Duplizität der Ereignisse…

Kennt ihr das? Bestimmte Ereignisse geschehen gerne mal doppelt oder mehrfach – leider handelt es sich bei diesen duplizierten Geschehnissen jedoch eher seltener um Lottogewinne, reduzierte Markenjeans oder Lohnerhöhungen. Doppelt kommt die Schwiegermutter zu Besuch (Ostern UND Pfingsten), die Nebenkostennachzahlung (2008 UND 2009) sowie der Lippenherpes (rechts UND links).

Im Kreißsaal ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt – immer zwei Blasensprünge, zwei Kaiserschnitten, zwei Nachblutungen. Oder mehr.

So auch hier – in (m)einem Dienst long, long time from now kommen um exakt 19 Uhr zwei Schwangere in meinen Kreißsaal gestiefelt, beides FrauVonSinnen-Patientinnen, beide am Termin und exakt beide im Zustand nach stattgehabtem Blasensprung. So weit, so unspektakulär.

FvS parkt die Damen in unterschiedlichen Kreißsälen am CTG, und erhebt (nacheinander versteht sich) den jeweiligen Muttermundsbefund: ihr werdet es erahnen: Gebärmutterhals (=Cervix) weich, 2 cm, Muttermund 2 Fi-du (=Fingerdurchgängig), Kopf schwer abschiebbar auf Beckeneingang. Bei BEIDEN Frauen…

23 Uhr, Josephine in der (Dienst)Kiste – Auftritt Diensthandy (Ring und so…)

FvS: „Kannst du mal kommen…?!“

Ich (total verstrahlt): „Kannnisch noch Hose anziehn…?“

FvS: „Sagen wir mal – zügig…!“

Wer mit morgendlichen Anlaufproblemen zu kämpfen hat, sollte es mal mit Adrenalin im Kaffee versuchen – nichts macht SO schnell SO wach. Sollte man eigentlich als Dosenmilch oder Brotaufstrich verbreiten – damit könnten Millionen gemacht werden! Note to self – Adrenalinmilch…

9,8 Sekunden später steh ich schwer atmend vor zwei leuchtendgrünen CTG-Streifen, auf denen dieselben unschönen Wehentäler verzeichnet sind, während mich FvS mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vorwurfsvoll anstarrt.

Ich: „Waaaas???? ICH hab das CTG nicht gemalt!“ menno

Die Hebamme wischt meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg und schleift mich am Arm in den ersten Kreißsaal, wo Frau X gerade PDA-sei-dank-entspannt eine sinnbefreite Fernsehsendung anschaut. „Da – Du!“ schnauzt FvS, während sie mir ungeduldig einen durchsichtigen Handschuh hinhält. Ich habe keine Ahnung, warum SIE jetzt schlechte Laune hat, immerhin bin ich aus schönstem REM-Schlaf geklingelt worden.?! Trotzdem tu ich, wie mir geheißen wird.

*** 23.04 Uhr *** Cervix verstrichen *** MM 6 cm *** Kopf fest auf Beckeneingang***

Muss ich es erzählen? Ja, sicher, Frau Y bietet EXAKT denselben Befund. Es ist zum in die Tischkante beißen…. Okay, hilft ja alles nichts – eine MBU muß her. Aber pronto. Die Frage ist nur – bei welchem Kind zuerst? Ich beschließe, dass es kein Luxus ist, meinen Hintergrund zu informieren – hier sind 4 Hände einfach zu wenig. Dr. O, meine allzeit bestens *huuuuust* gelaunte Oberärztin ranzt ein wenig einladendes „WAAAAAAAAAAS?!?!“ in den Telefonhörer, kaum das es zum ersten Mal geklingelt hat. Darf das Telefon etwa IM Bett schlafen…?!

Ich berichte von meinem duplizierten Chaos – und ernte Unverständnis. Warum ich angerufen hätte? Nur um dich zu ärgern… Warum ich keine MBU gemacht habe und das sie derzeit keinesfalls zu kommen gedenke. Bitte-Danke-Aufgelegt.

