Neulich in der Ambulanz

In der Ambulanz ist der Teufel los. Seit Dienstbeginn um 10 Uhr hab ich nun schon gefühlte 100 Frauen gesehen und geschallt, die Hälfte davon stationär aufgenommen, zwischendrin drei Geburten gemacht – und noch immer ist der Wartebereich rappelvoll.

Ich unternehme gerade den 5. Anlauf, mal eben zur Toilette zu gehen und danach vielleicht wenigstens einen Kaffee zu ziehen (Essen wird ohnehin gänzlichst überbewertet) als sich mir Ambulanzschwester Elvira (= Null Humor und ganz viel Haar auf den Zähnen) energisch in den Weg stellt.

„Josephine – du MUSST dir jetzt die beiden ****** (Korrekter Ausdruck: Angehörige einer Minderheitengruppe! Anm. d. Red.) anschauen. Die laufen nun schon seit Stunden alle fünf Minuten ins Aufnahmezimmer und schreien rum!“.
Übersetzt heißt das: Sie stören Elvira beim Pausen-Kaffee trinken, denn DEN gönnt sich Schwester E-Punkt in regelmäßigen Abständen („ICH habe ein arbeitsrechtlich zugesichertes Anrecht auf Pause!“ – wie schön! ICH auch, interessiert nur leider keinen…) – und das kann sie gar nicht ab!
Also nichts mit gekachelte Nebenräume – zurück ins Untersuchungszimmer, wo ein junges Ding, kaum älter als 14, neben seiner schwarzgelockten, verlebt aussehenden Endzwanziger-Schwiegermutter steht und betrübt drein schaut.
Wie so oft in dieser Konstellation übernimmt die Ältere ungefragt und ausschweifend das Wort: „Du, Frau (das bin ICH!) – die (mit dem Finger in den Brustkorb der jungen Frau pieksend) hat schwanger. Viiiieeel Blut in die Hose, oooooh, ganza viela Blut in die Hose – guckst du ob Baby ist gut?!“
Mit diesen Worten schubst sie die Kleine aufmunternd Richtung Untersuchungsstuhl, während sie mir mit der anderen Hand wild wedelnd Knäuel feuchtes Toilettenpapier unter die Nase hält.
„Daaaaa – guckst du, is` ganza viela Blut!“ *wedel*

Danke auch – SO genau wollte ich es gar nicht wissen.

Ich: „Okay – eins nach dem anderen – SIE setzen sich jetzt da in die Ecke und warten, bis ich hier fertig bin und SIE (zum jungen Ding gewandt) ziehen vielleicht erstmal Rock und Unterhose aus, damit ich sie anständig untersuchen kann!
Die Kleine schaut mich mit großen Augen ein wenig sinnentleert an, dann rüber zur Schwiegermutter, die pronto dolmetscht, was ich will:

„DU – Hose aus! Frau will gucken ob Baby gut!“

Mit kurzen, knappen Ansagen kann das Mädel augenscheinlich mehr anfangen, als mit meinem umständlichen Gesabbel – folgsam schält sie sich aus ihrer Hose und setzt sich brav auf meinen Stuhl.
Kaum hab ich die Routineuntersuchung abgeschlossen (bei der mir noch nicht einmal ein einzelner Erythrozyt unter die Augen gekommen ist…) und den Vaginalschall eingestöpselt, geht es schon los – tatsächlich habe ich ja nur drauf gewartet:

SchwiegerMutter: „Ist die Baby gut???“

Ich: „Das Herz schlägt, alles okay!“

SM: „Ist Junge, ja? Du guckst ob ist die Junge?!“

Ich: „Nein, ganz sicher nicht!

SM (mit großen Augen): „Ist die Määäääädschen?????“

*tiefseufz*

Ich: „NEIN! Ich meine, ich weiss nicht, was es ist und ich werde auch garantiert nicht danach schauen! Das ist eine Notaufnahme und kein Baby-Kino!“

SM: „Kannst du Bild von die Gesicht? Und zeig ob ist die Junge? Alles okay? Ist schon groß, Baby – sag, ist die Baby schwer?“

Ich: „Ich schau jetzt nur, ob es irgendwo eine Blutung oder einen Bluterguss gibt!“

SM: „Bitttäää – sagscht du ist die Mädchen oder Junge? Und wieviel Monate ist Baby?“

Ich (nicht genervt, neeeeeiiin, die Ruhe selbst): „Hören sie, ihre Schwiegertochter ist in der 15. SSW und alles andere wird ihnen gerne der Frauenarzt beim nächsten Termin mitteilen!“

Aber Schwiegermutter ist mitnichten gewillt, den Frauenarzt irgendwelche Sachen zu fragen, wenn doch hier schon eine akzeptable Ärztin im weißen Kittel und mit Ultraschallgerät im Gegenwert einer Mittelklasse-Limousine steht.

