Vom Sterben…

In unserem Beruf bleibt es nicht aus, daß man irgendwann mit dem Tod in Berührung kommt.

Während des Studiums begegnest du ihm schon ganz früh – im sogenannten „Präparier-Kurs“, wo man die gespendeten, konservierten Körper Verstorbener fein säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt, bis am Ende des Semesters der Präp-Saal ein wenig einer Gunther von Hagens-Ausstellung gleicht.

Aber sind wir mal ehrlich – die Menschen dort sind zwar tot, und nahezu alle Studenten gehen auch durchaus mit dem nötigen Ernst und Verständnis an den Kurs und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit heran – aber so richtig greifbar ist das dort für die meisten von uns noch nicht wirklich. Denn diese Leute sind schon tot, wenn wir ihnen zum ersten Mal begegnen, wir haben sie nicht gerade noch die Tür hinein- oder herausspazieren sehen, wissen nicht, wieviel Kinder sie haben oder ob sie uns sympathisch gewesen wären. Wir kennen nicht einmal ihren Namen – sogar das Geschlecht findet manch einer erst nach längerem Suchen heraus…! Zudem sieht eine präparierte Leiche recht unwirklich aus – sie erinnert eher an Bilder mumifizierter ägyptischer Könige, die man in jedem Geschichtsbuch nachschlagen kann, denn an die nette, alte Dame von schräg gegenüber oder den Herrn von der Tanke, oder wen-auch-immer.

Diese gedankliche Barriere entfällt, wenn im zweiten Studienabschnitt die Sektion in der Rechtsmedizin oder Pathologie fällig wird. Hier sind die Menschen nicht konserviert und eingelegt, sondern oft gerade eben erst verstorben – jetzt wird eine Art Beziehung im Sinne von „Oh Gott, wie jung!“ oder „Ach nein, erinnert mich an meine Omma!“ schon viel wahrscheinlicher.

Aber die erste, richtige, selbst involvierte Form der Konfrontation mit dem Tod findet für viele von uns im späten Studium oder der Assistenzarzt-Zeit statt. Dann, wenn man einen Patienten vielleicht über viele Wochen begleitet hat, oder wenn sie in unsere Ambulanzen kommen, verunfallt, verunglückt, vom Schicksal verlassen… – und vor unserer Nase sterben. Einfach so!

In amerikanischen TV-Serien folgt dem Tod unweigerlich immer der bedeutungsschwere Blick zur Uhr und das obligatorische „Zeitpunkt des Todes…!“

Habe ich noch nie gesagt. Meine erste „richtige“ Tote (bei der ich als letzte Instanz den Tod feststellen mußte) war eine LAD im GAZ, die binnen kürzester Zeit von einem bösartigen Leiden hinweg gerafft wurde. Ewig in Erinnerung geblieben sind mir ihre 4 Söhne, alles große, gestandene Mannsbilder, die wie kleine Jungen weinend ums Bett der Mutter standen, während ich – das Stethoskop auf die Brust der Frau gepresst – in unendliche Stille hinein hörte…

Es ist unglaublich, wie viele Menschen man im Laufe der Jahre „mitnimmt“ – Bilder, Erinnerungsfetzen, Gedankensequenzen. Ein rothaariger Mann mitte Dreißig mit Magen-Krebs im Endstadium. Zu Therapiebeginn sah er tatsächlich noch irgendwie gesund aus – der Tod versteckt sich anfangs so gut, daß nur geübte Augen die Vorzeichen wahrnehmen… Die ersten Chemos hindurch brachte er auch noch regelmäßig Frau und Kinder mit – aber als sein Gesicht hager und die Augen immer gelber wurden, blieb der Besuch aus…

Gestorben ist der arme Wicht schlußendlich ganz allein in unserer „Sterbekammer“… – ein welker Abklatsch dessen, was er zu Beginn seines Aufenthalts einmal gewesen war.

