„Hier ist dein Schild…!“

Kennt ihr das: Hier Ist Dein Schild!!!

Drauf gekommen bin ich durch folgenden Artikel des pädiatrischen Kollegen KinderDoc!

Im täglichen Umgang mit Menschen keimt früher oder später zwangsläufig der dringende Wunsch auf, ebensolche Schilder zu verteilen! IN MASSEN!!! Vor allem, wenn man ständig mit häufig wechselnden Personen in Kontakt steht. Mein Lieblingsfall der vergangenen Woche ist eine Patientin in der 13. Schwangerschaftswoche, die nun schon zum 4. Mal wegen Übelkeit und Erbrechen stationär behandelt wurde. Frau IsMir(Übel…) ist türkische Staatsbürgerin, der deutschen Sprache relativ mächtig und – wie ganz viele südosteuropäische Frauen – wehleidig. SEHR wehleidig! Ich sage nur: Mediterraner Ganzkörperschmerz!!! Der Umgang mit Frau IsMir gestaltet sich gemeinhin wie folgt:

Visite, Tag A

Ich: „Hallo Frau IsMir, wie geht es ihnen heute?!“

Patientin: „Schlecht! Mir sein schlecht! Ich müssen immer brechen! Warum müssen ich immer brechen???* (kaut währenddessen auf ihrem dick mit Wurst und Käse belgten Brötchen herum)

Ich: „Frau IsMir, sie sind schwanger! So ist das leider nunmal bei vielen Frauen in den ersten Wochen…! Wie war es denn bei ihren anderen Kindern (Frau IsMir erwartet das sechste Kind – Anm. d. Red.!!!…)

Patientin: „Da sein mir auch schlecht. Ganz schlecht! Ich müssen immer brechen! Warum müssen ich immer brechen???…“

Ich: „Ähm – Frau IsMir, sie erinnern sich: SCHWANGER!!! BABY!!! Da ist das so!“

Patientin: „Aber – wie lange dauern Übel und Brechen??!“

Ich: „Nun – das kann man nicht wirklich sagen. Es kann morgen schon vorbei sein, manche Frauen schlagen sich aber auch die gesamte Schwangerschaft damit herum. In der Regel ist die Übelkeit aber ab der 12. bis 16. SSW vorüber!“

Patientin (überlegt kurz, beißt währenddessen in die andere Hälfte ihres Brötchens: Frischkäse + Marmelade, nippt am Kaffee): „Wann ich kann gehen nach Hause?!“

Ich: „Sobald sie sich fit genug fühlen! Wann wollen sie denn nach Hause?!“

Patientin: „Ich weiß nicht…?! Mir sein immer so übel… – WARUM sein mir übel??…“

HIER IST DEIN SCHILD!!!

Tag A – Mittagszeit

Anruf der Schwester von Station 2a (Wöchnerinnenstation) – Frau IsMir sei es schon wieder so schlecht, ob ich mal nach ihr schauen könnte… – Aber sicher doch *seufz*

Ich betrete das Zimmer, wo die Patientin vor der angegessenen Hälfte eines stattlichen, panierten Schnitzels mit Nudeln und fett brauner Soße sitzt und fleißig in sich rein schaufelt.

Ich (verwundert): „Frau IsMir – ihnen ist übel? Das mit dem Essen geht aber ganz gut…?!“

Sie (auf zwei Backen Fleisch mit Soße und Nudeln kauend): „Doktor – isch weiß auch nicht – immer mir sein übel. Wenn ich essen Fleisch, mir sein richtig übel! Ich nix können essen Fleisch…!!!“ (schiebt die nächste Ladung Schnitzel mit Nudel in den Mund und kaut wacker weiter)

Ich: „Frau IsMir – was sie da gerade essen IST Fleisch!!!…“

Sie (hält kurz im Kauen inne, betrachtet ihre wohl gehäufte Gabel und schiebt dann die nächste Portion hinterher. Undeutlich nuschelnd und Essensbröckchen spuckend murmelt sie): „Mir sein immer übel – ich verstehe nicht: WARUM sein mir immer übel???“

HIER IST DEIN SCHILD!

Patientin: „Aber wenn ich gehen nach Hause – wer mir geben die Medizin und das Infusion?!“ deutet auf die Vomex-Wasser-Flasche über ihrem Kopf und verspeist währenddessen den Schoko-Pudding-Nachtisch…

Ich: „Das haben wir doch schon besprochen: Ihre Hausärztin hat sich bereit erklärt, ihnen die Infusionen bei sich daheim zu geben, und das Rezept bekommen sie auch von ihr – wir können stationär keine Rezepte ausstellen!“

Patientin: „Ich brauchen aber Rezept – ohne Rezept ich bekommen keine Medizin, und mir sein dann immer übel!“ *Pause* – „WARUM sein mir immer übel…?!?!?!“

Ich würde Frau IsMir manchmal sehr, sehr, sehr gerne ein wenig schütteln!

