Plöder Fehler – wirklich PLÖDER FEHLER…

Patienten turfen ist ein uraltes Arzt-Im-Krankenhaus-Spielchen. Doof nur, wenn man den falschen Patienten in die falsche Fachrichtung verschifft – das kann dann nämlich schonmal ganz schnell ganz bös ins Auge gehen…

Es war noch zu meinen Frischlingszeiten, und wie das nunmal so ist, an einem akademischen Lehrkrankenhaus, landet die Hälfte aller Aufnahmen im Dienst nur deshalb in der Gyn, weil es sich um eine PatientIN handelt, und wir eben der PatientINNENDoc sind. Frauen unter 10, Frauen über 90, scheintot, mit blutenden Magengeschwüren, versagenden Nieren und im Zustand akuter Schizophrenie, alle, alle, alle müssen kurz vor zielgerichteter Diagnose noch einmal dem diensthabenden Gynäkologen vorgestellt werden. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die betreffende Person vor 2 Tagen oder vor zwanzig Jahren zuletzt beim niedergelassenen Kollegen war und ob sie Schmerzen im Bauch, den Beinen oder vielleicht sogar dem Ohr angibt – wenn sie JETZT kommt, muß sie JETZT auf den Stuhl. Basta!

Man sollte ja primär meinen, daß nur männliche Kollegen auf so eine saublöde Idee kommen, alles konsiliarisch vorzustellen, was nicht bei drei auf dem Baum sitzt – aber nein, KolegINNEN anderer Fachrichtungen können das auch. Dabei müssten DIE doch noch am ehesten nachvollziehen können, daß es nicht wirklich viel Sinn macht, einer 86jährige Patientin mit akuter Schenkelhalsfraktur mal eben noch einen Zwischenstopp auf dem gynäkologischen Stuhl zu gönnen. Oder? ODER??????

Mein damaliger Fall war eine Frau, die mir von einem kleineren Kreiskrankenhaus abends um 22 Uhr telefonisch angekündigt wurde – 32jährige Patientin mit akuten Unterbauchschmerzen, nicht schwanger, kein CRP (Entzündungswert in der Blutuntersuchung), subfebrile Temperatur, hatte sich vor einem halben Jahr (!!!!!) einer Ausschabung wegen Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft unterzogen – und der diensthabende Internist hätte sie jetzt gerne geturft, weil der „Radiologe im CT einen hochauffälligen Uterus“ gesehen hatte.

Zeig mir einen Radiologen, der ein weibliches Genitale beurteilen kann und ich küsse ihm die Füße. Datt GIBBET nämlisch nisch!!! Wann immer ein Strahlenmensch eine Frau von innen beurteilt kannst du deinen Hintern darauf verwetten, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich hatte schon vor Panik laut weinende Frauen in meiner Ambulanz sitzen, weil der Typ mit der Röhre „schlimme Dinge am Eierstock“ oder eine „Riiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeesengebärmutter“ gesehen hatte – dabei hatte der Eierstock einfach nur seinen monatlichen Eisprung und der Uterus 8,5 statt der vorgeschriebenen 5-7cm Länge. Da könnt ich sowas von…… *Kopf -> Tischkante*

Also alle Frauen merken für die Zukunft: wann immer im CT ein komischer Befund raus kommt heißt es de fakto: „Erstmal in Deckung gehen und Ruhe bewahren!“

Zurück zu meiner Verlegung – was soll ich am Telefon groß rum lamentieren? Ich muß sie selbst gesehen haben um zu WISSEN, daß der InternistenKollege nur einfach keinen Bock hat, die Frau mitten in der Nacht selbst durch die Diagnostik-Mühle zu drehen, sie vielleicht sogar noch aufnehmen zu müssen, also schnauf ich einmal tief durch und gebe das Okay für die Übernahme.

45 Minuten später kommt ein gekrümmtes Häufchen Elend in meine Notaufnahme gerollt, sehr bleich, sehr nett und seeeeehr mitgenommen. Ich frage meine Anamnese runter, stelle fest, daß der Schwangerschaftstest bei den Kollegen negativ war, die letzte (völlig unauffällig verlaufene) gynäkologische Vorsorge vor ca. 5 Wochen stattgefunden hatte und obendrein berichtet die Frau von mehreren Myomen, die schon seit längerer Zeit bekannt waren, und die sie auch dem behandelten Pillendreher samt Röntgenmann mitgeteilt hatte.

Mir schwant gar fürchterliches, und siehe da – mein gynäkologisch erhobener Befund ist bis auf besagte (übrigens total ungefährliche) Myome bilderbuchmäßig normal – ganz im Gegensatz zu der massiven Abwehrspannung im gesamten Bauchraum der Frau…

Reichlich angefressen ruf ich also stante pede bei meinem chirurgischen Pendant an und habe nach kurzer Wartezeit den typisch arroganten, ständig überarbeiteten und außerdem völlig verzogenen Aufschneider-Assi am anderen Ende meiner Leitung.