Ganz schlimm für mich als Mutter war der Tod eines Neugeborenen – vorbekannt ein umfangreicher, mit dem Leben nicht vereinbarer Gendefekt. Die Eltern des Kindes – bereits seit Wochen über alle Umstände informiert – hatten weitläufig eine Sectio in Intubationsnarkose ausgehandelt und beide verweigerten obendrein von vorne herein jeglichen Kontakt mit ihrem Baby – sodaß ich mich am Ende, gemeinsam mit dem Pädiater, an der Seite eines sterbenden Kindes wiederfand. Widersinnig – Universitätsklinik! Tempel der Wissenschaft! Medizin des 21. Jahrhunderts – und du mußt hilflos, tatenlos und fassungslos darauf warten, daß so ein kleines Wesen seinen letzten Atemzug tut – kaum, daß es mal den ersten getan hatte…

In unserer Kinderklinik liefen damals wie heute haufenweise menschenrettende Pädiater herum – ich glaube, dieses Volk ist sowieso mit Abstand das Invasivste unter uns Ärzten. ZU RECHT!!! Junge Menschen werden krank und sterben (oder werden nicht krank und sterben trotzdem) – Schrecklich! Alte Menschen werden krank und sterben – Furchtbar! Ja! Keine Frage! Aber wenn Kinder krank werden und sterben, dann kann man nicht einfach daneben stehen und zuschauen. Da MUSS DOCH etwas getan werden!!! So oder so ähnlich geht es uns wohl allen – diesen Ur-Instinkt, die Brut zu retten, egal ob eigene oder andere – darum geht es doch im Leben! Das Weitergeben der Fackel! Und weil Kinder erstaunlich zäh sein können und vieles aushalten und auch aus dem größten Nichts manchmal noch etwas Gutes werden kann (mehr davon später) – DARUM werden schon Schläuche und Nadeln in Babys gesteckt, die kaum schwerer als eine Tafel Schokolade sind. Da wird reanimiert, bis auch der allerletzte Pädiater den Glauben aufgegeben hat. Und das kann dauern! Da wird diagnostiziert, mediziert und therapiert auf Teufel komm raus.

Und das alles auch wenn es eigentlich gar nichts mehr zu tun gibt. Denn aufgeben ist in diesem Fach das Allerschlimmste! Kein Vater, keine Mutter sollte das eigene Kind begraben müssen. Oberster Grundsatz! DAS IST NICHT DER PLAN! Und jeder weiß das.

Aber an diesem schrecklichen Morgen hatte mir der Herrgott – oder wer auch immer – einen Pädiater geschickt, der neben Hochleistungsmedizin und Universitätsgebaren eines nicht verloren hatte – das Gefühl dafür, wann es vorbei ist.

Versteht mich nicht falsch – ich mache mich mitnichten lustig über die Kollegen – ich wär selbst die Allerletzte, die im Kampf ums Kind aufzugeben gedächte. Aber wenn es so klar keine Hoffnung mehr gibt, wie bei diesem kleinen Menschen damals, dann muß man nicht noch einen Tubus in die Luftröhre rammen, Nadeln in Körperteile stecken und reanimationsbedingt Rippen zerquetschen. Und dieser Pädiater wußte das. So hat er also lediglich ein bisschen Sauerstoff vorgehalten, außerdem mit einem winzigen Butterfly Schmerzmittel zugeführt und mir hin und wieder ein Taschentuch rüber geschoben. Es müssen zwei Stunden gewesen sein, die wir da gestanden sind – bis das kleine Kerlchen den Kampf ums Leben aufgegeben hat, und leise wieder dahin verschwand, wo er her gekommen war…

Ich habe junge Frauen am Brustkrebs sterben sehen – nur noch Schatten ihrer selbst, war dabei, als Anästhesisten zu dritt Blutkonserven in eine frisch Entbundene hinein gedrückt haben, während unter der Herzdruckmassage des Vierten die Rippen krachten und der Fünfte den Defibrillator hielt. Eine Frau, der wir zuerst ihr totes Kind heraus operiert haben, dann den Uterus und die dennoch um ein Haar „auf dem Tisch“ geblieben wäre.

„Auf dem Tisch“ bleiben Patienten, die die Operation nicht überlebt haben. Wie die massive Hirnblutung Anfang 40 und die alte Dame mit dem Riesen-Ovarialtumor.