SM: „Frau, du kannscht machen die richtige Bild von Baby? 3D? Machscht du uns die Bild von die 3D? Und ob das wird die Junge oder Mädschen? Hm? Du Frau?!!!!“ Dabei fuchtelt sie  mir noch ein bisschen mit dem feuchten Toilettenpapierknäuel vor der Nase herum. Nur um klar zu machen, wie ernst die Lage ist.

Es ist 19.50 Uhr an einem total bekloppten DienstTag und JETZT hab ich die Nase voll. Gestrichen. Eins-zwei-drei sitzt Schwiegermama laut zeternd und fluchend vor der Tür, während ich der immer noch sinnentleert dreinblickenden, angeheirateten Tochter mitzuteilen versuche, dass alles in Ordnung ist. Keine Blutung weit und breit. Ächt jetzt!

Das Mädel indes schaut mich nur weiterhin stumm an, nickt zweimal vage und steht dann auf. Bevor sie den Raum verlässt, dreht sie sich noch einmal zu mir um und meint nachdenklich:

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Mädchen wird!“

Als die sich die Fahrstuhltür hinter den beiden Frauen schließt, kehrt endlich wieder Ruhe in meiner Ambulanz ein…

Advertisements

33 Kommentare zu “Neulich in der Ambulanz

  1. Woher kommt denn das blutgetränkte Toilettenpapier mit dem die SM (nette Abkürzung in diesem Zusammenhang…) gewedelt hat, wenn bei der Untersuchung gar nichts mehr zu sehen ist?

    • Da steht eindeutig „FEUCHT“ nicht „BLUTIG“! SM ging davon aus, dass ich es mit der Farbe der Flüssigkeit nicht so eng sehe…

      • Ups, da bin ich doch glatt der Argumentation der SM gefolgt, die von Blut sprach. Na, letztendlich besser so, dass es wirklich nirgendwo Blut gab.

  2. Dieses Schwiegermonster ist ja der Wahnsinn!!! Als wenn ich dieses Mädchen im Bäuchlein wäre (hoffen wir es mal, nur um SM eines auszuwischen….sie will ja anscheind einen Bub), dann würde ich es mir stark überlegen, ob ich in diese Familie hineingeboren werden möchte. Grusel…..

  3. Armes Mädel. Spannend wäre zu wissen, warum das Gespann trotz offenbar fehlendem Grund in der Notaufnahme aufgelaufen ist. Ich vermute mal akuten Geschlechtsklärungsbedarf (Z.n. Familienstreit).

  4. wieso gibt es bei dir eigentlich keinen kommentar-reflex, wenn *du* über migrantenminderheiten und deren sprachkompetenz schreibst? bei mir ist der kommentar-rüffel-index bei 5, d.h. spätestens der 5.kommentar beschwert sich über mein – jawoll! – lustigmachen über die sprache meiner mitbürger. weischt?

      • Ich denke, du schreibst im Allgemeinen mit mehr Humor, dir unterstellt man deshalb weniger schnell, es böse zu meinen. Der Fluch der Ernsthaftigkeit? *g*

      • Quatsch, Kinderdok: wenn zwei das Gleiche Tun ist’s noch lange nicht das Selbe ;-)
        ausserdem haben „die Mädels“ doch noch immer den Bonus ..
        #nein, ich trau‘ mich nicht ..# :-D

    • vermutlich, weil es, so wie hier beschrieben, genau der Wahrheit entspricht. Jedenfalls erlebe ich es auch genau so…. nein, kein Vorurteil, wirklich so gehört.
      Allerdings werde ich im Ausland auch meinem Geburtsland zugeordnet, sobald ich den Mund aufmache.

