Frau Wonnig – hab Sonne im Herzen…!

Die zierliche alte Dame sitzt – hübsch zurecht gemacht – am offenen Fenster, die winzigen, weissen Löckchen auf ihrem Kopf erstrahlen fast gleissend im Gegenlicht der Frühlingssonne und hinter ihrer Goldrandbrille blinzeln wasserblaue Äuglein. Entzückend! Ich mag solche feinen, alten Mädchen. Oder auch LAD im GAZ (= LiebeAlteDamen im Guten AllgemeinZustand. „HouseOfGod“)

Wir stellen uns einander vor, ein bisschen aufgeregt wischt Frau Wonnig den Tisch vor sich mit einem Spitze-umhäkelten MädchenTaschentuch sauber, während ich schonmal ein wenig Anamnese erhebe: Kinder geboren „JA!!“ *strahl* „Fünf! Alle Zuhause, drei stramme Bubn und zwei Maderln. Gute Kinder!“
Gerührt wischt sie sich mit dem Taschentuch ein Tränchen aus dem Augenwinkeln, und ich muss auch mal schnell schneuzen. SO eine Süße aber auch!
Wir kämpfen uns weiter die Bürokratie entlang – Wechseljahresbeginn wann?! Nehmen sie regelmäßig Medikamente ein? Schonmal operiert worden?!…
Die Medikamente stehen – akurat aufgelistet – auf einem karierten Zettel. Sie erzählt von Hans, ihrem Ältesten – Bauingeneur in Afrika – und der kleinen Luise, die ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hat, um ebenfalls 5 Kinder gross zu ziehen…
Ach ja, so ist das. Wir seufzen beide ein bisschen und schauen – immer noch irgendwie gerührt – auf die Wiese hinterm Haus, wo das nikotinabhängige PatientenGut gerade sein Frühlingslager aufschlägt.

Nach 20 Minuten reiss ich mich dann schweren Herzens von meiner LAD los – die weissen Löckchen nicken mir freundlich hinterher, als ich, Akten- und BlutTablett beladen, zur Tür hinaus – und direktamente hinein in Klein-Luise stiefel: Frau Wonnigs LehrerTochter – und (wie ich erst jetzt erfahre) rechtliche Betreuerin der dementen, alten Dame….

Manchmal reichen die ersten Frühlingsstrahlen eben deutlich weiter, als nur zum Fenster hinein….!

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15 Kommentare zu “Frau Wonnig – hab Sonne im Herzen…!

  1. Oh. Unerwartetes Ende. Josephine-erfahren hatte ich jetzt eine janz fiese Diagnose erwartet, noch fieser als Demenz. Obwohl es eigentlich fies genug ist …
    Jedenfalls war sie lieb, es geht ja auch anders. Möglicherweise war sie nur zu Dir lieb. Also mein Kopfkino arbeitet gerade verschiedene Handlungsläufe aus.

  2. eine kleine Anmerkung: seit 1992 gibt es für erwachsene keine Vormünder mehr, heutzutage ist derjenige ein „rechtlicher Betreuer“.

    Tut der Schönheit der Geschichte aber keinen Abbruch!!!

  3. Frau Wonnig ist offenbar guter Dinge. Das ist gut und nicht immer der Fall. Hoffentlich ist sie das sonst auch, sonst ist das ein schweres Leben für Mutter und Tochter.

  4. Ich finde den Post einfach nur schön. „…die ersten Frühlingsstrahlen reichen deutlich weiter als nur zum Fenster hinein“ – das ist Klasse ausgedrückt. Ich habe auch meine Mutter jahrelang betreut und weiß daher, dass es viel zu oft einfach nur traurig ist.

  5. „Manchmal reichen die ersten Frühlingsstrahlen eben deutlich weiter, als nur zum Fenster hinein….!“ <– da fehlen mindestens zwei Ausrufezeichen.

  6. Ich erwarte ehrlich gesagt ne üble Fortsetzung. Tochter, die Lehrerin ist und Betreuerin ihrer Mutter, das kann irgendwie nicht gut gehen.

    Vielleicht hab ich aber auch einfach zuviel Bestatterweblog gelesen. ;-)

  7. hmmm..der erste Teil ist echt schön, ich mag solche Patienten auch..aber du schaffst es, ohne das jetzt böse zu meinen, einem mit den 2 letzten Sätzen den Hocker unter dem Hintern weg zu ziehen….wunderbar geschrieben..doch traurig der Schluss.

  8. Ein schöner Post. Und schön dich wieder lesen zu können / zu dürfen.
    Freu mich auf viele neue Geschichten aus deinem Alltag.
    Du schreibst immer so herzerfrischend. Lovely.

    Der Frühling kommt, kitzelt mit seinen Sonnenstrahlen … doch leider geht er auch wieder.

  9. wie dement war die liebe Dame wirklich?
    die lebensbiographischen Daten werden vermutlich stimmen, das ist das Altgedächtnis, das funktioniert sehr lange….
    oftmals haben sie nur leider zum aktuellen Geschehen keinen Schimmer und konfabulieren sehr gekonnt….

    Betre..ut sein kann sie auch auf eigenen Wunsch, wobei dann eigentlich die Vorsorgevollmacht eleganter ist….
    und bei Betre..uung gibt es unterschiedliche Bereiche (Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmung,Vertetung bei Behörden, Finanzangelegenheiten), die auch nur einzeln beantragt werden können, je nachdem wieviel Unterstützung der Pat benötigt….
    Manisch-depressive habn oft nur ne Betreuung für Finanzangelegenheiten, damit sie in der Manie nicht Haus und Hof gefährden ….

    von daher is es nicht unmöglich, daß die Aussagen der alten Dame stimmen…

    lg und gute n8

  10. Bittersweet.

    Ich hoffe, Frau Wonne erkennt ihre Tochter noch und erzählt ihr nicht immer davon, daß sie selbst eine Tochter hat…? (Wobei, wenn sie sich an die fünf Kinder der Tochter erinnert, das wahrscheinlich nicht der Fall ist). Beginnende Demenz ist traurig, aber sie scheint eine schöne Familie zu haben (schlimm erst dann, wenn man herausfindet, daß das alles schon lange nicht mehr so ist…).

    Danke für die bedachten Worte! Laß die Sonne rein!

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