Fucked by Statistics*…

*Copyright by „Es wird mal kurz hell im Hals…“

Die Tage bin ich über diesen Artikel meines Auswandererkollegen Patrick gestolpert: bei einer alten Dame war es nach Spinalanästhesie zu einer folgenschweren Komplikation gekommen.

Jeder medizinisch invasive Eingriff erfordert im Vorfeld eine gründliche Aufklärung des zu behandelnden Patienten – sei es nun eine Sectio, die Vollnarkose vor OP, die radiologische Untersuchung mittels CT oder das schlichte Verabreichen einer Blutkonserve – für jedes Mätzchen gibt es einen zwei bis mehrseitigen Aufklärungsbogen, bebildert und reichlich betextet, welcher dem Patienten vorgelegt und ausführlich dargelegt werden muß.

Wer regelmäßig rechtsmedizinische Klagefälle verfolgt („Der Gynäkologe“ zum Beispiel hat einen sehr kompetent aussehenden Rechtsverdreher mit eigener „Kolumne“, in der quartalsmäßig ein kurzweiliger Anklagefall dargestellt wird…) weiß, daß das Ausfüllen dieser Bögen Stunden in Anspruch nimmt, will man im Falle einer tatsächlich aufgetretenen Komplikation auch tatsächlich rechtlich abgesichert sein. Heißt im Klartext, man/frau muß im Falle eines Falles (anhand handschriftlich angefügter Notizen, bzw. Zeichnungen) nachweisen können, daß er den Patienten über alle möglichen und unmöglichen Komplikationen suffizient aufgeklärt hat. Das geht so weit, daß ich z.B. jede Sectio über die Möglichkeit ihres Ablebens aufklären muß – das kommt natürlich genau in den Momenten sehr gut, wo die Frauen – ohnehin schon gebeutelt, ängstlich und verunsichert – aus der „normalen“ Geburt in den OP gezwungen werden *ironieoff*

Zur Beruhigung der Patientin (und ich gebe es zu: auch des eigenen Seelenheils) betont man nun also, daß dieser oder jener Eingriff so und so oft durchgeführt wird und die ganz drastischen Spätfolgen nur in sehr seltenen Fällen auftreten. Was dann sowohl die Patientin als auch den behandelnden Arzt in der Regel beruhigt. Denn mal ehrlich: irgendwie wiegen wir uns doch alle in dem altbewährten Glauben, daß das „nur anderen passiert“, aber niemals nicht uns. Und dann, nach der 25.000sten Aufklärung passiert es doch: Die Verletzung eines nicht betroffenen Organs während einer OP, der anaphylaktische Schock bei Gabe von Blutkonserven – oder eben die Lähmung nach Spinalanästhesie.

Und selbst wenn die Komplikation NICHT auf dem eigenen Mist gewachsen ist, sondern höhere Macht oder was auch immer seine Finger im Spiel hat, und wenn ich auch noch so schön aufgeklärt habe und die Patientin alles verstanden hat und sich des Risikos durchaus bewußt war – es ändert nichts an der Tatsache, daß man sich als Arzt schlecht fühlt, mit sich und dem Schicksal hadert und vielleicht sogar fragt, warum um alles in der Welt man keinen anständigen Beruf erlernt hat. Ich kenne sogar Kollegen, die nach einer ausgeprägten Komplikation das Handtuch geworfen haben und – keine Ahnung: Lehrer? Steuerberater? Jedenfalls-Irgendetwas-Anderes geworden sind.

In etlichen Büchern, Filmen und medizinisch gelagerten Fernsehserien taucht immer wieder der Spruch „Man ist erst dann ein richtiger Arzt, wenn man seinen ersten Patienten auf dem Gewissen hat“ auf. ÄCHT JETZT??? Dann möchte ich lieber kein richtiger Arzt werden. Ich möchte weiterhin frohen Mutes versichern können, daß ich diese oder jene schwerwiegende Komplikation in den Jahren meiner Ausbildung noch nie am eigenen Leib erfahren mußte. Und doch machen mir gerade solche Geschichten, wie die von Patrick und der alten Dame, immer wieder aufs Neue bewußt, das es jeden von uns jeden Tag treffen kann. Und das wir dann – Aufklärung hin oder her – schauen müssen, wie wir mit der Situation klar kommen…

Patrick – Hut ab für den Mut zu zeigen, wie es nun einmal in unserem Job läuft. Wir sind alles nur Menschen, und ja: Shit happens!

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14 Kommentare zu “Fucked by Statistics*…

  1. oh man, das erinnert mich auch an einen eintrag aus dem blog „hammer oder spritze“ (ich hab grad den nick des autors nicht parat):

    http://holzhammer.wordpress.com/2010/10/15/golf-november-ii/

    schlimm, sowas. und ich würde damit wirklich nicht klarkommen. gibt es denn eigentlich so eine art psychologische beratungsstelle in krankenhäusern für ärzte? also eine, die auch gut ist und wo man auch hingehen würde.

