Stay By My Side…

„Vielleicht heute, Frau Dokta? Vielleicht heute Schall ist gutt? Dann Ich gehen noch bisschen Hause, ja?“

Tascha trägt weiße Häschen-Flanell-Pyjama-Hosen, rosa Flausch-Karnickel-Schlappen und blinzelt hoffnungsvoll durch ihre Nickelbrille zu mir hoch. Tascha ist 18 Jahre jung, winzig klein und nun schon seit über zwei Wochen stationär, weil ihre 36. SSW-Plazenta vorzeitig den Geist aufzugeben gedenkt.

„Nee, HäsSchen, heute ist noch nicht so weit. Wir müssen schon noch ein paar Tage auf dich und den Mops aufpassen!“

Tascha schluckt und ich seh den Pegelstand in ihren BabyBlauAugen gefährlich steigen. Aber der kleine Hase ist tapfer – und trotz des zarten Alters eine echte Mama. Ihre Plazentainsuffizienz kommt weder vom Rauchen („Ich rauchen niiiieeee, Frau Dokta, rauchen ist nix gut für Mama UND Baby! *augenaufreiss*) noch vom Lotterlebenswandel – sie hat einfach Pech gehabt. Und badet es jetzt mit einer Geduld aus, die selbst manch gereifter 40jähriger abgeht.

Aber traurig ist sie doch. So gerne würde sie heim zum ihrem Mann, der – selbst kaum dem Kindergarten entwachsen – jeden Abend nach der Schicht mit einem großen Korb unfassbar lecker riechenden Essens in die Klinik gelaufen kommt. Spät immer erst, der Chef ist streng und das Zuhause weit. Aber wenn er endlich-endlich da ist, leuchten Taschas Augen wie zwei 10 Millionen-Volt-Birnen. Und Vladimir breitet sorgfältig alles, was er mitgebracht hat, auf ihrem Krankenhauszimmertisch aus – Dampfende Suppe, Brot und russische Kekse, Nüsse und zuckersüße, klebrige Früchte. Und wer auch immer das Zimmer betritt, muß hinsitzen und zugreifen „Bittä – Essen, Frau Dokta – ist sooo viel für alle!“

Und während Tascha-Hase am Brot pickt, die Suppe löffelt, russisch Kekse knabbert und Nüsse mümmelt, streichelt Vladimir ihre Hand. Und ihr Haar. Und heimlich, wenn keiner hinschaut, den eiförmigen, kleinen Babybauch.

Herzerwärmend ist diese Minifamilie. Wie MallorcaSonne im KrankenhausWinter.

Wenn er dann geht – spät, obwohl der Weg nach Hause weit ist und der Wecker in der Früh erbarmungslos klingelt, dann schleicht Häschen noch eine ganze Weile wie Falschgeld über den Flur, und die Flausch-Karnickel-Schlappen lassen traurig die Öhrchen hängen. Mein Mutterherz schmerzt, wenn ich sie sehe, als wär es mein Kind, dass da leidet…

„Bald, Häschen – bald habt ihr es geschafft. Dann nimmt er dich und den kleinen Hasen mit nach Hause und ihr könnt jeden Tag zusammen sein und jede Nacht und überhaupt!“

Der Pegelstand in ihren Augen liegt weit über normal-Null, aber sie schluckt und grinst ein kleines bisschen zu mir rüber.

„Vielleicht morgen, Frau Dokta! Vielleicht morgen Schall ist gutt? Dann Ich gehen noch bisschen Hause, ja?“

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40 Kommentare zu “Stay By My Side…

  1. *schnüff* Im Nachhinein – wenn (hoffentlich) alles gut ausgegangen ist, geht es auf jeden Fall in ein gemütliches Hasennest… zumindest klingt es so, als könnte es für so einen kleinen Hasenmops nichts besseres geben.

  2. Hallo Josephine, schön geschrieben mal wieder…
    gibts hier eigentlich ein Kontaktformular? *umguck*

  3. Aaaaw! Na hoffentlich hält der Hasenmops noch ein bisschen durch und alle können am Ende glücklich nach Hause.

  4. genau solche sachen haben mir auf der gyn auch immer das herz weich gemacht…genau diese mütter…

  5. Das hast du wirklich schön geschrieben, da krieg ich auch fast ein bisschen Pipi in die Augen *runterschluck*. Hoffentlich hält es der Mini-Hase noch ein bisschen im Bauch seiner Mama aus. Es scheinen ja sehr liebe Eltern auf das Kleinchen zu warten.

  6. Och mensch, so viel Traurigkeit in so wunderbare Worte gefasst. Danke Josephine.
    Tascha weiß nicht, dass sie vor der Geburt nicht nochmal nach Hause darf, oder darf sie eventuell doch?

  7. *heul* och is das traurig :( Aber ich schließ mich meinen Vorschreibern an: Ich drück die Daumen, dass der Mini-Häschen noch drin bleibt und frag mich genau wie Blogolade: dürfte sie unter Umständen wirklich nochmal nach Hause?

