Ach Gott – es geht so…!!!

Ich habe wohl meinen Beruf verfehlt. Denke ich manchmal. Denn was mich wirklich heillos auf die Palme bringt, sind Menschen, denen es rezidivierend schlecht geht, und die ihr körperliches und/oder seelisches (Un)Wohlbefinden wie ein Schild vor sich her tragen.

Meine Kollegin Wilma zum Beispiel hat zu jeder Geschichte das adäquate Weh-Wehchen: hat wer Rücken, dann hat sie gleich ´nen doppelten Bandscheibenvorfall. Menstruationsbeschwerden??? Bei ihr ein akutes Abdomen – sogar ZWEImal im Monat, zum Eisprung und pünktlich bei jeder Periode. Außerdem Migräne (wöchentlich), Reizdarm (keine Details bitte), Erschöpfungszustände und ganz heftig: BURN OUT!!!

Burn Out ist sowieso generell gern genommen. Laut einer 2009 veröffentlichten Studie fallen z.B. über 50% aller deutschen Lehrer früher oder später o.g. Syndrom anheim. WAHNSINN!!! Ich mein, nichts gegen euch Lehrer, ehrlich, ich schwöre, aber wenn ich mal meinen LieblingsStudienKollegen als (Gegen)Beispiel nehmen darf: Dieser hat über Jahre hinweg 8-10 Dienste pro Monat geschoben (wohl gemerkt: OHNE Freizeitausgleich am nächsten Tag, d.h. er hat immer bis zum nächsten Abend durch gearbeitet! Machte dann in etwa 36 Stunden pro Dienst….), ging nie vor 21 Uhr nach Hause, hat dort dann immer mal wieder Vorträge und sonstigen Kram für den Chef verfasst oder die Hundertschafft seiner Doktoranden betreut. Ach ja – die Habilitation nicht zu vergessen. Und Verantwortung ohne Ende. DEM hätt ich jetzt mal ohne auch nur annähernd ungeduldig zu werden gerne ein bis zwei Tage beim Jammern zugehört – denn DER hatte wirklich allen Grund dazu!

Aber was war – hat nie gejammert. Komisch…

Gegenbeispiel ist die 18jährige, die kürzlich in meiner Ambulanz saß, und wegen eines Pilzinfektes 2 Wochen lang krank geschrieben werden wollte – so könne sie sich in der Schule auf gar keinen Fall auf die Arbeit konzentrieren…

Oder die 32jährige 150kg-Frau, die mir von ihren diversesten Vorstellungen bei medizinischen Gutachtern berichtete um „endlich“ die Frührente genehmigt zu bekommen. FRÜHRENTE??? Ächt jetzt? So jung? Was macht man denn da für den Rest seines Lebens? Und weswegen???

„Arthrose – in allen Gelenken! Ganz schrecklich! Und noch irgendetwas chronisches…!“ – sagt die Patientin!

Der wahre Grund sind massive Hüftprobleme aufgrund des Übergewichtes (wie ich dem kurz darauf folgenden Bericht der diversen Gutachter entnehmen konnte…), und das die Patientin jedwede körperliche Betätigung vehement ablehne, da sie sich wegen „permanenten Ganzkörperschmerzes“ nicht sportauglich fühle. Und Abnehmen ging nicht, wegen der Medikamente, die sie für ihren TypII-Diabetes einnehmen müßte. Meint die Patientin! Sonst käme sie ja ständig in den Unterzucker… *Kopf -> Tischkante*

Außerdem hätte sie – selbst wenn sie könnte – weder Zeit für Sport noch für Diät, denn immerhin müsse sie sich ja um ihre Teenager-Kinder kümmern!!!

Whow – es war mir nicht bewußt, daß alle Frauen mit mehr als zweifachem Nachwuchs weder diäten noch sporteln können…

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15 Kommentare zu “Ach Gott – es geht so…!!!

  1. Es geht doch nichts über ein anständiges Anspruchsdenken! Dreist kommt weiter! Manchmal (eigentlich immerzu) bin ich schon sehr froh, dass ich weder Aufnahmen noch Ambulanzdienst im klassischen Sinn zu meinen Aufgaben zählen darf…

  2. Vielleicht sollte sie dann MIT ihren Kindern Sport machen, denn ich glaube die Chance, das die beiden auch etwas über dem Normalgewicht liegen ist ja leider durchaus im Bereich des Möglichen. So wäre doch alles wunderbar vereint. ;-)

  3. „Burn Out ist sowieso generell gern genommen.“
    #ich werf mich weg#
    aber mir gehen auch diese Jammerlappen gewaltig auf den Geist, die sich – in Massen auftretend (was häufig geschieht: die scheinen sich gegenseitig anzuziehen) – gegenseitig übertreffend-heischend steigern
    .. eigentlich schon fast ein ein Fall für Bestatter-Tom ;-)
    Ich gehör zu der Sorte Mensch, die eher etwas herunterspielen, sehr zum Leidwesen der Umgebung: so hat mich meine Frau beinahe erschlagen, als ich ihr von der hoch interessanten Herzkatheteruntersuchung berichtete :-D

    • ja, mein mann gehört auch zu dieser sorte. gut für die umwelt, schlecht für die nerven der gemahlin, wenn es denn tatsächlich mal ans eingemachte geht… – wie man sieht, mir kann man auch gar nix recht machen… ;)

      • Macht aber nix Josephine: wir Männer sind hart im Nehmen und haben uns an sooooo vieles zu gewöhnen ;-)
        Liebe Grüße + danke für Dein Tagebuch
        Hajo

  4. wie kommt ihr auf einen zusammenhang von burn-out und jammern?

    ich frage mich das tatsächlich.
    ich finde solche äußerungen (vor allem aus dem mund von ärzten) sowohl aus halbfertige psychologin als auch als „geheilte“ schwierig zu akzeptieren oder verstehen.