Gerade noch sinniere ich ernsthaft über einen zweiten Anrufversuch nach, als FvS aus dem Kreißsaal brüllt: „JOSEPHINE – DER HAUSDIENST!!!!!!“

(Hausdienst ist die Hebamme im Hintergrund, die immer dann kommt, wenn es brennt. Und DIE kommt dann auch gleich, ohne diskutieren. DIE haben es gut, die Hebammen….! Anm.d.Red.)

HÄÄÄÄÄÄH? Frau Chaos auf der Leitung. Was macht der Hausdienst im Kreißsaal…??? Als ich fragend den Kopf zur Tür herausstrecke, sehe ich die Hebamme – schwer schnaufend – Frau Y IM Bett über den Gang schieben, während selbige (Frau Y nämlich) – völlig unbeteiligt, weil gut-sitzende-PDA-intus – wild auf ihrem Handy herum klöppelt.

Ich komplett verwirrt: „Frau von S – WAS machst du da, bitte?“

FvS schwitzend und schnaufend: „Frau Y ist VOLLSTÄNDIG – BECKENBODEN!!! Rate wer NOCH????“….

To make a long story short – der Hausdienst hat es dann nur noch zum Umbetten von Mutter UND Baby X geschafft – entbunden haben wir (FvS und ich) in Stereo und alleine – eine Frau auf dem Kreißbett, eine im normalen Bett daneben. Baby 1 geboren um 23.22, Nummero 2 um 23.23 Uhr!!!

Und hier endet die Duplizität nun endlich – 1 ist ein kerngesunder Junge, 2 ein nicht minder fittes Mädel. Hurra! Vorbei! Heldin und Hebamme nass geschwitzt aber glücklich. Bis zum nächsten Mal…

———————————————————————————–

(Okay, ich habe voraus gesetzt, dass ihr unsere Räumlichkeiten kennt – wir haben neben jedem Kreissaal einen Raum, wo die Frauen mit Familie nach der Geburt noch ein bisschen einkehren können. Dort wurde Baby Nummer 2 geboren. NATÜRLICH mit frischen Handschuhen und eigenem Zubehör…:))

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29 Kommentare zu “Duplizität der Ereignisse…

  1. Meine Güte, da komm ich schon beim Lesen in Schweiß … was für ein Stress .. schon die ungeborenen Babys haben ein unakzeptables Zeitmanagement :-)

  2. Naja…die Hebammen haben auch nicht überall soooo gut….aber die Sache mit der Duplizität kenne ich auch;) Selten kommt eine Atonie alleine…Nabelschnurvorfälle übrigens auch nicht…Danke für den sehr interessanten Blog. Schreiben beherrschst du wie ne 1.

  3. Ich schwitz auch Blut und Wasser Sweetkoffie :)

    Die Idee mit der Adrenalinmilch gefällt mir im Übrigen seeehr gut :)

    Und die Geschichte: HERRLICH!!!

    Wäre ja glatt interessant zu wissen, ob sich X und Y kannten, wie die Kinder genannt wurden (Paul und Paula gar?) und ob sie durch dieses spezielle Erlebnis jetzt ganz dicke sind, nach dem Erschlanken :)

  4. Apropos Blut und Wasser – so eine Geburt ist ja nicht gerade eine „saubere“ Angelegenheit. Wie macht man das in Stereo? Handschuhe wechseln und fliegende Desinfektion dazwischen?
    Es hört sich auf jeden Fall stressig an … Im Moment fast mehr für Euch als die werdenden Mütter :)

  5. oh mann, und jedesmal, wenn ich so nen Bericht les, denk ich an meine zwei durchstandenen Geburten zurück, und sinniere währenddessen: wie gut, dass du das nicht bist. Und wenn der Bericht dann zuende ist: alles voller Glückseligkeit und auf dem Bauch das wunderbarste Stück Menschlein…hach ja. Nr 3?

