Englische Woche Teil II (IHR KINDERLEIN KOMMET!!!…)

Der Tag beginnt mit einer Sectio:

36jährige Erstgebärende am Termin mit HELLP. Nein, ich bin durchaus der englischen Sprache mächtig. Aber hier geht es nicht um „Hilfe“ (naja – irgendwie schon…), sondern um die hübsch anglophil verpackte Umschreibung für Bluthochdruck (Hypertonus), erhöhte Leberenzyme (Elevated Liver Enzymes) und wenig Blutblättchen (Low Platelets). Oder im Volksmund auch kurz und knackig „Schwangerschaftsvergiftung“ genannt. Dieses Phänomen, welches ausschließlich während der Schwangerschaft (oder ganz kurz danach) auftritt, sich wirklich unglaublich beeindruckend und vor allem in rasender Geschwindigkeit manifestieren kann, hat einen großen Vorteil – oder Nachteil, je nachdem in welcher Woche Frau sich befindet – es läßt sich in der Regel durch die rasche Beendigung der Schwangerschaft ebenfalls eliminieren!

Problematisch ist, daß die Frauen (wie eine per Post geschickte, tickende Zeitbombe) meist schon kurz vor dem explodieren stehen, bis man sie komplett „ausgepackt“ (sprich durchgecheckt) und festgestellt hat, was Sache ist. So auch unser heutiges Überraschungspaket: Frau I. wird mit Blutdruckwerten um 180/100 und 3fach postivem Eiweiß im Urin vom niedergelassenen Kollegen geschickt. Völlig korrekt und stante pede nachdem er die Frau diesen morgen zur normalen Vorsorge gesehen hatte. Problem nur: bis Frau I. bei uns eingetrudelt ist, tickt sie schon so laut, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht: die Transaminasen (= Leberwerte) weit im dreistelligen Bereich, die Thrombozyten beinahe auch *HUST*

Man sollte meinen, es hält fit und beweglich, wenn man quasi aus dem Stand von der Straßen- in die OP-Hose springt, auch der kleine Sprint zum OP (ohne zweite Runde Kaffee, versteht sich) trainiert und sorgt für ausreichend Adrenalinzirkulation, aber wenn man dann versucht, eilig in eine Frau hinein zu sectionieren, die ihre Gerinnungsfaktoren quasi ausschließlich von außerhalb zugeführt bekommt, und deshalb aus allen Kapillaren blutet wie blöd, dann drängt sich zum wiederholten Male die Frage auf, ob es ein ruhigerer Job nicht auch getan hätte…?!

Nun gut, auch wenn es nicht schön war, Mutter und Kind sind letztlich wohl auf, die Blutwerte bei der dritten Kontrolle dieses Tages langsam wieder außerhalb des Katastrophenbereiches, und nachdem mir meine Lieblings-OP-Schwester dann doch noch eine Vormittags-Tasse Kaffee gekocht hat, kann es weiter gehen: nach zwei sehr schnellen, vaginalen Hysterektomien basteln Chef und ich anschließend drei Stunden abwechselnd laut fluchend an der schwer malträtierten Brust einer jungen Carcinom-Patientin herum, denn die eigentlich sehr schön gemachte erste OP wurde leider durch eine massive Wundheilungsstörung sowie die Folgen der postoperativen Bestrahlung derart in Mitleidenschaft gezogen, daß sie jetzt einfach nur noch schauderhaft aussieht. Völlig zerdellt und verzogen kann hier nur noch Schadensbegrenzung durchgeführt werden…

Als ich die – initial vorsichtig bis auf einen kleinen, die Blutversorgung erhaltenden Gewebestiel – vom restlichen Brustgewebe abpräparierte Brustwarze Stunden später an ihrem neuen Bestimmungsort festgenäht habe (mit einem Hauch von einem durchsichtigen Faden…), und mir das Endresultat kritisch betrachte, bin ich ein bisschen frustriert von den Grenzen menschlicher Wundheilung….

Doch der Tag ist noch lange nicht vorbei – kaum aus dem OP gekommen, dreht das Karussel munter weiter – Frau von Sinnen bimmelt mich gegen 16 Uhr aus meinem Pizza-Wahn – Kind kommt!!! Nee, is´ klar, wo ich doch mein Essen gerne WARM zu mir nehme, menno!!