Chirurg: „WAS???“

Ich Ich hab sowas von keinen Bock auf den Schei**: „Guten Abend, ich hab hier eine Übernahme aus dem Krankenhaus XY, akute Unterbauchschmerzen ohne gynäkologisches Korrelat, ich möchte, daß sie die Patientin konsiliarisch anschauen und ggf. übernehmen…!“

Chirurg: „Hattdiedenn?“

Ich *schnauf*: „NICHTS gynäkologisches!!!“

Chirurg: „Wie wollen sie das denn so genau wissen???“

Ich *GanzRuhigBrauner*: „Weil ICH die GYNÄKOLGIN bin!“

Chirurg: „Washattiedenndann?“

Ich *WerdGleichWild*: „Hörmma, Freund, wir sind hier nicht bei Rate mal mit Rosenthal, entweder, sie schauen sich die Frau jetzt an, oder ich laß mir über den Pförtner ihren Oberarzt anfunken und frag ihn, ob ER sie sich anschauen will, da sein Vordergrund offenbar besseres zu tun hat!!!“ *WUTSCHNAUB*

10 Minuten später ist die Frau übernommen, 35 Minuten später haben sie ihr den Bauch aufgemacht – Blinddarmdurchbruch, das ganze Abdomen steht schon voller Siff. Gottlob geht alles nochmal glimpflich aus. Und der Chirurg hat einen Tag später angerufen und sich bedankt… :)

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20 Kommentare zu “Plöder Fehler – wirklich PLÖDER FEHLER…

    • ….werde in Zukunft vorsichtshalber jeden tag im Kölner Dom eine Kerze anzünden, damit ich euch nicht in die Hände falle ;-)))))
      als Patient/in haste doch wirklich die A*karte

      lieben Gruß von der Gegenseite

  1. Schwache Kür von dem Internisten, hätte ich beinahe gesagt, aber was soll er machen, wenn ihm der Radiologe so etwas erzählt?!?

    • er hätte sie ja wenigstens mal den aufschneidern vorstellen können, BEVOR er sie quer über land zu mir schickt…!
      sonst geb ich dir recht, ja!

  2. dabei soll doch so ein CT der „Goldstandard“ der Diagnostik von Bauchschmerzen sein… blöd nur, wenn sich der Radiologe vom großen Uterus ablenken lässt und dabei den im Eiter schwimmenden Blinddarm nicht wahrnimmt…

    und wäre der Internist zum äußersten geschritten und hätte die Frau mal untersucht, dann hätte er sie nur dem Chirurgie-Dienst seines Hauses turfen müssen und nicht eine Abschiebung in die Uni organisieren müssen!

  3. Ist eine Appendicitis nicht eine DER Diagnosen bei Unterbauchschmerzen?
    Dass der Internist da nicht draufgekommen ist.

    • Isser vielleicht auch draufgekommen, aber wenn der Radiologe etwas von einem schlimmen uterus erzählt…
      Aber machen wir uns nichts vor, möglicherweise hätte der Chirurg bei Kenntnis der Aussage des Radiologen auch erstmal in die Gyn geturft…AUSSCHLIEßLICHE BEWEISE für einen Blinddarm gibt es nämlich nicht -nur Anhaltspunkte.

  4. Sach ma, ich dachte immer, Blinddarm ist DIE Diagnose schlechthin?
    Das hat sogar Enid Blyton in einem Hanni und Nanni-Band hingekriegt: Da musste das Opfer das rechte Bein heben und die medizinisch bewanderte Internatsschülerin hat direkt die passende Diagnose runtergeleiert – auf einem Ausflug zum Zirkus…

    • Hihi, ja!
      An die Geschichte erinnere ich mich auch noch zu gut. Aber es war ja nur eine „Blinddarmreizung“ und da reicht Schonung und Kühlung. Soso.

      • Is ja auch kein Wunder nach den ganzen Mitternachts-Schlafsaal-Fressparties… *g*

    • appendizitis diagnostizieren ist zu 85% reine ausschlußdiagnostik. wenn es a, b und c nicht ist, kann es nur noch der blinddarm sein…!
      so schön wie bei hanni & nanni hätte ich es manchmal auch gerne… :)

      • Willst du mir jetzt sagen, ich habe mein Leben lang bei Bauchschmerzen völlig umsonst das rechte Bein gehoben um den Blinddarm auszuklammern?
        Mein Weltbild bricht gerade zusammen!

        ( :-D )

  5. Wie heißt eigentlich turfen beim Hausarzt? Meiner macht das STÄNDIG. wenn es nicht ein schnupfen ist. Jedesmal wenn ich wegen eines MD-Virus zum Hausarzt gehe finde ich mich in der nächsten Kreisklinik wieder.
    Da mein Blinddarm schon entfernt wurde (Wenn wir da schon rein schauen holen wir den auch gleich raus) kommt die komplette Gyn untersuchung und ich darf wieder heim *stöhn*

  6. Tja, da kann ich dann ja nur froh sein, dass ich an die Radiologen-Ausnahme geraten bin, die die Regel bestätigt. Die Gynäkologin in einer großen Uniklinik im Ruhrgebiet war nämlich leider nicht in der Lage gewesen, mein Ovarialkarzinom korrekt zu diagnostizieren. Klar, war ja auch „nur“ FIGO III und Frauen unter 30 kriegen sowas ja eh niemals nicht.

    Pauschalierungen helfen KEINEM Patienten!

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