  8. Eine Geschichte, die sehr gefühlsnah von dir rübergebracht werden konnte – jedoch steckt dahinter wohl auch eine kraftraubende, traurige, aber auch hoffnungsvolle Erfahrung für die werdenen Eltern…
    Da das Hasenbaby aber schon sehr lange im Bauch ausgehalten hat ist ja zumindest das Risiko einer bedrohlichen FG gesenkt.
    Vor etwas über einen Jahr war ich in einer ähnlichen Situation – allerdings 10 SSW weniger und wir haben es auch nicht viel weiter ausgehalten – bzw. die Plazenta und ein postnatal festgestellter Nabelschurknoten…

    Drücken wir also den dreien alle Däumchen, dass die Plazenta noch durchhält und das Kleine weiter im Bauch reifen kann :-)

    PS. Was meinst du genau mit Lotterlebenswandel?

  9. haaach – das klingt schön! Armes Tascha-Häschen – armer Vladimir – und das Möpschen der zwei wirds gut haben:-)

  10. haaaach …
    (wobei, 36. SSW ist ja nicht mehr der dramatik letztes wort. ich drücke natürlich trotzdem die daumen, dass das häschen noch recht lange drinbleiben kann und mag)

  11. Haaach Josephine,
    das hast Du soooo schön geschrieben .. schmelz … russisch Kekse knabbert und Nüsse mümmelt …. Flausch-Karnickel-Schlappen lassen traurig die Öhrchen hängen …. leuchten Taschas Augen wie zwei 10 Millionen-Volt-Birnen …. einfach herrrrlich :-)

    wann kommt Dein Buch, ich kaufe es sofort

    LG Elke

  12. Puhhh, jetzt hab ich Regen in den Augen, verdammt.
    Mensch, sowas geht doch unter die Haut und ans Herz und überhaupt. Hoffentlich geht das alles gut. Wäre schön, wenn du erzählst, wie es weitergeht.

  13. Ach ist das schön, dass ich jetzt endlich – nach so langem Entzug – wieder den lustig-traurig-ernsthaft-ergreifend-zu Herze gehenden Geschichten folgen kann.
    Es hat sich ja wie ein Lauffeuer durch Bloggershausen verbreitet: Josefine – die Heldin im Chaos – ist wieder da.

  14. wieder mal so bildlich…

    ich konnte mir alles genau vorstellen… und hoffe, die kleine Familie lebt mit Mopskind glücklich bis ans Ende aller Tage…

    GLG

    Andrea

  15. Wo kommen nur die Tränen in meinen Augen her???
    Auf meinem Schoß sitzt meine 5 Monate alt Tochter, wie schön, daß ich bei ihr nie bangen mußte. Ich drücke fest die Daumen für ein gesundes Kind, und das Vladimir und Tascha auch in vielen Jahren noch so liebevoll mit sich umgehen. Das sieht man leider nicht mehr oft.

  16. Deine Beobachtungsgabe und Deine Begabung, solche Erlebnisse in Worte zu fassen sind unglaublich. Ein wunderschöner Bericht.

  17. Ich hoffe, der Hasenfamilie geht es gut!
    Das ist alles wunderbar und ich bewundere die jungen (werdenden) Eltern sehr.
    Mit 18 wär ich dem nie gewachsen gewesen.

  18. seufz, dat haste scheee geschrieben!
    hut ab vor deiner jungen patientin: mit angst ums bauchkind und ohne partner
    so allein im krankenhaus is‘ nicht schön, das stellt frau sich anders vor die letzten wochen.
    ich wünsche den dreien eine guten start in der kuscheligen, heimischen hasenhöhle.
    p.s. gibt es ein passwort für verschiedene beiträge – und wo/wer/warum bekommt es?

  19. Love it!!!

    Ich hoffe, dem HäsSchen und dem MiniHäsSchen geht es gut.

    Wunderschön geschrieben. Ein bisschen traurig, ein bisschen schmunzelig und voller Hoffnung. Die darf HäsSchen ja auch haben. Ist nicht mehr lang. Es ist absehbar, die Zeit. Und sie harrt für die schönste Sache der Welt aus. Sie weiß das. Hachz.

  20. ach herrje, ich auch grad ganz viel. soo schön geschrieben. und ich kann das so gut nachvollziehen – vor etwas mehr als einem Jahr wurd ich in der 23. SSW mit plazenta praevia, accreta und blutungen in die Klinik geliefert, und hab Mann und grosse Maus für 3 Monate alleine zuhause lassen müssen.
    Schön hat das Häschen den liebenden Mann, denn jeder Tag von zuhause weg ist da zuviel

  21. es ist so schön, dass dein Blog wieder da ist – und diese Geschichte lässt auch meinen Pegelstand in den Augen höher steigen…

  22. Ich stelle mich mal in die Reihe derer, die Pipi in den Augen haben *schnüff*. Tascha wünsche ich, dass sie vielleicht doch noch einmal nach Hause darf und in 4 Wochen ein wunderbar gesundes Hasenbaby ;-) in den Armen hält. Ich hab die kleine Familie jetzt schon ins Herz geschlossen obwohl ich sie gar nicht kenne. Der kleine Mops hat sich ganz wunderbare Eltern ausgesucht!

  23. Wunderbar geschrieben ….
    Und wunderschön wie die beiden zusammenhalten. Alles Gute für den klenen Bauchbewohner.

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