Frau Z. gibt sich dann mit ihrem zweiten Kind auch alle Mühe, mich wieder zeitnah zu meiner italienischen Flachspeise zurück zu entlassen, scheitert jedoch letztlich an der Erschöpfung, die solch eine Geburt zwangsläufig mit sich bringt: das Köpfchen steht quasi schon am Ausgang, das schwarze Lockenhaar im wilden Käseschmiere-Look willenlos in allen Richtungen aus dem Scheideneingang blitzend, nur – die Wehentätigkeit hat sich gerade mal völlig verabschiedet. Danke auch! Doch noch während mir reihenweise Gedankenbilder verschiedenster Pizza-Sorten an meinem inneren Auge vorbei ziehen, kommt erneut Bewegung in die Runde – die Tür geht auf, der Chef kommt rein – und just in diesem Moment ICH SCHWÖRE – fällt uns das Kind quasi vor die Nase. PLOPP – draußen! Das nennt sich „Spontangeburt unter Androhung chefärztlichen Eingreifens“ *ggg* – mein oberster Vorgesetzter ist nämlich – wie viele der immer weniger werdenden Männer in der Geburtshilfe – kein Freund geduldigen Wartens und wenig-invasiven Verhaltens. Nee – hier gilt immer noch: the more the better! Viel Tropf, viel ziehen von unten und drücken von oben – Hauptsache irgendetwas gemacht. Abwartend und nur den Gedanken an Essen hegend tatenlos neben einer Frau stehen?! Never – ever! In der Zeit hätte man schließlich schon eine Pizza PLUS Nachspeise ESSEN können….

Nunja – Kind da, alles gut. Ich nähe noch ein bisschen an dem wenig gerissenen Damm herum und kehre schließlich knapp 40 Minuten später zu meiner nun selbstverständlich völlig erkalteten Pizza zurück… *Kopf->Tischkante*

Ist aber auch egal, denn kaum hab ich mit spitzen Fingern das erste KaltStück angepackt, als das Diensthandy mir die Entscheidung „Essen oder Nicht?!“ gnädig abnimmt!

Ich: „Josephine, beim Essen – wer stört?!“

Frau von Sinnen: „Ich!“

Ich: „Frau von Sinnen, was willst du?“

Sie: „Komm zur Geburt!“

Ich: „Frau von Sinnen – hast du getrunken? Du weißt, Alkohol im Dienst…?!“

Sie: „Komm sofort! Kein Spaß!“

Pfeiff auf die Pizza – zurück auf die Sprintstrecke. Keine 30 Sekunden später betrete ich Kreißsaal 2, genau im rechten Augenblick, um mit beiden frischbesockten, crocsgelochten Schuhen in einen Wasserfall aus Fruchtwasser zu laufen. Vielen Dank auch!

Dafür muß ich jetzt wenigstens nicht über Essen nachdenkend in der Gegend herum stehen, denn DIESES Kind hat es gerade eilig – SEHR eilig! Die 23 jährige Frau T. bekommt ihr 7. Kind (was auch die Schar wild tobender, verrotzter, laut schreiender Kleinkinder vor meinem Kreißsaal erklärt), und während Frau von Sinnens „Ja, gleich ist es soweit, der Kopf ist schon draußen“-Rufe scheinbar völlig ungehört an der mit grenzdebilem, leeren Blick im Bett liegenden Schwangeren abprallen, schreitet der selbst noch wie ein Kind anmutende Vater der Rasselbande(?) energisch zur Tür, steckt den Kopf hinaus und brüllt: „Jason-Jesse-Justin, Naomi-Cassandra-Jessica, Fee-Tallulala-Neele und Robin-Kevin-Aaron, haltet jetzt endlich mal die Klappe!“ SO!!!

Was in dieser Familie wohl soviel heißt wie: „Super macht ihr das, liebe Kinderlein, immer weiter so!“ denn der Lärmpegel steigt augenblicklich in den Dezibelbereich startender Düsenjets! Ich heiße den Vater, augenblicklich die Tür zu schließen – von innen oder außen ist mir gleich, aber HIER bekommen wir jetzt gerade einen neuen Dreinamens-Träger, nur das der noch nicht weit genug draußen ist, um sich dem Lärmpegel seiner neuen Geschwister anzuschließen. Keine 2 Minuten später ist DAS Problem jedoch auch erledigt – Xynthia-Xenia-Oxana ist geboren und begrüßt die Welt mit dem schrillsten Baby-Geschrei, das ich seit langem gehört habe. Ich befürchte, daß dies der 20-Uhr-Weckruf für „Mama-ich-brauch-meine-stündliche-Nikotin-Dosis!“ ist….!!!

