HöllenChaos bei GlutHitze I

Vorweg: Ich liebe Hitze. Sie macht mir absolut nichts aus. 35 °C im Schatten – kein Problem, wo geht´s zur Gartenarbeit? 40° C im Schatten? Laßt uns wandern gehen! Problem ist nur: alle anderen Menschen drehen bei diesen Temperaturen völlig durch.

Und so beginnt mein Dienst wie anders nicht möglich – im absoluten Desaster: Chef in Urlaub, Schnegge  im Urlaub, Rehlein im Urlaub, Dr. Zarewitsch im Dienstfrei – bleiben die Oberärztin, Wilma und jede Menge unerledigter Arbeit. Und so wühle ich mich – als Wilma sich nach minimalst-Übergabe flux vom Acker gemacht hat – in stundenlanger Kleinarbeit durch undiktierte Briefe, nicht erledigte Abschlußuntersuchungen, Ambulanz-Patienten und Blutentnahmen. Gegen 14 Uhr der erste von vielen, folgenden Anrufen meiner konservativen Station: „Frau B. sei jetzt bereit für ihre Aszitespunktion!?…“ – Nee, is´ klar! Wer um alles in der Welt ist Frau B., was hat sie und warum soll ausgerechnet ICH sie punktieren? Ich KENN sie ja noch nicht einmal…?!

Die diensthabende Schwester läßt das völlig kalt – würde es mich auch, wenn nicht ausgerechnet ich die Frau mit dem schwarzen Peter wäre… – also wühl ich mich durch gefühlte 1000 Seiten AltAkte meiner Patientin, finde heraus, daß sie ein metastasiertes Mamma-Ca hat, bereits seit gestern stationär bei uns geparkt ist, sich aber bisher der geplanten Bauchwasser-Punktion durch exzessives Dauerrauchen im Hof erfolgreich entzogen hat. Laut fluchend verschwinde ich – mit diversesten Punktionshilfsmitteln, einem Ultraschallgerät und dem Verbandswagen – im Zimmer dieser Frau, um meine kleinfingerdicke Nadel in ihrem tumorverseuchten Bauch zu versenken, und zwar am besten OHNE irgendein lustig blutendes Gefäß zu verletzen. 45 Minuten später verlasse ich klatschnass geschwitzt aber immerhin erfolgreich den Ort des Geschehens und setze das erste Häkchen auf meiner „Gute-Tat-Für-Heute“-Liste.

Im Kreißsaal hat sich derweil Frau Müsli eingefunden, eine unfassbar unsympathische, ökologisch abbaubare 44jährige, die im bodenlangen Schafswoll-Hängerchen und ungewaschenem Zauselhaar, mißbilligend dreinschauend auf ihrem Kreißbett trohnt. Während ich den AufnahmeUltraschall zu überleben versuche, ohne von ihrem massiven Schweißgeruch niedergestreckt zu werden stellt sie mir dann solche Fragen wie: „Wie weit ist der Muttermund geöffnet?“ (ähm – keine Ahnung???) und „Wann wird das Kind geboren?“ (ächt jetzt????)

Zur Geburt selbst muß dann aber doch Oberärztin Dr. O. anrücken – wahrscheinlich bin ich ihr in meinen Mediziner-FlipFlops nicht ökologisch genug. Sorry, Frau Müsli!

Inzwischen erledige ich einen Schwung lustiger Anrufe mit niedergelassenen Ärzten, die gerne wissen möchten, was Frau AB denn nun genau hatte (Gott – wer ist Frau AB schon wieder???), welche Antibiose sie noch nehmen soll (Antibiose???) und für wie lange (erst erschieß ich Wilma, dann erschieß ich mich….). Also wühl ich mich eine halbe Stunde lang mehr oder minder erfolgreich durch hüfthohe Aktenstapel von Patienten, die ich weder kenne noch therapiert habe, um zwischen Laborzetteln und Röntgenscheinen die gewünschten Informationen zu finden. Kurzfristig kommt mir der Gedanke, die ganze Geschichte beim nächsten Kindergeburtstag als Schatzsuche der anderen Art zu mißbrauchen: „Aufgabe 33: Wann wurde Frau XY aufgenommen, weswegen und an welchem Tag hatte sie zum ersten Mal Stuhlgang?!“ Könnte ein echter Renner werden… :)

