientin geht, nicht?! ;-)

    Bambi mag zwar knuffig sein, würde mir aber (aus jeglicher Perspektive) tierisch auf die Nerven gehen. Ich kann nix dafür, aber so „hilflose“ Hab-mich-lieb-Persönchen machen mich aggressiv.

  12. War die Patientin medikamentös ruhig gestellt oder hat Bambi eine sedierende Wirkung?
    Selber Galleinsteinerfahren hätte ich als Patientin wahrscheinlich Bambi an den Haaren in den OP gezerrt und ihr eine Narkose verpassen lassen, damit der Chirug mir endlich die Gallenblase rausschnippeln kann.
    Aber so rein blogtechnisch hoffe ich das Bambi noch lange so bleibt wie sie ist. ;)

  13. Ja, die Geschichte ist eigentlich für die Patientin schlimm abgelaufen. Ich habe aber trotzdem gerade Tränen gelacht.

  14. das ist einfach großartig, ich musste gerade so herzlich lachen!!! und mich schmunzelnd an meine OP vor 2 jahren erinnern. von wegen konsilium und so. du weißt, wovon du schreibst ;-)

    liebe grüße, katerwolf

  15. Herrlicher Post, wieder einmal! Finde auch, dass Bambi wohl gerade die Chirurgen zum Selbermachen/ wohl eher Weiterturfen erzieht – wahrscheinlich aber ungewollt. Würde sie das noch 1-2 mal durchziehen, dann würden die Aufschneider das Turfen (zu ihr) einstellen, sobald sie sich am Telefon meldet.

    Umgekehrt: Kann man nicht zurückturfen mit dem Konsilbefund „Gynäk. alles o.B., Verdacht auf Eingangsdiagnose (= Gallensteine)? Gerade wenn wie Du schreibst ALLES zwischen 11 und 99 Richtung Gyn geschickt wird (wieso bei Gallensteinen nicht erst in die Innere – und, ja, oops, will mal Innere machen :-/ )

  16. Komisch, so ein Bambimensch gibt es wohl in jeder Abteilung. Unsere Internistin hat eine Affektinkontinenz des Tränenkanals bei jeder Gelegenheitund begrüßt COPD Patienten mit: ‚Nun hätten Sie mir fast Angst gemacht, Sie sind mein erster Patient mit so einer Erkrankung‘.
    Und ich dachte, unsere wäre einzigartig *g*

    • Whow!! Mal im Ernst – fühlen sich die Patienten da nicht grandios verar… ähm, verschaukelt?! COPD ist ja mal keine Kleinigkeit, da kommt so’n Spruch ja sicher nicht bei jedem gut an :-/

  17. Freut mich, wenn ich behilflich sein konnte ;-)

    Eines muss man Bambi ja lassen – sie lässt sich von turfenden Chirurgen jedenfalls nicht ins Bockshorn jagen *GG

    LG
    Mechthilda

    • Jaaaa, stimmt *lacht* Jetzt, wo du es sagst… Hehehe, oh Gott, hoffentlich liest hier Bambi nicht mit :-s

  18. Auch wenn ich das Chirurgen-Bashing natürlich prinzipiell erstmal verurteilen muss, ein bisschen ertappt fühle ich mich ja doch. Wir nutzten das Gyn-Konsil allerdings nur bei unklaren Unterbauchschmerzen, und auch nur, wenn der OP auf absehbare Zeit noch nicht frei war. Patientinnenbeschäftigung, sozusagen. Bei Oberbauchschmerzen gab es nur ein Gyn-Konsil, wenn mein Dr. Überzwerg Hintergrunddienst hatte. Und ich habe mich wirklich immer geschämt, wenn ich mal wieder das „Fitz-Hugh-Curtis-Syndrom“ als Verdachtsdiagnose eintragen musste…

  19. Pingback: Nancy the Fancy… | Heldin Im Chaos

  20. Irgendwie gefällt mir das, gründlich von oben bis unten (naja, nicht ganz) durchgecheckt und am Ende ohne OP als geheilt entlassen …. trotzdem, gut dass das nix lebensbedrohliches war. Ich kann jetzt aber nicht sagen, wie schmerzhaft das ausscheiden von Gallensteinen auf natürlichem Weg tatsächlich ist – zumindest hatte sie es dann aber hinter sich… so viel Geduld hat auch nicht jeder, erstaunlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s