    • es geht um den inflationären gebrauch des begriffes „burn out“ – nicht jeder, der meint eines zu haben ist auch tatsächlich davon betroffen. was es für die tatsächlich erkrankten natürlich doppelt schwierig macht!

  5. Ist das nicht etaws typisch deutsches mit dem Gejammere? Hier in der U.S. ist ja immer alles wonderful or nice or great. Etwas schreckliches wird ja nur meist mit „interesting“ bewertet. Das Jammern wird als ganz negativ empfunden
    Bei meinen D Besuchen wurde mir schon gesagt, dass ich ja jetzt so amerikanisch waere, nur weil ich nicht genug gemeckert habe. Man kann es ja leider nie allen recht machen.

  6. mhhhhh, das wir alle immer gerne ein bisschen mehr jammern, als alle anderen ist mir auch schon aufgefallen. Nur das mit dem Burn Out sehe ich ein bisschen anders. Klar gibts auch einige, die die Welt verarschen und sich ins Burn Out flüchten, aber ich kenne selbst 2 Kollegen die diese Krankheit haben und Lustig ist bei den Beiden was anderes.

  7. Es ist (für mich mittlerweile) immer wieder erheiternd, welche Gründe Patienten vorbringen, die sie daran hindern würden, regelmäßig Sport zu treiben.
    Ich gehe gar nicht mehr darauf ein und sage immer nur: „Ja, ja, Sie haben Recht. Es gibt 1000 Gründe, es nicht zu tun und es gibt nur EINEN Grund, es zu tun -nämlich: ICH WILL !!!!!!

  8. boah, Luxusprobleme. Ich hab auch Anspruchsdenken: ich WILL arbeiten. ich will fit sein. So, und wer jetzt in Frührente will, soll das machen, er soll mir aber vorher den Arbeitsplatz geben.

    2 Wochen krank wegen Pilzinfektion, dem Mädel würde ich was husten. Blau machen macht nur Spaß wenn man auch selbst Unterschriften fälscht :D (und 2 Wochen sind indiskutabel, 2-3 Stunden pro Woche in der Oberstufe, wo man selbst abwägen kann, welche Fächer Punktrelavant sind, lasse ich gelten)

  9. @Blogolade
    …komme da nicht ganz mit…(*hust*)…also was wolltest du uns eigentlich damit sagen?????????

  10. Habe neulich eine interessante, auch wenn eigentlich ganz einfache, Erklärung zum Burn-Out-Gefühl gelesen:

    Burn-Out stellt sich nicht durch (absolut) hohe Arbeitsbelastung ein, sondern durch eine Arbeitsbelastung, die signifikant höher als die Motivation für die Arbeit ist.

    (Story eines Ex-Consultants, der sich aufgrund der Sinnlosigkeit seines Jobs ausgebrannt fühlte:
    http://tech.mit.edu/V130/N18/dubai.html)

    Erklärt, warum es Deinem hartarbeitenden Ex-Studienkollegen und vor allem auch Dir ganz gut geht…

    (Disclaimer: Hier alles umgangssprachlich und nicht-medizinisch gemeint.)

    • Hallo M.,

      genau so erkläre ich mir aus westentaschenpsychatrischer Sicht auch das Burnout. Ich kenne privat auch 2 Leute, die davon betroffen sind, und bei beiden gibt es eigentlich nur sehr wenig an Belohnung/Bestätigung, die sie aus dem Job mitnehmen.

      Klar arbeiten Ärzte oft _sehr_viel_, aber wenn ich hier Josephines Berichte lese, erlebt sie ja auch sehr oft sehr schöne Sachen (Geburten, geheilte Patienten) als Feedback. Das dürfte sie vor dem Burnout bewahren – hoffentlich.

      Ich kann in diesem Zusammenhang auch vollkommen verstehen, warum Lehrer so stark vom Burnout betroffen sind, denn dort kommen eine recht hohe Arbeitsbelastung (nicht lachen, ist ernst gemeint) zusammen mit recht hohen Streßfaktoren (Versagensängste, Mobbing durch Schüler und/oder Kollegen) und treffen auf nur recht geringe „Belohnungen“.

      Ich habe wirklich großen Respekt vor Lehrern, die auch nach Jahren im Beruf nicht in ein Unterrichten nach „Schema F“ abdriften und sowohl sich selbst als auch die Schüler für das Unterrichtsthema motivieren können. Ich hatte während meiner kompletten Gymnasialzeit bestimmt insgesamt 20-25 Lehrer und von denen haben maximal 3 oder 4 diesem Typus entsprochen – leider.

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