Ich habe Menschen friedlich einschlafen, sich leise davon schleichen und elendig verrecken sehen. Ich habe schon Zwei zurück geholt – aus dem Tunnel, vom Licht, keine Ahnung woher… – kein ganz schlechter Schnitt für eine kleine Gynäkologin.

Menschen sterben und wir können nichts dagegen tun. Egal wie gut wir sind, egal wieviel technisches Equipment, egal welch großartige Medikamente – es ist doch nur eine Frage der Zeit… – Die Kunst ist, daß Beste aus dem zu machen, was zwischen JETZT und DEM ENDE dieser Zeit liegt! Das ist es, was mein Beruf mich gelehrt hat!

„Der Mensch ist ein

Zustand nach Geburt,

mit absolut infauster Prognose –

zumindest langfristig…!

-unbekannt-


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16 Kommentare zu “Vom Sterben…

  1. Danke für deinen Post! Er ist wunderbar – auch wenn ich hier in Tränen aufgelöst sitze (ja, es ist „diese Zeit des Monats“…) ;)

  2. Ich habe heute aus der Sicht des „auf dem Tisch Liegenden“ Ähnliches fabriziert.
    http://www.skelligs.wordpress.com
    Danke für diesen Text, der mich auch bestärkt, so traurig auch sein Inhalt macht.
    Danke für den Mut und die Kraft, die Gedanken so offen fließen zu lassen.
    Ich ziehe den Hut vor dem Job, den Du täglich verrichtest. Pass auf Dich und Deine Kraft auf!

  3. Natürlich hat die Natur Krankheiten vorgesehen. Wie sonst will man die Populationen so klein halten, dass es keine Überbevölkerung gibt?

    Krankheiten gibt es, solange es die Menschheit gibt (und auch die Tiere und überhaupt). Nicht erst seit es Mediziner gibt, die dagegen kämpfen.

  4. payoli geh in die Kliniken, in die Arztpraxen, ins Fernsehen, ins Gesundheitsministerium… erzähle den Patienten, wie sie sich Kraft ihrer guten Gedanken selbst von allen Krankheiten heilen könnten…es hilft nichts, uns Ärzte zu beschimpfen, wenn wir in unserer Art und Weise den Patienten helfen…mach es einfach besser, wenn du kannst!
    PS: lies einfach einen anderen Blog, damit du dich nicht immer ärgern musst

    PS an die Heldin im Chaos: ich mag deinen Blog – ist meine Ersatzdroge, da ich seit Jahresende nicht mehr in den Kreißsaal komme … wie ich es vermisse…

  5. Ich musste mich zwingen den Artikel zu ende zu lesen! Ich habe selbst schon Menschen in den Tod begleitet (habe nichts mit dem Gesundheitswesen zu tun) und habe das als sehr heilend und befreiend empfunden.
    Aber der Tod in Kindern nimmt mich so sehr mit, dass ich sofort anfange zu weinen und auch schwer aufhören kann.
    Du hast das wunderbar einfühlsam geschrieben und ich kann mir vorstellen, dass es in deinem Beruf nicht einfach ist, die Sensibilität zu diesem Thema zu behalten ohne sich davon auffressen zu lassen…..

  6. Ich kann mich meinen Vorschreiberinnen nur anschließen. Du bist ein ganz, ganz wunderbarer Mensch. Es ist zwar schade, dass Euch doch so viele sterben, aber wenn ihr dabei so schöne und edle Gefühle habt ist es das wert denke ich.
    Danke, liebe Heldin, dass wir teilhaben dürfen an Deinem eben manchmal auch tödlichen Chaos.
    Dass der Mann mit Magenkrebs sterben musste wundert mich, wo er doch ohnehin Chemo bekam.
    Naja, manche Leiden sind vermutlich sehr bösartig …

  7. Pingback: Der kleine Unterschied « Tante Jays Café

  8. Ich lese diesen Blog jetzt schon das zweite oder dritte mal und ich muß sagen dieser Beitrag ist einer der bewegendsten und schönsten zu gleich. Danke, dass du uns daran teilhaben läßt. Und da ich auf einer Kinderintensivstation arbeite weis ich wie hier gekämpft wird und mit deinem Beitrag macht es einem auch wieder klar warum das so wichtig ist.
    Liebe Grüsse
    Splanchikus

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