Traue niemals einem Monitor…

Nachdem ich bei NeoNatalie über folgende Geschichte gestolpert bin, fiel mir plötzlich wieder eine Story ein, die ich eigentlich lieber vergessen hätte und die mir im allerersten Jahr meiner Ausbildung wiederfahren ist.

Ich war damals noch ein ganz kleines Licht im großen UniLeuchter, hatte gerade erst die Rotation in den Kreißsaal geschafft und vielleicht zwei, drei Entbindungen „gemacht“. Gemacht in Anführungszeichen, weil meine Hauptaufgabe während der ersten 10, 12 Geburten eigentlich hauptsächlich darin bestand, meine Tachykardie (=stark erhöhte Pulsfrequenz) und die schwitzenden Hände soweit unter Kontrolle zu bringen, daß ich der Frau bei Verabreichung des Oxytocins NACH Entbindung die Spritze tatsächlich in die Braunüle und nicht etwa ins Auge rammte. Den Rest managten die streng bis mitleidig dreinblickenden Hebammen – ich hatte schließlich von Tuten und Blasen nicht die mindeste Ahnung.

Bei Geburt Nummer drei (oder so) stand ich also kurz vor Durchtreten des kindlichen Köpfchens wieder an meiner Position halb links von der in Steinschnittlage vor mir gelagerten Frau, als das CTG (eigentlich ganz typisch für den Endspurt der Entbindung) von normalen 120 auf ziemlich übel klingende erst 80, dann 70 bis hin zu 60 Spm (=Schläge pro Minute) abrauschte.

Mein Herz setze Augenblicklich EBENFALLS gefühlte 10 Minuten aus, und ich konnte nur wie das sprichwörtliche hypnotisierte Karnickel auf diesen unseeligen CTG-Kasten glotzen, währen es in meinem Hirn zu rattern begann:

Kindliche Bradykardie – denk nach, Josephine, was mußt du jetzt tun? Kindliche Bradykardie kann folgende Ursachen haben und die häufigste ist eine Dauerkontraktion und dagegen gibt man….

Ich (triumphierend): „BOLUSTOKOLYSE!!!“

Die Hebamme starrte mich an, als wär ihr gerade Elvis erschienen, aber ich war so glücklich, daß mir in all meiner Panik und quasi ohne funktinierenden Kreislauf tatsächlich etwas vernünftiges eingefallen war, daß ich nur lautstark „BOLUSTOKOLYSE! SOFORT!“ brüllen konnte, und am liebsten vor Glück mit beiden Armen gewedelt hätte.

M., eine alte, russische Hebamme, die vor ihrem Job an der Uni schon geschätze 2 Millionen Kinder in einem Riesenkrankenhaus südlich von Moskau entbunden hatte, war so perplex, daß sie ohne weiteres Nachfragen gewünschte Spritze mit dem wehenhemmenden Medikament aufzog, während ich mich – den Blick immer noch starr auf das CTG gerichtet – fragte, WAS sich an dem ganzen Szenario eigentlich so verkehrt anfühlte…?!

Und da mein Gehirn – nach Wiedereinsetzen des Herzschlages – nun auch wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde, ging mir doch plötzlich in der Tat ein Licht auf. Oder besser gesagt – eine LED-Leuchte!

Die CTG-Geräte an der damaligen Klinik hatten neben dem Auswurfschlitz für das Papier zwei LED-Anzeigen – eine für den kindlichen Herzschlag, die andere für die „Intensität“ der Wehen. Letztere zeigt in der Regel Werte zwischen 0 und 40 – die Erste eben die Pulsfrequenz des Babys, also alles zwischen 80 und 170 (unter Geburt) an.

Ich hatte nun – nachdem die Herztöne in der Wehe auf 70 Spm heruntergegangen war – kurzfristig die Postition gewechselt, und durch die ins Gerät gestöpselten Kabel das Herzton-LED nicht mehr gesehen, sondern nur noch die Anzeige für die Wehentätigkeit. Welche – zu diesem Zeitpunkt der Geburt – eben immer zwischen 25 und 40 herumeierte.

„Gestört“ hatte mich in diesem Moment nur das pferdegetrappelähnliche Geräusch, nach dem sich ein normaler, kindlicher Herzton anhört, welches das Szenario die ganze Zeit untermalte und so gar nicht mit einer Herzfrequenz unter 100 Spm in Einklang zu bringen war.

Nachdem mir mein Fehler – gefühlte STUNDEN später – endlich aufgefallen war, wär ich beinah noch einmal dekompensiert. Gottlob löste das Kind selbst diese hochgradig peinliche Situation ganz elegant für mich auf, indem es just in diesem Moment entschied, geboren zu werden. Und das noch BEVOR ich die Hebamme dazu zwingen konnte, der Frau die Tokolyse auch tatsächlich zu verabreichen!

M. hat mich übrigens während meiner kompletten Uni-Laufbahn nie mehr wirklich für voll genommen. Aber wer will ihr das schon verübeln… *ggg*

Advertisements

7 Kommentare zu “Traue niemals einem Monitor…

  1. Einfach nur geil die Geschichte! Kann Dir so nachfühlen.. ich wollte schon zum OA rennen bei einer „meiner“ ersten Geburten als AÄ und verschwindenden Herztönen unter Pressphase.. ;-) SUPER schön geschrieben, einfach nur geil!
    Weiter so, macht riesen Spass Deinen Blog zu lesen, Danke!

  2. Da sieht man wieder, was einem auf der Rettungsdienstschule immer wieder gepredigt wird:
    „Treat the Patient, not the Monitor“ ;)

  3. Ups, im anderen Beitrag habe ich etwas von „Hebamme über der Schulter schauen“ geschrieben, jetzt wird der Zusammenhang klarer… :-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s