Es wird mir fehlen, das Leben…

Ich weiß es noch wie heute, es war eines schönen Frühsommertages, irgendwann Ende der 90er Jahre, und ich war (mal wieder) schwanger, somit bis zur Halskrause hormonverseucht, als mir Ruth Picardie´s Quasi-Nachruf in die Hände fiel. Ich las es damals – in einer langen, nur von den üblichen Schwangeren-Pinkel-Pausen unterbrochenen Nacht – in einem Rutsch aus und hab mir so dermaßen die Augen vor den Kopf geheult, daß ich drei Tage lang aussah, als hätte ich eine schlimme Allergie durchgemacht. Mindestens!

Ruth Picardie ist jung, schön, klug und erfolgreich sowie frisch gebackene Mutter eines nervenaufreibenden Zwillingspärchens, als Brustkrebs diagnostiziert wird. Das, was über Wochen und Monate hinweg mit Schwangerschaft und Stillzeit erklärt wurde, bedeutet schlußendlich das Todesurteil für diese wunderbare Frau mit ihrem unverwechselbaren Schreibstil. Denn Ruth ist außerdem noch Journalistin und betreibt im bekannten englischen „Observer“ eine gut und gern gelesene Kolumne über ihren ganz persönlichen Wahnsinn. Und wie es nunmal so ist, wenn man einigermaßen mit Worten und Sprache umgehen kann – verarbeitet Picardie auf ganz unnachahmliche Art und Weise ihre Sorgen und Nöte, Ängste und die Schrecken der Krankheit in den Zeilen, die sie ihren Lesern weiterhin wöchentlich vorsetzt – und läßt sie so teilhaben: an ihrem Leben, ihrer Krankheit und diesem unverwechselbaren, unbezahlbaren Trotz, mit dem sie ihrem Widersacher Krebs entgegentritt.

Und bleibt dabei – trotz gelegentlichen jammerns und haderns – so erschreckend normal in ihrer Liebe zu Clooney und Emergency Room (Schwester im Geiste) sowie Pret A Manger´s unverwechselbaren Ceasar´s Sandwiches – das ich fast meinte, sie schon lange gekannt zu haben.

Und auch wenn die permanente Vorstellung, ich müsste MEINE (damals noch sehr kleinen) Kinder im Leben zurück lassen, weil mich so eine verfluchte Krankheit mal eben hinwegrafft, mir einen Rekord im Dauerheulen und drei Tage lang Tränensäcke wie Derrick beschert hatte – dieses Buch ist es so etwas von Wert gelesen zu werden, daß ich es heute endlich einmal fertig gebracht habe, meine Rezension einzustellen. Und das, obwohl ich Buchbeschreibungen seit der Oberstufenzeit wie Vaginalpilz hasse.

Das ist für dich, Ruth, du großartige Frau. Ich hätte dich gerne einmal kennen gelernt!!!

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21 Kommentare zu “Es wird mir fehlen, das Leben…

  1. Da muss ich bei deiner Beschreibung ja schon fast heulen. Augen sind ganz nass…ich muss jetzt gleich schauen, ob das amerikanische Amazon das Buch denn auch hat.
    Danke!

  2. Och, das klingt ja fast nach Masochismus. Ich hab mir sowas unter Schwangerschaftshormonen weitestgehend erspart. Ich musste sowieso ständig heulen. Damals gab’s auch total viele (gefühlt jedenfalls) Schwangerschafts- und Geburtssendungen, die mit den grottenschlechten Kommentaren, welche nach jedem Werbeblock nochmals ganz leicht umgestellt wiederholt wurden. „Der Arzt legt jetzt eine sogenannte Periduralanästhesie, dabei wird das Narkosemittel in die Wirbelsäule gespritzt.“ Is klar.
    Wieder was gelernt.
    Jede Fernsehgeburt habe ich beweint. Mein Mann ist Buch lesen gegangen :-)

  3. Noch zum Buch, danke für die Rezension und den Tipp. Bei uns in der Familie gibt’s Brustkrebs im Angebot und ich weigere mich, mich damit zu befassen (bis auf die regelmäßige Vorsorge). Schon der Besuch in Katerwolfs Blog ist für mich ein großer Schritt gewesen – aber ich finde sie ist eine so Nette :-)

  4. Ich hab’s gelesen, ebenfalls Ende der 90er hochschwanger…noch heute steht es in meinem Regal.
    Sehr sehr zu empfehlen. Gleich bei deiner Überschrift wusste ich, was du meinst…*seufz*

  5. Ja, ein wundervolles Buch.. Und leider gibt es soviele Ruths, die ihre kleinen Kinder wegen dieser Scheiß-Krankheit zurücklassen müssen. Meine Freundin arbeitet auf einer hämatologisch-onkologischen Station, es ist unendlich traurig, wieviele junge Mütter und Väter da liegen.