  2. Kein schönes Thema. Der Mist ist ja, dass es auch bei einer Wahrscheinlichkeit von 0,00001 irgendjemanden zu 100% trifft. Die hässlichen Verläufe verteilen sich nicht auf 100’000 Schultern und lösen sich dabei irgendwie in Luft auf, nur das Risiko tut es vermeintlich.

    Andere Überlegung: Ist man nach anderthalb Tagen erfolglosen Wehens, also körperlicher Anstrengung und Schlafmangel, überhaupt in der Lage, eine rechtlich einwandfreie Einwilligung zu einer OP abzugeben? Oder bei akuter Angst um das Kind angesichts eines schlechten CTGs o. Ä.? Allgemeiner gefragt: Sind diese ganzen Aufklärungsformulare nicht eigentlich nur bei langfristig geplanten Operationen vernünftig?

  3. Und genau das finde ich, das sollten die geneigten Laien erfahren. Wir sind gut, keine Frage, aber manchmal können wir noch so gut sein, es liegt nicht unserer Hand. Ein Restrisiko ist immer da, manchmal ist es so winzig klein das wir es fast nicht sehen können. Trotzdem trifft es leider doch irgendwann jemand. Das ist leider kein Trost für den, den es dann erwischt.

    Chapeau Josephine

  4. Liebe Josephine,

    Du meintest doch am Anfang sicher CT und nicht CTG ;-) Für ein CTG muß man hoffentlich noch keine Unterschrift einholen, oder? Mir reicht schon die Unterschrift für die Heparinspritze.

    LG Nana

  5. Ich denke, ein Arzt ist dann ein „richtiger“ Arzt, wenn er damit klar kommt, dass er nicht allmächtig ist und , leider, nicht jeden Patienten retten kann.

    Ich denke, wichtig ist, dass er für sich sicher sagen kann: ich habe alles mir mögliche getan!

    Leider haben wir (ich spreche jetzt als Patientin) keine Garantie auf das ewige Leben, und auch keine darauf, steinalt zu werden.
    Das sollte man sich hin und wieder vor Augen führen.

  6. Ich habe einen ärztlichen Kollegen aus der Anästhesie, er stammt aus Polen und ich würde sagen auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse läuft ein Punkt seiner Aufklärung so ab:
    „Ist Narkose, kannst du immer sterben!“ …

  7. Ernstes Thema Ich weiß aber wenn die Patientin verstirbt wie will Sie dann was sagen. Selbst wenn Sie nicht aufgeklärt wurde. Können da Angehörige klagen???

    So jetzt mal ernsthaft. Sowas ist doch jedem Patienten klar das was passieren kann immer oder bin Ich wieder nur doof.

    Meine Mutter kriegt demnächst nen Port raus genommen, da haben Ihr die Ärzte gesagt das das in Vollnarkose und örtlich betäubt geht also fast. Sie sagten das wäre das gleiche vom Risiko her.
    Ich hab meiner Mutter abgeraten von der Vollnarkose, wegen dem Risiko auch wegen Ihren angegriffenem Herzen. OK ich bin kein Arzt aber Vollnarkose und Port unter größerer örtlicher Betäubung rausholen kann ja wohl nicht das gleiche Risiko haben.

    lg

    • Fakt ist, dass bei medizinischer Notwendigkeit immer (!!!) von einer Örtlichen zu eine Vollnarkose umgeschwenkt werden kann, also z.B. bei Schwierigkeiten.
      Und jeder Arzt klärt eigentlich darüber auf.
      Es muss einfach abgeschätzt werden, wie die Mutter es gerne hätte und wie die medizinische Beurteilung zur Vollnarkose ausfällt. Normalweise wird voher immer die Tauglichkeit überprüft … Ich persönlich würde auch eher zu einer örtlichen Betäubung raten, steht die Aufwachdauer nach Vollnarkose in keinem Vergleich zur OP-Dauer.

  8. Das erinnert mich ein wenig an die „Risikobeurteilung nach DIN 14121“ die ich für eine Anlage, in der ein Gasgemisch aus Wasserstoff (leicht entzündlich) und Kohlenstoffmonooxid (sehr giftig) hergestellt wird, durchführe.
    Ich betrachte die möglichen Gefahren und deren Vermeidung aus allen möglichen Facetten um dann am Ende da nüchtern stehen zu haben:

    Schadensausmaß: Tod
    Aufenthaltsdauer im Gefahrenbereich: selten bis öfter
    Möglichkeit zum Erkennen und Ausweichen: möglich unter bestimmten Bedingungen
    Wahrscheinlichkeit des Eintretens: klein

    Dann kann ich nur hoffen, daß wenn doch – Gott bewahre – trotz allem technischen Können und erdenklicher Absicherung der theoretisch möglichen Gefahr das Undenkbare eintritt, der Staatsanwalt und seine Gutachter das auch so sehen und ich nicht wegen „fahrlässiger Tötung“ oder so ähnlich verurteilt werde…

  9. Pingback: Alles getan??… « Alltagimrettungsdienst Blog

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