Dr. Jekyll und Mrs. Hyde

Kreißsaal, 2.57 AM

Hätte alles irgendwie ganz schön sein können – junge Frau, drittes Kind, Zustand nach zweimal Spontangeburt, mit regelmäßiger Wehentätigkeit und einem sagenhaften Aufnahmebefund: 8-9cm, Köpfchen tief auf Beckeneingang. Soli fährt schonmal den schnellen Brüter (BabyWärmeLampe im Kreißsaal) hoch, damit die Schwangere während der letzten Phase nicht alleine schwitzen muß, und ich pfeiff mir noch fix ein paar Haribo auf SchokoKeks rein. Es entbindend sich morgens um 3 einfach angenehmer, wenn zwischen zwei Presswehen nicht ständig der Magen reinknurrt…

Kreißsaal, 3.45 AM

Hmmmmmmm – irgendwie könnte jetzt mal langsam etwas passieren…?! Das CTG krakelt malerische Herztongebirge und sanfte Wehenhügel über unendliches GrünKariert, während das leichtfüßige Herztongetrappel immer häufiger von flotten 160 auf mäßige unter-Hundert Schläge pro Minute herunterbremst – in der Endphase der Geburt stets ein gutes Zeichen für „jetzt wird´s gleich spannend“ – doch es bleibt langweilig! Eigentlich hätte dieses Kind schon dreimal quer rausgefallen sein müssen, die vorhergehenden Geburten lagen beide unter 4 Stunden, doch Nummero drei macht es spannend.

Kreißsaal, 4.20 AM

Ein langgezogener, unmenschlicher Schrei hallt durch die Weiten des Kreißsaalbereichs und trifft mich völlig unvorbereitet – im Affekt hab ich mal eben zwei Haribo-Dinger am Stück verschluckt, herzlichen Dank auch! Ein wilder Hustenreiz befördert die Gummiteile gerade noch so an der weitgeöffneten Pforte zum Hauptbronchus vorbei Richtung Magen (wo sie auch hin gehören), und während ich noch schwitzend und würgend mit Sympathikus und Parasympathikus kämpfe, renne ich bereits los Richtung Kreißsaal.

Da liegt sie – völlig entfesselt und mit starrem Blick – Mrs. Hyde!!!

Ich quietschend und keuchend zu Soli: “ WAS-IST-LOS?!?!“

Soli achselzuckend: „Mrs. Hyde wünscht eine Sectio!“

Ich muss schon wieder husten: „BITÄÄÄÄÄÄ????“ und – zwischen zwei Krächzern – an die schreiende Frau auf dem Bett gewandt: „Mrs. Hyde, das Kind ist fast da – ich konnte gerade schon Haare sehen. Das geht jetzt nimmer mit dem Kaiserschnitt, da müßten wir es ja wieder rein stecken?!“

Ich schwöre – ich war lieb! Zugequollen vom Kampf gegen die Gummitiere –JA! Hustend und Quietschend durch reaktiv verengte Luftwege – AUCH DAS! Bisschen übermüdet, weil morgens halb fünf – SCHULDIG im Sinne der Anklage. ABER ich war LIEB!!!

Mrs. Hyde war das hoch wie breit. Aber sowas von!

Zwischen zwei komplett veratmeten Wehen „Isch presse nisch mehr – isch will JETZT einen Kaiserschnitt, abba sofoooort!!!“ wirft sie mir eine Batterie Schimpfwörter an den Kopf, deren Bedeutung ich erst noch googeln muß, bevor sie – und JETZT wird es lustig – vom Kreißbett aufsteht und davon stürmt!!!

Völlig verdattert glotze ich Mrs. Hyde nach, die sich – nur in rückenfreies KlinikDessous gewandtet und die Kabel des CTG-Gerätes luftschlangengleich hinter sich her ziehend – in beeindruckender Geschwindigkeit aus dem Staub macht… –

„Ich glaube, wir haben ein Problem, Soli…?!“

Doch OsoleMia ist auch schon weg. So schnell ihre kleinen, stämmigen Beine sie tragen flitzt sie hinter Mrs. Hyde her, lauthals beruhigende Dinge über den KlinikGang brüllend (oder zumindest DAS, was sie für beruhigend hält)

„Mrs. Hyyyyyyyde – alles wird guuhuuut. Aber sie müssen jetzt schön wiiiiieder kommen!“

Es ist wie im schlechten, amerikanischen Slapstick – eine entfesselte Schwangere rennt laut fluchend und wütend durch die Gegend, dahinter eine muckelige Hebamme im Schweinsgalopp mit fliegenden Löckchen und eine – immer noch – japsende, röchelnde Josephine mit wehendem Kittel.