Gegen frühen Abend schlägt dann Frau Tuzzi im Kreißsaal auf – zweites Kind, vorzeitiger Blasensprung, mäßige Wehentätigkeit, ausgesprochen reizendes, italienisches Persönchen. Eigentlich wollte sie jetzt Zuhause den Geburtstag ihres Mannes feiern, doch das sturzbachartig abgehende Fruchtwasser hatte diese Pläne erstmal zunichte gemacht. „Dann feiern sie doch einfach hier“ biete ich ihr spaßeshalber an – und muß schwer staunen, als ich keine Stunde später zu einem professionell anmutenden Salat-Fleisch-Buffett gebeten werde, Baguette, Soße und aller SchnickSchnack inklusive. Und während die engsten Freunde und Familienmitglieder es sich im Untersuchungszimmer gemütlich machen, hat der Rest der lustigen Gesellschaft den Raucherhof bezogen und begonnen, die verwundert dreinschauenden Patienten zu verköstigen.

21 Uhr – draußen hat es locker immer noch 32 °C, während Ambulanz und Kreißsaal sich auf wundersame Weise mit nötigen und unnötigen Patienten füllen.

Frau Süß, drittes Kind, einmal spontan entbunden, einmal Sectio, jetzt Wehentätigkeit und: RIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEESEN Bauch! Ehrlich, die länge des Wortes entspricht nicht einmal annähernd den Ausmaßen ihres Umfangs, und beim vorsichtigen Blick auf den Anamnesebogen wird mir ein wenig flau im Magen:

Ich: „Frau Süß – ihr Zuckertest war nicht ganz in Ordnung – haben sie denn die Werte zufällig irgendwo in ihrem Mutterpaß stehen!“

Strahlend reicht die Frau mir ihr blaues Büchlein und mit einem verzweifelten Blick vom Bauch der Mutter auf die Hebamme und zurück zum Mutterpaß wiederhole ich resigniert:

„Erster Wert 180, zweiter 320, driter Wert 260?!….“ (Normal ist 90 – 180 – 140)

Sie (fröhlich): „Ja – die waren nicht ganz okay…!“

„Nicht ganz okay“ ist hier wörtlich zu übersetzen mit „Absolut katastrophal, dringend kontrollbedürftig und eigentlich völlig inakzeptabel!“

Ich: „Hat ihr Arzt sie denn zum Diabetologen geschickt? Oder wenigstens beim Hausarzt vorgestellt?“

Sie: „Nööö – ich hab ja dann Diät gemacht, da war der Zucker dann besser…!“

Ich: „Haben sie denn ein Buch bekommen, um die Werte einzutragen?“ – Frau nickt, reicht es mir. Es stehen ungefähr ein Dutzend Werte drin, alle jenseits von Gut und Böse „Na, so ganz hat das mit der Diät ja nicht geklappt…?!“

Sie (lahm): „Jaaaaaaaaaaaaa, ich hatte immer so viel Stress, da hilft mir am besten Schokolade…! Mein Frauenarzt sagt, der Zuckertest ist sowieso nicht so wichtig…!“

Nee, isser nicht. Was soll es auch ausmachen, wenn die Möpse dann mit 4500 g und Anpassungsstörungen geboren werden, außerdem ein erhöhtes Risiko für Schulterdystokie haben und sowohl Mutter als auch Kind in der Gefahr laufen, später an Typ II-Diabetes zu erkranken? Kollegen, die solche Geschichten erzählen würde ich gerne mal eine Runde gut durchschütteln…

———————————–Fortsetzung folgt ————————————-

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18 Kommentare zu “HöllenChaos bei GlutHitze I

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  2. Tja, es scheint nur eine Lösung zu geben, die Suchzeiten in den Akten zu verkürzen. Sei einfach täglich 12 Stunden da und Du kriegst den Weg einer jeden Akte und einer jeden Patientin besser mit!

    Ach nee. Der Haken wäre ja, dass Du dann gar keine Zeit mehr für uns hättest :-) Geschweige denn Aufzucht und Hege der eigenen Brut zu betreiben. Irgendwas ist aber auch immer!