    • Das traut sich jetzt keiner, um sie nicht gleich wieder zu verscheuchen ;-)…(ich sähe allerdings weder hier noch bei dir einen Anlass zur Empörung).

    • @Kinderdok: wieso, Multikulti ist doch offiziell als gescheitert erklärt worden ;-))

      Was mich schon häufiger beschäftigt hat, wenn ich selbst oder mit Kids in irgendwelchen Ambulanzen/ Notdiensten gewartet habe: ist es nur ein subjektiver Eindruck, dass der Anteil an Patienten mit M-Hintergrund dort deutlich deren relativen Anteil an der Bevölkerung überschreitet oder nutzen sie tatsächlich freudiger die Akutversorgung? Kann ja auch eine andere Einstellung zugrunde liegen.. Während unsereiner wegen Skrupel und Wartezeiten wirklich nur in dringenden Fällen kommt, muss das ja nicht für jeden ein Hindernis sein.

      • Personen mit diesem Hintergrund nutzen tatsächlich signifikant häufiger die Akutversorgung. Das hat zwei Gründe:

        Zum einen fällt die Terminvereinbarung flach, die im Falle sprachlicher Barrieren ein echtes Hindernis ist. Notaufnahme Krankenhaus- da muss man warten bis man dran ist. Einfaches Konzept.

        Zum anderen ist es häufig so, dass in den Herkunftsländern keine oder nur wenige „niedergelassene“ Kassenärzte existieren. Die Versorgung über das staatliche Gesundheitswesen findet in vielen Ländern der WElt ausschliesslich über die Notaufnahme des Krankenhauses statt. Das Konzept „Arzt in Praxis auch für Kassenpatienten zugänglich“ ist vielen Patienten mit Migrationshintergrund schlicht nicht bekannt.

    • Hm, weil sie immer noch mit den nötigen Respekt schreibt?
      Oder weil sie auch unheimlich gefühlvolle Geschichten mit ihren Patienten beschreibt? ;-)

  5. Oh weia, das arme Mädel groß und klein. Das kann ja noch heiter werden. Bei der Geburt möchte ich nicht dabei sein. Und Du sicherlich auch nicht. Die Schwiegermutter im Hintergrund, ah nee eher im Vordergrund. Gruselig…

  6. Das arme Mädel. – Gut, dass du Josephine, so „cool“ und beherrscht geblieben bist. Die SM mit ihrem Verhalten – Migrationshintergrund hin oder her – geht mir total auf den Wecker – gut, dass ich keine Ärztin etc. bin.

    VhG

    Andrea

  7. Kenn ich. Exakt genau so. Laut und beharrlich und in einer Intensität, die den letzten Funken Nerv raubt.
    Und ja, das Mädel tut mir leid.

  8. Dank Kindedoc bin ich nun bei Dir gelandet. Ich habe in deinem ersten Posting nach der Blog-Pause von einem Kennwort gelesen….Was muss ich tun, um dieses zu erhalten?
    Im Übrigen Liebe ich jeden Deiner Beiträge und habe mich nun schon durch einige der „alten“ Postings gelesen. Ich freue mich, dass Du wieder da bist und auf das, was von Dir noch kommen möge.
    Auf Bald
    Michaela

  9. Mich würde interessieren, was in der jungen, schwangeren Frau vor sich geht. Offenbar so einiges…

    Bin gerade erst auf diesen Blog aufmerksam geworden. Klingt nach einem harten Job.

  10. ich hab in alten Zeiten nur still mitgelesen, aber nun hab ich grad bei Pharmama gelesen das die Heldin wieder schreibt.Ich freu mich seeehhhrr darüber :D

  11. Das arme Mädchen und das arme Baby -.-
    Ich glaube ich hätte die SM (diese Abkürzung ist sowas von genial *hust*) gleich vor die Tür gesetzt und Schwester E. zum Kaffee holen verdonnert ;)

  12. Und wo wäre das Problem gewesen einfach mal an sich selbst zu denken und Pause zu machen? Patienten die noch klingeln bzw. sich noch beschweren können, kann es nicht soo schlecht gehen.

  13. Liebe Josephine,

    ich freue mich dermaßen, Sie endlich wieder zu lesen! Bitte, lassen Sie sich nicht wieder vergraulen. Darf ich fragen, wie das mit dem angekündigten Passwort funktionieren wird?

    Liebe Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s