Das ist ein Traum! Das MUSS ein Traum sein. Alptraum? DrogenTraum? Ich weiß es nicht – aber ich bin definitiv falsch hier…

KlinikFlur, 4.24 AM

AnästhesiePfleger Horst steht wie in Stein gemeißelt mittig im Aufzugsvorraum und hält vorsichtig ein sich windenden, spuckendes, schreiendes Bündel Frau in seinen Bärenpranken. Horst ist 2 m groß, breit wie ein Grizzly und Mrs. Hyde stellt kein wirkliches Problem für ihn dar: vorsichtig packt er die immer noch wild um sich schlagende Frau unter und trägt sie behutsam zurück nach Kreißsaal drei. Dort wird nach einer einzigen weiteren Presswehe klein Karlchen geboren, ein freundlich drein schauendes 4800g-Baby, dem der JoggingAusflug mit Mama Hyde kein bisschen geschadet hat. Ein wahrhaft sonniges Gemüt, der Kleine…

DienstZimmer, 4.45 AM

Mrs. Hyde hat sich wieder in Dr. Jekyll zurück verwandelt, ist nun mächtig froh, doch keine Sectio bekommen zu haben, schämt sich ein bisschen wegend des kleinen Dauerlaufs durchs Haus und schaukelt glücklich ihr zauberhaftes, dickes Wonne-Baby im Arm. Der Damm hatte noch nicht einmal ´nen Kratzer, sodaß ich jetzt doch endlich noch für ein, zwei Stündchen an meiner Matratze horchen kann…. :)

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48 Kommentare zu “Dr. Jekyll und Mrs. Hyde

  1. :-)

    in ein paar Tagen bin ich dran und werde hoffentlich daran denken: wenns klemmt oder brennslich wird – einmal eine grosse Runde laufen und dann kommt das Kindchen ganz schnell…..

    Ich weiss nicht was meine Hebamme dazu sagen wird, die gute Frau gilt für 2 – 120 Kg und 30 Jahre Berufserfahrung. Ob sie Spass daran hat hinter mir her zu laufen?

    Gruss
    Cris 37 SSW

    • Cris, ich denk mal, wenn Deine Hebamme so viel Erfahrung hat, wird sie schon den Weg zum Ausgang für sich freigeräumt haben
      somit keine Chance ;-)
      Für Dich und das Kind alles Gute!
      Herzliche Grüße
      Hajo

  2. Herrlich geschrieben – vielen Dank! Sie haben ein großes Lächeln auf mein Gesicht gezaubert, verbunden mit ein paar kleinen Glucksern. Danke!

  3. 4800g? Aua!
    Und nochwas: Wie kann man da noch losrennen? Ich konnte gar nix und mein Kind war halb so schwer… Respekt. Dazu muss man wahrscheinlich vorher schonmal 2 Kinder gekriegt haben…

  4. So richtig langweilig (*grins*) kann ich mir den Job nicht vorstellen – so spannend war es bei meinen beiden nicht, aber einen Blogeintrag über Entbindungen in der DDR war es mir zumindest wert.
    Danke für den Grinser am Morgen!

  5. Haaa, haaaa, haaaa, ich lach mich tot. Kann’s mir richtig schön bildlich vorstellen. So ist ne Geburt doch nur noch halb so langweilig :-)

  6. Hach, ist das schön, mit dem Gedanken „Hat sie was geschrieben? Ne, der letzte Eintrag ist doch erst so kurz her … vielleicht doch mal gucken? Vielleicht was Klitzekleines?“ herzukommen, und dann von so einer Geschichte überrascht zu werden! Vielen Dank für das Wieder-da-sein-und-wunderschön-Schreiben!! :D

  7. du solltest das als neues entbindungsverfahren veröffentlichen: „während der durchtrittsphase soll die mutter dreimal über den krankenhausflur rennen, wahlweise zehn kniebeugen machen – das erleichtert die nachhineine entbindung um ein vielfaches“ – statt kristellern wird man vom josephinen sprechen

    • Das wäre dann aber eigentlich kein „neues“ Verfahren. Wenn nix weitergeht wird ne Frau immer dazu angehalten sich mal zu bewegen. Kniebeugen – gar nicht schlecht, in der Hocke rutscht so n Köpfchen (fast) immer sofort tiefer

  8. Also, meine Mutter *wurde* damals(tm) (1982) spazieren geschickt. Mit dem Kommentar „Kommen sie in 4 Stunden mal wieder.“

    • Ich nehme an, da war deine Mutter auch noch in der Eröffnungsphase..