  3. Ich verfolgen den Blog nicht lange genug um beurteilen zu können, ob Ihnen Ihr Beruf Freude macht. Aber sollte es nicht so sein: Schreiben Sie Bücher. Ich kauf bestimmt jeden „Tatsachenbericht“. Da ist eindeutig Potential vorhanden.
    Tatsächlich scheint man, wie ich dem letzten Eintrag entnehme, die Menschen mit Warnungen und Hinweisen nicht unbedingt zu erreichen.

    Aber in dem Schreibstil, wenn Sie sich vielleicht sogar in dem einen oder anderen Chaospatienten wiedererkennen, wird auf humoristische Weise doch das Nachdenken über etwas leichtsinnige Lebensweisen angeregt.
    Weiter so!

    • Du brauchst Dich nicht zu erschrecken: das sind keine Kollegen, allenfalls im selben Unternehmen Beschäftigte ;-)

      • Dann ist ja gut – aber trotzdem schrecklich, das solche Leute werdende Mütter beraten. Dabei nehmen viele ja schon ein ernstes Wörtchen nicht für voll )=

      • Ach, DAS ist der Gedankentrick, mit dem man sich von den ganzen „nicht ganz so tollen“ Kollegen distanziert (und ohne rot zu werden jeden Kritiker der eigenen Zunft mundtot macht). Muss ich mir mal merken… lässt sich mit etwas Übung sicher auch im nicht-medizinischen Gewerbe anwenden

    • Genau, schwarze Schafe gibts überall – bei den einen spricht es sich nur schneller rum als bei anderen. Und bei Ärzten, Apothekern & co. wird gerne über einen Kamm geschoren. Ist wohl ein bißchen die Unsicherheit der Leute, weil es um ihre Gesunheit geht, sie sich aber dem Gegenüber ein wenig ausgeliefert fühlen, weil sie nicht alles verstehen.
      Wenn ich mir im Hifi-Großmarkt einen Fernseher kaufe und er entspricht nicht den Erwartungen, bringe ich ihn eben zurück – ohne den Verkäufer dafür verantwortlich zu machen. Bei der eigenen Gesundheit funktioniert das nicht – leider.

  4. „Im Kreißsaal hat sich derweil Frau Müsli eingefunden […]“

    *rofl* Ich kann mir die Frau so richtig schön bildlich vorstellen.

    Ansonsten – mein vollstes Mitgefühl!

  5. I love love LOVE your blog! Habe alles hintereinanderweg durchgelesen und bin schwerst begeistert! Ich hab mich damals aus „Frack“ für ein anderes Studienfach als Medizin entschieden und bereue es jetzt jeden Tag. Wie schön, dass man bei Dir auf diese Weise mitleben darf. Weiter so! Alles Liebe

  6. „….Vorweg: Ich liebe Hitze. Sie macht mir absolut nichts aus. 35 °C im Schatten – kein Problem, wo geht´s zur Gartenarbeit? 40° C im Schatten? Laßt uns wandern gehen! Problem ist nur: alle anderen Menschen drehen bei diesen Temperaturen völlig durch….“
    DAS kenne ich nur zu gut.
    Kaum, dass mal (endlich!) sommerliche Temperaturen herrschen, drehen auch schon alle am Rad und sind am jammern und am stöhnen. *grmpf*

  7. Ich glaub wir haben grad Herrn Müsli zu Gast bei uns. Hat sich vor 3 Tagen (!) ne riiiieeesige Schnittwunde am Unterarm zugezogen, da hängen irgendwelche Muskeln und Sehnen raus, ne Arterie muss er auch erwischt haben (Hb von 7!), aber zum Arzt wollte er nicht… da war er schon seit über 10 Jahren nicht mehr… ist doch auch nur ein Kratzer *husthust*

  8. ich bin froh, dass ich mich hier nicht wiederfinde ;-)

    lag samstag auch bei der affenhitze 3,5 std. in der notaufnahme…
    dass ihr ärzte bei solch einem chaos, dieser affenhitze und ewig nörgelnden patienten „aber warum kommt der zuerst zum röntgen, nur weil der mit dem rettungswagen kam?“ nicht unfreundlich oder gar verbalaggresiv werdet, RESPEKT!!!

    sobald ich wieder vernünftig laufen kann, bekommt das team der notaufnahme eine riesengroß tafel Mercí

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