    Aber Deine Rezension ist wunderbar, tsd. Dank dafür!

  6. Oh ja, das Buch hat mir auch dauerfeuchte Augen beschert. Doof widerum war das Buch, das Justine Picardi (die Schwester) nach Ruths Tod geschrieben hat. Also bitte nicht im Taumel aus Versehen das noch hinterher schieben.

    Oh und auch wenn es um keine reale Person geht: „Bevor ich sterbe“ von Jenny Downham garantiert ebenfalls Waschbäraugen und ist absolut empfehlenswert.

  7. *off topic*: sage mal, gutste, bist du inzwischen vom arzt zum literaten gewechselt? deine letzten einträge driften etwas von der gyn ab. nicht, dass mich das störte. mir imponiert, dass du in deinem blog genau das tun kannst. irgendwie gelingt mir das in dem meinen nicht.
    btw: dein blog hats bei mir inzwischen unter die top5 gebracht – umso mehr zerdrückte ich eine träne bei deinen top5 weiter unten …
    bin aussem urlaub zurück und genieße deine august-einträge.
    go on, josephine.

  8. Ganz ehrlich? Warum gibt man sich´s sowas zu lesen? Und wer liest es? Betroffene wohl kaum, die haben genug eigenes Leben, um das es zu kämpfen gilt. Angehörige? Schlimmer geht´s nimmer um sich vorzubereiten auf etwas, das man nicht absehen kann. Bleiben Menschen, denen es gut geht, die kein eigenes „Schicksal“ zu tragen haben. Oder… – Spanner. Die sich beim Blick durch´s Schlüsselloch auf die Scheiße, die andere zu durchwaten haben, kalte Schauer über den Rücken jagen lassen. Gemütlich auf dem Sofa bei Kaffee oder Tee.

    Tut mir leid, aber das musste einfach raus. Heute ist so ein Tag, an dem ich´s nicht für mich behalten konnte. Nichts für ungut.

    Gina

  9. Oh man *schnief* Ich les ja jetzt schon länger hier Deinen Blog. Ich bin grad in der 21. SSW mit Baby Nr. 4 schwanger…und bin drauf und dran, mir dieses Buch zu beschaffen. Aber vielleicht sollt ich das machen, wenn die Kinderchen bei Oma sind…sie müssen mich ja nicht unbedingt so sehr verheult sehen *sfz*

    Grüßle
    sun

  10. @Gina: ich hab das Buch gelesen, weil ich schon immer gerne Autobiografisches lese, und nicht immer „Schöne Welt/Happy-End/ absehbare Story“ lesen möchte. Und es mich interessiert, –
    wie Menschen ihr Leben leben,
    – Schicksalschläge verarbeiten, –
    woraus man Kraft schöpfen kann, usw.

    Klar ging es mir damals gut, aber du glaubst nicht, wieviel Krebsbiographien, „Mutter stirbt-Familie allein“-Bücher und „In den letzten Tagen-Mutmachbücher“ ich gerade seit meiner Erkrankung GESCHENKT bekommen habe … da wurde ich einfach mit konfrontiert und nicht vorher gefragt! (zB. Oskar und die Dame in rosa …)
    Ulla

  11. Oh, das Buch werd ich mir zum Geburtstag wünschen!
    Vielen Dank für die Rezension, jetzt weiß ich, was ich als nächstes lesen möchte. :)

  12. Das Buch steht auch in meinem Schrank und ich leihe es gerne meinen Mitschwestern in der Gyn aus.
    Vielen Dank für diese wunderbare Rezesion, ich muß das Buch mal wieder selber lesen…

  13. Habe ich auch gelesen, wundervoll geschrieben.. hat mir geholfen, mit einer Krankheit klarzukommen, die vor einem Jahr mein Leben aus den Fugen gebracht hat.

  14. Danke für den tollen Tip. Habe es mir noch am gleichen Tag in meiner Buchhandlung des Vertrauens bestellt, am nä. Tag abgeholt (und dort auch noch den Hinweis erhalten, mir vorher die Familienpackung Taschentücher zu besorgen) und hatte es am abend bereits durch…Die Familienpackung hat nicht gereicht.
    Vielen Dank. Wäre normalerweise an dem Buch vorbeigegangen.

  15. Ich habe das Buch damals auch gelesen und Rotz und Wasser geheult. Und als meine Schwester 2010 auch an BK erkrankt ist, habe ich anfangs nur an Ruth denken können und mich innerlich mehr als einmal verflucht dafür, dass ich es gelesen habe, weil immer der Gedanke kam „Ruth hat es auch nicht geschafft“ und das, gepaart mit all den „Oh, Deine Schwester hat BK? Meine Tante/Putzfrau/Kusine/Kollegin hatte auch BK, ist aber daran gestorben“, war besonders am Anfang viel zu viel… Aber es ist ein wirklich gutes Buch!

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