Nach der sehr beeindruckenden Sturzgeburt (Damm intakt!) frage ich Frau von Sinnen interessiert, wo sie diese entzückende Familie denn aufgetrieben habe?!… Frau T. hat in der aktuellen Schwangerschaft genau EINMAL ihren Frauenarzt konsultiert – und dann immerhin schon in der 35. SSW! Zumindest geht der Kollege davon aus, das es die 35. SSW war, denn mangels Erinnerung der letzten Periode vor Schwangerschaftsbeginn kann der Termin zu solch einem späten Zeitpunkt der Vorstellung nur noch grob geschätzt werden. Bei den Kindern davor hat sie es zumindest für nötig gehalten, zu den doch nicht ganz unwichtigen Blutentnahmen zu erscheinen. Ich hätte heute gerne eine portable Tischkante, um immer mal wieder schnell ein bisschen hinein zu beißen…

Jetzt ist es knapp 22 Uhr, ich hab immer noch nicht ausreichend gegessen und das Fernsehprogramm hat auch schon ohne mich angefangen. Ich sag´s ja – hätt ich doch nur mal was anständiges gelernt… ;)

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23 Kommentare zu “Englische Woche Teil II (IHR KINDERLEIN KOMMET!!!…)

  1. Ja, so ein HELLP kann richtig Spaß machen. Wir kennen das aus Sicht der werdenden Eltern. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn die Ärztin zur Tür rein gestürmt kommt, den Hahn der Infusion zu dreht und meint: „Es gibt da ein Problem“ und „In einer halben Stunde ist das Kind da.“ Zumindest war das so bei unserem ersten Kind.
    Bei der zweiten Schwangerschaft wurde das HELLP so früh erkannt, dass noch eingeleitet werden konnte. Was meine Frau aber auch nicht vor einer Sectio bewahrt hat.

  2. Ich schätze mal, „HELLP“ ist eigentlich von „HELL“ abgeleitet… ;)
    Habt ihr aber super gemeistert.

    • im englischen pendant zum aip gab (gibt?) es früher eine ähnliche einteilung wie bei den amerikanischen interns: ein jahr lang hatte man quasi jeden 2. bis 3. tag dienst. zum warmwerden? damit man es sich nochmal gut überlegen konnte? keine ahnung. aber: DESHALB :)

  3. *hut zieh*

    Wie immer liege ich hier fast unterm Tisch vor Lachen, wenn ich diese köstkichen Beiträge beim Joghurtschlecken lese :-) :-)

    Vielen Dank fürs Teilhabenlassen und liebe Grüße
    Die 3-fach-Mutter ;-)

  4. Wow, ich finde deine Namenserfindungen ja absolut klasse. Xynthia-Xena-Oxana hat es auch wirklich in sich… ^^
    Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das Pendant Herman-Hugo-Willhem-Alexander der Pseudo-Bourgeoisie nun besser finde… ^^

    Ich liebe deinen Blog, wirklich, sehr, sehr unterhaltsam…

  5. Köstlich, einfach köstlich…. :D Bin erst seit kurzem per Zufall hier, und bin mehr als begeistert. Dieser herrliche trockene schwarze Humor bei einem Schreibstil, der sich mehr als flüssig, gut, lustig, und spannend liest.

    PS: Das mit der portablen Tischkante ist ein Wort:D Ich darf bei Gelegenheit um die Adresse bitten? Kann nix versprechen, aber wenn ich jetzt im Entrümpel- Aufräum- und Umzugschaos mal Langeweile habe, dann geht hier selbige in Produktion :D

  6. Na, beim 5. Kind kann man doch aber sicher den Empfängnistermin noch feststellen. Sooo viel Zeit lassen einem die anderen 4 ja auch nicht, dass man alle Nase lang übereinander herfallen kann und mag!

  7. Ach ja, ich les hier immer wieder gern! Und ich bin sooooo froh, dass ich nur Unfallchirurg bin – bei uns geht’s meistens ruhiger zu *g*

  8. Oh ja, HELLP, ganz grosses Tennis… ich nehme mal an, dass sie mit dieser Gerinnung keine SPA mehr gekriegt hat? Schöner Mist… Wie lange werden bei Euch denn die HELLP-Mammas post-OP auf Intensiv überwacht?

    • nein, keine spinale unter 100.000 thrombos. überwachung intensiv nur, wenn die gerinnung tatsächlich komplett im keller ist, und dann solange, bis quick und co kg sich wieder normalisiert haben.

  9. sehr schön. über die namen kann ich mich ja postpartum auch immer göttlich ärgern amüsieren stirn runzeln.
    in anbetracht diese ereignisses bekommt die überschrift „englische woche“ noch einen ganz anderen hintergrund:
    every sperm ist sacred…
    kennste?

  10. Liebe Heldin,
    habe jetzt Dein ganzes Blog durch. Konnte mich heute wieder der Familie zuwenden :-)

    Weiter so, freue mich auf neue Stories!
    Übrigens, bedauere zutiefst, dass ER zuende ist, habe von Anfang bis Ende voll durchgezogen. House M.D. ist ansatzweise Ersatzdroge….

  11. Einfach herrlich Deine Geschichten, der normale Wahnsinn in der Geburtshilfe.
    Liebe Grüße von einer anderen “ Heldin im Chaos“.

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