Wobei ich sagen muß, ihre letzte Ehrenrunde über unsere Station hat in der Tat der Apotheker vermasselt. Wir hatten sie nämlich schon aufhydriert und fein antiemetisch (= anti-brech) abgedeckt nach Hause geschickt, sogar VOR Entlassung noch ein Rezept für ein Medikament besorgt, welches zwar nicht ausdrücklich für die Schwangerschaft bestimmt ist, aber durchaus häufig gegeben wird. Frau IsMir verträgt dieses Medikament hervorragend, und im Grunde ist es sogar das Einzige, was ihr wirklich hilft. ABER: Kaum entlassen steht sie auch schon wieder in unserer ambulanten Aufnahme – was war geschehen???

Der §$%“$((„§$/($=&§)“$“§$“##-Apotheker (ächt jetzt, menno….) hat ihr die Herausgabe des Medikamentes mit Hinweis auf die strenge Indikationsstellung während der Schwangerschaft VERWEIGERT!!! Ich mein – HALLO?! Ist ja super, daß er seinem Job so gewissenhaft nachgeht, aber statt der Frau Horrorgeschichten zu erzählen wäre wohl erstmal ein Anruf beim ausstellenden Arzt dran gewesen. Klar kann man mal die falsche Substanz verschreiben, klar sind wir Mediziner nicht allwissend – aber es ist die verdammte Pflicht des Apothekers, die Sache aufzuklären (statt nur Rezept UND Medikament einzubehalten).

Jeder, der schon hin und wieder mal einen Waschzettel (=Beipackzettel für Medikamente) gelesen oder die Rote Liste auswendig gelernt hat (machen Medizinstudenten, wenn sie mit dem Telefonbuch von Chicago durch sind… ;)) WEISS, daß es nur eine handvoll Pillen und Säfte gibt, die man OFFIZIELL an schwangere Frauen ausgeben darf. Was viele nicht wissen ist, daß dieser berühmte Satz Strenge Indikationsstellung in Schwangerschaft und Stillzeit nur eine Absicherung der Pharma-Firmen ist, um nicht alle Nase lang verklagt zu werden. Die meisten Substanzen kommen nämlich gar nicht erst beim Kind an – so sind zum Beispiel schon Chemotherapien während der Schwangerschaft verabreicht worden, ohne das das Kind irgendwelche Schäden davon getragen hätten. Aber selbstverständlich gibt es zu diesem Thema keine gesicherte Studienlage – denn wer wäre schon bereit, sich während der Schwangerschaft pharmakologischen Tests zu unterziehen??? KEINER! Also steht auch weiterhin o.g., fett gedruckter Satz in nahezu jedem Waschzettel – und Patientinnen wie Frau IsMir kommen bummerangartig zurück, weil der Apotheker uns für blöd hält.

Bei der Chef-Visite erkundigt sich der Boss dann vorsichtig, in welcher Schwangerschaftswoche Frau IsMir sich denn jetzt befände? – „13. SSW!“ – Erstauntes Augenbrauen hochziehen – Chef: „Komisch, ich dachte sie sei schon viiiiiiiiiiiiieeeeeeeeel weiter…?!“ – Resigniertes Aufseufzen von Oberärztin Dr. O: „Nein, Chef, es kommt einem nur so lange vor…………………!“

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16 Kommentare zu “„Hier ist dein Schild…!“

  1. ich danke dir für die freundliche erwähnung –
    am meiste kringele ich mich aber über die sache mit dem arzt und dem anwalt ganz unten auf der seite.

    nebenbei: „seit wann geht denn das fieber“ – „bei meiner tochter?“ – „nee, bei ihrem opa in berlin. hier ist dein schild…“

  2. Ich fühle förmlich, wie es nicht nur ein bißchen schwelt, sondern sich der Vulkan zum Ausbruch bereit macht.
    Zumindest kann ich mit Fug und Recht sagen, so würde es mir gehen *gg*

  3. Sag mal – irre ich mich, oder gibt es einen Unterschied zwischen „strenge Kontraindikation“ und „Strenge Indikationsstellung“?
    So rein vom Laienstandpunkt aus würde ich annehmen, „streng kontraindiziert“ heißt, geht gar nicht, weil es schwerwiegende Nebenwirkungen gibt, und „strenge Indikationsstellung“ heißt, Vor- und Nachteile müssen sorgfältig abgewägt werden, bei Überwiegen der Vorteile gehts dann aber doch.

    Ansonsten: Schilder sind nett… nur: die meisten Leute lesen sie ja doch nicht ;)

    • hast recht – muß „strenge indikationsstellung“ heißen – ich änder es direkt :) danke!