  6. „Ich (total verstrahlt): “Kannnisch noch Hose anziehn…?”“

    Hach, was habe ich es vermisst. Der Abend ist gerettet und ich habe mich wieder mal köstlich amüsiert. Vielen Dank dafür. :-)

  7. Ich bin erst vor kurzem auf deinen Blog gestoßen und finde ihn wirklich sehr gut! Respekt für alles, was ihr da leistet, diese Hintergrundgeschichten finde ich absolut interessant, vielleicht, weil ich mal Hebamme werden wollte, als ich noch jünger war.

    Bei dieser Geschichte habe ich auch nur gedacht, Wahnsinn! Gut, dass es bei mir nicht so war… allerdings lag ich noch nicht mal im Kreißsaal als der Oberarzt mir eröffnete, dass es wohl ne Notsectio wird. Lustigerweise war er ganz erstaunt, dass mich das nicht aus den Socken gehauen hat ;) Weniger komisch fand ich es aber, dass er die arme Assistenzärztin im OP dann angeschnauzt hat.. na ja.

  8. Püh, das war ja im wahrsten Sinne des Wortes „eine schwere Geburt“ !

    Aber ich muß jetzt doch mal was fragen: machst du die ganze Arbeit und dein „Hintergrund“ macht nur die schwierigen Fälle und relaxt sonst ?

  9. Uff, da komm ich ja schon beim Lesen ins Schwitzen und mein Adrenalinspiegel steigt.

    Peter und Petra – würde auch gut für die Kinder passen. ;)

    VhG

    Andrea

  10. perfektes Timing, oder? :D meine Güte, die Nerven.. Und das alles noch um nachtschlafende Zeit OHNE Kaffee. Gemein. Aber 2 süße Babys hats gebracht ;)

    LG Elawen

  11. Stressige Sache zwei Geburten zeitgleich. Aber hab ich das jetzt falsch verstanden? Ihr habt die beiden Kinder nebeneinander entbunden zeitgleich? Oder In zwei nebeneinander liegenden Räumen?
    Verwirrtbin… Stelle mir grad vor wie ich als werdende Mutter direkt neben einer anderen liege und wir „um die Wette“ pressen…

  12. Wow, da kriegt man ja schon hohen Blutdruck vom lesen…hast Du die Hose eigentlich noch anziehen können ;o)

  13. Wow, was ein Stress!
    Hoffentlich heiraten die beiden dann auch in ca. 30 Jahren. Und Dr. Josephine sitzt dann in Würden ergraut und zu Tränen gerührt in der ersten Reihe! :D

  14. Jedenfalls ist das eine Geschichte die noch ewig erzählt werden wird! Den beiden Kindern wirds irgendwann zum Hals raushängen wenn einer der Familie wieder mal anfängt mit: „Ja, und du, ja du hast es ja schon immer so eilig gehabt, schon bei der Geburt hast du ein Wettrennen gemacht!“

    Aber hach, ja, ich bin froh das Söhnchen so (fürs Personal) unspektakulär auf die Welt kam.

  15. wir haben nicht das glück auf einen hausdienst zurückgreifen zu können. in so einem fall teilen wir uns einfach auf. die hebamme bleibt bei einer, die ärztin geht zur anderen frau

  16. Ähm – also bei uns gibt es immer eher die Dreier-Kombi – drei schwangere Kollegen, 3 Notfälle, 3 Sterbende,… aber ich bin sicher auch Kind 3 um 23.23 Uhr hätte auch noch geklappt – irgendwie ;-)

  17. Megastress, aber wenigstens gabs keine ernsten Probleme. Das wär ja echt die Katastrophe gewesen, wenn beide am besten noch gleichzeitig Komplikationen bekommen hätten.

    Wie heißen die beiden denn? Alexander und Alexandra? *g*

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