      Bin ja keine Hebamme/Gyn, aber meines Wissens sind Gebärende in den _Preßwehen_ eher immobil (spricht der Käfer ;)) – oder zumindest nicht DERART mobil..

  9. Super ge- und beschrieben! Und ich kann mich nur kinderdok anschließen, ich wäre dann auch fürs „josephinen“, bin ja mal gespannt, was mich gleich im KRS erwartet ^-^

  10. Also wenn meine Patienten gerne abhauen..lass ich sie das gerne machen..und nein ich laufe nicht hinterher :) Bei dir verstehe ich das Josephine..und ich hätte es gerne gesehen :)

  11. Huiuiuiuiui. Die hat Nerven … :)
    Bin ja gespannt, wie ich mich in 17 Wochen anstelle, 2. Kind. Bisschen schneller als 13 Stunden hätte ich da schon gerne.

  12. Liebe HeldinImChaos,

    ich wische mir mal eben die Lachtränen weg, das war sooo herrlich. Vielen Dank fürs Teilen.

    Ich habe auch erfolgreich drei Kinder entbunden, die ersten beiden ambulant und entspannt. Nr. 3 wollte nochmal alles geben. Meine Hebamme (25 Jahre Berufserfahrung und sehr ruhig und gelassen) meinte schon, dass die Dritten alles auf den Kopf stellen. Recht sollte sie haben ;-)

    Liebe Silke, solltest Du das lesen: Charlotte ist im Leben so wie bei der Geburt. Erst nicht aus dem Quark kommen, das volle Programm (Wehentropf, Blasensprengung, angedrohte Notsectio), um dann im Tiefflug den kompletten (!!!) Geburtskanal in 1,5 Stunden in Turbogeschwindigkeit zu nehmen. Presswehen sind komplett überflüssig, eine halbe reicht, stehen ja genug Leute am „Ausgang“, die mich auffangen ;-))

    Ich selber war bei den anderen beiden Geburten auch entspannter und ausdauernder. Aber bei Kind 3 habe ich diesen Satz gesagt, den ich nie sagen wollte: „Ich kann nicht mehr, ich gehe jetzt nach Hause.“ Einzig mein Mann mit seinen knapp 2 m Körpergröße konnte mich davon abhalten.

    Ich freue mich auf weitere Beiträge von Dir

  13. zum glück ist kinderkriegen dann doch keine sooo ernste sache! :) ich hab lang nicht mehr so gelacht – danke!

  14. absolut klasse :) Da haett ich ja fast Lust mich doch noch an Nummer 3 zu machen, einfach, damit ich sowas hier auf aecht amerikanisch mal abziehen kann :)
    Schoen, dass du wieder da bist! Macht sowas von Spass morgens meinen Iced Coffee mit dir zu geniessen :)

  15. omg

    na da bin ich gespannt, was mich heute/morgen erwartet – sitze gerade wehend in der 40.ssw hier – bei 6-7 cm – und will mich nochmal mit deinen Worten berieseln lassen und Ideen sammeln :)
    Ich glaub ich frag mal meine Hebamme, wie schnell sie die 100m läuft *hihi*

      • Oh, Du schnuffelst bestimmt schon…Herzlichen Glückwunsch…und falls nicht: Du hast es bald geschafft!!! ;)

  16. ich kann nur sagen: süß!! Das erinnert mich an meine Zeit im Kreißsaal. Werdende Mütter können sich manchmal echt zum Monster entwickeln :)

  17. Grinsssssssss -Ach, ich versteh die werdende Mutter auch: Ich hatte damals vor seeehr langer Zeit auch gedacht, ich geh´einfach, hab´keinen Bock mehr… hab´s aber nicht gemacht! LG von Rana, die sich über das Wiedererwachen deines Blogs freut

  18. Ach wie gut kann ich die Frau verstehen. Nr. 3 ist da schon etwas schwierig, bei uns war es etwas ähnlich.
    Danke liebe Heldin, dass du deine Erlebnisse mit uns teilst.
    Einfach immer ein Highlight im grauen Alltag.
    Ich fand es bei Nr. 3 übrigens toll, als die Ärztin die Nachtüber bei uns im Kreißsaal ausgeharrt hat. Bei den ersten beiden hab ich Ärzte eigentlich nur zum Nähen gesehen, vorher waren nur Hebammen anwesend. Wenn überhaupt.