      • ach so :)
        (ich dachte ja, der Apotheker hätte das verwechselt, bzw. strenger interpretiert als nötig gewesen wäre und der Patientin gegenüber dann die falsche Vokabel benutzt)

  4. Man sehe es der beschilderten Südländerin nach…. *Anekdote zum besten geb* 2007 war ich auf einer amerikanischen Schule in Cairo, was zwar noch etwas weiter südlich liegt, aber die Sache mit dem Denken ist da auch nicht überall so sehr angekommen: Kunstunterricht in der Schule: Hausgrundriss zeichnen. Klein-Leon zu Gruppenarbeitspartnerin: Zeichnesch bitte mal den Eingangsbereich -> nix. Warum tust du nichts? -> Ich weiss nicht, wie das Haus, dessen Grundriss ich zeichnen soll, aussieht. Klein-Leon: Denk‘ dir eins aus :) Gruppenarbeitspartnerin: Was ist das? :O

  5. Hallo,

    zum mediterranen Ganzkörperschmerz:

    Als unschuldige 16-jährige lag ich mal zwei Nächte auf der Gyn. Plötzlich ertönte schauerliches Geschrei, ich sank immer tiefer in die Kissen und schwor mir, niemals Sex zu haben oder Kinder zu kriegen. Völlig verschüchtert fragte ich dann eine Schwester ob da jemand ein Kind bekommt. Die Schwester antwortete dann: Nein, da wird gerade einer türkischen Mitbürgerin ein Verband gewechselt, das gestaltet sich immer recht laut.

    Mittlerweile mit 4 Kindern ;o)))

    Christine

  6. Auch immer schön, triffst Du Nachbarin bei Aldi: „Na, auch Einkaufen?“

    Passende Antwort fällt mir bei aller Kreativität nicht ein. Oder doch: „Ich mache einen Schweinegrippe-Selbstversuch und nehme Proben von allen Einkaufswagen-Schiebegriffen.“ OK, das geht.

  7. Großartig! Ich kann nicht mehr vor Lachen! :D
    Und vor allem hab ich jetzt Lust, daraus eine Art „Hier ist Dein Schild!“-Stöckchen zu machen… Solche beratungsresistente Zeitgenossen kennen wir doch alle. :D

    • Da würde ich auch zu gerne mitmachen, nur leider verteilen sich die Dinger durch die Telefonleitung so schlecht…

      Aber herrlich, vielen Dank für den Lacher am Abend!

  8. Liebe Heldin,
    mich würde Folgendes interessieren:
    Wer kennt es nicht: Südländerin brüllt sich seit der ersten Eröffnungswehe mit 3000dB durch die Geburt.
    Sagst Du dann: „NaNaNa, nun mal etwas leiser, wir wollen das Baby ja nicht zu Tode erschrecken!“
    Oder lässt Du sie gewähren, weil angeblich das „rauslassen“ den Schmnerz lindert?
    @payoli, mal ehrlich: wer ist denn hier unverständig – die Frau mit Schild oder die Frau Dr.?!

    • “NaNaNa, nun mal etwas leiser, wir wollen das Baby ja nicht zu Tode erschrecken!”

      LOL – DEN werd ich mir fürs nächste mal merken… *gacker*
      also – wenn ich das gefühl hab, die frauen können trotz brüllerei immer noch adäquat pressen, dann sollen sie meinetwegen auch schreien (gibt sogar irgendwo im archiv einen eintrag zu – da hat eine schwangere sich stundenlang durch die eröffnung geschrien….!). wenn sie aber irgendwann vor lauter palaver das atmen und mitarbeiten einnstellen, dann ruf ich auch schonmal zur ordnung. schließlich hängen immer (mindestens) ZWEI mit drin…

  9. Pingback: Google sucht Heldin III… « Heldin im Chaos

  10. Ach, dass sind doch die schönsten Patienten…

    oder auf der Inneren eingeliefert werden, wegen Übelkeit und so weiter und sofort, der erste Handlungsschritt (am besten noch zu Nachtdienstzeiten) ist es, die Freunde anzurufen, sie sollen doch mal fix was von MC Donalds und co. vorbeibringen, man hätte doch so einen Hunger und kriegt nichts anderes als Zwieback und Tee…

  11. Ok, jetzt hab ich mir das 2 mal durchgelesen aber ich versteh immer noch nicht warum man allen Ernstes mit „mir ist schlecht“ ins Krankenhaus geht…? ok… ausser vllt. wenn ein ernsthafter Verdacht auf Salmonellen oder andere Lebensmittelvergiftung besteht. Vor einigen Wochen hatte ich auch Magen-Darm (ohne schwanger) aber auf die Idee ins KH zu fahren wär ich nie gekommen… mal schnell zur Apotheke laufen und noch schneller wieder heim, einmal kurz zum HA und schnell wieder heim. ansonsten 10-15 mal zwischen Bett/Couch und WC hin und her (vorsichtshalber auf Blut achten,, weil das wäre ein Grund für Arzt), Wärmeflasche, Tee und Zwieback, die Tropfen gegen Übelkeit und welche für Durchfall von Apo und/oder Arzt und mehr brauchts doch nicht. aber das ist auch nur meine bescheidene Meinung… aber wegen normaler Übelkeit ins Krankenhaus, versteh ich nicht – muss ich aber auch nicht..

    Übrigens: auf „seit wann geht denn das fieber“ würd ich antworten „Wohin?“ ;-)

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