    • Wieso sollte denn auch ein Arzt die ganze Zeit anwesend sein??? In Deutschland leiten Hebammen eine normal verlaufende Geburt.
      Lg

      • Ähhh.. nö.
        Solang bei mir alles scheinbar glatt lief, kam die Hebamme nur alle Jubeljahre mal vorbei – von Betreuung oder gar „Leitung“ der Geburt konnte man da eher nicht sprechen.

      • Das is natürlich scheiße, so solls auf keinen Fall sein! Aber du kannst mir jetzt nicht erzählen, dass statt der Hebamme der Arzt die ganze Zeit neben dir saß?

  19. Ein Glück hab ich meine Gummitiere schon alle getötet gehabt, sonst wär mir auch eins quer im Bronchus stecken geblieben… ;)

    Ich bin nur froh, dass es anderen mit den nächsten Kindern auch so geht – ich hab immer gedacht, nur ich bin so gestört. Beim ersten die Wehen verschlafen und nach 3 Presswehen den Kleinen hingelegt, wie die Katze die Jungen und es bei jeder weiteren Geburt immer komplizierter gemacht. Bei der 4. wollte ich nur noch sterben – aber als letzte, nachdem ich den kompletten Hebammen-, Schwestern- und Ärztestab gemeuchelt hab. Schimpfwörter zum nachggoogeln hatte ich auch reichlich… *rofl*

  20. Woah! Und ich dachte, ich, die mit 5-Minuten-Wehen mal eben noch einen Kuchen buk, hätte einen an der Waffel gehabt… O_o
    (Gottseidank brüllte ich zuletzt unartikuliert und fraß lieber die Gebärbettlehne, statt zu joggen… Ich mein‘, meine Hebi war ’ne verdammt coole Socke, aber man muss es sich ja nicht mehr als nötig verderben, ne?)

    Aber – Hääärrlisch! Gut, dass ich gerade nicht der Nahrungsaufnahme frönte… ich müsste jetzt vermutlich auch Sympathicus und Parasympathicus miteinander kämpfen lassen…

  21. Pingback: Vorspeisenplatte » Blog Archive » Journal Dienstag, 5. April 2011

  22. Unglaublich, wozu manche unter der Geburt noch Zeit haben… ;-)

    Apropos… wenn ich in der Austreibungsphase den diensthabenden Arzt erschlage, kann ich dann auf Unzurechenbarkeit plädieren?

  23. Liebe Joesphine,

    dein Blog hat mich während meiner Examenszeit immer wieder aufgemuntert und jetzt freu ich mich um so mehr, dass du wieder schreibst. Hab heute meinen ersten Dienst in der Gyn. Mal gucken was mir so begegnet ;-)

    • hey – viel spaß!!!
      und denk dran – beim herzstillstand immer erst den eigenen puls fühlen…!!! alles wird gut :)

  24. Pruuust..!
    Ja, mit hochrotem Kopf, Tränen in den Augen und erstickt-glucksende Geräusche von sich gebend im Büro mit mehreren Leuten zu sitzen ist peinlich!
    Aber irritierte Blicke konnten meinen Lachanfall nicht wirklich beheben.
    Danke für solch prächtiges Kopfkino! Ich wünschte, ich könnte Cartoons zeichnen; dies hier wäre eine herrliche Vorlage. :-))

  25. das erinnert mich so sehr an die ganzen wahnsinnigen geschichten die auch bei uns in der gastronomie so abgehen. wenn man nicht dabei war glaubt man es nicht.wenn man sich ideen fuer ein drehbuch einfallen lassen soll wuerden einem genau SOLCHE geschichten nie einfallen, weil sie so aberwitzig sind….aber genau das macht ja auch unsere jobs so faszinierend….

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